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Dokumente des guten Willens: Humer-Video (links), Novartis-Kodex-Broschüre

Pharma-Kader büffeln Ehren-Wörter

Ethik als Chef-Sache: Der Roche-Kartell-Skandal entfacht über die Branche hinaus ein neues Bewusstsein


Von Peter Knechtli


Die verschärften Wettbewerbs-Gesetze und Kartellskandale wie die Vitamin-Preisabsprachen von Roche zeigen Wirkung: Die Unternehmensleitungen von Roche und Novartis erklären die Schärfung ethischen Bewusstseins zur Chef-Sache. Roche-Chef Franz Humer will intern gar einen "Kulturwandel" herbeiführen. Auch andere Schweizer Grossunternehmen kehren in sich, denn Sittenverstösse können sehr teuer werden.


Als würde er gleich die Botschaft an die Nation verkünden, blickt Franz Humer, Konzernchef von Hoffmann-La Roche, in die Kamera. Schwarzer Anzug, goldene Krawatte, blauer Hintergrund. Und dann hebt er an: "Willkommen meine Damen und Herren."

Das Fünf-Minuten-Video des Pharma-Topmanagers ist aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern an die eigene Belegschaft gerichtet. Humers Kern-Aussage: Der Anspruch, einen Platz an der Firmen-Weltspitze einzunehmen, ist untrennbar mit der strikten Beachtung der ethischen und gesetzlichen Bestimmungen verknüpft.

Humers Statement ist Teil einer umfassenden Bewusstseins-Offensive, die Roche vor sechs Wochen in Gang setzte: Weltweit gegen 3'000 Mitarbeiter werden bis Jahresende durch ein interaktives Programm samt Erfolgskontrolle geschleust. "Aus aktuellem Anlass" (so Roche-Sprecher Peter Wullschleger) startet das Programm in der angeschlagenen Vitamin-Division, wo die ethische Lektion kaskadenartig vom Top-Management über Linienverantwortliche an die Basis vermittelt wird.

Horror-Fiktion: Diktatur des Stärkeren

Ohne Umschweife macht die Roche-Nummer eins auch klar, weshalb ihre elektronische Botschaft über den ethischen Soll-Zustand unumgänglich war: Als Folge jahrelanger illegaler Preisabsprachen in der Vitamin-Division ist der Basler Pharmakonzern nach dem Seveso-Giftskandal Mitte der siebziger Jahre zum zweiten Mal mit einem Mega-Debakel konfrontiert. Auf den Erfolgskonzern warten Sammelklagen und Bussen in Höhe von über zwei Milliarden Franken.

Schlagartig rückte der Kartell-Sündenfall eine Horror-Fiktion ins öffentliche Bewusstsein: Supermächtige Weltunternehmen, die abgehoben und ohne Rücksicht auf die demokratischen Regeln ihre eigenen Erfolgsgesetze definieren; selbstherrliche Manager, die vor keinem Mittel zurückschrecken, solange es wirtschaftlichen Erfolg verspricht; ein korrupter Justizapparat, der nicht mehr in der Lage ist, Gesetzesverstösse multinationaler Konzerne adäquat zu ahnden.

Für Bernhard Waxenberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen, ist der Fall Roche kein Beleg dafür, dass die ethische Basis wirtschaftlichen Handelns generell erodiert. Vielmehr seien heute in der Wirtschaftswelt zwei gegenläufige Tendenzen erkennbar. Zum einen zunehmend unmoralisches Verhalten als Folge von Wettbewerbsdruck und Überlebenskampf. Zum andern aber "die Sensibilität aller Marktteilnehmer gegenüber einem ethisch orientierten Wirtschaften". Waxenberger: "Dieser Trend nimmt deutlich zu."

"Ethik muss Handeln vorgelagert sein"

In US-Firmen ist die Präsenz ethischer Grundsätze seit Jahren gang und gäbe. Allerdings, schränkt Waxenberger ein, hätten diese Glaubenssätze eher oberflächliche Bedeutung: Ethik als blosse Strategie zum Erfolg. Das St. Galler Institut definiert den Begriff grundsätzlicher: "Nach unserer Auffassung ist Ethik jeglichem wirtschaftlichen Handeln vorgelagert."

Diese Vorgabe will sich auch Roche zu eigen machen. Sprecher Wullschleger bekräftigt, dass "der Vitamin-Fall nicht mit einem Fall Roche gleichgesetzt werden darf". Schon seit Anfang der neunziger Jahre, als international verschärfte Wettbewerbsgesetze in Kraft traten, hätten schriftliche Regeln zum ethischen Handeln verpflichtet. Wullschleger: "Als der Vitamin-Fall kam und sich gewisse Manager über diese Regeln hinwegsetzten, mussten wir einen Zacken zulegen."

