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"Flexibel agiert": Hitler-Gruss auf Roche-Papier

Basler Chemiekonzerne waren willige Lieferanten des Nazi-Regimes

Die Recherche der Bergier-Kommission enthüllt die trickreichen Geschäfte mit Nazi-Deutschland zwischen 1933 und 1945


Von Peter Knechtli


Profitabel, trickreich und flexibel handelten die damaligen Basler Chemiekonzerne zwischen 1933 und 1945 mit Farben und Pharmazeutika mit Nazi-Deutschland, obschon den Konzernzentralen Hitlers Rassenpolitik im Detail bekannt war. Daran lässt die soeben publizierte Untersuchung der Bergier-Kommission keinen Zweifel.


Die Geschichte der schweizerischen Chemieindustrie sei "erst beschränkt erforscht", schreiben die beiden Historiker Lukas Straumann und Daniel Wildmann in ihrer Studie. Wohl nicht ganz grundlos. Denn was die Autoren in ihren umfangreichen Recherchen in den Archiven von Novartis - als Repräsentantin der Vorgängerfirmen Ciba, Geigy und Sandoz - und Roche, aber auch in zahlreichen weiteren, noch wenig erschlossenen Fundgruben der Vergangenheit entdeckten, ist hoch brisant.

Die "Zwangslage" war ein Schein-Argument

Der Bericht liest sich spannend wie eine journalistische Recherche und lässt am Befund keinen Zweifel: Die vier grossen Basler Chemiekonzerne Ciba, Geigy, Sandoz und Roche hatten gegenüber Nazi-Deutschland keine grundsätzlichen Berührungsängste. Im Gegenteil: Die Unternehmen machten teilweise blühende Geschäfte mit dem Hitler-Staat - nicht nur während des Kriegs von 1939 bis 1945, sondern schon nach der "Machtergreifung" der NSDAP im Januar 1933. Rechtfertigten die Unternehmen ihre damaligen Geschäftsbeziehungen mit Nazi-Deutschland bisher mit der "Zwangslage des Krieges", so wird nach Studium des vorliegenden Berichts klar, dass die Konzerne in der Zwangslage eine Chance für wirtschaftliche Entwicklung sahen und diese Chancen mit ihren hochwertigen Produkten auch erfolgreich wahrzunehmen wussten.

Die Chemie-Studie der Bergier-Kommission weist zum ersten Mal in aller Deutlichkeit nach, dass die Konzernspitzen in Basel durch ihre ausgedehnten Netzwerke schon sehr früh über ein "hohes Mass an Detailwissen" über die politische und wirtschaftliche Situation im nationalsozialistischen Deutschland verfügten. Die Rassenpolitik und die politischen Verfolgungen in Deutschland sowie in den besetzten Gebieten Polens war ihnen ebenso detailliert bekannt wie die Zwangsarbeit in ihren deutschen Tochterfirmen, die als Wehrmachts-Betriebe ("W-Betriebe") galten und deshalb Privilegien genossen.

Jüdischer Nobelpreisträger durch Sandoz ausgebootet

An der personellen "Säuberung" waren die Unternehmen proaktiv beteiligt. Dies zeigt sich am Beispiel, wie Sandoz im Frühjahr 1933 den jüdischen Aufsichtsratspräsidenten von Sandoz Nürnberg, den weltberühmten Nobelpreisträger Richard Willstätter, ausbootete, durch einen "arischen" Nachfolger ersetzte und dafür sorgte, dass die Gesellschaft nun "vollkommen judenrein" war. Eine unappetitliche Doppelrolle spielte dabei Sandoz-Direktor und spätere Verwaltungsratspräsident Professor Arthur Stoll. Noch Ende März 1933 hatte Stoll - Loyalität mimend - seinem Chemielehrer Willstätter versichert, "dass Sie in mir einen Freund haben, dem nie etwas zuviel sein wird, was er für Sie tun kann". Wenige Wochen später segnete Stoll die Entfernung seines langjährigen Lehrers Willstätter aus kommerziellen Überlegungen ab, der nach der Flucht in die Schweiz im Jahr 1942 im Tessin verstarb. Pikant: Geplagt vom schlechten Gewissen des damaligen Doppelspiels war es Stoll, der Willstätter 1939 bei der Einreise in die Schweiz behilflich war.

