© Foto-Collage by Ruedi Suter, OnlineReports.ch
Kann Landschaften schlagartig verändern: Vulkan Ätna

Grollt der Ätna, beten die Menschen

Der stets Feuer speiende Ätna ist mehr als nur ein aktiver Vulkan - er ist auch eine Persönlichkeit


Von Ruedi Suter


Obwohl der Vulkan Ätna auf Sizilien immer wieder ausbricht und die Städte zu seinen Füssen bedroht, will niemand einfach wegziehen. Die Sizilianer profitieren von seiner ungeheuer fruchtbaren Erde, und sie leben mit ihm wie mit der Mafia: Man arrangiert sich mit den beiden allgegenwärtigen Mächten, die in ihrer Wirkung verblüffende Gemeinsamkeiten aufweisen. Versuch einer Annäherung an Europas mächtigsten Vulkan und seine Besiedler.


Kein Zweifel - dieser Berg lebt. Das zeigen zurzeit wieder einmal die zornigen Ausbrüche der letzten Wochen: die das Tageslicht schluckenden Aschenregen, die himmelhohen Glutfontänen, die kochenden Lavaströme und dieses Angst einflössende Rumpeln und Grollen im Bauch des gegen 90'000 Jahre alten Riesen. Der Ätna ist wild und launisch, mal friedlich, mal wütend, er zeugt Leben, bringt den Tod und erinnert die Menschen, die ihn besuchen oder mit ihm leben, fortwährend an ihre Endlichkeit und die unheimlich kochende Flüssigwelt im Inneren unseres Planeten, Doch mit dem Ätna, Europas mächtigstem Vulkan, haben die Sizilianer auf eine ganz besondere Weise zu leben gelernt.

"Man kann hier rasch alles verlieren"

Sie akzeptieren ihn, als wäre er ein schwieriger Freund; sie lehnen sich mit ihren Städtchen wie nirgendwo auf der Insel in fast beklemmender Dichte an seine überaus fruchtbaren Hänge, und sie reagieren mit einem schicksalsergebenen Schulterzucken, wenn sie etwa von einem besorgten Mitteleuropäer gefragt werden, ob sie denn keine Angst vor den jederzeit möglichen Anfällen des Feuerbergs haben.

"Eines Ausbruchs wegen stirbt man hier kaum, aber man kann rasch alles verlieren", erklärte mir einmal Alfio di Bella, der Besitzer zweier Gasthäuser auf der Höhenstation Rifugio Sapienza nahe der toten Silvestrikrater, wo selbst die Souvenirläden Räder haben, um rasch in Sicherheit gebracht werden zu können.

Er spuckte plötzlich tonnenweise kochendes Gestein

Die fatalistische und fast liebevolle Weise, mit der di Bella über das Wesen sprach, auf dem er sein Leben verbringt, war so beeindruckend wie bezeichnend für die Haltung der Ätnabesiedler. Am 12. März 1983 hatte der riesige, mit zahlreichen Nebenkratern verunstaltete Berg wieder einmal einen seiner Hustenanfälle. Er grollte, zitterte, rauchte und spuckte aus einem neuen Riss plötzlich tonnenweise kochendes Gestein gen Himmel.

Ein weiss glühender Ozean wälzte sich zu Tale, erdrückte und erstickte an der Südostflanke die Vegetation, die Seilbahn und einen Teil der Station. Wie durch ein Wunder blieben die Gasthäuser von Alfio di Bella verschont. Der nun rot glühende Lavabrei schob sich, abgedrängt durch die Mauern, um die Gebäude herum.

Selbst die Stadt Catania geriet schon unter die Lava

Der Wirt, ein Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlender Mann, nahm mit spitzen Lippen einen Schluck des feuerroten, hochprozentigen Likörs Fuoco dell‘Etna. Dann zeigte er auf die kantig-schwarzen Trümmerberge, die sich damals in der Umgebung quasi über Nacht aufgetürmt hatten: "Die Lava floss hier vorbei und deckte da unten noch Strassen Gärten, Wälder und Obstplantagen zu." Noch weiter unten, in der Ebene, liegt ungeschützt Catania, Siziliens zweitgrösste Stadt. 1669 wurde sie zum letzten Mal von den glühenden Urmassen des Ätnas niedergewalzt und ausgelöscht.

