Schall und Rauch: Stasi-Anschlag auf Sandoz in Schweizerhalle

Aussagen eines ehemaligen CIA-Agenten über die Ursache der Sandoz-Brandkatastrophe sind wenig glaubwürdig


Von Martin Forter


Die These eines CIA-Agenten und des ZDF, wonach die Stasi im Auftrag des KGB im November 1986 den Grossbrand in Schweizerhalle gelegt habe, um von der AKW-Katastrophe in Tschernobyl abzulenken, steht auf wackeligen Beinen. Dies zeigen Sandoz-interne Dokumente genauso wie die damalige Untersuchungen der Stadtpolizei Zürich.


"Es gibt immer wieder Menschen, die sich nach ihrer Pensionierung profilieren müssen." So kommentiert Max Hubmann gegenüber OnlineReports die Aussagen des ehemaligen CIA-Agenten Vincent Cannistraro im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF), die Stasi habe im Auftrag des KGB den Brand in Schweizerhalle vom 1. November 1986 gelegt, um von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vom 26. April 1986 abzulenken. Hubmann war damals Chef des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich. Er war 1986 damit beauftragt worden, die Ursache für den Grossbrand in der Sandoz-Lagerhalle zu suchen.

Keine Fremdeinwirkung gefunden

Der Experte kam mit seinem Team zum Schluss, dass die Brandursache wahrscheinlich im Schrumpfen von Plastik mit einer offenen Flamme über Berlinerblau lag. Säcke mit diesem Farbstoff waren auf diese Art und Weise kurz vor dem Brand von einem Arbeiter auf einer Palette befestigt worden. Hubmann zu OnlineReports: "Wir haben" trotz intensiver Suche "nichts gefunden, das auf Fremdeinwirkung hinweist". Die Türen zur Lagerhalle seien, soweit feststellbar, abgeschlossen gewesen. Der Brand habe aber gemäss Zeugenaussagen im Innern der Lagerhalle begonnen. Beim Zaun an der Grenze des Fabrikgeländes Richtung Wald hätten die Fahnder zwar Spuren gefunden, die darauf hinwiesen, dass jemand über den Zaun geklettert sei. Im Verlaufe der polizeilichen Ermittlungen sei aber herausgekommen, dass Mitarbeiter von Sandoz den Zaun überquert hätten, um ausserhalb des Fabrikareals zu rauchen, weil im Sandoz-Gelände das Rauchen verboten war.

CIA-Agent Cannistraro hatte gegenüber dem ZDF behauptet, Spezialisten im Pentagon hätten damals versucht, den Farbstoff Berlinerblau zum Glimmen zu bringen, um die unter anderem von Hubmann aufgestellte Version des Unfallhergangs zu überprüfen. Das, so der ehemalige Agent, sei den Pentagon-Experten nicht gelungen. Max Hubmann trocken: "Dann haben sie es falsch gemacht." Bei Sandoz war schon Mitte der sechziger Jahre bekannt, dass bei Berlinerblau Glimmbrände mit späterem Brandausbruch möglich sind: In einem internen Papier vom 18. November 1965, das OnlineReports vorliegt, schrieb ein Sandoz-Mitarbeiter: "Beim Erhitzen von Berlinerblau kommt es zum Verglimmen". Zudem sei es beim Mahlen des Stoffes im Werk Basel zu einer "Entzündung gekommen". Vier Jahre später bestätigte dies ein weiteres internes Papier: Am 25. Juli 1969 berichtete die französische Tochtergesellschaft dem Basler Hauptsitz, dass Berlinerblau brandgefährlicher sei, als bisher angenommen: "Das Produkt brennt sehr langsam, ohne Flammen." Dass im Berlinerblau ein erhebliches Brandrisiko steckt, bestätigte drei Jahre vor dem Grossbrand in der Sandoz-Lagerhalle erneut die Firma Degussa als Lieferantin des Farbstoffs auf ihrem Sicherheitsdatenblatt: "Vermeidung des Kontaktes mit Zündquellen (Feuer, Funke). Staubablagerungen sind zu vermeiden."

Berlinerblau "sehr leicht entzündlich"

Trotzdem arbeitete der Sandoz-Arbeiter am 31. Oktober 1986 mit einer offenen Flamme, um das Berlinerblau mit Plastik auf einer Palette zu befestigten. Kurz danach, in der Nacht auf den 1. November, stand dann die Lagerhalle in Schweizerhalle in Flammen. Neun Tage nach der Feuersbrunst, am 10. November 1986, bestätigt A. Aellig vom Sicherheitslabor der Sandoz in einem Brief an Max Hubmann von der Stadtpolizei Zürich, was im Sandoz-Konzern schon lange bekannt war: Nach dem Grossbrand habe sich in eigenen Brandversuchen gezeigt, dass Berlinerblau "eine sehr leichte Entzündbarkeit" zeige "und danach ein flammloses, rauchloses, langsam fortschreitendes Glimmen" entstehe.

