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"Klare Verhältnisse nicht tangiert": Transaktionspartner Martin Ebner und Daniel Vasella

Novartis steigt mit 20 Prozent bei Hoffmann-La Roche ein

Martin Ebner verlor die Geduld und verkaufte sein Aktienpaket an die Basler Roche-Konkurrenz


Von Peter Knechtli


Paukenschlag in der Basler Pharma-Industrie: Der Pharmakonzern Novartis wird Grossaktionär beim Konkurrenten Hoffmann-La Roche. Grund: Der oppositionelle Roche-Aktionär Martin Ebner verlor die Geduld und verkaufte sein 20-Prozent-Aktienpaket für 4.8 Milliarden Franken an Novartis. Der Novartis-Einstieg signalisiert den Anfang vom Ende der uneingeschränkten Familienherrschaft über Hoffmann-La Roche.


BZ-Banker Martin Ebner hat genug von Roche: Seine BZ Gruppe Holding hat das von ihr gehaltene 20-Prozent-Aktienpaket zum Preis von 4,8 Milliarden Franken - 32 Millionen Aktien à 151 Franken - an den Basler Pharmakonzern Novartis verkauft. Dies teilte Roche am Montagmorgen mit, Bezug nehmend auf eine "Mitteilung von Novartis". Laut Roche-Sprecher Daniel Piller wurde Roche-Chef Franz B. Humer am Freitagabend nach Börsenschluss von Novartis-Chef Daniel Vasella über den Aktienkauf unterrichtet. Laut Roche würden durch die Transaktion "die bestehenden klaren Mehrheitsverhältnisse nicht tangiert". Roche werde den eingeschlagenen Kurs auf strategischer und operativer Ebene fortsetzen. Dabei wolle Roche aus eigener Kraft wachsen und prüfe wie bisher ergänzend dazu Akquisitionen, Lizenzierungen und Allianzen.

Nach dem am 4. Mai 2001 durchgeführten Split bestehen insgesamt 862 562 700 Roche-Titel, aufgeteilt in 160'000'000 Inhaberaktien mit einem Nennwert von je 1 Schweizer Franken sowie 702 562 700 stimmrechtslose Genussscheine ohne Nennwert. Mit einem ausgewiesenen Anteil von 50,1Prozent der Inhaberaktien und Stimmen (800'200 Titel per 31.12.2000, vor Split) sei die stimmrechtsverbundene Aktionärsgruppe der Familien Hoffmann und Oeri-Hoffmann der bedeutendste Aktionär.

Das Ende der absoluten Familienherrschaft

Diese Feststellung kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass sich die Ära der Familienherrschaft im Roche-Konzern allmählich dem Ende zu neigt. Wie OnlineReports im kürzlichen Interview mit dem neuen Roche-Präsidenten Franz B. Humer berichtete, sollen vor rund einem halben Jahr Fusionsgespräche zwischen Roche und Novartis stattgefunden haben, die dann durch Humer einseitig abgebrochen worden seien. Als Grund wurde genannt, dass Roche sich gezwungen sähe, sich angesichts der tiefen Börsenkurse zu billig zu verkaufen. Humer selbst verneinte die Frage über die Fusionsgespräche.

In den letzten Jahren war über ein mögliches Zusammengehen von Novartis und Roche immer wieder spekuliert worden. Jetzt hat Martin Ebner mit dem Verkauf seiner 20 Prozent Inhaberaktien zumindest den ersten Weg dazu geebnet. Offensichtlich hat der oppositionelle Grossaktionär, frustriert über seine erfolglosen Reform-Anträge und die Börsen-Flaute, die Geduld verloren. Erfolglos blieb Ebner mit seiner Forderung nach Einführung der Einheitsaktie ebenso wie mit seinem Begehren um Einsitznahme in den Roche-Verwaltungsrat. Auch an der Roche-Generalversammlung vom 3. April, an der er dem Verwaltungsrat die Décherge-Erteilung verweigerte und die Roche-Führungsgremien äusserst harter Kritik unterzog, blieb er ohne wesentliche Gefolgschaft.

Novartis im Roche-Verwaltungsrat?

Mit dem Verkauf seiner Roche-Inhaberaktien an Novartis dürfte Bewegung in den von den Basler Familien Hoffmann und Oeri-Hoffmann kontrollierten Roche-Konzern kommen. Insbesondere wird es kaum mehr möglich sein, Novartis einen Sitz im Roche-Verwaltungsrat zu verweigern. Und damit sässe Novartis im Kern jenes Roche-Gremiums, das die grundlegenden strategischen Entscheide vorbereitet und fällt.

Eine Einsitznahme der Novartis im Roche-Verwaltungsrat steht jedoch laut Sprecher Daniel Piller "derzeit nicht zur Diskussion". Piller: "Unser Verwaltungsrat ist so zusammen gesetzt, dass er die Kompetenz hat, das Unternehmen zu führen." Dass Ebner seine Aktien aufgrund der Vorgeschichte verkaufe, sei "sicher nicht überraschend gewesen". Dass hingegen Novartis Käuferin war, "haben wir nicht gewusst".

