© Fotos by OnlineReports.ch
"Ausstieg als wirtschaftliches Erfolgsrezept": AKW-Gegner in Kleindöttingen

Die Anti-AKW-Massenbewegung lebt wieder auf

20'000 AKW-Gegner demonstrierten in Kleindöttingen für einen Ausstieg aus der Atomenergie


Von Peter Knechtli


Vier Tage vor dem bundesrätlichen Grundsatzentscheid über die Zukunft der Kernkraft in der Schweiz demonstrierten heute Sonntag in Kleindöttingen gut 20'000 AKW-Gegner für eine atomstromfreie Zukunft. Die wankelmütigen Mitte-Parteien, so hiess es, müssten ihren Worten jetzt Taten folgen lassen.


Vor 36 Jahren in Kaiseraugst: Endlose Menschenschlangen zogen hinaus aufs Projektgelände, um gegen den geplanten Atommeiler zu demonstrieren. Der Volksaufstand hatte Erfolg: Das Projekt vor den Toren Basels wurde abgeblasen, der Bund leistete Entschädigungszahlungen in dreistelliger Millionenhöhe. Fetzen der Erinnerungen an damals: Bundesrat Willi Ritschard ("ich habe mich immer zu Verhandlungen bereit erklärt"), Vermittler Christoph Blocher, der rastlos engagierte Jung-Journalist Fred Müller, Aernschd Born, der bei Wind und Wetter seine Protestlieder sang, Gerichtsverfahren und Urteile gegen verantwortliche Besetzer, die lachende Sonne "Atomkraft – Nein Danke".

"AKW-Befürworter spielen auf Zeit"

"Kaiseraugst" ist heute Sonntag erwacht. Auf einer grossen Wiese – unter markanten Hochspannungsleitungen – zwischen den Aargauer Atomkraftwerken Beznau und Leibstadt: Endlose  Menschenschlangen, Transparente und Kleber mit der lachenden Sonne, Menschen jeglicher Herkunft, ganz junge und angejahrte, die damals in Kaiseraugst schon dabei waren. Auch Protestsänger Born ("Karrer, kehr' um!") war wieder da und viele andere auch. 20'000 – weit mehr als von den Organisatoren erwartet – waren nach Polizeiangaben seit den Morgenstunden aus allen Landesteilen und aus dem angrenzenden Ausland auf längeren und kürzeren Routen von Siggenthal Station und dem Bahnhof Döttingen aufs Protestgelände gepilgert. Zur Kundgebung – deutlich professioneller organisiert als jeweils jene in Kaiseraugst – aufgerufen hatte "Menschenstrom gegen Atom", eine Dachorganisation von rund 140 linken und grünen Organisationen.

"Das hat es schon lange nicht mehr gegeben", rief der neue Basler SP-Nationalrat Beat Jans (Bild) in die Menge. Auf das Fukushima-Drama anspielend pries Jans die Liebe zu "unserer Heimat" und mahnte: "Wir wollen nicht von hier vertrieben werden." Alles, was es jetzt brauche, seien "mutige Politiker, die den Weg, den wir gehen, endlich auch gehen". Jans warnte davor, dass die Kernkraft-Befürworter "auf Zeit spielen". Er legte den Fokus vor allem auf die wankelmütigen Mitte-Parteien, die sich nun eher der allgemeinen Stimmung folgend zu einem Ausstieg aus der Atomenergie bekennen: Diese Parteien, gemeint waren vor allem FDP und CVP, müssten "ihren Worten jetzt Taten folgen lassen".

Rechsteiner spricht von "Blocher-Dividende"

Jans rief die Manifestierenden auf, ihren Parlamentariern im Hinblick auf die Energie-Sondersession im Juni jetzt mit Briefen und E-Mails die Fälligkeit des Atom-Ausstiegs in Erinnerung zu rufen. Diesen Ausstieg pries der Basler Politiker als "ein wirtschaftliches Erfolgsrezept", das "Zehntausende gewerbliche Arbeitsplätze" schaffen werde.

