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Bei Novartis in Pension - bei UBS an die Spitze: Alexander Krauer

Alexander Krauer - eine Ikone des Vertrauens

Der eingefleischte Chemie-Topmanager beendet seine Karriere als UBS-Präsident


Von Peter Knechtli


Alles andere wäre eine Ueberraschung gewesen: Letzten Herbst als "Statthalter auf Zeit" ins Amt des UBS-Interimspräsidenten gerutscht, hat Alexander Krauer heute sein definitives Engagement an der Spitze der Fusionsbank bekanntgegeben. Nach den Wirren um hohe Verluste in risikoreichen Anlagegeschäften, die im Rücktritt von UBS-Präsident Mathis Cabiallavetta gipfelten, soll nun der abtretende Novartis-Präsident das Vertrauen der Finanzwelt in die Grossbank wieder festigen.


Alexander Krauer ist nicht der typische Banker. Detailliertes Fachwissen über komplexe Anlage-Instrumente kann er nicht vorweisen. Dies ist im Präsidium der UBS und angesichts des derzeitigen Führungs-Vakuums auch gar nicht nötig. Krauers Stärken sind vielmehr genau jene, die im durchgeschüttelten Grossunternehmen UBS heute am dringendsten gefragt sind: Keinem wird die Rolle des Vertrauensstifters eher zugemutet als Krauer. Der 67jährige promovierte Oekonom ist offensichtlich die führende moralische Instanz im Schweizer Wirtschaftsleben.

Phänomenal unangefochten

Schon fast phänomenal ist die Unangefochtenheit, mit welcher der Wirtschaftskapitän seit Jahrzehnten durch Höhen und Tiefen der Geschäftswelt steuert. Obwohl strenger Kapitalist spielt sich Krauers Denkwelt weit über den Sphären modischer Shareholder-Hätschelei ab. Auch wenn er als Allererstes kommerziellen Erfolg anstrebt, so reflektiert er immer auch gesellschaftliche Verantwortung.

Es sei "ein Glücksfall, mit einem solchen Big Boss arbeiten zu können", drückt sich ein langjähriger Weggefährte über Krauers breites Blick-Spektrum aus. Seine Wirkung nach aussen - und wohl auch nach innen - bestätigt so etwas wie den Idealtypus des weisen Chefs.

In der Tat ist Krauer nie mit prätentiösen Gesten, Worten oder Statussymbolen aufgefallen. Von asketischer Gestalt Bescheidenheit ausstrahlend, ist er auf keinem Golfplatz anzutreffen, allenfalls allein beim privaten Spaziergang mit dem Hund. Regelmässig wird der Verona-Besucher und Vater zweier erwachsener Töchter noch an Basler Theater-Premieren gesichtet. Anders als sein ebenfalls baselstämmiger UBS-Konzernchef Marcel Ospel, der bei den "Revoluzzern" Fasnacht macht und sich diese durch nichts nehmen lässt, ist Alex Krauer laut Gesellschaftskennern aber "nie in der Stadt anzutreffen". Aemtchensammlerei war seine Sache nicht: Ausser im UBS-Verwaltungsrat sitzt er noch im Aufsichtsgremium der Baloise-Versicherungen und im Basler Universitätsrat.

Italianità hat kaum abgefärbt

Im persönlichen Kontakt gilt er als freundlich, aber distanziert und kühl: "Man merkt sehr schwerlich, was er wirklich denkt." Obschon er während 15 Jahren in der italienischen Konzerngesellschaft von Ciba tätig war - zuletzt als Finanzchef -, hat die Italianità äusserlich kaum auf ihn abgefärbt. Selbst enge Bekannte haben ihn nie ausgelassen oder unbeherrscht erlebt.

Seine liberale Grundstruktur erbte der gebürtige Basler in der örtlichen Pharmaindustrie. Die Ciba, wo schon sein Vater und sein Grossvater tätig waren, war bisher der einzige Hort seiner Karriere. Doch immer schon hatte er mit Finanzen zu tun - ob in seiner Italien-Aera oder nach seiner Rückkehr an Rheinknie, wo er Schritt für Schritt in die Konzernleitung und schliesslich an deren Spitze aufstieg. Als CEO wurde er 1987 auch zum Präsidenten gewählt.

