"Zur Verkaufs-Ethik gehört die Rückführung": UNO-Bericht

Afrikanischer Giftmüll kehrt an den Absender zurück

Gute Nachricht zehn Jahre nach Unterzeichnung der Basler Giftmüll-Konvention: Erste Rückführung von Alt-Pestiziden aus Entwicklungsländern durch Novartis


Von Ruedi Suter


Diese Woche tagt in Basel, zehn Jahre nach Unterzeichnung der UNO-Giftmüll-Konvention, die fünfte Nachfolgekonferenz. Derweil versucht der Weltverband der forschenden Pflanzenschutz-Industrie (GCPF) die drohende Kontaminations-Gefahr durch Rücknahme und Vernichtung der Alt-Chemikalien aus Afrika zu entschärfen. Noch Mitte Dezember startet Novartis die erste Pestizid-Rückführung.


Höchst merkwürdig gekleidete Gestalten erregten in Moçambique über Monate hinweg das Interesse der zumeist mausarmen Afrikaner und Afrikanerinnen: Die monströs wirkenden Wesen staksten trotz grosser Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit in schweren Hochsicherheitsanzügen umher, kein Fetzen ihrer weissen Haut war frei, und auch ihre Gesichter hinter den Helmen mit Atemschutz und Sichtfenstern konnten nicht erkannt werden. Sie erinnerten an Hollywood- Astronauten nach der Landung auf einem fremden Planeten. Aber es waren keine Filmschauspieler sondern Chemie-Spezialisten. Und was diese taten, war nicht gestellt, sondern ein ziemlich neuer und hochgefährlicher Job, der immer mehr an Bedeutung gewinnen dürfte.

Fahndung nach Pestizidmüll

Im Frühjahr 1998 war der Profi-Trupp auf teils abenteuerlichen Pisten in einem langen Spezialkonvoi aus Tank-, Last- und Schlafwagen, Geländefahrzeugen, Kompressoranhänger und Ambulanz von Südafrika her eingetroffen, um ein schwer gesichertes Camp aufzubauen. Dann tauchten sie plötzlich in verschiedenen Gebieten des von vielen Kriegsjahren zerstörten Landes auf, um mühevoll und in zumeist baufälligen Hütten, Höfen und Hallen ihren riskanten Auftrag zu erfüllen: Die Sicherung, Bergung und Entsorgung vergessener, vernachlässigter oder vergammelter Pestizid-Altlasten.

Diese haben sich vor allem in den Entwicklungsländern zu unheimlichen Zeitbomben entwickelt. Einst von den Industrieländern als staatliche Einkäufe oder per Entwicklungshilfe in rauhen Mengen als Waffe im Vernichtungskrieg gegen Käfer, Kräuter und Krankheiten angeliefert, motten nun riesige Mengen ungebrauchter Gifte wie Pestizide, Fungizide, Herbizide, Molluskizide, Rodentizide und Nematizide in irgendwelchen Depots vor sich hin.

FAO schätzt 100‘000 Tonnen vergessener Pestizide

Die UNO-Nahrungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, welche seit 1985 mit internationalen Richtlinien über Vertrieb und Anwendung von Pestiziden aufwartet, vermutet alleine in den Entwicklungsländern über 100‘000 Tonnen überalterter Schädlingsbekämpfungsmittel. Davon dürften alleine in Afrika um die 20‘000 Tonnen herumliegen – oft fahrlässig gelagert oder gar völlig vergessen.

Das Milliardengeschäft mit den Pestiziden brockte der Chemieindustrie immer wieder harsche Kritik ein: Der unsachgemässe oder in den Industrienationen teils verbotene Einsatz von Pestiziden koste vorab in den Entwicklungsländern jährlich Tausenden von Menschen das Leben, führe der fehlenden Schutzmassnahmen und Mentalitätsunterschiede wegen zu unzähligen Vergiftungen, verwandele „lebenssprühende Ackerböden in erschöpfte Wüsten“ und schädige nach den schnellen Erfolgen jeweils nachhaltig die Natur.

Neue Gefahr für das aufgemöbelte Image der Chemie-Industrie

Vor allem westliche Chemieproduzenten sind in der Folge vorsichtiger geworden — jedoch nicht von ihrer Doktrin abgerückt, den "Kampf gegen den Welthunger" im Verbund mit Regierungen, Entwicklungsorganisationen, Produzenten und den Konsumierenden weiterhin mit den rasch und radikal wirkenden Pestiziden zu führen. Doch nun droht für Mensch und Umwelt die "Pest aus der Vergangenheit" - in Form von ungewollt freiwerdenden Supergiften wie beispielsweise Arsen, Zyanide oder DDT. Einem Bumerang gleich drohen so die Chemiegeschäfte von gestern den aufpolierten Ruf der Chemiekonzerne von heute wieder zu zerstören.