Die vier Firmen waren zwischen 1933 und 1945 als einzige nichtdeutsche Unternehmen der Farbstoff- und Pharmaproduktion in NS-Deutschland und im besetzten Polen tätig, wo sie auch eigene Werke betrieben. "Das detaillierte Wissen um ökonomische und politische Zusammenhänge wurde von den Schweizer Stammhäusern in ihr wirtschaftliches Kalkül integriert und diente dazu, unternehmerische Entscheidungen zu treffen", heisst es im Chemie-Bericht. "Eine genaue Kenntnis der Entwicklungen im 'Dritten Reich' war Voraussetzung für eine vorausschauendes unternehmerisches Handeln und die Entwicklung von Zukunftsperspektiven."

Blühendes Geschäft und klinische Tests

Gemessen an der damaligen wirtschaftlichen Lage in Europa war das Deutschland-Geschäft mit Medikamenten und Farben in der Zeit zwischen Hitlers "Machtergreifung" und Kriegsende für die Chemiekonzerne besonders lukrativ. Dabei schufen sie unterschiedliche Voraussetzungen, um ihre Produkte an Partei, Behörden oder Wehrmacht vermarkten zu können. Kriegswirtschaftlich bedeutend waren vor allem die pharmazeutischen Produkte - so das antibakterielle Chemotherapeutikum Cibazol von Ciba, die von SS-Lazaretten regelmässig bezogenen Sandoz-Präparate Optalidon (Schmerzmittel) und Bellergal (Nervenheilmittel), vor allem aber auch die Vitaminprodukte von Roche und Opiate von Roche und Sandoz. Cibazol wurde von der SS auch an Häftlingen des Konzentrationslagers Ravensbrück klinisch getestet.

Tabellen über Umsatz- und Gewinnentwicklungen zwischen 1933 und 1945 sprechen eine klare Sprache. So führte die kriegsbedingte Nachfragesteigerung nach Arzneimitteln und synthetischen Vitaminen in der deutschen Roche-Niederlassung zu einer Umsatzzunahme von 153 Prozent zwischen 1939 und 1943. Eine ähnliche Entwicklung erfuhr die Sandoz-Produktion von Sandoz in Nürnberg. Arzneimittel von Ciba, Roche und Sandoz kauften neben der Wehrmacht auch Sanitätsstellen der SS, "wobei sich für Ciba und Roche direkte Geschäftskontakte zwischen Unternehmen und dem SS-Hauptsanitätslager in Berlin belegen lassen".

Geigys Polarrot für die Hitlerfahne

Geigy mit ihrem aus Basel kontrollierten Werk im südbadischen Grenzach war es anderseits möglich, "Farbstoffe deutschen Ursprungs" zu liefern in einem Mass, dass die Umsätze in den Jahren 1937 bis 1939 stark stiegen. Blauäugig über die Verwendung der Farbstoffe waren die Manager von Geigy, deren Deutschland-Geschäft bei Kriegsausbruch fast ein Viertel zum Stammhausumsatz beitrug, nicht. So war ihnen nicht entgangen, dass mit den an eine grosse Tuchfabrik in Bonn gelieferten Farbstoffen Polarrot G und RS, die bis 1934 in Basel, später in Grenzach produziert wurden, "zweifelsohne in der Hauptsache die Hitlerfahne gefärbt" wurde, wie eine interne Notiz festhielt. "Hartnäckig" (so der Bericht) habe sich Geigy auch darum bemüht, dass ihre Chromfarbstoffe auch für das Mannschaftstuch der Wehrmacht zugelassen wurden.

Einzelindizien dieser Art präsentiert die Recherche in Hülle und Fülle. So finden sich in den Archiven offizielle Roche-Schreiben mit der Grussformel "Heil Hitler!". Die Historiker stiessen auf die Tatsache, dass die Grenzacher Roche-"Betriebsgemeinschaft" im Juli 1943 mit dem "Gaudiplom für hervorragende Leistungen" eine Kriegsauszeichnung der Deutschen Arbeitsfront erhielt.

