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"Diese Herren da oben": Aktionär Rudolf Weber, CEO Roland Lösser (ganz links)

Zappeln auf dem schmalen Grat

Ausser Absichtserklärungen ist bei Clariant von einem Turnaround noch nichts zu spüren


Von Peter Knechtli


Der Feinchemie-Konzern Clariant mit Sitz in Muttenz will mit der Kapitalerhöhung und einem Restrukturierungsprogramm schwer belastende Kapital-Fehler der Vergangenheit korrigieren. Doch der Abbau von 4'000 Stellen weltweit garantiert noch keinen Aufschwung. Dafür bekamen Verwaltungsrat und Management die Wut der Aktionäre zu spüren.


"Die Stimmung im Saal kann plötzlich kehren", kommentierte ein erfahrener Wirtschaftsführer kurz vor der Clariant-Generalversammlung vom vergangenen Freitag.

Es kam zwar nicht zum Aufstand der Investoren, aber so gereizt war die Stimmung noch an keiner Clariant-Generalversammlung seit Bestehen des aus Sandoz ausgegliederten Spezialchemiekonzern. "Diese Suppe ist ungeniessbar", empfingen Flugblätter der Gewerkschaft GBI die Eigner vor dem Basler Kongresszentrum. Statt auf blanke Ablehnung stiessen die Gewerkschafter auf ungewöhnliche Zustimmung.

Applaus für scharfe Management-Kritik

Im Versammlungssaal erinnerte sanfte U-Musik nicht im Entferntesten an ungeniessbare Suppen. Doch als Präsident Robert Raeber ("Clariant seht heute viel besser da als vor einem Jahr") und CEO Roland Lösser dazu ansetzten, Handlungsentschlossenheit, Wachstums-Willen und Aufbruchstimmung zu signalisieren, wars mit der Harmonie vorbei. Der Gewerbetreibende Rudolf Weber aus Rheinfelden, der laut eigenem Bekunden sein ganzes Alterskapital in dümpelnde Clariant-Aktien angelegt hat, forderte zehn Minuten, um stellvertretend für viele im Saal Verwaltungsrat und Management die Leviten zu lesen. Er spreche für zahlreiche weitere Anwesende im Saal und für Mitarbeitende, die sich öffentliche Kritik am Unternehmen nicht leisten könnten.

"Diese Herren da oben benehmen sich menschen- und mitarbeiterverachtend!", rief Weber in das mäuschenstille Plenum. "Ein Skandal" sei es, dass der vergangenes Jahr gefeuerte Konzernchef Reinhard Handte für seine "miserable Leistung" noch mit einer Millionenentschädigung honoriert worden sei. Auch Handtes Nachfolger Lösser bekam sein Fett ab: Als Finanzchef habe er "massgeblich zu diesem Desaster beigetragen". Im Vergleich zur viel kleineren Ems-Chemie sei der Gewinn von 160 Millionen Franken unbedeutend, klagte Weber und erntete mit seinem Votum beträchtlichen Aktionärs-Applaus.

Als Präsident Raeber, der letztes Jahr auf die Hälfte seines Verwaltungsratshonorars verzichtete, den widerborstigen Investoren an die abgelaufene Redezeit erinnerte, brach im Saal breiter Protest aus: "Bravo!", "Weiter reden!"

Gefasste Reaktion der Konzernspitze

Die Konzernspitze reagierte gefasst: Wer wie Clariant einem egomanischen CEO 2,6 Millionen Franken Jahresgehalt zahlt, ihn beim Abgang mit 3,3 Millionen Franken entschädigt und gleichzeitig den weltweiten Abbau von 4'000 Stellen bis Ende 2005 bekannt gibt, muss mit der entsprechenden Quittung rechnen.

"Dieses Jahr standen wir noch draussen vor der Tür. Wenn sich nichts ändert, sind wir nächstes Jahr drinnen im Saal", kündigte GBI-Sekretär Mathias Bonert an, dass kaum bald mit Ruhe zu rechnen ist.

Stark verunsicherte Mitarbeitende

Das wundert nicht: Mit ihrer internen Informationspolitik schürt Clariant die Verunsicherung. Obschon das Stellenstreich-Konzert vor mehr als einem Monat bekannt gegeben wurde, wissen die 27'000 Mitarbeitenden noch immer nicht, wer wo abgebaut wird. Bekannt sind dafür die Abbauquoten: Mit 22 Prozent muss die Administration am meisten bluten, gefolgt von Services (18 Prozent Abbau) sowie Produktion und Versorgung mit 14 Prozent. Bei solcher Verunsicherung kommt die Gefahr auf, dass sich die Belegschaft nicht mehr mit dem Geschäft, sondern vor allem mit sich selbst beschäftigt.