Als sich die südafrikanische Entgiftungsfirma "Waste-Tech" im Auftrag der dänischen Entwicklungshilfe "Danida" in Moçambique ans Aufräumen machte, stützte sie sich auf Nachforschungen deutscher und dänischer Wissenschaftler. Diese waren im ganzen Land auf 500 Tonnen Alt-Chemikalien in 69 Lagerstätten gestossen, von denen sich 41 in einem haarsträubenden Zustand befanden. Entsprechend vorsichtig mussten die vermummten Reinemacher ans Werk.

Ahnungslose Nachbarschaft

Sie trafen auf Lager mit eingestürzten Dächern, durchgerosteten Fässern mit unlesbaren Inhaltsangaben, auf wild durcheinander liegende Substanzen, von Dieben heimgesuchte Regale und leckende Verpackungen von teils weit über 20 Jahre alten Chemikalien. Und dies nicht selten mitten in dicht bevölkerten Wohngebieten.

Vielerorts waren die chemischen Rumpelkammern nicht einmal kontrolliert, die ahnungslose Nachbarschaft sowie Luft und Grundwasser durch auslaufende oder sich chemisch verändernde Gifte ständig bedroht: Zustände wie sie auch in anderen Entwicklungsländern häufig anzutreffen sind.

In Afrika lagern 20'000 Tonnen Sondermüll

In Moçambique brauchten die von der Malaria arg bedrängten Säuberungsspezialisten fast fünf Monate, um die abgelaufenen Agrochemikalien einzusammeln, mit Speziallastern abzutransportieren und im Lande zentral zu lagern - zwecks einer späteren Vernichtung durch kontrollierte Verbrennung.

Ähnliche kostspielige Feuerwehrübungen wurden schon in zehn weiteren afrikanischen Ländern durchgeführt, weil die lokalen Behörden oft technisch, organisch und finanziell überfordert waren. Doch viel mehr als 3'000 der 20'000 in Afrika herumliegenden Tonnen an Sondermüll sind nicht entsorgt - der Berg bekannter und unbekannter Pestizid-Altlasten in den Entwicklungsländern ist immer noch gigantisch und die tödliche Gefahr schleichender Chemiekatastrophen längst nicht gebannt.

Pflanzenschutzindustrie reagiert mit neuer Rücknahmestrategie

Dies beunruhigt unterdessen selbst den Weltverband der forschenden Pflanzenschutz-Industrie (GCPF). Die schleppende, weil sehr teure und hochkomplizierte Entsorgung der Altgifte will der Verband nun durch mehr Eigeninitiative beschleunigen. Als erster Schritt eröffnete der GCPF am 1. Januar 1999 eine Koordinationsstelle für die Industrie. Ihr Standort: Basel. Ihr Leiter: der Schweizer Klaus Wettstein (Bild) von Novartis Crop Protection, ein altgedienter Profi der Agro-Industrie.

Von seinem Kleinbasler Büro in der Nähe des Badischen Bahnhofs aus versucht Wettstein im Wettlauf mit der Zeit staatliche Institutionen — in deren Obhut vergammeln die meisten Altlasten — und Organisationen wie FAO, Hilfswerke, lokale Behörden, Beraterfirmen und mögliche Donatoren zu motivieren, zu beraten, zu vernetzen und für eine so rasche wie entschlossene Zusammenarbeit zu gewinnen. Auch will die Koordinationsstelle die bislang schleppenden Finanzierungen für Altlast-Entsorgungen sicherstellen und die notwendigen Geldgeber auftreiben helfen.

"Die Produkte gehören nicht mehr uns"

Der GCPF handle mit seinem Hilfsangebot aus ethischen Gründen und nicht etwa aus geschickt getarnten Schuldgefühlen, stellt Klaus Wettstein klar. Denn rechtlich gebe es nichts zu deuteln: "Diese Produkte gehören nicht mehr uns." Die Berge herumliegender Alt-Pestizide lägen eindeutig im Verantwortungsbereich der jeweiligen Abnehmer und Regierungen, wobei in Sachen Unfälle bislang "erstaunlicherweise noch relativ wenig passiert" sei.

Auch kopple der Weltverband für Agroindustrie im Einvernehmen mit der FAO und anderen Donatoren seine Hilfeleistungen an die Staaten mit strengen Bedingungen ("Wir helfen nur einmal"). Und die Mitgliederfimen des Verbandes böten seinen Kunden vertiefte Beratung sowie Hilfe für die Zukunft, um etwa Überkapazitäten, Falschlagerungen oder Fehlanwendungen von Pestiziden zu verhindern. "Dabei müssen wir auch einen Rückgang der Verkaufszahlen in Kauf nehmen können", sagt Koordinator Wettstein mit dem Hinweis, der oft weit besser organisierte Privatmarkt laufe zum Glück der staatlichen Beschaffung und Verwaltung zunehmend den Rang ab.

