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"Dichtes Netzwerk an Informanten": BMF-Geschäftsleiter Straumann

"Ohne Korruptions-Bekämpfung können wir den Regenwald nicht retten"

Interview mit Geschäftsführer Lukas Straumann über Bilanz und Strategie des vor zwanzig Jahren gegründeten Bruno Manser Fonds


Von Peter Knechtli


Aus Basel wird eine Organisation gesteuert, die der malaysischen Regierung seit zwanzig Jahren zu schaffen macht: der Bruno Manser Fonds (BMF). Im OnlineReports-Interview schildert Geschäftsführer Lukas Straumann, wie er gegen die Regenwald-Abholzung und die Korruption im Gliedstaat Sarawak auf Borneo kämpft.


OnlineReports: Herr Straumann, vom Basler Regenwaldschützer Bruno Manser gibt es seit zwölf Jahren kein Lebenszeichen mehr. Zuletzt wurde er auf einem Berg im Regenwald des malaysischen Gliedstaat Sarawak gesehen. Gibt es noch eine Hoffnung auf ein Lebenszeichen?

Lukas Straumann: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber wir müssen davon ausgehen, dass er nie wiederkommen wird. Sein Verschwinden bleibt ein grosses Rätsel, sowohl für seine Freunde im Regenwald von Borneo als auch für uns.

OnlineReports: Der Namensgeber, Mitgründer und Frontmann des Fonds ist seit Mai 2000 verschollen. Haben Sie detailliertere Hinweise darauf, was mit Bruno Manser geschehen sein könnte?

Straumann: Wir wissen einzig, dass er am Schluss allein im Regenwald unterwegs war zu seinem Freund Along Sega. Verschiedene Suchexpeditionen haben keinerlei Aufschluss über sein Schicksal gebracht. Nicht einmal sein Rucksack wurde gefunden.

OnlineReports: Wie gross ist die Annahme, dass er umgebracht wurde?

Straumann: Ich habe diese Vermutung nie geteilt. Aber jeder hat seine eigenen Einschätzungen zum Schicksal von Bruno Manser – ob er nun umgebracht wurde, ob er verunfallt ist oder ob er verschwinden wollte.

"Ohne den Bruno Manser Fonds
hätten die Penan heute keinen Urwald mehr."




OnlineReports: Seit 20 Jahren setzt sich der Bruno Manser Fonds für den Regenwald ein. Was hat Ihr Einsatz gebracht?

Straumann: Ohne den Bruno Manser Fonds hätten die Penan heute keinen Urwald mehr. Bei der Gründung des Fonds Ende 1991 befürchtete Bruno Manser, dass in Sarawak innerhalb von sieben Jahren kein Primär-Urwald mehr besteht. Dies ist zum Glück nicht der Fall.

OnlineReports: Als OnlineReports im Frühjahr 1999 mit Bruno Manser sprach, sagte er ernüchtert: "Der Erfolg in Sarawak ist unter Null".

Straumann: Gemessen an seinen eigenen hohen Zielsetzungen ist Bruno Manser gescheitert. Aber er hat in Sarawak unglaublich viel bewirkt und gilt bei den Ureinwohnern bis heute als Held und grosse Inspirationsquelle. Er ist sogar in die Mythologie der Penan eingegangen. Er hat als Erster den Batu Lawi, den heiligen Berg der Penan, bestiegen, und das hat ihnen imponiert.

OnlineReports: Wie geht es dem Urvolk der Penan auf Sarawak heute?

Straumann: Im Lauf der letzten zehn Jahre mussten die letzten Penan-Nomaden ihre traditionelle Lebensweise als Sammler und Jäger aufgeben und mit dem Anbau von Reis beginnen, weil der Wald nicht mehr genug Nahrung bietet. Die Penan sind hin- und hergerissen zwischen ihrer traditionellen Lebensweise und den Verlockungen der Moderne. Wir helfen ihnen dabei, sich zu entwickeln, ohne ihre Wurzeln preisgeben zu müssen.

OnlineReports: Welche Rolle spielt die Symbolfigur Bruno Manser heute noch für Ihren Fonds?

Straumann: Dank der Figur Bruno Manser geniesst der Fonds noch heute hohes Vertrauen in Malaysia und eine hohe Glaubwürdigkeit in der Schweiz. Alle wissen, wofür Bruno Manser steht.

OnlineReports: Manser hat sich besonders stark für die Penan eingesetzt. Gilt das  immer noch für den Fonds, also für Sie und Ihr Team?

Straumann: Ja, das gilt noch heute. Mit keiner indigenen Gruppe in Sarawak arbeiten wir so eng zusammen wie mit den Penan. Wir haben gemeinsam mit den Penan sieben Landrechtsklagen über eine Fläche von 3'600 Quadratkilometern eingereicht. Bisher wurde allerdings noch über keine dieser Klagen entschieden. Es ist aber schon ein Erfolg, dass die Holzkonzerne und die Regierung von Sarawak diese Klagen nicht für ungültig erklären konnten, obschon sie es versucht haben.

"Der Anreiz der Politiker, die an der Abholzung mitverdienen, ist zu gross."




OnlineReports: Uns fällt auf, dass der BMF vom punktuellen Engagement weggeht und sich strategisch ausweitet: Er fokussiert sich nicht nur auf Sarawak und den dafür zuständigen Regierungschef Taib  Mahmud, sondern er nimmt jetzt die korrupte malaysische Regierung ins Visier. Wird der Fonds vom Regenwaldschutz- zur Menschenrechtsorganisation?