Gelegentlich auch Konflikte mit Nazi-Regime riskiert

Entscheidender ist die Analyse jedoch in Bezug auf den moralischen und ethischen Ansatz, mit dem die Basler Chemiefirmen der kriegerischen Bedrohung und gleichzeitig auch den sich daraus bietenden ökonomischen Chancen im internationalen Konkurrenzkampf begegneten.

Hier weist die Studie nach, dass sich die Unternehmen mit ganz unterschiedlichen Konzepten, aber übereinstimmend äusserst flexiblen Strategien die neue Machtkonstellation zur Profitsteigerung auszunützen wussten. In mehreren belegten Einzelfällen erwiesen sich die Basler Stammhaus-Verwalter, die ihre Töchter in Nazi-Deutschland und im besetzten polnischen "Warthegau" in personal-, finanz- und produktionspolitischer Beziehung umfassend unter Kontrolle hielten, als selbstbewusste und durchsetzungsfähige Strategen. Sie riskierten sogar immer wieder Konflikte mit der deutschen Konkurrenz oder gar mit dem Nazi-Regime, wobei sie einzelne Entscheidungsträger der Nazi-Nomenklatura oder deutsche Aufsichtsratsmitglieder ihrer Tochterfirmen derart geschickt für sich einzunehmen wussten, dass sie meist als Gewinner aus ernsthaften Auseinandersetzungen hervorgingen.

Intensive Kontaktpflege zu deutschen Entscheidungsträgern

So obsiegte innerhalb Roche Berlin im Streit um die Kontrolle der polnischen Tochtergesellschaft in Warschau nicht das NSDAP-Mitglied Julius Chun, sondern der von Chun beim Reichswirtschaftsministerium denunzierte Basler Roche-Direktor Georg Veiel. Ciba setzte sich bei den deutschen Behörden erfolgreich durch, als der deutsche Quasi-Monopolist IG Farben versuchte, die Aufrechterhaltung der Ciba-Tochter PCI im besetzten Pabianice zu vereiteln. Geigy pflegte "ausgesprochen gute Beziehungen" zu Claus Ungewitter, dem einflussreichen "Reichsbeauftragten für Chemie" - indem sie ihn beispielsweise 1939 an die Schweizerische Landesausstellung in Zürich einlud. Roche anderseits zeichnete sich durch gute Kontakte zur Wehrmacht aus, insbesondere zu "Heeres-Sanitätsinspekteur" Generaloberstabsarzt Anton Waldmann.

Daraus zu schliessen, opportunistische Liebedienerei habe die Geschäftspolitik der vier Basler Unternehmen in gleichem Mass geprägt, wäre falsch. Im Gegenteil: Jeder Konzern hatte seine eigene Anpassungs- und Widerstandsstrategie. Und selbst innerhalb der jeweiligen Firmenkultur sind widersprüchliche Phasen und Handlungsweisen festzustellen.

Roche blieb jüdischen Mitarbeitern am längsten treu

So fällt auf, dass sich Ciba, Geigy und Sandoz - längst bevor politische Zwangsmassnahmen zur Anwendung kamen - bereits um 1933/34 an die nationalsozialistische Rassenpolitik anlehnten. Schon zu jenem Zeitpunkt beschäftigte Geigy weder in Grenzach noch in Basel jüdische Angestellte; Ciba Berlin ersetzte die jüdischen Vorstand- und Aufsichtsratsmitglieder durch "arische" Deutsche. Roche Berlin dagegen trennte sich erst ab 1937 von jüdischen Aufsichtsräten und Angestellten, als die Nazi-Befehlshaber die Rassenpolitik mit entsprechenden Vorschriften massiv verschärfte.

Mit dem Kauf pharmazeutischer Verfahren des liquidierten Wiener Unternehmens Syngala im Jahr 1938 war Geigy als einziges der untersuchten Unternehmen an der "Arisierung" jüdischer Unternehmen beteiligt. Geigy Grenzach beschäftigte zwischen 1943 und 1945 mindestens 33 holländische und französische Zwangsarbeiter. Roche Grenzach liess zwischen 1940 und 1945 "mindestens 61 Kriegsgefangene und 150 ausländische Zwangsarbeiter" zu.