Auf Basis dieses Berichts und mit eigenen Erkenntnissen als Grundlage habe der Wissenschaftliche Dienst der Stadtpolizei Zürich seine eigenen Brandversuche gestartet, erinnert sich Hubmann. Sie hätten das Glimmen des Berlinerblaus in Anwesenheit des angeschuldigten Arbeiters, der Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-Landschaft und von Vertretern der Sandoz "recht gut hingebracht". Sie hätten bei diesen Brandversuchen nicht mit einer offenen Flamme gearbeitet, wie es der Sandoz-Arbeiter vor dem Grossbrand getan hatte, sondern heisse Nägel verwendet. Zwischen den Säcken und dem geschrumpften Plastik habe sich immer ein wenig Farbstoff befunden. "Wir haben die heissen Nägel durch die Plastikfolie gestochen. Damit konnten wir das Berlinerblau ausserhalb des Sacks zum Glühen bringen." Es habe danach lange gedauert, bis ihre Probepalette mit Berlinerblau offen gebrannt habe. Die habe erklärt, warum zwischen dem Einlagern der Berlinerblau-Palette in der Lagerhalle und dem offenen Feuerausbruch so viel Zeit verstrichen sei. Wo genau in der Halle die Palette vor dem Brand gestanden sei, hätten sie allerdings nicht klären können.

Hubmann bleibt dabei

Dass der Sandoz-Arbeiter trotz des Wissens über die Brandgefährlichkeit von Berlinerblau und seinem Hantieren mit einer offenen Flamme nicht verurteilt wurde, stellt für Hubmann die Wahrscheinlichkeit nicht in Frage, dass im Berlinerblau die Brandursache lag: "Das ist eine juristische Beurteilung, die mit der Brandursache nichts zu tun hat." Hubmann bleibt trotz Stasi-These und CIA-Agent dabei: "Mit grosser Wahrscheinlichkeit war das Schrumpfen von Plastik über Berlinerblau die Ursache des Grossbrandes."

24. November 2000


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)

www.onlinereports.ch - Das unabhängige News-Portal der Nordwestschweiz

© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigene Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

Auf dieser Website gibt es Links zu Websites Dritter. Sobald Sie diese anklicken, verlassen Sie unseren Einflussbereich. Für fremde Websites, zu welchen von dieser Website aus ein Link besteht, übernimmt OnlineReports keine inhaltliche oder rechtliche Verantwortung. Dasselbe gilt für Websites Dritter, die auf OnlineReports verlinken.

fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"Wer nicht begriffen hat und nicht handelt, hat nicht begriffen."

Basler Zeitung
vom 2. Oktober 2019
über ein Manser-Zitat
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Wer richtig gelesen und korrekt geschrieben hätte, hätte das authentische Zitat dokumentiert: "Wer begriffen hat und nicht handelt, hat nicht begriffen."

RückSpiegel


Telebasel, die BZ und die Badische Zeitung nahmen die OnlineReports-News über die technisch bedingte Umkehr einer "Austrian Airlines"-Maschine nach Wien auf

Die Basler Zeitung und die BZ nahmen die OnlineReports-Nachricht zum Tod des Konjunkturforschers Christoph Koellreuter auf.

20 minuten online, Blick, nau.ch, das SRF-Regionaljournal und Telebasel nahmen den OnlineReports-Primeur über den Unfalltod des Basler Umweltschützers Martin Vosseler auf.

nau.ch schrieb die OnlineReports-Recherche über den FDP-Wahlversand an Basler Neu- und Jungwähler zu einem eigenen Artikel um und verwertete auch die OnlineReports-Illustration dazu.

In der Besprechung des Films "Bruno Manser – Stimme des Regenwalds" nahm die BZ auf eine OnlineReports-Recherche Bezug.

Die BZ nahm den OnlineReports-Primeur über eine Rückzahlung der wegen Veruntreuung angeklagten ex-Kassierin der katholischen Kirchgemeinde Grellingen auf.

Die Basler Zeitung greift in ihrem Bericht über die E-Trottinett-Anarchie auf ein OnlineReports-Interview zurück.

In ihrem Bericht über die Hühnerhaltung auf einem Basler Mehrfamiienhaus nimmt die BZ Bezug auf eine frühere Recherche von OnlineReports.

Die BZ bezog sich in ihrer Recherche über die Abgänge von Kaderärzten am Kantonsspital Baselland auf einen Bericht in OnlineReports.

Die BZ berief sich in einem Bericht über die Massenkündigungen am Schorenweg auf eine OnlineReports-News.

Die Schweiz am Wochenende und die Basler Zeitung haben die OnlineReports-News über den Bombenalarm am EuroAirport aufgenommen.

Das SRF-Regionaljournal, Telebasel, die Schweiz am Wochenende und Prime News haben den OnlineReports-Primeur über die Schliessung des Basler Kinos "Rex" nachgezogen.

In ihrem Bericht über den Gelterkinder Antennenposter-Streit bezog sich die Basler Zeitung auf OnlineReports.

Die BZ nahm die OnlineReports-News über den Rücktritt der Basler Unispital-Verwaltungsrätin Irmtraut Gürkan aus dem Vorstand des Universitäts-Klinikums Heidelberg auf.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


Paola Gallo, die ehemalige Geschäftsleiterin von "Surprise", übernimmt per 1. Oktober 2019 die Geschäftsführung der Job Factory Basel AG und der Stiftung Job Training.

