"Eine liberale Tendenz": Bachem-Chef Peter Grogg

Schwarze Zahlen auf dem weissen Laboranten-Mantel

Bachem-Gründer Peter Grogg machte aus dem Zwei-Personen-Betrieb mit unstillbarer Lernfähigkeit eine Ertragsperle


Von Peter Knechtli


Er begann Anfang der siebziger Jahre mit einem Zwei-Personen-Betrieb. Heute leitet Peter Grogg (56) in Bubendorf BL ein Peptid-Unternehmen der Weltspitze, das seinen Eigentümern nach dem neulichen Börsengang noch viel Freude bereiten dürfte.


Die Krawatte bindet er sich für offizielle Fototermine und Anlässe um. In den Betrieben treffen ihn seine 320 Mitarbeiter meist in lockerem Tenü: "Statussymbole bedeuten mir nichts", sagt Peter Grogg. Sein Mercedes, sein Morgan, sein Refugium im Gstaad und seine einen Steinwurf über dem Firmensitz gelegene Villa mit Hallenbad und palmenbestückten 100-Quadratmeter-Wintergarten dienen ihm lediglich zur Selbstverwirklichung: "Ich lebe gern komfortabel."

Verschiedene Toiletten für Laboranten und Chemiker

Etwas Stolz schwingt dennoch mit, wenn er die Erfolgsstory seines Unternehmens für Pharmawirkstoffe und Biochemikalien mit 75 Millionen Franken Umsatz (1997) schildert. Denn Peter Grogg hat die Zeiten praktizierten Standesdünkels, unter denen er die Laborantenlehre in der damaligen Ciba absolvierte, in heller Erinnerung. "Dort gab es Chemikertoiletten und Laborantentoiletten." Was ihn noch mehr störte: Als Laborant hatte er damals keinen Zutritt zur wissenschaftlichen Bibliothek. Auch "als Protest" trug er eine - Akademikern vorbehaltene - weisse statt graue Berufsschürze, worüber sich diese im Versteckten mokierten.

Peter Grogg, jüngstes von sieben Kindern, wollte mehr - innerlich getrieben durch die strenge Erziehung, die er als "Grundlage des Erfolgs" bezeichnet. Sein Vater, gelernter Schlosser und Allein-Transportunternehmer, trichterte ihm ein, wie Hürden überwunden werden: "Was du nicht kannst, das lernst du." So nahm er mitten im Minerva-Abendstudium die Chance wahr, mit Robert Schwyzer, dem damaligen Forschungschef der Ciba-Peptidchemie, an die University of Washington nach Seattle zu ziehen, wissenschaftlich zu arbeiten und Peptide zu synthetisieren. "In der Peptidchemie", machte sich Grogg zum Motto, "muss ich Spitze werden, um überdurchschnittliche Leistungen vollbringen zu können". Später, als Abteilungsleiter in einem Betrieb in Los Angeles, "hatte ich schon Chemiker unter mir".

Mit Zwei-Personen-Firma in eine Marktlücke

Als Grogg, nach knapp sieben Jahren USA-Aufenthalt, mit einem gut gefüllten Rucksack in die Schweiz zurückkehrte und 1971 mit einer Ersparnis von 50'000 Franken den Schritt ins Unternehmertum wagte, stiess er in eine Marktlücke. Seine Frau besorgte die Administration, er den Rest - von der Produktion über die Kundenbesuche bis zur Lösungsmittel-Entsorgung im Fiat-Stationswagen. Viele der Ciba-Kollegen, die damals die sichere gutbezahlte Stelle in der Grosschemie vorzogen, seien "heute frühpensioniert".

Peter Grogg dagegen steht auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Berufskarriere. Ein Vertrauter: "Er hat alle Qualitäten, die ein guter Unternehmer haben muss: ein sehr gutes Gefühl für Zahlen, ein gutes Gedächtnis und eine sehr wache Beobachtungsgabe."

Profitabelstes Chemieunternehmen der Schweiz

Als Chef des profitabelsten Chemieunternehmens der Schweiz leitet er einen Betrieb, der über 7'000 Produkte in seinem Katalog führt ("jeden Tag kommen ein bis zwei neue dazu"), Produktions- und Marketingniederlassungen in den USA, England, Deutschland und Frankreich betreibt und die grossen Pharma-Firmen, Universitäten und Forschungsanstalten vor allem mit Peptiden beliefert. Die pharmazeutischen Wirkstoffe werden gegen Krankheiten wie Prostatakrebs, Diabetes oder Osteoporose eingesetzt.