Noch stecken die neuen Bemühungen des GCPF in den Kinderschuhen, argwöhnisch verfolgt von der FAO oder Umweltorganisationen wie Greenpeace, die den global wirkenden Chemiekonzernen prinzipiell misstrauen und sie des Minimalismus bezichtigen. Sie befürchten aber auch, die alten Gifte würden in den Entwicklungsländern durch unkontrollierte Verwendung, wilde Deponierung oder die gefährliche Verbrennung in irgendwelchen lokalen Zementöfen "fahrlässig entsorgt". Doch genau solches zu verhindern, beteuert Klaus Wettstein, sei auch das Ziel des Weltverbands der forschenden Pflanzenschutz-Industrie.

Erste Pestizid-Rückführung aus Uganda in die Schweiz

Nun aber steht bei der Rücknahme von Alt-Pestiziden ein historischer Transport bevor: Mitte Dezember sollen 60 Tonnen des überalterten Ciba-Herbizids "Fluometuron" in einer Novartis-Einzelaktion von Uganda in die Schweiz zurückgeholt werden.

Das ursprünglich aus Basel stammende Alt-Herbizid soll "als Hilfe für Uganda" mit Lastwagen nach Kenia gefahren, von dort mit dem Schiff nach Frankreich und schliesslich per Eisenbahn in die Schweiz ans Rheinknie zurückfinden. Mitte Januar wird die Ankunft der Fracht in Basel erwartet. Es ist dies die erste Rückführung von Alt-Pestiziden aus einem Entwicklungsstaat ins Alpenland - und zwar just in die Chemiemetropole Basel, wo 1989 die "Basler Uno-Konvention" über den Umgang mit Giftmüll von 33 Staaten unterzeichnet wurde.

Beachtenswert: Die Bestimmungen dieser unterdessen von 132 Staaten anerkannten Konvention "zur Kontrolle des grenzüberschreitenden Verkehrs gefährlicher Abfälle" - seit Montag tagen in Basel "zehn Jahre danach" die Mitgliedsstaaten - müssen auch bei Rückführungen von Alt-Pestiziden eingehalten werden.

Buwal bietet Hilfestellung

Darüber wacht hierzulande das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) als zuständige Behörde für den Import und Export von Sonderabfällen. Es hat dem "Uganda-Geschäft", das die Novartis Crop Protection AG etwa 160'000 Franken kosten dürfte, seinen Segen erteilt, weil man beim Import von Alt-Pestiziden "umweltpolitisch jedes Interesse" daran habe, das Gift in die Schweiz zu holen, erklärte Sektionschef Mathias Tellenbach gegenüber ONLINE REPORTS.

Tellenbach weiter: "Wir haben die Anlagen und das Know-how, damit richtig umzugehen." Obwohl die Schweiz diesmal kein Geld an den Aufwisch der Alt-Gifte gibt, habe das Buwal seine Rolle "für den guten Zweck" etwas ausgedehnt und via Coaching geholfen, den Pioniertransport aus Afrika durch den Dschungel aller Gesetzesbestimmungen zu lotsen. Mathias Tellenbach ortet in den Etagen etlicher Chemiezentralen den Einzug eines verstärkten Umweltbewusstseins: "Es geht in die richtige Richtung, dass die Chemie für ihre Produkte, die obsolet sind, geradesteht", urteilt der Buwal-Experte.

Kümmerlich: Die Hilfe der Industriestaaten und Chemiekonzerne

Doch die Eliminierung aller Depots mit Pestizidmüll in finanziell armen und überforderten Staaten kostet weit mehr (laut FAO gegen 800 Mio. Franken) als Chemieindustrie, Geberländer und Organisationen vorderhand aufzuwerfen bereit sind. Dies auch zum Ärger der internationalen Entsorgungsindustrie, die jetzt schon um die fetten Aufträge für den Abtransport und die Einäscherung abgelaufener Insekten-, Pilz- und Krautvertilger rangelt.

Dass die Chemiehersteller selbst mit der Beseitigung ihrer eigenen Produkte Geschäfte machen können, beweist etwa die nur teilweise mit den richtigen Abfällen gefütterte Regionale Sondermüllverbrennungsanlage der Novartis-Tochtergesellschaft Valorec AG in Kleinbasel. Dort freut sich nun Betriebsleiter Werner Wagner auf die Eisenbahnwaggons aus Frankreich mit der heissen Fracht aus Uganda: "Das Ganze ist für uns eine Chance, um mittelfristig die Ertragslage des Ofens zu verbessern."