Novartis: "Langfristiges Engagement"

"Dieser Kauf ist eine langfristige finanzielle Investition von strategischer Ausrichtung", liess sich Novartis-Präsident und CEO Daniel Vasella in einer Novartis-Mitteilung zitieren. "Nach unserer Auffassung war Novartis die am besten passende Käuferin dieses Aktienpaketes. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurde mit dem Management von Roche nicht über eine Zusammenarbeit gesprochen. Wir hoffen jedoch, dass sich eine solche mit der Zeit finden lässt, da Roche über gute langfristige Geschäftsperspektiven verfügt." Offenbar wollte Novartis mit diesem Kauf potenziellen Konkurrenten zuvor kommen. Laut Novartis Sprecher Felix Raeber ist die Einsitznahme im Verwaltungsrat "noch kein Punkt, der diskutiert wurde". Ihm sei auch nicht bekannt, dass Novartis beabsichtige, weitere Aktien zuzukaufen.

Der Einstieg von Novartis in Roche ist von der Börse gut aufgenommen worden: Beide Titel legten am Morgen deutlich zu.

Gewerkschaften: Fusion wäre "eine Katastrophe"

In einer ersten Stellungnahme hielt die Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) fest, "dass einer Allianz oder gar einer Fusion von Novartis und Roche auf jeden Fall viele Arbeitsplätze zum Opfer fallen würden, von einfacheren bis zu den hochqualifizierten in den Forschungsabteilungen". Aus der Sicht der Beschäftigten von Roche und Novartis, aus Sicht des Forschungs- und Werkplatzes, und auch des Pharmamarktes Schweiz sei "weder eine enge Allianz noch eine Fusion erwünscht, auch wenn sie von Finanzanalysten und Shareholdern immer wieder herbeigeredet oder verlangt wird". Eine Fusion wäre für die Beschäftigten "eine Katastrophe". Schon die Novartis-Beteiligung verstärke die Beunruhigung unter den Beschäftigten bei Roche, aber auch bei Novartis.

7. Mai 2001


Der Ebner-Vasella-Deal: Die Fusions-Logik nimmt ihren Fortgang

Der Telefonanruf kam nach Börsenschluss: Novartis-Chef Daniel Vasella teilte Roche-Chef Franz Humer am Freitag mit, dass Novartis BZ-Banker Martin Ebner soeben sein ganzes 20-Prozent-Paket Roche-Inhaberaktien abgekauft habe. Humer, so lässt Roche offiziell verlauten, sei über die Transaktion "überrascht" gewesen. Die klare Verfügungsgewalt über Roche liege weiterhin bei den Familien Hoffmann und Oeri-Hoffmann.

 

Damit hat Humer - zumindest für den Moment - sicher Recht. Aber es kann nur blauäugig sein, wer glaubt, der Einstieg von Novartis beim Konkurrenten Hoffmann-La Roche sei bloss ein langfristiges Investment, wie dies Daniel Vasella zart flötete.

 

Langfristig und erst noch einen Betrag über vier Milliarden Franken investiert nur, wer Vertrauen in das angepeilte Unternehmen hat und die Gewissheit, dass es mit Gewinn und Kursentwicklung wieder aufwärts geht. Der Schluss liegt nahe, dass Novartis nun den Einstieg in ein Unternehmen vollzieht, auf das sie möglicherweise schon längere Zeit ein Auge hatte. So ist nicht ausgeschlossen, dass Novartis angesichts der immer noch günstigen Bewertung in nächster Zeit diskret weitere Aktienpakete dazu kauft und damit ihre Position weiter festigt.

 

Warum schliesslich soll Novartis nicht schon bald einen Sitz im Roche-Verwaltungsrat beanspruchen, wenn es mit dem gleich grossen Aktienpaket schon Martin Ebner gefordert hat? Novartis einen Sitz im Roche-Strategiezentrum zu verwehren, braucht jetzt schon einiges mehr an Argumentationskraft als vergangenes Jahr bei der Abwehr Ebners.

 

Novartis musste handeln: Der profitbewusste BZ-Banker Ebner hätte sein Paket auch einem ausländischen Interessenten anbieten können. Die auffällig milden Reaktionen auf Roche-Seite lassen zudem vermuten, dass die Kontakte zwischen den beiden Pharmafirmen in den vergangenen Monaten enger waren als offiziell zugegeben. Humer mochte denn auch eine Fusion der beiden Konzerne nur noch "vorläufig" ausschliessen.

Gut informierte Quellen sind denn auch klar der Meinung, dass die historische Novartis-Einstieg keine feindliche Attacke war, sondern ein weiterer Schritt einer Entwicklung, die nur eine Logik kennt: Die Reduktion der Vielfalt an Basler Chemiefirmen auf einen einzigen grossen Pharmakonzern.

 

Peter Knechtli


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