Seither büffeln Vitamin-, und Pharma-und Marketing-Manager Ehren-Wörter - auf Geheiss von ganz oben: Ethik ist bei Roche Chef-Sache. Konzernherr Humer nimmt sich Fragen von Mitarbeitern persönlich an, auch studiert er sämtliche Protokolle der Feedback-Sitzungen.

Schweigen kann Entlassung bedeuten

Laut Bruno Maier, dem Chef der Roche-Rechtsabteilung, wird das Programm "von den Mitarbeitern recht positiv aufgenommen". So habe sich die Zahl der internen Verhaltens-Anfragen an die Roche-Juristen innerhalb weniger Wochen "exponentiell erhöht". Indes habe sich bisher noch niemand als selbsterkannter Rechtsbrecher geoutet.

Doch Schweigen kann die Stelle gefährden: Jeder Mitarbeiter, der an Programm teilnimmt, muss eine Erklärung unterschreiben, wonach er im kritischen Fall den Chef der Rechtsabteilung konsultieren muss. Maier: "Wenn er nicht zu mir kommt, gibt es Disziplinarmassnahmen bis hin zur Entlassung."

Eindruck: Mehr als nur Papier

Bis zum Beweis des Gegenteils erscheinen die Roche-Massnahmen glaubwürdig und kraftvoll. Nicht nur ist der ethische Aspekt durch Ausbildung und verstärkte Überwachung via Interne Revision aufgewertet, sondern auch allgegenwärtiges Thema in internen Publikationen.

Anhand von Fallbeispielen listet ein soeben gedruckter 26seitiger "Leitfaden zum Wettbewerbsrechts" detailliert auf, was erlaubt und was verboten ist. Beispiele:

Verboten ist die gemeinsame Festsetzung von Einkaufs- und Verkaufspreisen ebenso wie der gemeinsame Beschluss zu Preiserhöhungen.

Verboten ist der Austausch von preisrelevanten Informationen mit Wettbewerbern.

Verboten sind die Marktaufteilung sowie die Abmachung, an bestimmte Kunden nicht zu liefern oder von bestimmten Lieferanten keine Ware zu beziehen.

Laut Chef-Jurist Bruno Maier ist der Bewusstseins-Offensive damit nicht abgeschlossen: "Wir wollen einen Kulturwandel herbeiführen. Die Leute sollen über Ethik reden."

Doch Roche will es auch nicht beim Kartell-Knigge im bewenden lassen: Die nächste Broschüre beschäftigt sich mit Korruption, die auch durch die hängige Revision des Strafgesetzbuchs in die Schranken gewiesen wird.

Auch Novartis fordert mehr ethisches Format

Im Bemühen, Vertrauen durch ethisch professionellen Umgang zu gewinnen, steht Roche keineswegs allein da. Neben vielen andern Grossunternehmen wurde auch die Branchenschwester Novartis aktiv - wenn auch in geringerer Intensität. Dieser Tage bediente der Fusionskonzern seine Angestellten mit einem zwölfseitigen Zwölf-Punkte-Kodex. Auffällig: Am meisten Raum nimmt die Kartell-Problematik ein, die auch bei Novartis einen sensiblen Status einnimmt. In den USA zumindest angekündigt ist eine gigantische, auch gegen Novartis gerichtete Saatgut-Kartellklage in Milliardenhöhe.

Für Mathias Bonert, Sekretär der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI), besteht "kein Zweifel", dass der Novartis-Kodex eine direkte Reaktion auf die aktuellen Kartell-Klageserie ist. Der zuständige Novartis-Jurist Peter Tobler widerspricht: Die Kartell-Richtlinien der ehemaligen Sandoz und Ciba seien "noch ausführlicher" gewesen. Zudem war der Kodex schon am 26. August vom Verwaltungsrat genehmigt worden.

Mit einem Pensum von 30 bis 40 Prozent seiner Arbeitszeit ist Tobler die Drehscheibe der Ethik-Vermittlung bei Novartis. Aber auch Chef Daniel Vasella nimmt sich des Themas an. Novartis betrachte es als ihre Aufgabe, "Patienten und Kunden Mehrwert zur Verfügung zu stellen", notierte er im Kodex-Vorwort. Vom Mehrwert der Aktionäre sprach er diesmal nicht.

3. November 1999


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