Die Studie folgert, dass die Firmen im "Dritten Reich" unter "prinzipiell ähnlichen" politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen tätig waren, die Handlungsweisen aber stark von den "ethischen Orientierungen der Entscheidungsträger" abhängig waren.

Ehefrau von Roche-Verwaltungsratspräsident Barell war Jüdin

Obschon auch Roche fraglos zu den wichtigen Lieferanten des Nazi-Regimes gehörte, scheint dieses Pharmaunternehmen die Anpassungsbereitschaft auf das opportune Minimum reduziert und in diesem Rahmen flexibel und verantwortungsvoll gehandelt zu haben. Ein Grund mag darin liegen, dass die Ehefrau des damaligen Roche-Generaldirektors und spätere Verwaltungsratspräsidenten Emil Barell halbjüdischer Abstammung war. Ein Konflikt entstand 1939, als Heinrich Rothmund, Chef der Polizeiabteilung im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement, Barell vorwarf, bei der Übersiedlung Georg Veiels von Berlin nach Basel im Jahre 1938 die jüdische Abstammung von dessen Ehefrau "absichtlich verheimlicht" zu haben. Indem sich Barell ebenso angemessen wie servil entschuldigte, lenkte Rothmund ein und verlängerte Veiels Aufenthaltsbewilligung.

Roche ist auch das einzige der vier Unternehmen, das nach Möglichkeiten immer wieder versuchte, eine Art Ausgleich zwischen den eigenen finanziellen Interessen und einem Minimum an Schutzbedürfnis der jüdischen Mitarbeiter zu finden.

Auch bei Ciba waren vereinzelt kritische Stimmen auszumachen - etwa der auf Konzernebene für das Polengeschäft zuständige Basler Direktor Alfred Schmid-Respinger. Er wehrte sich 1940 gegen eine Integration des Betriebs im besetzten Pabianice in die Berliner Niederlassung, weil er die NS-Besatzungspolitik "zivilisationszerstörend und kriminell" empfand.

Geigy-Chef Carl Koechlin zeigte "gewisse Faszination"

Unter den Entscheidungsträgern von Geigy dagegen stellten die Autoren eine "gewisse Faszination für die Vorgänge in Nazi-Deutschland" fest. Zutreffend ist diese Aussage für Carl Koechlin, 1939 zum Delegierten und nach dem Krieg zum Verwaltungsratspräsidenten gewählt. Als einer der wichtigsten Schweizer Wirtschaftsführer pflegte der spätere Beinahe-Bundesrat intensive Kontakte unter anderem zu Oberstleutnant Wilhelm Sichting, NSDAP-Mitglied seit 1931, der die Interessen von Geigy in Deutschland vertrat. Anderseits versicherte Koechlin seinem Verbündeten, dass die Geigy-Belegschaft und -Geschäftsleitung ausschliesslich aus "Ariern" bestehe.

Das Buch der Autoren Straumann und Wildmann ist beeindruckend nicht nur in der vielfältigen Auswahl an Indizien, die intensive Geschäftskontakte der damaligen Basler Chemieunternehmen zum Nazi-Regime schon lange vor Kriegsausbruch belegen. Fast ebenso bemerkenswert ist, dass diese brisanten Akten - soweit sie nicht vernichtet wurden - während über fünfzig Jahren in den Archiven schlummern konnten und nicht einmal in den offiziellen Firmengeschichten ihren Niederschlag fanden.



Lukas Straumann, Daniel Wildmann: Schweizer Chemieunternehmen im "Dritten Reich". Veröffentlichung der Unabhängigen Expertenkommission Schweizer - Zweiter Weltkrieg ("Bergier-Kommission"). 358 Seiten. 58 Franken. In Buchhandlungen erhältlich.