"Es ist paradiesisch", schwärmte Jans' Vorgänger im Nationalrat Rudolf Rechsteiner gegenüber OnlineReports über die ebenso engagierte wie friedliche Stimmung auf dem Kleindöttinger Gelände. Erstmals sei jetzt auch die junge Generation für den Kampf gegen die Atomkraft mobilisiert worden. Kommenden Mittwoch, wenn der Bundesrat die neue energiepolitische Marschrichtung vorgibt, werde "die Abwahl von Christoph Blocher die grösste Dividende einfahren": Der langjährige Vordenker der erneuerbaren Energien glaubt, dass sich der Bundesrat dank Eveline Widmer-Schlumpf (BDP), aber auch Doris Leuthard (CVP) im Verhältnis von vier zu drei Stimmen für einen Ausstieg ohne vorzeitige Schliessung eines noch in Betrieb stehenden Atomkraftwerks entscheide.

Franz Hohler als "Restrisiko"

Zahlreiche weitere Redner, teils auch aus dem angrenzenden Ausland, bekräftigen ihre Forderung, mit einer massiven Verbreitung der erneuerbaren menschenfreundlichen Energien endlich vorwärts zu machen. Der frühere Juso-Präsident Cédric Wermuth zählte zu den militantesten Rednern: Den "Atomkriminellen von Beznau" und den neuerlichen bürgerlichen Ausstiegs-Befürwortern glaube er "kein Wort, bis der Ausstieg Wirklichkeit ist". Viele der Argumente oder ganze Voten sind ähnlich schon in Kaiseraugst gefallen.

Aus den Herzen der Demonstrierenden sprach der Kabarettist Franz Hohler mit seiner Nummer, in der er als "Restrisiko" auf die Bühne trat und zu bedenken gab, es werde "auch in hundert Jahren noch unter uns" sein. Keine Regierung und kein Parlament dieser Welt könne "die Naturgesetze abschaffen und neue erlassen". Eine junge Mutter ("Wir werden keine Ruhe geben") sagte, das "total veraltete AKW Mühleberg wird zum Müllberg".

Mögliche Klage aus Österreich

Doris Märk, die Umweltreferentin der "Naturfreunde Vorarlbergs", berichtete, alle vier im Landtag vertretenen Parteien erwägten eine Klage gegen das AKW Mühleberg, das nur 140 Kilometer von der Landesgrenze entfernt liege. Das atomkraftfreie Österreich sehe "im verharmlosenden Umgang der Atomlobbyisten mit der Atomenergie" eine ernste Bedrohung.

Die Demonstration nahm von einem Brief der Vorbereitungsgruppe "MenschenStrom" an den Bundesrat Kenntnis. Darin wird "mit aller Eindringlichkeit" eine "zukunftsgerichtete Energiepolitik ohne Atomkraft" gefordert. Die drei Hauptforderungen: Ausstieg aus der Atomenergie, keine neuen Atomkraftwerke in der Schweiz und die Förderung der erneuerbaren Energien. Der Bundesrat soll zudem, so eine weitere Forderung, in Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Stellen des Bundes und den Besitzern der Kraftwerke "umgehend eine vorläufige Ausserbetriebnahme der unsicheren Alt-Reaktoren von Mühleberg und Beznau erwirken".

Die Kundgebung verlief rundum friedlich und endete gegen 18 Uhr. Die Polizei hielt sich diskret im Hintergrund. Nur einmal wurde es richtig laut in der Masse: Während einer inszenierten Lärm-Minute.

22. Mai 2011


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
fileadmin/templates/pics/echo.gif

"Das Irreversible ist das Besondere"

Besonders hervorheben möchte ich den Auftritt des "Restrisikos" (alias Franz Hohler): Es ist tatsächlich, wie es Hohler auch ausdrückte, immer unter uns, oft unbemerkt, im Hintergrund, meist verdrängt, totgeschwiegen. Es ist zugegebenermassen schwierig, mit einem permanent über einem schwebenden Damoklesschwert, und das ist das Restrisiko, zu leben. Wobei uns, auch das sei eingeräumt, das Restrisiko ja nicht nur auf dem Feld der Atomenergie begegnet. Alle Tage leben wir mit dem Risiko, irgendwo zu verunglücken, Schaden zu erleiden. Ob als Velofahrende, als Patienten unter einer Operation, als Aktienspekulierende an der Börse, als Opfer eines Erdbebens oder eines Vulkanausbruchs usw.

