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"Vergiss mich": Zwangsverheiratete Leila X.

"Leila, jetzt bist du verheiratet!"

Zwangsverheiratet in Basel: Eine Türkin berichtet über ihre bitteren Erfahrungen


Von Beat Stauffer


Weil er seine zwangsverheiratete Ehefrau vorletzten Sommer mit dem Hammer erschlug, wurde kürzlich in Bellinzona ein Pakistaner zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch in Basel werden noch heute gelegentlich junge Migrantinnen zur Eheschliessung gezwungen. Dies meinte Leila X., die vor einiger Zeit im Alter von 17 Jahren dasselbe Schicksal ereilte. Sie wurde während ihrer Ferien in der Türkei von ihren Eltern mit einem Cousin verheiratet. OnlineReports berichtete sie von ihrem Leidensweg.


Ihr richtiger Vorname bedeutet auf Türkisch Freiheit. Doch um ihre Freiheit musste die energische, klein gewachsene und sportlich wirkende Frau jahrelang kämpfen. Ein Kampf, der sich gelohnt hat; genau so, sagt Leila X.*, würde sie es wieder tun. Denn das eigene Leben in Freiheit zu gestalten, erscheint ihr nach wie vor zentral.

Vor über zehn Jahren haben wir uns zum letzten Mal gesehen. Damals erzählte Leila nichts von ihrer schwierigen Geschichte, von ihrem Kampf um ein selbstbestimmtes Leben. Als lebenslustige, junge Frau, die sich für japanische Kampfsportarten ebenso wie für Diskotheken interessierte, ist sie mir in Erinnerung geblieben. Durch einen Zufall haben wir uns wieder getroffen.

Sie hätte zu Hause bleiben sollen

Leila berichtet aus ihrem Leben. Es ist eine Geschichte, die Stoff für ein Buch liefern würde. Wir sitzen am Rhein, und Leila erzählt. Stundenlang. Die schmerzhaften Erfahrungen haben ihre Lebenslust, ihre Lebendigkeit nicht zerstören können. Immer wieder lacht sie zwischendurch, und aus ihren Augen blitzt etwas wie Schalk. Wie sie das geschafft hat, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

Mit 14 Jahren ist sie in die Schweiz gekommen. Wir schreiben das Jahr 1979, und Leilas Familie erwartet von dem Mädchen, dass sie zu Hause bleibt und der Mutter hilft. Doch Leila will eine Ausbildung machen. Sie setzt sich gegen einigen Widerstand durch und besucht während zwei Jahren eine Fremdsprachenklasse im Kleinbasel und eine weiterführende Schule.

Am liebsten hätte sie Polizistin oder Hostess werden wollen. Dafür sei sie zu klein, und als Ausländerin habe sie ohnehin keine Chance, gibt man ihr zu verstehen. So macht sie eine Anlehre als Coiffeuse und beginnt schon bald in diesem Beruf zu arbeiten. Der entscheidende Einschnitt in ihrem Leben erfolgt im Sommer 1983. Die ganze Familie fliegt in die Ferien in die Türkei, wo ein Bruder Hochzeit feiern will. Leila ist gerade mal 17 Jahre und fünf Monate alt. Vom Unheil, das in dem kleinen Dorf an der Schwarzmeerküste auf sie zukommen sollte, ahnt sie nichts.

Plätzlich ist der Cousin der Ehemann

Zusammen mit dem Vater fährt sie eines Tages ins Zentrum der nahe gelegenen Provinzstadt. In einem Verwaltungsgebäude wird ihr plötzlich ein Formular vorgelegt, und ihr Vater bittet sie zu unterschreiben. Leila weiss nicht, wie ihr geschieht; doch sie gehorcht. Applaus. "Jetzt bist du verheiratet!", sagt ihr Vater stolz und gratuliert. Leila ist den Tränen nah. Ihr Cousin, den sie kaum kennt, soll nun plötzlich ihr Ehemann sein?

Leila steht auf und rennt davon. Sie liebt den jungen Mann nicht und will ihn unter keinen Umständen heiraten. Doch der Handlungsspielraum der jungen Frau ist äusserst eingeschränkt; sie hat kein Geld, und den Pass hat ihr der Vater nach der Einreise in die Türkei abgenommen. So fügt sich Leila nach anfänglichem Widerstand schon bald in die neue Situation, zumindest vorläufig.

Ihr Ehemann Ali (Pseudonym) ist ebenfalls 17 Jahre alt. Auch er ist von seinen Eltern zu dieser Heirat gezwungen worden. Leila hofft auf eine Absprache mit ihm, um gegen aussen den Schein zu wahren. Sie stellt ihm klar, dass sie ihn nicht liebe und dass sie im Leben ganz andere Pläne habe. Doch er antwortet, dass er sich unmöglich gegen den Entscheid seiner Eltern wehren könne. "Tu was! Du bist doch ein Mann!", schreit ihm Leila ins Gesicht. Doch sie merkt schon bald, dass sie in dieser Sache nicht auf Ali zählen kann.