30. August 2001

Weiterführende Links:


BASLER CHEMIE-KONZERNE 1933-1945

Die brisante Chemie-Studie und ihre Firmen

pkn. Im Rahmen der Forschungen der "Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg" untersuchten die beiden Historiker Lukas Straumann und Daniel Wildmann die Beziehungen der Schweizer Chemieunternehmungen zum "Dritten Reich". Die Studie bezieht sich aber nicht nur auf die eigentliche Kriegszeit zwischen 1939 und 1945, sondern sie bezieht auch die noch wenig erforschte Vorkriegszeit von 1933 bis 1939 mit ein. Die Untersuchung bezieht sich auf vier in Basel ansässige Grossunternehmen, welche die chemische Industrie in der Schweiz in den dreissiger und vierziger Jahre prägten: J. R. Geigy AG (Geigy), Gesellschaft für Chemische Industrie in Basel AG (Ciba), F. Hoffmann-La Roche Co. AG sowie die Chemische Fabrik vormals Sandoz AG. Speziell richtet die Untersuchung den Fokus auf die Tochtergesellschaften dieser Unternehmen in Deutschland zwischen 1933 und 1945 sowie im deutsch besetzten Polen (Pabianice) während des Zweiten Weltkriegs. Herausragend ist die Bedeutung dieser Schweizer Unternehmen im deutschen Markt, weil sie dort im Bereich der Farbstoff- und Pharmaproduktion als einzige wichtige nichtdeutsche Firmen tätig waren und zu den "kriegswichtigen Betrieben" zählten.

FIRMEN STATEMENTS
Novartis Vorbemerkung:
Der kurze Zeitraum seit Erhalt des Bandes 7 des Bergier-Berichts erlaubt uns keine abschliessende Beurteilung. Novartis hat nur diesen Band erhalten und kann deshalb keine Beurteilung des Gesamtberichts vornehmen.

Stellungnahme:
Der Bergier-Bericht ist eine geschichtswissenschaftliche Arbeit, die, soweit wir dies aus unserer Sicht beurteilen können, faktisch und entsprechend der benutzten Quellen, ausgewogen ist. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Aktenlage unvollständig ist und nicht alle vorhandenen Akten aufgearbeitet werden konnten. Novartis hat sich aktiv an den historischen Recherchen in den Firmenarchiven von Ciba, Geigy und Sandoz beteiligt und hat diese Archive der Bergier Kommission für Ihre Untersuchungen voll zugänglich gemacht.

Deutschland gehörte im Untersuchungszeitraum zu den wichtigsten Absatzmärkten der Schweizerischen Chemieindustrie. Die Sorge um die Weiterführung der Betriebe mit ihren Belegschaften in Deutschland und den besetzten Gebieten und die unmenschlichen Vorgaben der nationalsozialistischen Rassenpolitik stellten viele leitende Angestellte vor schwierige Entscheidungsdilemmata. Es kam dadurch auch zu Entscheidungen und Handlungen, die aus heutiger Sicht ethisch und moralisch nicht unbedenklich sind. Die Beurteilung des Verhaltens einzelner Personen, die im Bericht erwähnt werden, können wir nicht teilen, da der Bericht den wirklichen Handlungsspielraum und das persönliche Umfeld der einzelnen Personen zum damaligen Zeitpunkt nicht darzustellen vermag. Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass unsere Vorgängerfirmen nicht nazifreundlich waren.

Als Nachfolgefirma der damaligen Ciba, Geigy und Sandoz hat Novartis sich mit einem Solidaritätsbeitrag von 25 Millionen Franken an der von den Schweizer Banken für die Schweiz und die Schweizer Unternehmen ausgehandelten Regelung der Ansprüche aus dem Zweiten Weltkrieg beteiligt. Novartis hat auch je einen Beitrag an die Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft und den Österreichischen Versöhnungsfonds, in einer Gesamtsumme von zirka drei Millionen Franken, bezahlt.

Ciba
Spezialitäten-
chemie
Ciba Spezialitätenchemie unterstützt die Arbeit der Bergier-Kommission in vollem Umfang. Zusammen mit Novartis hatte sie der Kommission Informationen über ihre ehemaligen Firmen während des Zweiten Weltkrieges zur Verfügung gestellt und auch Zutritt zum historischen Archiv gewährt. Dieses befindet sich bei Novartis.

