© Fotos by Ruedi Suter, OnlineReports; Unesco
"Letztes entdecktes, grosses Landtier": Okapi, Zoo Basel

Zoo Basel erwägt Nothilfe für gebrandschatzte Okapi-Station

Die Schweizer Leiterin Rosie Ruf ist zurück im Kongo, um den Wiederaufbau der Okapi-Anlagen abzuschätzen


Von Ruedi Suter


Der mörderische Überfall auf das Okapi-Schutzprojekt in Epulu (Kongo-Kinshasa) hat in Naturschutzkreisen weltweit Bestürzung und erste Hilfsaktionen ausgelöst. Im Zoo Basel wird laut Direktor Olivier Pagan überlegt, wie der Projektleitung der verwüsteten Okapi-Anlagen allenfalls geholfen werden kann: Die Beziehungen zwischen Basel und Epulu sind Jahrzehnte alt.


Auch im Zoo Basel hat der brutale Überfall auf die Okapi-Anlagen von Epulu im Osten der Demokratischen Republik Kongo Entsetzen und Bestürzung ausgelöst. Die Ermordung von sechs Menschen und das sinnlose Abschlachten der seltenen Okapis erleben viele Mitarbeitende, die sich täglich um teils hochgradig bedrohte Tierarten kümmern, beinahe wie einen Angriff auf die eigene Person. "Wir sind schockiert, und der Zoo Basel bedauert es sehr, dass nicht nur Tiere sondern auch Menschen ums Leben gekommen sind", beteuerte Zolli-Direktor Olivier Pagan gegenüber OnlineReports.
 
Diese Anteilnahme an den Geschehnissen im fernen Kongo hat eine historische Dimension. Und die hat nicht nur mit der eben 20 Jahre alt gewordenen Afrika-Anlage zu tun. Sie betrifft speziell auch die Okapis und ihre Urwaldgehege im Dorf Epulu. Olivier Pagan (Bild): "Der Zoo Basel unterstützt das Projekt seit Jahren, hält selber Okapis und möchte als Botschafter auf diese sensible Tierart aufmerksam machen."

Es ist die selbe Absicht, die bereits seine Vorgänger, die Professoren Heini Hediger, Ernst M. Lang und Dieter Rüedi, angetrieben hat. Den drei früheren Direktoren des Zoologischen Gartens am Birsig lag das letzte grosse Landtier, welches auf dieser Welt entdeckt wurde (1901), auch bereits am Herzen. Und zwar sehr, wie ihre Reisen nach Afrika oder ihre Schriften und Werbeanstrengungen zeigten.

"Bambes" Höllen-Safari ans Rheinknie

Die Tier-Institution am Rheinknie verbindet seit Dekaden schon einiges mit den scheuen Waldgiraffen in den Urwäldern von Kongo-Kinshasa. Zuerst hatte der Zolli mit den belgischen Kolonisten, später mit Diktator Mobutu zu verhandeln, um Okapis nach Basel importieren zu können. Sein erstes Okapi erhielt der Zolli allerdings geschenkt – zum 75. Geburtstag, von der belgischen Regierung, die auch den riesigen Kongo regierte. Und so traf am 16. Juni 1949 "Bambe" in Basel ein.

Das Tier hatte – zusammen mit drei weiteren Artgenossen – eine höllische Reise hinter sich. Zuerst auf einem Kahn den Kongofluss nach Léopoldville (Kinshasa) hinunter, dann von der Atlantikküste auf einem Ozeandampfer nach Antwerpen, dessen Zoo ab 1919 das erste Okapi überhaupt ausserhalb Afrikas in Gefangenschaft hielt, und von dort wohl per Zug weiter nach Basel. Zwei der transportierten Tiere starben am ungewohnten Futter, und  "Bambe" fiel zwei Monate später Monodontella, dem Okapiwurm, zum Opfer. Dies zum grossen Leidwesen von Direktor Heini Hediger, der den Okapiwurm wissenschaftlich untersuchte und dann mit seinen Erkenntnissen viele gefangene Okapis retten half.

