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"Von nationaler Bedeutung": Rheinhafen-Biologe Hans Meier, Orchidee

Hafen-Gelände als einsame Heimat bedrohter Blumenarten

Eine Orchideen-Rasse gedeiht weltweit nur am Uferbord im Birsfelder Rheinhafen


Von Peter Knechtli


Der Birsfelder Rheinhafen ist ein exklusives Refugium bedrohter Pflanzenarten: Hier wächst - einmalig auf der ganzen Welt - eine bestimmte Orchideen-Rasse, hier gedeihen aber auch mehr als 60 bedrohte Pflanzenarten, die auf der Roten Liste stehen. Schulklassen und dem Lehrer Hans Meier ist dieses kleine biologische Wunder mit zu verdanken.


Das Gelände erscheint auf den ersten Blick stocknüchtern und zweckgebunden: Ein Betonkubus nach dem andern, in Strassen eingelassene Geleise, riesige Kran-Konstruktionen: Das Hafengelände von Birsfelden. Hans Meier (58) aus Wenslingen, Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Basel und Biologielehrer am Basler Kirschgarten-Gymnasium, schreitet zielgerichtet durch die Hafen-Landschaft Richtung Uferbord.

In guten Jahren bis 300 Orchideen

Hier deutet zunächst nichts auf eine biologische Besonderheit hin. Ein Grasbord, wie sie eben so sind, die Borde. Suchend schweift Hans Meiers geübter Blick durch die im sanften Wind taumelnden Halme, bis er einen ersten Erfolg melden kann: "Hier ist eine!" Sie ist auf den ersten Blick klein und unscheinbar. Erst beim näheren Hinsehen offenbaren sich uns prächtige weiss-grün-gelbe Blüten an einem starken und stolzen Stängel: Die Bienen-Ragwurz-Orchidee.

Auf diesen wenigen Aren handelt es sich um die Heimat einer Rasse, die weltweit nur hier anzutreffen ist. "Das ist ein Standort von nationaler Bedeutung", sagt Hans Meier. Aus ganz Europa pilgern Orchideen-Freunde zur Blütezeit in den Birsfelder Hafen, um das exklusive biologische Kleinod zu bewundern. In einem guten Jahr wie 2002 sind bis 300 dieser bestaunten Blumen gezählt worden.

Entdeckung durch Grenzwächter Ackeret

Entdeckt wurde die weissfarbige Basler Spezies der Bienen-Ragwurz im Jahr 1985 durch den Grenzwächter Ernst Ackeret. Es sei aber möglich, dass die einmalige Orchidee schon zuvor unbemerkt das Birsfelder Hafenbord geschmückt habe, sagt Hans Meier. Der Biologe geht davon aus, dass die bräunliche Stammform der Bienen-Ragwurz, die auch in der Reinacher Heide zu finden ist, dank dem Wind aus dem südeuropäischen Raum einwanderte, und dass sich daraus unter den besonderen klimatischen Bedingungen des Hafens - überdurchschnittlich hohe Temperaturen - und der speziellen Exposition die weisse Orchideen-Variante entwickeln konnte. Denn die weisse Rasse ist an keinem andern Standort der Welt anzutreffen. Trockenheit allein hilft der Pflanze jedoch nicht überleben. Hans Meier: "Sie lebt in Symbiose mit einem Pilz, der Feuchtigkeit braucht." Die Feuchtigkeit, so ist anzunehmen, bezieht der Pilz aus durchsickerndem Wasser.

Ohne menschlichen Einfluss allerdings könnte die exklusive Blume ihr Revier nicht lange behaupten. "Das Bord wäre in kurzer Zeit verbuscht und verwaldet und die Orchidee verdrängt", sagt Hans Meier, der überwacht, dass es nicht so weit kommt. Im Auftrag des Baselbieter Landschaftspflegers Paul Imbeck arbeitete er auch die Pflegemassnahmen aus, die von der Hafenverwaltung und den industriellen Anrainern umgesetzt werden. Dazu gehört der jährliche August-Schnitt nach der Versämung und die Befreiung des Bords von Jung-Bäumen, die sich im Orchideen-Garten auch wohl fühlten.