Leider hatten wir zu diesem sehr frühen Zeitpunkt nach der Veröffentlichung noch kaum die Möglichkeit, den Bergier-Bericht vollständig zu überprüfen. Auch haben wir keinen Zugang zu den vielen anderen für die Untersuchung relevanten Archiven gehabt. Daher können wir keine definitive Stellungnahme zum Bergier-Bericht abgeben.

Ciba hat die Untersuchungen der Geschäftstätigkeiten ihrer ehemaligen Firmen während des Zweiten Weltkrieges aktiv unterstützt. Sie stellte alle ihr bekannten Informationen über Zwangsarbeit in den Niederlassungen ihrer Firmen den Behörden zur Verfügung. Diese Informationen erhielt auch Judah Gribetz, von Richter Korman ernannter "Special Master". Judah Gribetz hat Vorschläge über die Verteilung der Gelder, die von den Schweizer Banken gemäss dem "Settlement Agreement" bezahlt wurden, ausgearbeitet.

Ciba Spezialitätenchemie leistete in 1997 einen beträchtlichen Beitrag an den humanitären Fond der Schweizer Wirtschaft. Auch ihre deutsche Tochtergesellschaft hat einen wesentlichen Beitrag an den Fonds der Deutschen Unternehmen für die Wiedergutmachung von Zwangsarbeit geleistet. Ihre österreichische Niederlassung leistete ihren Beitrag an den entsprechenden österreichischen Fonds.

Roche Heute stellt die Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg weitere acht Studien zum Verhalten der Schweiz während des "Dritten Reiches" vor. Im Mittelpunkt steht das Verhalten der Wirtschaft, darunter auch das der chemisch-pharmazeutischen Industrie.

Innerhalb der Studie zur chemisch-pharmazeutischen Industrie untersuchte die Kommission während der letzten drei Jahre die Unternehmenspolitik von Ciba, Geigy, Sandoz und Roche in den Jahren 1933 - 45. Dabei werden folgende Themen behandelt: das Verhalten der Unternehmen gegenüber der NS-Rassenpolitik, ihre Rolle in der deutschen Rüstungs- und Kriegswirtschaft sowie der Einsatz von Zwangsarbeitern. In der Zusammenfassung des Berichts wird die Politik der chemisch-pharmazeutischen Unternehmen pauschal kritisch dargestellt.

Bezüglich Roche weist die Studie darauf hin, dass das Unternehmen über den gesamten Zeitraum hinweg in Deutschland aktiv war und offenbar gute Kontakte zu den Behörden hatte. Die detaillierte Studie bestätigt jedoch, dass Roche während des "Dritten Reiches" insgesamt ethisch und moralisch gehandelt hat. Dies wird durch zahlreiche Aussagen im Bericht dokumentiert:
• Roche hat in Deutschland ausschliesslich mit humanitären Gütern wie Medikamenten und Vitaminen gehandelt.
• Roche zeigte gegenüber jüdischen Mitarbeitern gemäss dem Bericht eine "soziale Verantwortung". In zahlreichen Beispielen wird aufgezeigt, wie Roche diese Verantwortung wahrnahm, indem sie unter anderem die Übersiedlung jüdischer Mitarbeiter in die amerikanische Roche Niederlassung Nutley, New Jersey, ermöglichte, so auch für Leo Sternbach, dem späteren Erfinder von Valium. Sternbach hat mehrfach gesagt, dass Roche ihm damit sein Leben gerettet hat.
• Ebenso wird dokumentiert, wie Roche in Polen junge Polen und Polinnen, die nicht dem Unternehmen angehörten, auf die Lohnliste der Firma setzte, um ihre Deportation zu verhindern.
• Zum Thema Zwangsarbeiter wird festgehalten, dass Roche keine jüdischen Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge beschäftigte. Die vorwiegend aus dem Osten Europas stammenden Zwangsarbeiter wurden stets korrekt behandelt.

Roche prüft derzeit die umfassenden Studienergebnisse im Detail. Aufgrund der nun vorliegenden Expertise kann zusammenfassend gesagt werden, dass das Gesamtbild für Roche trotz der schwierigen Bedingungen positiv ausfällt.