 

Das Spezielle am "Restrisiko" im Zusammenhang mit der Atomwirtschaft ist der irreversible Aspekt: auf Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrtausende ist im Schadensfall in den betroffenen Gebieten (und die können je nach Schwere des Unglücks weit reichen) nicht mehr zu leben. Von der Pflanzen- und Tierwelt sprechen wir schon gar nicht. Und zuletzt: Dieses Restrisiko gehen wir sehenden Auges, wissenden Geistes ein. Dabei gäbe es Alternativen. Packen wir jetzt die Chance: Obama sagte in anderem Zusammenhang "Change". Wechseln wir unsere energiepolitischen Zukunftsaussichten!


Steffi Luethi-Brüderlin, Grossrat SP, Basel


www.onlinereports.ch - Das unabhängige News-Portal der Nordwestschweiz

© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigene Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

Auf dieser Website gibt es Links zu Websites Dritter. Sobald Sie diese anklicken, verlassen Sie unseren Einflussbereich. Für fremde Websites, zu welchen von dieser Website aus ein Link besteht, übernimmt OnlineReports keine inhaltliche oder rechtliche Verantwortung. Dasselbe gilt für Websites Dritter, die auf OnlineReports verlinken.

Theater Basel

"Die Dreigroschenoper"
RückSpiegel


In ihrem Bericht über die "FDP Baselland auf seltsamen Wegen" (Schlagzeile) nimmt die Basler Zeitung zentral auf einen OnlineReports-Primeur über den neu auftauchenden Namen Daniel Recher Bezug.

Die Kommentar-Plattform Infosperber geht auf die Berichterstattung von OnlineReports zum Mord an Martin Wagner ein.

In ihrem Kommentar zu "Lukas Engelberger, der Pressezensor" nimmt die Basler Zeitung eine Metapher ("medienrechtliche Namesburka") von OnlineReports auf.

InsideParadeplatz.ch empfahl den Lesern die Lektüre des OnlineReports Porträts des getöteten Medienanwalts Martin Wagner.

Die OnlineReports-Erstnachricht über den gewaltsamen Tod des Basler Wirtschaftsanwalts Martin Wagner in Rünenberg haben unter anderen der Tages-Anzeiger, BZ Basel, Le Temps, Tageswoche, 20 Minuten, Watson, Telebasel, die Volksstimme, der Blick und nau.ch aufgenommen.

Die BZ Basel zog die OnlineReports-News über die gerichtliche Niederage von Polizei-Offizier Bernhard Frey Jäggi nach.

Die Basellandschaftliche Zeitung und 20 Minuten nahmen die OnlineReports-Nachricht über die geplante Massenentlassung bei der "Küschall AG" in Witterswil auf.

In ihrer Übersicht über die Schweizer Online-Newsmedien ging die NZZ auch auf OnlineReports ein.

Die Basler Zeitung zog die OnlineReports-News über den Entscheid des Basler Appellationsgerichts gegen die Nichtanhandnahme der Strafanzeigen von Staatsanwältin Eva Eichenberger und Strafgerichtspräsident Lucius Hagemann durch die Obwaldner Oberstaatsanwältin Esther Omlin im Fall "Lehrer H." nach.

In ihrem Artikel über die "Berlusconisierung von links" zitiert die Weltwoche aus dem "dem gutinformierten Basler Internetdienst OnlineReports".

In seinem Bericht über die Gefährlichkeit des Basler Centralbahnplatzes geht Barfi auf einen OnlineReports-Bericht aus dem Jahr 2001 ein, der damals schon die Probleme thematisierte.

Blick, Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, BZ Basel, 20 Minuten und Barfi bezogen sich in ihren Artikeln über die Schüsse einen Mann in der Basler Innenstadt auf einen News-Primeur von OnlineReports.

Der Tages-Anzeiger und 20 Minuten nahmen in ihren Berichten über den gefährlichen Zwischenfall mit einem Intercity-Zuges der SBB in Stein-Säckingen auf OnlineReports Bezug.