Unter seiner Aegide profilierte sich Ciba als modernes, forschungsorientiertes, manchmal sogar originelles Weltunternehmen: Als Greenpeace-Aktivisten in bitterer Kälte ein Hochkamin besetzten, waren es Krauers Umweltkaderleute, die heissen Tee anboten. Unter Krauers Führung schaffte Ciba alle Titel ab und führte die breite Unterschriftsberechtigung ein. Die Oeffentlichkeitsarbeit hatte persönlichen und professionellen Stil, mit den Gewerkschaften herrschte gutes Einvernehmen, obschon Krauer zur Patronatsgruppe von David de Purys Liberalisierungs-Weissbuch "Mut zum Aufbruch" gehörte.

"Vision 2000" - Krauers mutigstes Konzept

Krauers mutigstes Konzept aber hiess "Vision 2000": Der Mitträger von Stephan Schmidheinys Nachhaltigkeits-Bibel "Kurswechsel" stellte darin die wirtschaftlichen mit den ökologischen und sozialen Ansprüchen auf eine gleichberechtigte Ebene - eine Pioniertat schweizerischer Unternehmenskultur.

So mild die Ikone des Vertrauens auch anmuten konnte, so schnittig konnten seine Entscheide sein. "Ein Softy ist er nicht", weiss ein Vertrauter, "er weiss schon, was er will". So zündete Krauer eine politische Symbol-Bombe, weil Basel mit der Bewilligung einer Gentech-Anlage zur Produktion von Hirudin nicht schnell genug vorwärts machte: Er liess die Fabrik kurzerhand im benachbarten elsässischen Huningue bauen. Hinterher stellte sich heraus, dass die Anlage gar nicht nötig war. Harte Entscheide traf er auch bei der Entflechtung von Ilford, Spectra Physics oder Mettler Toledo.

Fusion schuf ein Vertrauensproblem

Die von Sandoz-Chef Marc Moret ausgedachte Fusion mit Ciba zur Novartis indes schuf für Krauer ein Vertrauensproblem: Als prinzipientreuer Ciba-Chef hatte er der Belegschaft über Jahre hinweg die breit diversifizierte Divisionsstrategie eingehämmert und den Fusionszwang als Ueberlebensmittel bestritten - noch zwei Monate vor der Fusion, als er bereits vertraulich mit Moret über die Elefantenhochzeit verhandelte. Als Daniel Vasella kurz nach seiner Inthronisierung als Novartis-Konzernchef erklärte, "soziale und ökologische Verantwortung" stehe "nicht mehr so auf unseren Fahnen wie früher", schwieg Krauer dazu loyal.

Wohl billigen ihm Führungskräfte zu, das Einlenken und spätere aktive Vorantreiben der Fusion sei auch "unter dem Druck der Zürcher Bahnhofstrasse und der Shareholder" erfolgt. Im Direktorium aber wurden Stimmen laut, die Krauers Kurswechsel als "Verrat" empfanden. Später räumte Krauer ein, man müsse heute "grösser sein als dies Ciba und Sandoz getrennt waren", um im Wettbewerb bestehen zu können.

Diesen führungstechnischen Schnitzer haben ihm mitterweile die meisten verziehen, denn als zuverlässiger Rechner wird sich Krauer angesichts von Morets völlig überraschender Avance mit Sicherheit die Frage gestellt haben, welches im Falle eines Ausschlags die Konsequenzen auf Börsenentwicklung und Unternehmenssouveränität gewesen wären.

Dass sich der Wirtschaftslenker im Pensionärsalter, geistig immer noch topfit, dieses Jahr vom Novartis-Präsidium zurückzieht, war von Vertrauten erwartet worden. Niemand freilich hätte im Ernst daran gedacht, dass der Basler Chemie-Mann Alexander Krauer seine berufliche Karriere als Zürcher Banker beschliessen wird.

27. Januar 1999


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