Official English Summary

Reference: Lukas Straumann / Daniel Wildmann: Schweizer Chemieunternehmen im "Dritten Reich" ( Zürich: Chronos Verlag, 2001). ISBN 3-0340-0607-1.

The paper examines the links between the Swiss chemical industry and the Third Reich. It focuses primarily on four companies domiciled in Basel: J. R. Geigy AG (Geigy), Gesellschaft für Chemische Industrie in Basel AG (Ciba), F. Hoffmann-La Roche & Co. AG (Roche) and Chemische Fabrik form. Sandoz AG (Sandoz). These companies were the only major non-German dye- and pharmaceutical-producing companies to own factories and operate in National Socialist Germany between 1933 and 1945, as well as in wartime occupied Poland. The study examines the issues of National Socialist racial policy, arms manufacture and the wartime production process, forced labour and financial transfer. It focuses especially on the question of the companies' awareness about the Third Reich, their control of their German subsidiaries, and their scope for action.

Awareness about the Third Reich

The chemical firms' parent companies in Switzerland possessed a high level of detailed knowledge about the political and economic situation in Nazi Germany. They were kept comprehensively informed about the Third Reich through intensive correspondence with their branches, the travels of their senior employees and regular contact with the German and Swiss authorities and companies. They incorporated their knowledge of the economic and political context into their economic planning and used it as a basis for decision-making.

Market development and the war economy

After 1934, Geigy was in a position to supply dyes of German origin from its German-based Grenzach factory for use by the Party and for official purposes. By 1939, Geigy’s turnover in Germany increased to a record of SFr. 10.3 million. After the outbreak of war, Geigy's German business changed substantially, with the sales of dyes declining dramatically. By contrast, sales of synthetic tanning agents, textile auxiliary materials and, after 1943, the insecticide DDT became increasingly important.

Ciba's factory at Pabianice (PCI) in Poland produced dyes, pharmaceuticals and to a lesser degree chemicals. From 1942, its pharmaceuticals turnover overtook sales of dyes and chemicals, with a large percentage of the products being supplied to the Ciba subsidiary in Berlin. In 1942, with sales reaching 7.6 million reichsmarks, PCI achieved its highest turnover during the war.

Between 1939 and 1943, sales by the German Roche branch increased from 8.8 to 22.3 million reichsmarks. Roche Berlin held a special position in the Vitamin C and opiates business, which were important in the war economy. These products were supplied in large quantities to public bodies, particularly to the Wehrmacht. As the holder of the patents for synthetic ascorbic acid manufacture, Roche controlled the German Vitamin C market. Among German opiate manufacturers, Roche took fourth place with a production share of around 15%.

During the war, all German production plants of the companies studied were classified as important for the war economy («W-Betriebe»). Alongside the Wehrmacht, SS medical units also bought Ciba, Roche and Sandoz medicines. The Second World War greatly increased demand for pharmaceuticals. In contrast, the manufacture of dyes was classified by the German war economy as non-essential for the war effort, and therefore declined in significance.

Geigy Grenzach, PCI and Roche Berlin achieved substantial profits at various times throughout the 1930s, but the situation changed after the outbreak of war. Roche Berlin reported profits until the end of 1944, PCI reported losses in the years 1939 and 1943, and Geigy Grenzach reported losses after 1943. Of great importance were the licence fees paid and the profits made by Switzerland from goods supplied to German companies. However, the commitment of firms to the Third Reich cannot be explained by short-term profit expectations alone. A key concern for the chemical companies was to safeguard their German investments over the longer term.

Control

The Swiss companies studied had highly effective networks in the Third Reich. Geigy maintained particularly good relations with Claus Ungewitter, the Reich Commissioner for Chemicals and Head of the Reich Office for Chemicals. He valued the Swiss chemical companies as a counterweight to the quasi-monopoly achieved by IG Farben. Roche had good contacts with the Wehrmacht, partly in the field of scientific research. CIBA successfully sought help from the German authorities when, after the occupation of Poland, IG Farben AG tried to prevent the integration of the CIBA subsidiary PCI, which was located in «Warthegau», into the German chemicals market.