Diktator schenkt Basel ein Okapi

Später reiste Hedigers Nachfolger Ernst M. Lang persönlich nach Epulu. Er holte die Waldgiraffen im Pygmäen- und Okapiland gleich selbst – auf abenteuerlichen Reisen zwischen 1955 und 1977. Ziel war es stets, am Rheinknie Okapis zu züchten. Tatsächlich erblickte 1960 das erste "Basler-Okapi" das Licht der Welt. (Oder war dies bereits 1957? Die Zoo-Website nennt beide Jahre. Jedenfalls sind bis heute 21 Okapi in Basel geboren worden.) Über Epulu und den riesigen Kongo herrschte ab 1965 ein ehemaliger Feldwebel, der mit seinem Tross immer wieder im Hotel Hilton beim Centralbahnplatz abzusteigen pflegte: "Der allmächtige Krieger, der dank seiner Ausdauer und seines Siegeswillens flammenden Schrittes von Sieg zu Sieg schreitet" – Mobutu Sese Seko Nkuku wa za Banga.

Den "Allmächtigen" lernte Lang persönlich kennen. Und zwar 1976 in Basel. Nach dem warmen Empfang durch die Basler Regierung wollte sich Kleptokrat Mobutu mit seiner Familie im Zoo noch etwas die Beine vertreten. Lang führte ihn zum vereinsamten Okapimännchen.

Nachher, im Treppenhaus des Restaurants, bat Lang (Bild: 2011 im Zoo) seinen Gast "um Erlaubnis, in Epulu ein weibliches Tier dazuholen zu dürfen". Ohne zu zögern und "mit ausgesuchter Höflichkeit" habe der "Citoyen Président-Fondateuer" versprochen, dem Zoo ein Okapi zu schenken und es mit einer Herkules C 130 ins Alpenland fliegen zu lassen, erinnert sich Lang. Kerosen und Reisespesen, ermahnte Milliardär Mobutu den angestellten Lang, müssten die Basler jedoch selber zahlen.

Einkaufstour und Wildfänge

Das war der Beginn einer doch ziemlich fruchtbaren Geschäftsbeziehung zwischen dem Direktor und dem Diktator. Professor Lang, erfahren in grossen Tierfangexpeditionen, wurde direkt oder via den Schweizer Mobutu-Vertrauten Martin Hofmann zum Berater des Staatspräsidenten und seiner Privatzoos in Kinshasa und seiner Heimatstadt Gbadolite im Norden Zaires. Dann, im August 1977, holte Lang in Epulu das versprochene Okapiweibchen "Bahati". Kurz vorher war der damalige Zolli-Chef in Kinshasa gelandet und in der Residenz des Herrschers «an gewaltigen Elefantenstosszähnen und einem mächtigen Malachitblock vorbei in einen grossen Raum mit fünf ledernen Sitzgruppen auf einem riesigen Perserteppich» geführt worden.

Bei einem Bier der Marke Tembo – "Elefant" – vertieften Mobutu und Lang ihre Beziehung. Eine der Folgen dieses Trunks war die Berufung des Schweizer Tierpflegers Karl Ruf aus dem Zoo Basel zum Leiter der Okapistation in Epulu sowie die bis heute andauernden Verbindungen zwischen Basel und Epulu. Ein weiterer wichtiger Akteur beim Transfer der Okapis und anderer Grosstiere aus Afrika nach Basel war damals der Basler Spediteur, Tiertransportspezialist und Unternehmer Jürg Trachsler. "Wir waren häufig auf Einkaufstour und brachten von Nashörnern über Elefanten bis zu den Okapis alles in die Schweiz", erinnert sich Trachsler gegenüber OnlineReports.

Beruhigungsspritzen und Spezialnahrung

Er organisierte auch den Transport der Okapis und den Flug mit DC 3-Propellermaschinen. Die Okapis hätten vor dem Flug von amerikanischen Tierärzten Beruhigungsspritzen erhalten und seien mit Spezialnahrung der Firma Hoffmann-La Roche gefüttert worden. Zuerst seien die Tiere von Epulu nach Kinshasa und von dort weiter nach Europa geflogen worden. Jürg Trachsler erinnert sich noch gut an die "horrend teuren Versicherungssummen", welche für die wertvollen Okapis hingeblättert werden mussten.