Streng ergebnisorientiert, ohne rhetorischen Firlefanz und mit Ruhe ("Ich schreie nie jemanden an") leitet Peter Grogg seine Gruppe. Gemäss dem Motto, Kompetenzen selbst zu erlangen, zieht der Selfmademan "praktisch keine Anwälte" zu und ist damit "dennoch meist sehr gut gefahren".

Höchstpreis 25mal überzeichnet

Doch nun, im Alter von 56 Jahren, sah der Vater zweier Töchter die Zeit gekommen, sein Unternehmen für die fernere Zukunft und die Oeffnung der Märkte zu rüsten. Erst trat er per Jahresende 1997 als operativer Chef des Hauptsitzes zurück, dann folgte der bisher entscheidendste Schritt der Firmengeschichte: Am 18. Juni ging Bachem an die Börse, was ihr 80 Millionen Franken und einen immensen Zuspruch eintrug: Der angebotene Höchstpreis wurde 25mal überzeichnet, der von Analysten als hoch eingeschätzte Emissionspreis von 1'135 Franken schnellte nach zwei Wochen auf den bisherigen Höchstpreis von 2'280 Franken.

"Ich ging nicht an die Börse, um Kasse machen", begegnet Peter Grogg vorsorglich Vermutungen, "sondern das Ziel sind höhere Marktanteile und die Gewinnung kompetenter Fachleute". Die Expansion wird am Bubendörfer Hauptsitz auch sichtbar: In den kommenden Jahren werden ein Produktionskomplex und ein Bürohaus gebaut.

Anreizorientierte Personalpolitik

Angesagt ist Wachstum: Soeben legte Bachem mit 30 Prozent Umsatzplus und einem um 37 Prozent erhöhten Betriebsgewinn ein brillantes Halbjahresergebnis vor. Besonders gefragt: Generika und Forschungschemikalien.

Dass er als Chef eines börsenkotierten Unternehmens der Oeffentlichkeit jetzt zu mehr Rechenschaft und Transparenz verpflichtet ist, stört den asketisch wirkenden Gern-Esser und Tennis-Liebhaber keineswegs. Bei den famosen Zahlen fiel es ihm schon bisher leicht, über die Entwicklung seines Lebenswerks zu berichten. Dazu gehören nicht nur die innovativen Produkte und Verfahren, dazu gehört auch eine anreizorientierte Personalpolitik, die Identifikation, Leistungsbereitschaft und Firmentreue fördert.

75 Millionen Franken Börsenwert gehört dem Personal

"An Bachem sind praktisch alle Mitarbeiter beteiligt", erwähnt Peter Grogg nicht ohne Stolz das Aktien-Programm. So hat ein Laborant innerhalb von zwanzig Jahren durchaus die Aussicht auf 20 Gratis-Aktien. Sechs Prozent der Bachem-Papiere sind in Mitarbeiterbesitz - dies bei einer Börsenkapitalisierung von 1,25 Milliarden Franken: Mindestens ein Dutzend Bachem-Kader dürften Börsen-Millionäre sein. Beim Going public hatten alle Angestellten auch die Möglichkeit, Aktien zum Ausgabepreis von 1'135 Franken zu kaufen. Als Grogg vor wenigen Monaten 30'000 Aktien zum wundersamen Preis von 400 Franken erwerben konnte, bot er seinen Mitarbeitern mehrere tausend Titel davon ohne Aufpreis an.

Mit 56 Prozent immer noch Mehrheitsaktionär, sieht Grogg in einer ungewöhnlich offensiven Erfolgsbeteiligung der Mitarbeiter ein vielversprechendes Modell gegen die Ausspielung der Börsenprofiteure gegen die schuftenden Habenichtse: "Statt die Kapitalgewinne zu besteuern, sollte man möglichst alle Leute an diesem System beteiligen." Aktien als Alterssicherheit: Valoren der eigenen Firma, so Groggs Diversifizierungsansatz, könnten durchaus Teil der Beruflichen Vorsorge sein.

Ein global denkender Unternehmer

Wenn er sein Motivationskonzept erklärt, betont er zwischendurch, er sei "etwa kein Linker". Vielmehr habe er als Parteiloser "eine liberale Tendenz". Christoph Blocher, den er als Vorstandskollegen der Schweizerischen Gesellschaft für chemische Industrie kennt, attestiert er beeindruckt, "die Kunst des Volkstribuns zu beherrschen". Peter Grogg ist das schiere Gegenteil: Oeffentliche Aemter oder - vom Börsengang abgesehen - Publikumsgunst suchte er nie. Auch ist er ohne jeden Vorbehalt für einen Beitritt der Schweiz zu EU und Uno. Als global tätiger Unternehmer hört sein Horizont nicht an der Landesgrenze auf: "Ich sehe mich eher als Bürger von Europa oder der Welt. Ich könnte überall leben."

19. August 1998


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