A key feature of all the companies studied is that during the Third Reich, they acted with self-confidence and were often able to assert their interests successfully. In this respect, the fact that the companies were Swiss-owned seldom proved to be a disadvantage. Within the framework laid down by Nazi economic policy, the Swiss management of the companies was able to maintain substantial control over personnel policy, production processes and finances.

Scope for action

It is clear particularly from their response to National Socialist racial policy, that the individual companies interpreted the existing scope for action in different ways.

In February 1934, Geigy lodged a sworn declaration with the Nazi Party guaranteeing the «Aryan» origin of its shareholders in order to obtain a «certificate of entitlement» to supply dyes to be used for Party and official purposes. In summer 1933, the Ciba branch in Berlin replaced its Jewish Board of Directors and Supervisory Board members with «Aryan» Germans. In a similar move as early as April 1933, Sandoz replaced Nobel Prize laureate Richard Willstätter, the Jewish Chairman of the Supervisory Board of its German company, with an «Aryan» businessman. However, it was not until 1937-1938, when the Nazi regime massively intensified its anti-Semitic practices and regulations, that Roche Berlin removed its Jewish Supervisory Board members and employees in order to continue to operate as a «non-Jewish» company in the German market. In 1940, Roche Warsaw employed young non-Jewish Poles on a pro forma basis in order to prevent them from being sent to Germany as forced labourers.

Geigy was the only company studied which participated in the «Aryanisation» of a Jewish company. Through the purchase of various pharmaceutical processes from the Vienna company Syngala GmbH in 1938, Geigy planned to diversify into the field of medicines. When Geigy refused to make the contractually agreed licence payments to the former owner of the Syngala processes after 1939, a lawsuit ensued.

Between 1943 and 1945, at least 33 Dutch and French forced labourers were deployed at the Geigy plant in Grenzach. The camp commandant mistreated one forced labourer; two Dutch forced labourers were temporarily despatched to a «labour re-education» camp. At the Roche plant in Grenzach, at least 61 prisoners-of-war and 150 foreign forced labourers were deployed between 1940 and 1945; they came from the Ukraine, Slovenia, the Netherlands and France, as well as other countries.

Decision-makers and business logic

The companies' personnel policy indicates that in addition to business logic, decision-makers' ethical attitudes played a part in shaping corporate action in Nazi Germany and occupied Poland. Even so, the Swiss chemical companies continued trying to increase their turnover in Germany even after 1933, launching new products and tapping into a new customer base among the National Socialist authorities and Nazi Party organisations. Although the Swiss companies' decision-makers represented a wide range of political views, their corporate actions generally conformed in practical terms with the interests of the Nazi regime.


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"Wer nicht begriffen hat und nicht handelt, hat nicht begriffen."

Basler Zeitung
vom 2. Oktober 2019
über ein Manser-Zitat
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Wer richtig gelesen und korrekt geschrieben hätte, hätte das authentische Zitat dokumentiert: "Wer begriffen hat und nicht handelt, hat nicht begriffen."

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, frühere Basler Sanitätsdirektorin und zuletzt Kulturbeauftragte der Stadt Bern, wurde zur neuen Präsidentin von "Curaviva Basel-Stadt", dem Verband der Basler Alterspflegeheime, gewählt.

Designierte Verwaltungsratspräsidentin der Schweizerischen Rheinhäfen ist Martina Gmür, Petra Mösching wird Mitglied des Verwaltungsrats.

Der Verein Region Oberbaselbiet wählte den aus dem Fricktal stammenden Gerry Thönen, der die Oberbaselbieter Gemeinden bis zur Gründung des Regionalvereins betreute, zum Geschäftsführer.

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 70-Jahr Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel organisiert die Schweizer Botschaft in Israel im September diverse Anlässe mit Bezug zu Basel.

Die Parteileitung des CVP-Wahlkreises Liestal hat einstimmig beschlossen, Elisabeth Augstburger für die Ständeratswahlen vom 20. Oktober zu unterstützen.

Schweizerische Rheinhäfen: Benedikt Weibel hat seinen Rücktritt als Verwaltungsrats-Präsident per 31. Dezember 2019 bekannt gegeben; Martin Dätwyler, Direktor der Handelskammer beider Basel, trat per 30. Juni zurück.