Vasella setzt auf Wert-Vermehrung durch Lehrgeld

Trotz Niederlage im Preis-Poker steht der Novarits-Chef hinter seinem Unterhändler Martin Batzer


Von Peter Knechtli


Obschon er dem Konzern beinahe einen Flächenbrand bescherte, geht der Schweizer Novartis-Pharma-Chef Martin Batzer intern gestärkt aus dem Medikamenten-Preispoker hervor: Daniel Vasella stellt sich hinter seinen Kadermann.


Im Streit um verordnete Preissenkungen zwischen den Bundesbehörden und Novartis geriet Daniel Vasella als Konzernchef erstmals massiv in die Defensive: Martin Batzer, Chef von Novartis Pharma Schweiz, hatte mit seinem riskanten Muskelspiel entscheidend dazu beigetragen, dass plötzlich "die ganze Novartis tangiert" war, wie Vasella feststellte.

Pharma-Chef im Minenfeld

Sowohl in Verhandlungen wie in öffentlichen Stellungnahmen wollte Batzer, ein begeisterter "Offizier und Haudegen" (so ein Vertrauter), seine Geschäftsinteressen in Befehlsmanier durchsetzen. Doch mit seiner Renitenz gegen einen höchstrichterlichen Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts schien er zu unterschätzen, in welch politisches Minenfeld er sich hineinbegab. Nach aussen erweckte der Jurist, der in der ehemaligen Sandoz-Rechtsabteilung seine Sporen abverdiente und bei Akquisitionen stark zum Zug kam, den für Novartis verheerenden Eindruck, der Basler Weltkonzern trachte nach autoritären Feldversuchen: Wie weit die schweizerische Rechtsprechung für Novartis noch massgeblich sei.

Draussen im Volk reagierten Branchenkenner mit Unverständnis darauf, wie unflexibel sich die Firmenvertreter dem Preisentscheid um sieben nicht mehr allerneuste Medikamente widersetzten. Und das in einem Schweizer Markt, der gerade zwei Prozent zum Novartis-Pharma-Umsatz beiträgt.

Wetterleuchten der Post-Demokratie?

Erst als die Widerborstigkeit Chefbeamten des Bundes als "Missachtung der Schweizer Gerichtsbarkeit" aufstiess und Beobachter die Wetterleuchten der "Post-Demokratie" ("Weltwoche") erkannten, lenkte Novartis am Dienstag ein und nahm die Verfügung zähneknirschend an.

Das Signal zur Notbremse gab Konzernchef Daniel Vasella. In einem Gespräch mit der SonntagsZeitung widersprach er der Vermutung, Batzer habe sich nur deshalb so kratzbürstig dem Preisbeschluss widersetzt, weil er sich durch die vorgesetzten Stellen in diesen Stil getragen fühlte. Laut Vasella habe Batzer autonom nach seinem "besten Wissen und Gewissen" gehandelt. Auch Jerry Karabelas, der globale Pharma-Chef, sei keineswegs ständig und direkt involviert gewesen. Selbst als Konzernchef habe er Karabelas keinerlei Weisungen bezüglich Batzers Verhaltenstaktik erteilt: "Ich finde es nicht richtig, wenn sich die globale Pharmaleitung in jedes Land einmischt."

Vasella zog die Notbremse

Erst als Vasella ("Ich war nur der Zeitungsleser") feststellte, dass die Preisfrage zu einem "Riesenpolitikum wurde, das weit über einen normalen Geschäftsentscheid zur Preissetzung hinausgeht", sass er mit Karabelas und Batzer zusammen. Vasella war es, der am Schluss die Notbremse zog: "Wir waren uns letztlich darin einig, dass der Patient im Mittelpunkt stehen muss." Ein kritischer Beobachter: "Man muss Vasella attestieren, dass er Entscheidungen sehr rasch korrigieren kann."

Obschon Novartis damit in der öffentlichen Meinung als Verlierer dastand, muss Batzer um seinen Job nicht bangen. Zwar räumte der Konzernchef ein, sein Unterhändler habe seine Überlegungen nicht genügend verständlich kommunizieren können. Doch, so Vasella: "Ich würde nicht davon träumen, Mitarbeiter zu bestrafen, die sich nach bestem Wissen und Gewissen für die Firma einsetzen". Auch er selbst habe den Fall insofern unterschätzt, "dass ich nicht voraussah, wie weit er sich entwickelt".

Batzer hatte eine "Lern-Opportunität"

Vielmehr kann Martin Batzer sogar davon ausgehen, dass er an internem Marktwert gewonnen hat - wie Vasella unkonventionell argumentiert: Wer rückblickend einen Fehler gemacht habe "im Grad, wie weit er ging", habe "einfach mehr Wert, weil er eine Lern-Opportunität hatte, die andere nicht haben". So sei auch Batzer "aus dieser Erfahrung heraus gescheiter, erfahrener und kluger geworden".

Obschon sich Novartis von den Behörden "unfair und unvernünftig behandelt" fühlt, will er den Dialog mit ihnen künftig besser pflegen: "Jeder muss etwas bringen und etwas nehmen", nimmt Vasella Lern-Opportunität und Wertvermehrung auch für sich in Anspruch.

27. April 1998

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