Schüler bewirtschaften Schutz-Raum für 60 bedrohte Arten

Dazu beigetragen, dass der Birsfelder Hafen zu einem geschützten Raum für über 60 Pflanzen geworden ist, die auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen, haben auch "Pro Natura" und der Baselbieter Natur- und Vogelschutzverein mit einer Verbandsbeschwerde gegen den kantonalen Detailplan der Rheinhäfen, dessen erster Entwurf die Umwelt-Belange zu wenig berücksichtigte. Erhöhte Sensibilität gegenüber dem ökologischen Wert entstand zuvor auch beim Bau des Hochregallagers der damaligen Ciba-Geigy im Hafengelände, wo Naturschutz-Organisationen aufgrund des eidgenössischen Natur- und Heimatschutzgesetzes erreichten, dass für die Beanspruchung sensibler Gebiete Ausgleichsflächen geschaffen werden. Zu beobachten ist beispielsweise ein öder Kiesplatz mit Walm, der bald Gastraum für eine wilde Pflanzenvielfalt bietet.

Das eingezäunte Hochsicherheitslager heute. Auf einem schmalen Landstreifen von rund elf Aren sind Schülerinnen und Schüler einer Basler Gymnasiumsklasse (Bild) am Werken. Mit Hacken schaffen sie auf dem überwachsenen Gelände durch Roden wieder Kahlflächen, auf denen ein- bis zweijährige Pionierarten gedeihen können: Knorpelsalat, die Rheinische Flockenblume, die Zarte Miere, die Sprossende Felsennelke, die Kandelaber-Königskerze, der blaue Natterkopf, das Gemeine Leimkraut, das Quendelblättrige Sandkraut, der Gelbe Günsel, die Japanische Trespe. Auf benachbarten Parzellen ist zu sehen, was innerhalb eines Jahres auf einer Pionierfläche entsteht.

Zivilschützer schaffen Ausgleichsflächen

Am Werk ist auch eine stattliche Gruppe Zivilschützer (Bild). Mit dröhnenden Kompressoren brechen sie einige Dutzend Quadratmeter Beton und Asphalt auf - aber nicht zu Bauzwecken: Hier wird gerade die Ausgleichsfläche für einen Streifen mit Pioniervegetation geschaffen, der einer Strassenkorrektion weichen muss. Auf 40 Aren belaufen sich die bisher geschaffenen Ausgleichsflächen.

Für wen, fragt sich der unbefangene Betrachter, wird dieser Aufwand an Hege und Pflege betrieben? Ist es Anschauungsunterricht für Schulklassen, Fortbildung für ökologisch interessierte Bürger? Nichts von alledem erwähnt Hans Meier: "Es geht darum, die Natur um ihrer selbst willen zu schützen." So bleibt der Birsfelder Hafen eine vom Massenpublikum verschonte Heimat, in der sich auch die blauflügelige Ödlandschrecke, die Mauereidechse und gar der Feldhase samt Nachwuchs zu Hause fühlen.

Natürschützer gern gesehene Gäste

Wenn Hans Meier zur Erfolgskontrolle, für Instruktionen oder aus andern Gründen im Hafengelände auftaucht, ist er gern gesehener Gast. "Wir haben ein ausgezeichnetes Einvernehmen mit der Hafenverwaltung und mit den meisten Firmen." Selbst vor potenziellen Orchideen-Dieben braucht sich Naturschützer Meier nicht zu fürchten. Wer glaubt, das Blumen-Bijou im Hafenbord ausstechen und zu Hause pflanzen zu können, hat Pech: Die Bienen-Ragwurz Basler Rasse mag ausserhalb ihres heutigen Paradieses keine Blüte zeigen.

23. Juni 2004


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