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"Aus dem Umfeld herausgewachsen": Basler Denkmalschützer Schneller

Auch wichtige Denkmalschutz-Objekte sind nicht mehr tabu

Im Zeitalter des Hochhauses steht in Basel der Schutz bedeutender Gebäudesubstanz im Gegenwind


Von Christof Wamister


Daniel Schneller, Basler Denkmalpfleger seit 2010, macht gerne auch Abstecher in die Musik und will den Baslerinnen und Baslern am bevorstehenden Tag des Denkmals ein Quartier in seinen ganzen historischen Bezügen nahebringen. Denn es gebe seit einiger Zeit eine Tendenz, auch unbestrittene Baudenkmäler in Frage zu stellen.


"Es ist wieder salonfähig geworden, wichtige Objekte in Frage zu stellen." Das sagt Basels neuer Denkmalpfleger Daniel Schneller (46), der seit zwei Jahren im Amt ist, zur Situation beim Denkmalschutz und der Erhaltung von Baudenkmälern. Dabei gehe es nicht nur um die Aussenquartiere und Bauten der Jahrhundertwende, sondern auch um den Perimeter der Altstadt.

Schneller nennt als Beispiel die Auskernung von Altstadthäusern, die Diskussion um die Kaserne oder die ab und zu wieder auftauchende Idee, die Mittlere Brücke wegen der Rheinschiffahrt abzubrechen oder zu verändern. Dabei gebe es bereits in der Schleuse von Kembs einen vergleichbaren Engpass.

Etwas offener sieht Daniel Schneller dagegen die Idee eines Rheinuferwegs unterhalb der zentralen Front der Grossbasler Altstadt. Die Denkmalpflege werde sich daran nicht die Zähne ausbeissen. Wenn der Weg wirklich einem Bedürfnis entspreche, müsse man eine Lösung finden, die sich in die Situation gut integriere und sich später vielleicht auch wieder entfernen lasse.

Der Denkmalpfleger und die Sinfonie

Daniel Schneller ist kein Dogmatiker, der nur auf Baudenkmäler fixiert ist. Er ist in der Region aufgewachsen und über die Etappen Kopenhagen, Obwalden und Winterthur wieder nach Basel zurückgekehrt. An den letztgenannten beiden Orten war er bereits Denkmalpfleger. Aus Winterthur hat er die Idee mitgebracht, den Tag des Denkmals – dieses Jahr am kommenden 8. September – jeweils etwas anders zu gestalten, als er vom schweizerischen Thema her vorgegeben ist.

Letztes Jahr hat er erfolgreich den Münsterplatz und seine Umgebung zum Thema gemacht, dieses Jahr ist es die St. Alban-Vorstadt. Das nationale Motto "Stein und Beton" kommt mit der Münsterbauhüte im St. Albantal immerhin auch zum Zug.

Daniel Schneller denkt gerne über sein eigenes Fach hinaus. Er hat eine Dissertation über den Begriff des Gesamtkunstwerks bei Richard Wagner geschrieben. Ihn interessieren die Wechselwirkungen zwischen den Gattungen und Protagonisten innerhalb einer Epoche: "Am Tag des Denkmals wollen wir zeigen, dass das Gebaute aus dem kulturellen Umfeld herausgewachsen ist." So gibt es zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen dem Maler Arnold Böcklin und der St. Alban-Vorstadt. Schneller demonstriert seinen fächerübergreifenden Ansatz gleich selbst, indem er in einem Mittagskonzert die Arnold-Böcklin-Sinfonie des Basler Komponisten Hans Huber erläutert. 

Starke Stimmung in der Bevölkerung

Dennoch kommt der Denkmalpfleger nicht von seinem Hauptgeschäft ab. "Baudenkmäler sind wichtige Zeugen einer Epoche", definiert er. Man kann an ihnen Entwicklungen und Zusammenhänge ablesen, und sie schaffen Identität.

Er ist sich allerdings nicht sicher, ob sich der Zeigeist wirklich von Bestand und Erinnerung abgewendet habe. Gewiss sei heute nach einer Phase der Erhaltung baulich wieder mehr möglich. Es dürfen wieder Hochhäuser gebaut werden. Auf der anderen Seite gebe es gerade in Basel eine starke Stimmung in der Bevölkerung für die Erhaltung der bestehenden Bausubstanz. Das habe er zum Beispiel gespürt, als die Denkmalpflege im Juni gegen den möglichen Abbruch des Wohnhauses Gundeldingerstrasse 428/30 intervenierte und es für ein Jahr provisorisch unter Schutz stellte. Immerhin ist der romantische Bau von 1897 bereits seit 1986 im Inventar der neueren Schweizer Architektur (INSA) verzeichnet.

Vollständige Inventarisierung bis 2014

In der Politik und Praxis des Denkmalschutzes zeichnen sich subtile Veränderungen ab. Gemäss dem Entwurf zum revidierten Denkmalschutzgesetz soll die Unterschutzstellung eines Bauwerkes und die damit verbundenen Subventionen durch einen Vertrag zwischen dem Eigentümer und der Behörde geregelt werden. Eine Unterschutzstellung gegen den Willen eines Eigentümers wird aber weiterhin möglich sein.

Das Bundesgericht hat geregelt, wie weit der Eingriff finanziell gehen darf. Zuerst muss die Denkmalpflege aber wissen, was in Basel noch schutzwürdig ist. Zu diesem Zweck wird in einem abgekürzten Verfahren bis 2014 ein Inventar der Gebäude erstellt, die dafür in Frage kommen. Schneller: "Wir möchten Klarheit haben, welche Objekte relevant sein könnten."

Trotz bedeutender kunstgeschichtlicher Arbeiten gibt es zum Beispiel bis jetzt noch kein entsprechendes Inventar der Basler Altstadt. Erfasst werden aber auch vor allem die Aussenquartiere mit ihren Bauten aus der Jahrhundertwende und der Moderne. Die Eigentümer werden darüber informiert, dass ihr Gebäude in das Inventar aufgenommen wurde, was aber noch keine Rechtswirkung hat. Der Akzent in der Arbeit der Denkmalpflege liegt somit vorerst auf der Erstellung dieses Inventars. Laufende Verfahren zur Unterschutzstellung gibt es laut Daniel Schneller – abgesehen vom Sonderfall Gundeldingerstrasse – zur Zeit keine.

Info
Europäischer Tag des Denkmals, Basel, 8. September: Informationsstand der Basler Denkmalpflege am St. Alban-Rheinweg 78-84, 8.30 bis 16 h; mit Anmeldung zu den einzelnen Führungen. Informationen über Veranstaltungen in Baselland auf www.nike-kultur.ch

30. August 2012


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