"Nicht Erbsen zählen": Combino-Besteller Urs Hanselmann, Ralph Lewin, Georg Vischer
"Nicht Erbsen zählen": Combino-Besteller Urs Hanselmann, Ralph Lewin, Georg Vischer

Lewin spricht Combino-Klartext: "Meine Geduld ist limitiert"

Siemens lässt Brief der Basler Regierung unbeantwortet / BVB plant Versuche mit Videoüberwachung


Von Peter Knechtli


Trotz seines globalen Combino-Desasters nimmt sich Hersteller Siemens gegenüber den besten Kunden Zeit: Ein Brief der Basler Regierung von Anfang April an den Vorstandsvorsitzenden ist bis heute nicht beantwort worden - zum Ärger des Basler Wirtschaftsministers Ralph Lewin, dem Präsidenten der Basler Verkehrsbetriebe (BVB). Freude bereitet ihm dagegen das letzte Geschäftsjahr.


So deutlich hat sich der Basler Wirtschaftsminister Ralph Lewin noch nie öffentlich zum Combino-Debakel geäussert: "Meine Geduld ist limitiert", sagte er heute anlässlich der Jahresmedienkonferenz auf eine Frage von OnlineReports, "und es schadet nichts, wenn die Lieferanten das wissen". Denn die Verantwortlichen der Basler Verkehrsbetriebe (BVB) konnten immer noch keine konkreten Angaben über den Sanierungsfahrplan ("Siemens hat keine Ahnung, wie lange die Sanierung dauert") und mögliche finanzielle Konsequenzen aus dem Combino-Debakel für Basel-Stadt machen.

Lewin bedauert Schweigen von Siemens

Zwar arbeiten beim Produzenten Siemens 170 Ingenieure unter Druck an Reparaturplänen und die BVB werden auch für Ausfälle der bis auf sechs Kombinationen stillgelegten Flotte entschädigt. Aber auf einen Brief der Basler Regierung vom 7. April an den Siemens-Vorstandsvorsitzenden Heinrich von Pierer - unterschrieben von Regierungspräsident Jörg Schild (Ausriss) - ist bisher noch keine Antwort eingetroffen. In diesem Brief erwartet die Regierung von der Lieferanten des 100-Mllionen-Auftrags, "dass Siemens die Bereitschaft, in Richtung einer Sanierung zusammenzuarbeiten, durch eine Konzentration der Anstrengungen in technischer Hinsicht, durch offene Information und durch eine kulante finanzielle Abgeltung für die Zeit der Stilllegung honoriert".

Lewin bedauerte gegenüber OnlineReports, dass Siemens den Basler Brief "nicht etwas beförderlicher behandelt". Er erwarte von Siemens, dass "jetzt nicht Erbsen gezählt werden". Es gehe darum, dass der Hersteller "möglichst sämtliche Basel anfallenden Kosten übernimmt". Wie hoch dieser Betrag ist, wollte Lewin nicht sagen, da es sich um "sensible Daten" handle, doch werde die Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rates demnächst darüber informiert werden.

Auch BVB plant Video-Überwachung

Trotz des Combino-Debakels berichteten Lewin und BVB-Direktor Urs Hanselmann von einem "erfolgreichen Jahr". Vier von zehn Bewohner(innen) von Basel-Stadt sind OeV-Abonnenten. Pro Monat wurden über 70'000 U-Abos verkauft, was gegenüber dem Vorjahr einer Steigerung von 2,5 Prozent entspricht. Das Defizit belief sich auf 40 Millionen Franken, 5,7 Millionen Franken besser als budgetiert. Die Quote der Schwarzfahrer sank dank Reorganisation des Kontrolldienstes von sechs auf drei Prozent.

Schwerpunkt der Image-Aktivitäten ist eine Kampagne gegen das Essen und Trinken in Tram und Bus. Ein witziger Endlos-Falter soll Cola-, Softice- und Pizzafans auf die unerwünschten Klebspuren und Geruchsbelästigungen hinweisen. Ebenso prüfen die BVB die Einführung der Videoüberwachung, wie sie in Regionalzügen der SBB schon seit einiger Zeit mit offenbar gutem Erfolg in Betrieb ist.

Trolleybus-Entscheid erst in zwei Jahren

Der umstrittene Ersatz der Trolley- und Erdgasbusse durch Dieselbusse wird laut Lewin "vorerst ausgestellt", da die Beschaffungsvorlage durch den Grossen Rat an die Regierung zurückgewiesen wurde. Doch werde die Lage "in etwa zwei Jahren" aufgrund des aktuellen Wissensstandes "neu beurteilt".

27. Mai 2004

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