Katastrophale Ausbrüche solcher Art sind heute besser voraussehbar. Dem Ätna, der seine Existenz auch einer hauchdünnen, kaum noch 50 Kilometer dicken Erdschicht verdankt und - wie es die letzten Wochen wieder zeigen - gerne seine Flanken aufbrechen lässt, fühlen dauernd verschiedene Observatorien mit Lasertechniken und einem seismischen Messnetz den Puls. Er gilt als einer der best überwachtesten und interessantesten Vulkane der Welt. Beginnt der Berg zu toben, haben die Menschen eine erhöhte Chance, rechtzeitig gewarnt zu werden. Doch die Ätna-Bewohner lassen sich nicht einfach vertreiben.

Touristen von Lavabrocken erschlagen

Das bewies auch Nino Corsaro, di Bellas Nachbar. Er konnte sich gerade noch vor der sich heranwälzenden Lava retten, doch sein Wirtshaus wurde begraben. Die Kneipe hat er später mit der bei solchen Fällen besonders freizügigen Hilfe des italienischen Staates wieder hochgemauert - auf dem grau-schwarzen Schutt, der immer noch warm anzufassen ist. Nicht mehr erreichtet wurde die Kabinenseilbahn. Zu oft wurde sie wieder zerstört. Um höher zu kommen, werden heute Busse eingesetzt. Auf den Rand zum über 3'320 Meter hohen Hauptkrater dürfen Touristen schon lange nicht mehr: Zuviele wurden von den nieder prasselnden Lavabomben erschlagen - jenen Felsklumpen womöglich, die der Sage nach Polypem, der geblendete Kyklope (war er der Ätna?), dem Fluchtschiff des ihn verhöhnenden Odysseus nachschleuderte.

Wer in Catania ankommt und einen Blick auf den "Mongibello" (der Ätna im Volksmund) werfen kann, den wird dieser Berg nicht mehr los lassen. Er bleibt im Gedächtnis haften, egal, wo man sich in Sizilien aufhält. Sei es nun in den sanften, von den Römern ratzekahl abgeholzten Hügeln um Valguarnera, wo im Gelb der Weizenfelder Mohnfelder wie Blutlachen leuchten; sei es in den mit Zitterpappeln und Eukalyptus aufgeforsteten Wäldern um Piazza Amerina mit seinen fantastischen Mosaikböden in der Villa Casala, oder sei es im einst wichtigsten Schwefelgebiet der Welt um Caltanisetta, wo heute um die Weihnachtszeit eine der köstlichsten Esstrauben Italiens reift. Nicht einmal im weit entfernten, von Korruption und Arbeitslosigkeit geplagten Palermo, der Hauptstadt der autonomen Region Sizilien, vergisst man den Berg, dem die grösste Insel des Mittelmeers brav zu Füssen liegt.

Verblüffende Gemeinsamkeiten mit der Mafia

Der Ätna ist allgegenwärtig. Genauso wie die Mafia, die ihre traditionelle Stellung in Wirtschaft und Politik hartnäckig verteidigt, ihre Günstlinge belohnt, eine allzu rasche Entwicklung Siziliens verhindert und wenn nötig rasch mit Terror reagiert. Tatsächlich haben der Berg und der Geheimbund verblüffende Gemeinsamkeiten in ihrem Verhalten und ihren Auswirkungen auf die sizilianische Gesellschaft. Beide haften zäh im Unterbewusstsein der Menschen. Sie haben einen starken Einfluss auf ihren Alltag, beide wirken nur selten direkt und sichtbar, und beide sind gefährlich und fähig, jederzeit in Kürze Furchtbares anzurichten. Vielleicht haben die Sizilianer auch deswegen eine entkrampfte, dennoch aber sehr enge Beziehung zur Tod und Trauer. Ihre Friedhöfe und Prozessionen sind von einer seltenen Pracht, und da die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit gern zur lebensfrohen Bejahung des Daseins führt, pflegen sie ihre Familienleben, die Freundschaft sowie das gute Essen und Trinken mit einer für uns Mitteleuropäer beneidenswerten Inbrunst.