Auch die Schweiz bleibt vom Abbau nicht verschont: Schon seit geraumer Zeit rechnet Gewerkschafter Bonert damit, dass Clariant am Standort Schweizerhalle 150 bis 180 Arbeitsplätze oder 30 Prozent der Produktionsstellen in den Bereichen Farben und Pigmente aufhebt. Grosses Abbaupotenzial besteht in Deutschland, dem Zentrum der einverleibten Hoechst-Sparte.

Aus Asien droht starke und billige Konkurrenz

Der Konzern sieht sich einem branchenübergreifenden Trend ausgesetzt: Die Produktion verlagert sich in Billiglohnländer, vor allem nach China, wo Clariant wie Lokalkonkurrent Ciba SC schon zahlreiche Standorte betreiben und noch neu eröffnen werden. "Im Bereich der Farbstoffe gibt es keine neue Forschung und Entwicklung mehr. "Es ist das Ende der Stange", erläutert ein Forschungschemiker. "Es gibt keinen Grund mehr, in der Schweiz Farben herzustellen, das können alle."

Zwar kündigte Ciba vergangenen November an, die Farbstoff-Produktion in Basel mit 15 Millionen Franken zu "modernisieren" (so Ciba-Sprecher Thomas Gerlach). Doch die Investition bezweckt automatisierte Produktionsprozesse und die Folge ist ein Verlust von 150 bis 200 Stellen. Insgesamt "stabil" sollen Produktion und Arbeitsplätze der Ciba in der Schweiz bleiben.

Noch keine positiven Konjunktur-Aussagen

Aber der Fokus liegt längst nicht mehr in der Schweiz, wie Ciba jüngst deutlich machte, indem sie im Verwaltungsrat einen Schweizer durch einen Amerikaner ersetzte. In "Asien, Asien, Asien" (Gerlach) befänden sich die Zukunftsmärkte, aber auch in den Golfstaaten sowie in den Ländern der EU-Osterweiterung. Was den Spezialchemiefirmen jedoch fehlt, ist der lang ersehnte konjunkturelle Aufschwung, der sich bei ihnen früher bemerkbar macht als in andern Branchen. Die Ciba-Prognosen sind verhalten: Der Konzern sieht, wie er Anfang Februar festhielt, zwar "erste Zeichen eines Aufschwungs in ihren Kundenindustrien", kann aber "noch keine Signale einer nachhaltigen Verbesserung des globalen Wirtschaftsumfelds wahrnehmen". Auch Clariant-Chef Lösser meldet "vorsichtigen Optimismus", doch sei es zu früh, eine globale Verbesserung der Entwicklung zu vermelden.

In dieser Zeit des Verharrens aber ist Ciba Spezialitätenchemie (Betriebsgewinn 2003: 570 Millionen Franken) deutlich besser positioniert als Clariant, weil sie die Zeichen der Zeit schneller erkannte und Restrukturierungsprogramme früher umsetzte. Zudem hat Ciba überzahlte Akquisitionen verdaut – im Gegensatz zu Clariant, die immer noch an den vier Milliarden nagt, den der Kauf des unattraktiven britischen Vielspartenkonglomerats BTP verschlang.

Milliardenschwere Schuldenlast abbauen

Hoffnungsschimmer ist die am Freitag beschlossene Kapitalerhöhung. Sie spült über 900 Millionen Franken in die Kassen der Clariant, was ihr erlaubt, die Kapitalbasis auf einer Eigenkapitaldecke von immer noch dünnen 15 Prozent zu verbessern, die Schulden bis Ende Jahr unter zwei Milliarden zu drücken und beim geplanten Verkauf weiterer als weniger wichtig definierter Geschäftseinheiten nicht unter Zeitdruck schlechte Erlöse in Kauf nehmen zu müssen. Bis Ende 2007 will der Konzernchef das operative Ergebnis um 400 Millionen Franken verbessern.

Lösser, von den Gewerkschaften recht gut gelitten ("er brachte Ruhe in den Laden, aber der Verkauf und Abbau geht weiter"), sieht dann seine "neue Clariant" verwirklicht. Bis er den Turnaround geschafft hat, will der Finanzmann CEO bleiben. Doch von einem Abheben vom Ende der Stange ist derzeit noch nichts zu spüren, wie zwei Rentner auf dem Weg zur Generalversammlung feixten: "Die zappeln und wandern gleichzeitig auf einem schmalen Grat."

4. April 2004


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