Der 19-jährige Geografie- und Geschichtsstudent Nino Russano wird als Nachfolger von Nicolas Eichenberger neuer Präsident der Juso Basel-Stadt.

Der Basler Bürgerrat hat eine spürbare Senkung der Einbürgerungsgebühren beschlossen, von der sowohl ausländische als auch Schweizer Bewerbende profitieren.

Die Verlängerung der BVB-Tramlinie 3 nach Saint-Louis kostete rund 84 statt 93,7 Millionen Franken und ist somit um fast zehn Millionen Franken günstiger als geplant.

Die Baselbieter Regierung beantragt dem Landrat, dem Staatspersonal per 1. Januar 2020 einen Teuerungsausgleich von 0,5 Prozent auszurichten.

Die Forscherin Michaela Kneissel nimmt anstelle des Ende Jahr ausscheidenden Ulrich Vischer Einsitz im Universitätsrat der Universität Basel.

Nach dem Rücktritt der neuen Basler Regierungsrätin Tanja Soland aus dem Grossen Rat rückt die ehemalige Juso-Präsidentin Jessica Brandenburger ab 1. Dezember ins Parlament nach.

Die ausserordentliche Mitgliederversammlung des Jungen Grünen Bündnisses Nordwest vom 3. November 2019 wählte als Nachfolger von Dominik Beeler Simon Fankhauser in das Co-Präsidium.

Zu sieben Fällen von Sachbeschädigungen an Autos kam es in der Nacht von Freitag auf Samstag, 2. November, in der Umgebung der Tramhaltestelle "Vogesenstrasse" in Reinach.

Der Gemeinderat von Riehen erwartet für die Planperiode 2020 bis 2023 jährliche Defizite von 1,3 bis 2,5 Millionen Franken.

Susanne Wäfler-Müller (42) wird ab dem 1. Mai 2020 die Führung der Kantonsbibliothek Baselland übernehmen und auf Gerhard Matter folgen, der im Frühjahr in den Ruhestand gehen wird.

Zu Beginn des Schuljahrs 2021/22 wird Informatik als obligatorisches Fach in allen Baselbieter Gymnasien eingeführt.

Die SP Baselland empfahl an ihrer Delegiertenversammlung vom 22. Oktober, im zweiten Ständerats-Wahlgang die grüne Maya Graf zu wählen.

Die Grünen Liestal und Umgebung haben Marie-Theres Beeler an der Mitgliederversammlung vom 22. Oktober für die Legislatur 2020-2024 für den Stadtrat nominiert.

Am 9. August 2019 hat Eva Meuli dem Landrat ihren Rücktritt als Präsidentin der Abteilung Sozialversicherungs-Recht des Kantonsgerichts Basel-Landschaft per 31. März 2020 erklärt.

Am 14. Oktober, lediglich drei Wochen nach Ausschreibung der Publikumsöffnung der ADEV Ökowärme AG, waren alle 3000 neu ausgegebenen Namenaktien gezeichnet.

Die Universität Basel richtet am 1. Februar 2020 mit dem Biologen Carsten Gründemann eine Stiftungsprofessur für translationale Komplementärmedizin ein.

Wechsel in der Geschäftsführung der Suchthilfe Region Basel: Barbara Held übernimmt die Leitung per Januar 2020, nachdem Walter Meury – ein Pionier in der Suchtarbeit – Ende Jahr in den Ruhestand geht.

Der Basler Regierungsrat Hans-Peter Wessels, Riehens Gemeindepräsident Hansjörg Wilde und Gemeinderat Daniel Hettich haben die erneuerte Lörracherstrasse in Riehen feierlich eingeweiht.

Veronica Schaller
, frühere Basler Sanitätsdirektorin und zuletzt Kulturbeauftragte der Stadt Bern, wurde zur neuen Präsidentin von "Curaviva Basel-Stadt", dem Verband der Basler Alterspflegeheime, gewählt.

Designierte Verwaltungsratspräsidentin der Schweizerischen Rheinhäfen ist Martina Gmür, Petra Mösching wird Mitglied des Verwaltungsrats.

Der Verein Region Oberbaselbiet wählte den aus dem Fricktal stammenden Gerry Thönen, der die Oberbaselbieter Gemeinden bis zur Gründung des Regionalvereins betreute, zum Geschäftsführer.

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 70-Jahr Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel organisiert die Schweizer Botschaft in Israel im September diverse Anlässe mit Bezug zu Basel.

Die Parteileitung des CVP-Wahlkreises Liestal hat einstimmig beschlossen, Elisabeth Augstburger für die Ständeratswahlen vom 20. Oktober zu unterstützen.

Schweizerische Rheinhäfen: Benedikt Weibel hat seinen Rücktritt als Verwaltungsrats-Präsident per 31. Dezember 2019 bekannt gegeben; Martin Dätwyler, Direktor der Handelskammer beider Basel, trat per 30. Juni zurück.