Zoo Direktor Olivier Pagan selbst war noch nie in Epulu. Dafür aber die Familie des langjährigen, nun pensionierten Zolli-Seehundpflegers Markus Ruf. Dessen Bruder, der in Uganda verunglückte Ex-Zolli-Tierpfleger Karl Ruf, hatte die jetzt gebrandschatzte Okapi-Station zusammen mit seiner Frau Rosmarie aufgebaut. Rund 5'000 Franken werden jährlich vom Zolli an das Okapi-Schutzprojekt von Epulu im Osten der Demokratischen Republik Kongo überwiesen, weiss Mediensprecherin Tanja Dietrich. Aber auch andere Zoos in Europa und den USA helfen dem 1987 ins Leben gerufenen Okapi-Projekt mit namhaften Beiträgen. Im Zolli selbst ruhen nun die Hoffnungen auf Okapi-Weibchen und Neuzuzügerin "Hazima" und dem Männchen "Stomp". Wie sieht's mit einer Liaison aus?  Tanja Dietrich: "'Hazima' hat sich eingelebt und mag 'Stomp' gut. Nach Nachwuchs sieht es momentan aber noch nicht aus."

Ungewisse Zukunft

So dringend nötig der Schutz der Tiere in ihrem ursprünglichen Lebensraum auch ist, so wichtig sei es, dass Zoos Okapis züchteten und "möglichst viel über sie lernen", heisst es auf der Zolli-Website. Die Erfahrungen der Zoos würden auch den Menschen im Okapi Wildlife Project helfen, "selber Okapis zu halten, zu pflegen und zu züchten, um sie eventuell eines Tages wieder auszuwildern". Dieses Ziel ist nach dem Niedermachen des gesamten Okapi-Bestandes in weite Ferne gerückt. Ob es je erreicht werden kann, ob je wieder Okapis in der chronischen Unruhe-Region um Epulu gehalten und gezüchtet werden können, ist zurzeit völlig offen.

Die Unesco hat unterdessen einen Spendenaufruf  für die Instandsetzung lanciert (Bild). Die Okapi-Station liegt im Okapi-Reservat, das die Unesco 1996 zum Weltnaturerbe erklärte. Die Schweizer Leiterin des Okapi-Projekts, Rosmarie "Rosie" Ruf, versucht in den nächsten Wochen zusammen mit John Lukas, Direktor der Hauptunterstützerin Gilmann International Conservation Foundation, die Chancen eines Wiederaufbaus des Projekts abzuschätzen. Und der Basler Zoo sucht nach Mittel und Wegen, um helfen zu können. Direktor Pagan: "Der Zolli überlegt sich als Zoo Basel oder mit anderen Okapihaltern finanzielle Unterstützung für die Notsituation zu leisten."

Zurück im Kongo

Heute Donnerstag ist Rosmarie "Rosie" Ruf im ugandischen Entebbe eingetroffen. Am Freitag fliegt sie nach Bunia im Kongo. Dann geht es weiter nach Beni und Mambasa, um bei geflohenen Angestellten Details zu erfahren: Über das Geschehene, über die jetzige Lage im heimgesuchten Dorf. Am Montag will sie nach Epulu fahren. Rosie Ruf: "Wir wollen sehen, fotografieren und filmen, was noch übrig geblieben ist." Aus Sicherheitsgründen kehrten sie am selben Tag wieder nach Mambasa zurück, teilte die Schweizerin OnlineReports mit. "Es wird sich dann entscheiden, ob ich definitive nach Epulu zurückkehre oder noch einige Zeit warten muss, bis sich die Lage einigermassen normalisiert hat, bevor ich als Weisse wieder dort bleiben kann."

Im Osten Kongo-Kinshasas hat sich in den letzten Tagen die Situation verschärft. Meuterer der kongolesischen Armee und Tutsi-Rebellen marschieren als "Bewegung des 23. März" (M23) auf die Zentrumsstadt Goma zu, was die wenig effiziente Uno-Truppe Monusco aufgescheucht hat und die Menschen von Goma in Angst und Schrecken versetzt.

Die neuen Kämpfe im Ostkongo, zusätzlich geschürt durch die Interessen mitinvolvierter Nachbarstaaten, scheinen die Region einmal mehr in ein unübersichtliches Tohuwabohu zu stürzen. Einziger Vorteil für Epulu – es liegt etwas abseits. Auch wenn dies zuweilen gar nichts nützt, wie der letzte Überfall gezeigt hat.

12. Juli 2012

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