Mit der Wesensveränderung wird der Ätna gefährlicher

Das Leben im Hier und Jetzt beherrschen vor allem die Menschen am Fusse des Ätna meisterhaft. Ungeachtet der bedrohenden Launenhaftigkeit des Vulkans, die sie jederzeit ihres Landes und ihrer ganzen Habe berauben kann, nutzen sie dessen gute Seite gehörig aus: die ungeheuer fruchtbaren Sand- und Lapilliböden. An den tieferen Hängen des Mongibello reihen sich endlos Obstpflanzungen mit den teils für Sizilien untypischen Früchten wie Kirsche, Apfel und Pfirsich, reihen sich aber auch unzählige Rebgärten mit dem besten Wein der Insel. Etwas höher begrünen Ginsterbüsche, Pinien-, Kastanien- und Eichenwälder die nach oben immer steileren und ab 2'200 Meter nur noch kahlen Flanken.

Aber eben: Eine zunehmend gefährdete Idylle, wie seit dem 17. Juli 2001 überdeutlich wurde. Von da an zeigte sich, dass der "Gutmütige", wie die Leute den Ätna seiner vergleichsweise gemächlich zu Tale fliessenden Lava wegen auch nennen, eine Wesensveränderung durchzumachen scheint. Er bebte und spuckte wochenlang ungewohnt grosse Lavafontänen mit Gasen und Asche in den Himmel. Das war aussergewöhlich, man war überrascht, und die gegen 50 Wissenschaftler im Ätna-Institut des Städtchens Nicolosi fanden über Magmauntersuchungen Beunruhigendes heraus: Die kochende Erde drückt aus neuen Tiefen hoch, der Vulkan ist stellenweise hochexplosiv und könnte jederzeit in womöglich noch nicht erlebter Gewalt ausbrechen.

Stossgebete in den Basaltkirchen

So bleibt den Menschen in den Ätnastädtchen auch heute nichts anderes übrig, als ihre Siebensachen für eine rasche Flucht bereit zu halten, sich je nach Lage vom Berg zu entfernen und jedenfalls in ihren Basaltkrichen Stossgebete zum Himmel zu schicken - zum selben Himmel, der jetzt wieder vom wütenden Feuerberg mit hell glühenden Lavagarben unter Beschuss genommen wird.

Zuweilen werden die Gebete erhört. Wie etwa jene aus der keine 14 Kilometer unter dem Hauptkrater liegenden Stadt Randazzo. 1981 erbrach der Mongibello einen gewaltigen, gegen 1'000 Grad heissen Lavastrom, der sich zuerst schnell (8 Meter pro Sekunde), dann langsamer, aber unaufhaltsam ins Tal und gegen die Städte wälzte. Zwischen März und Oktober legte er 2,8 Kilometer zurück.

O miracolo - die Rettung kam in letzter Minute

Welche Stadt würde es treffen? Nur Gott konnte entscheiden, denn einem Gesetz nach durfte der gegen Ende auf einer Breite von zwei Kilometern angewachsene Gesteinsbrei nicht umgelenkt werden. Schliesslich hielt der verheerende Schmelzstrom genau auf Randazzo zu. Die Menschen des Städtchens waren einer ungeheuren Nervenbelastung ausgesetzt. Sie sahen bereits ihre Lavasteinhäuser unter den heissen Vulkanmassen verschwinden. Doch, o miracolo! Im letzten Augenblick machte der zerstörerische Strom einen Bogen und floss, nur wenige Häuser niederwalzend, am Ort vorbei über die Strasse.

Noch steht dort ein Mauerüberrest, inmitten eines gigantischen Felds voller Klumpen, Brocken und Bruchstücke, die jetzt schwarz, grau und kalt an den ewig kochenden Urschlamm im Bauche des Mongibellos mahnen: Ein Berg voller Temperament, den die heissblütigen Sizilianer vielleicht eben gerade deswegen nicht missen mögen. Selbst heute nicht, wo der Ätna so furchtbar raucht, spuckt und poltert, dass sich die Angst wie die Lava ausbreitet. Doch vielleicht, so hoffen die Menschen am Fuss des qualmenden Kolosses, leidet Mongibello nur wieder einmal an schlechter Laune - und beruhigt sich wieder.

6. November 2002


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