In ihrem Interview mit der neuen BVB-Präsidentin Yvonne Hunkeler nahm die Basler Zeitung auf OnlineReports Bezug.

Die Basler Zeitung nahm den OnlineReports-Feature über den Einbruch im Restaurant "Dalbestübli" auf.

Die Volksstimme zitierte in ihrer Presseschau über die Säuli-Metzgete in Sissach aus der OnlineReports-Reportage.

Im Bericht über Rechtsprobleme des Bordells an der Basler Amerbachstrasse zitiert Barfi aus OnlineReports.

Ausführlich geht die Basler Zeitung auf einen kritischen OnlineReports-Gastkommentar über den Eigenmietwert-Steuerfall um Rösly M. ein.

In seinem Beitrag über "Die Basler Sinnkrise" zitiert der Tages-Anzeiger aus dem OnlineReports-Leitartikel "Willkommen im Baselbiet: Nichts geht mehr", in dem es um einen "Kanton in der Sinn-Krise" geht.

barfi, die BZ Basel, die Tageswoche, die Badische Zeitung und das Baublatt haben die OnlineReports-Story über den Abbruch des "Rostbalkens" und die geplanten Hochhäuser beim Basler Bahnhof SBB aufgenommen.
 
Infosperber.ch geht in einem Kommentar über das "Dauer-Bashing" der Behörden durch die Medien auf die Konter-Position von OnlineReports ein.

Weitere RückSpiegel

fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"In der Elsässerstrasse kam es zu einem Unfall mit Salzsäufer."

BaZ online
vom 20. Februar 2018
über einen Salzsäure-Unfall
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Vielleicht hat auch der Redaktor Salz gesoffen.

In einem Satz


• Der Frauenanteil in den Aufsichtsgremien von staatsnahen baselstädtischen Betrieben liegt per 1. Januar 2018 bei 40,9 Prozent und übertrifft somit die geforderten 33,3 Prozent deutlich.

• Da SP-Landrat Hannes Schweizer per 31. März als Präsident der Bau- und Planungskommission zurückritt, schlägt die SP-Fraktion als seinen Nachfolger den Frenkendörfer Urs Kaufmann vor.

• Die SP Pratteln-Augst-Giebenach lanciert eine Petition zur Erhaltung des Schalters der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB) in Pratteln.

BaselArea.swiss wird ab März im Mandat die Geschäftsführung des Switzerland Innovation Park Basel Area AG übernehmen.

Thomas Kessler, der frühere Basler Stadt- und Kantonsentwickler, wird Leiter eines von den AZ Medien für die "BZ Basel" ins Leben gerufenen Publizistischen Beirats.

• Nach Vandalenakten und einer Einbruchserie fordert die Riehener CVP von den Behörden "endlich die wirksame Umsetzung längst bekannter Forderungen" zur Erhöhung der Sicherheit.

• Der Münchensteiner Gemeinderat hat die Durchführung des "Tension Festivals" vom 31. Juli im Gartenbad St. Jakob sowie auf den angrenzenden Volleyball-Feldern unter Lärmauflagen bewilligt, nachdem letztes Jahr zahlreiche Beschwerden eingegangen waren.

Hans-Peter Ulmann, seit 1996 CEO von Psychiatrie Baselland, tritt auf 30. Juni 2019 in den Ruhestand.

• Im Jahr 2017 verhängte die Basler Kantonspolizei im Zusammenhang mit dem FC Basel 17 Rayonverbote – davon sieben an Fans von Gastmannschaften –, während der FC Basel acht Stadionverbote anordnete, von denen fünf Fans von Gastmannschaften betrafen.

• Die Gemeinde Allschwil plant eine Erneuerung und Erweiterung der Parkanlage sowie rund 140 Wohnungen auf dem Areal Wegmatten zwischen Baselmattweg und Bachgraben.

Thomas Bretscher wird ab 1. Februar neuer Geschäftsführer des "Business Park Laufental & Thierstein" und damit Nachfolger von Daniel Fiechter.

• Die Riehener CVP verlangt eine generelle Aufgabenprüfung (GAP), um die Diskussion um Aufgaben und Leistungen der Gemeinde und die dafür benötigten Ausgaben und Einnahmen zu versachlichen.