"Ich liebe dich nicht"

Leila reist am Ende der Sommerferien wieder nach Basel zurück. Ihr neuer Ehemann bleibt in der Türkei; er will dort seine Ausbildung zu Ende bringen. Für Leila beginnt eine schwierige Zeit. Sie hat sich innerlich nie mit dieser Ehe abgefunden und weiss nicht, was sie tun soll. Nur ihrem Chef, einem Coiffeur, kann sie sich anvertrauen. Als ihr Vater erfährt, dass dieser schwul ist, muss sie ihre Stelle verlassen. Fast zwei Jahre später ringt sich Leila zu einem Entscheid durch. Sie schreibt Ali einen Brief. "Ich bin zu dieser Ehe gezwungen worden und liebe dich nicht", steht darin. "Bitte verzeih mir ... und vergiss mich!"

Ein paar Wochen später kommt es zu einem gewalttätigen Zusammenstoss zwischen Leila und ihrem Vater: Der hat von dem Brief erfahren und ist ausser sich. "Warum hast du diesen Brief geschrieben!", herrscht er sie an. "Das musst du wieder gut machen!"

Die Pistole am Kopf

Leilas Vater nimmt eine Pistole, packt seine Tochter am Arm und zwingt sie, mit ihm zu einer nahe gelegenen Telefonkabine zu gehen. Dort hält er ihr die Pistole an den Kopf und befiehlt ihr, Alis Familie anzurufen. Leila gehorcht in panischer Angst. Gross ist ihr Erstaunen, als ihr Schwiegervater erklärt, wenn sie wirklich gegen diese Ehe sei, könne und wolle er sie nicht dazu zwingen. Sie solle so bald als möglich in die Türkei kommen, um die Scheidung einzureichen.

Leila beginnt darauf wieder Hoffnung zu schöpfen. Vielleicht lässt sich diese Geschichte doch noch auf gütliche Art regeln! Nur durch eine Scheidung - davon ist sie mittlerweile überzeugt - wäre es ihr möglich, ein neues, freieres Leben zu beginnen. Denn all die Versuche, das Basler Jugendamt oder andere Amtstellen einzuschalten, haben nichts gebracht. Stets hat es der Vater geschafft, gegen aussen intakte Familieverhältnisse zu simulieren. Auch Leilas Schwester wird in den darauf folgenden Jahren gegen ihren Willen mit einem Mann verheiratet, ohne dass sich irgendeine Behörde einschaltet.

Nach zwei Jahren schwanger

Doch es kommt anders. Ali fasst im Herbst 1986 den Entscheid, zu seiner Frau in die Schweiz zu reisen. Leila versucht erneut, ihm klar zu machen, dass sie ihn nicht liebe und dass eine Ehe für sie nicht in Frage komme. Sie schlägt ihm vor, "wie Bruder und Schwester zusammenzuleben" und gegenüber den Eltern eine "Show" durchzuziehen. Doch Ali will die Ehe vollziehen, will Kinder. Leila sieht keine Möglichkeit, sich dem zu widersetzen. Nach zwei Jahren wird sie schwanger.

Schon bald muss Leila aber feststellen, dass aus dem schüchternen jungen Mann ein kleiner Patriarch geworden ist. Ali versucht alles, was seine Ehefrau tut, zu kontrollieren, erlaubt sich aber, ohne Angabe von Gründen bis am frühen Morgen auszugehen.

Leila fügt sich in die neue Rolle, hilft mit, die Schulden ihrer neuen Schwiegereltern abzuzahlen und arbeitet viel, um ein Grundstück in der Türkei zu erwerben. Erst viel später erfährt sie, dass das Grundstück auf den Namen ihres Ehemannes eingetragen ist.

Flucht ohne Schuhe ins Frauenhaus

Die arrangierte Ehe hält nicht lange. Als Leila eines Tages Zeugin eines Gesprächs zwischen Ali und dessen Mutter wird, in dem sich Ali beklagt, Leila habe sein Leben ruiniert, ist für sie endgültig Schluss. Doch ihr Vater und auch ihr Ehemann versuchen erneut alles, um Leila daran zu hindern, ihren Entscheid umzusetzen. Wiederum ist massive Gewalt im Spiel. Leila flüchtet ohne Schuhe und mit halb zerrissenen Kleidern aus der Wohnung und sucht Schutz im Frauenhaus. Erst dort, im Frauenhaus, gelingt es ihr, ihrem Ehemann und ihrem Vater klar zu machen, dass ihr Entscheid unwiderruflich ist. Erst dort findet sie die innere Ruhe, um die Scheidung einzureichen und ein neues Leben zu beginnen.

Leila hat es geschafft. Auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben musste sie allerdings noch viele Hindernisse überwinden. Heute lebt Leila mit ihrem zweiten Mann, einem Türken, und mit ihren fünf Kindern im Kleinbasel. Ihren Eltern ist sie heute nicht mehr böse. Zwar ist sie überzeugt, dass diese ihr Leben "kaputt gemacht" haben. Dennoch hat sie sich mit ihrem Vater ausgesöhnt.

Mit neuem Zivilstand aus den Ferien

Kommen solche Zwangs-Ehen in türkischen Milieus auch heute noch vor? Vermutlich schon, sagt Leila, aber sie habe den Eindruck, dass dies seltener geworden sei. Die jungen Frauen seien heute besser informiert, und es gebe mehr Beratungsstellen. Dennoch ist Leila davon überzeugt, dass auch heute noch einige junge Frauen mit neuem Zivilstand aus ihren Ferien in der Türkei zurückkehren werden.

* Name geändert, richtiger Name der Redaktion bekannt

19. Januar 2007


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