Bald auch Chemiemüll aus Madagaskar

Und bereits hat Wagner einen neuen Auftrag an Land gezogen: Die auf das nächste Frühjahr geplante Verfeuerung von 80 Tonnen gefährlicher Alt-Chemikalien aus Madagaskar, die ebenfalls Mitte Januar in Basel eintreffen sollen. Der Unterschied zum Uganda-Deal liegt darin, dass nun diese Altlasten aus der Fabrikation verschiedener Chemiefirmen stammen. Buwal-Sektionschef Tellenbach: "Längerfristig müssen die unbrauchbaren Produkte gebündelt entsorgt werden." Dieser Meinung ist der Effizienz und Kostenreduktion wegen auch GCPF-Koordinator Klaus Wettstein. Die Mitglieder des Weltverbands hätten damit keine Mühe.

Generika-Hersteller drohen alle Bemühungen zu zertrümmem

Wer damit auch keine Mühe hat, sind nun aber jene Pestizidhändler aus so aufstrebenden Ländern wie China oder Indien, die schnell das grosse Geld machen wollen. So verhökern sie ohne Gewissensbisse und Rücksicht alle Produkte mit abgelaufenen Patenten. Und wie einst ihre westlichen Vorbilder, verschwenden sie keinen Gedanken an die unter Umständen hochgefährliche Folgen ihrer verkauften Agrochemikalien. Pikant: Solche Generikahersteller liefern heute bereits rund die Hälfte der beispielsweise in Afrika georderten Pestizid-Tonnagen. Doch mit diesen wollen die sich nun ihrer Verantwortung bewusst werdenden GCPF-Mitgliederfirmen rein gar nichts zu tun haben.

All dies verheisst für die Nachwelt wenig Gutes. Denn die billigen Nachahmerprodukte mit der fehlenden technischen Betreuung seitens der bereits jetzt oft schon marktbeherrschenden Neulieferanten könnten gut jene Berge an Alt-Chemikalien vergrössern, welche die West-Chemie nun abtragen will. Fazit: Die tickenden Zeitbomben aus Alt-Pestiziden bleiben für die vielen Menschen in den Entwicklungsländern noch viel zu lange eine Gefahr für Leib und Leben.

9. Dezember 1999


Wo Alt-Pestizide vergammeln

Greenpeace fordert Beschleunigung der Entsorgung

"Was, wieviel und wo in den Ländern an Alt-Pestiziden herumliegt, ist sehr schwer zu sagen", sagte Greenpeace-Sprecher Andreas Bernstorff während der fünften internationalen Konferenz der Vertragsstaaten der Basler Konvention zur Kontrolle des Handels mit Sonderabfällen (6. bis 10. 12. 1999) in Basel gegenüber ONLINE REPORTS. Häufig sei es nur dem puren Zufall zu verdanken, wenn man auf vergessene Depots stosse. Wenn die für die Kontrolle zuständige UNO-Nahrungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) vorsichtig von 100'000 Tonnen überalterter Pestizide in den Entwicklungsländern rede, so sei dies eine "Luftnummer", meinte Andreas Bernstorff.

In Tat und Wahrheit müsste ein "Vielfaches" herumliegen, zumal die FAO elf Länder gar nicht erfassen konnte. 1991 sei beispielsweise bekannt geworden, dass in Rumänien rund 2'000 Tonnen Alt-Pestizide vergammelten. Die Nachforschungen von Greenpeace brachten allerdings nur 350 Tonnen zu Tage, welche schliesslich mit Steuergeldern (7 Millionen DM) nach Deutschland zur Entsorgung zurückgeholt wurden. Die restlichen 650 Tonnen jedoch seien nicht gefunden worden. Bernstorff: "Der Schwund ist oft riesig." Dennoch habe die Basler Konvention in den letzten zehn Jahren recht viel erreichen können, meinte der Sprecher der Umweltorganisation Greenpeace, die bei der Konferenz ein Rederecht hat und Anträge stellen kann. Das kriminelle Herumschieben oder Verstecken von Giftmüll sei heute kaum mehr möglich.

Was die Entsorgung der Alt-Pestizidbestände betreffe, müsse die Chemieindustrie "als Kollektiv" in die Pflicht genommen werden, forderte Andreas Bernstorff, der pünktlich zur Basler Jubiläums-Konferenz einen Bericht fertigstellte: "Afrika - zwölf Jahre Handel mit Giftgütern". Als absolut notwendig erachtet Bernstorff in diesem Zusammenhang eine markante Beschleunigung der Entsorgungsaktionen: "Gehen diese im jetzigen Tempo weiter, wird Afrika erst in 40 bis 50 Jahren von westlichen Alt-Pestiziden befreit sein".


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