Straumann: Wir waren schon immer Umweltschutz- und Menschenrechts-Organisation zugleich. Die Frage der indigenen Landrechte ist vom Schutz der Regenwälder in Borneo nicht zu trennen. Die Regierung in Kuala Lumpur könnte viele Probleme in Sarawak lösen, wenn sie nur wollte.

OnlineReports: Stimmt unser Eindruck, dass der BMF eine Internationalisierung anstrebt in dem Sinn, dass er sich weltweit Gehör verschafft?

Straumann: Ja, wir sind seit acht Jahren konsequent daran, unsere Kampagne auf der internationalen Ebene zu führen. Dies hat Bruno Manser auch schon getan, aber wir haben jetzt mehr Ressourcen zur Verfügung. So arbeiten wir seit zwei Jahren mit dem "Environment News Service" in den USA zusammen, der unsere Meldungen weltweit verbreitet. Malaysia wird sich nur auf Druck der internationalen Gemeinschaft zu einer Kurskorrektur bewegen lassen.

OnlineReports: Sie und Ihr Team setzen sich verstärkt mit der malaysischen Regierung, ihrer Privilegienwirtschaft und der Rolle der Grossbanken auseinander.

Straumann: Ohne Bekämpfung der Korruption können wir den Regenwald nicht retten. Der Anreiz der Politiker, die an der Abholzung mitverdienen, ist zu gross. Nach drei Jahrzehnten der Abholzung ist ein grosser Teil des Urwaldes verschwunden, aber wo ist das Geld geblieben? Die Penan sind so arm wie zuvor. Jetzt sollen ihre Dörfer durch zwölf unnötige Staudamm-Projekte unter Wasser gesetzt werden.

OnlineReports: Wer profitiert von der Abholzung am meisten?

Straumann: Unsere Recherchen haben gezeigt, dass der Regierungschef von Sarawak dank der Abholzung zum Milliardär wurde. Seine Familie ist an über 400 Unternehmen in 25 Staaten und Offshore-Finanzplätzen beteiligt. Das Geld steckt heute in Immobilien in Kanada, Australien, Grossbritannien und andern Ländern. Dies ist vermutlich nur die Spitze des Eisbergs.

OnlineReports: Wie schätzen Sie die Wahrnehmung des Bruno Manser Fonds weltweit und vor allem im Fernen Osten ein?

Straumann: Vor einigen Wochen konnte ich "Al Jazeera" ein Live-Interview zur Situation in Sarawak geben. In Malaysia sind wir fast jede Woche in den Medien ...

OnlineReports: ... in welchem Kontext – als unerwünschter Einmischer oder eher im bestätigenden Sinne?

Straumann: Die lokalen Machthaber beklagen sich, dass wir ihre Korruption international zum Thema machen. Regierungschef Taib Mahmud hat wegen uns ein Verfahren der malaysischen Anti-Korruptions-Behörde am Hals. Nach seiner Wiederwahl vor einem Jahr sagte er im neugewählten Parlament als Erstes, dass er nicht korrupt sei und kein geheimes Konto in der Schweiz habe. Dies war eine direkt Antwort auf unsere Kampagne zur Korruption im Tropenholzgeschäft.

"Das Internet eröffnet uns
den Zugang zu Handelsregistern weltweit."




OnlineReports: Sie sind seit acht Jahren BMF-Geschäftsführer. Wie hat sich der Fonds seither professionalisiert?

Straumann: Wir haben eine grössere Mitgliederbasis und dadurch mehr finanzielle Mittel. Als ich 2004 anfing, war ich allein. Heute sind wir ein Team von fünf Leuten, und können dadurch viel mehr bewirken. Wir haben uns auf allen Ebenen professionalisiert und erheben den Anspruch, auf unserem Gebiet international erstklassige Arbeit zu leisten.

OnlineReports: Auffällig sind Ihre Recherchen zu den Besitzverhältnissen, Bereicherungen und Verstrickungen der malaysischen Führungsriege. Wie kommen Sie an die Fakten heran?

Straumann: Das Internet eröffnet uns den Zugang zu Handelsregistern weltweit - sei es in Hongkong, Singapur oder Australien. Wichtige Informationen sind uns auch von Insidern des Taib-Clans zugespielt worden. Wir haben ein dichtes Netzwerk an Informanten in Kooperation mit unseren Partnern in Malaysia.

OnlineReports: Eine besondere Rolle im Kampf um die Erhaltung des Regenwaldes auf Borneo spielt auch Clare Rewcastle, die Schwägerin des früheren britischen Premiers Gordon Brown. Wie eng ist die Zusammenarbeit des BMF mit ihr?

Straumann: Wir arbeiten mit ihr in einer engen Kampagnen-Partnerschaft und tauschen mit ihr viele Informationen zur Situation in Sarawak aus. Clare Rewcastle ist in Sarawak geboren und kehrte 2005 als Journalistin dorthin zurück. Sie war schockiert und nahm mit uns Verbindung auf. Durch ihr Engagement für freie Medien in Sarawak hat sie unglaublich viel bewirkt.

"Malaysia muss Taib Mahmud fallen lassen
und strafrechtlich verfolgen."




OnlineReports: Hat der BMF einen Einfluss auf die Machtverhältnisse in Malaysia?

Straumann: Ich denke, wir setzen Themen in der öffentliche Debatte, die bis ins malaysische Kabinett vordringen. Als wir 2008 aufdeckten, dass Penan-Frauen und Schulmädchen von Holzfällern sexuell missbraucht wurden, hat das im Land einen Schock und einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

OnlineReports: Ist der BMF gar Teil eines "malaysischen Frühlings"?

Straumann: Wir stehen in Kontakt mit der malaysischen Demokratiebewegung, die letztes Wochenende in Kuala Lumpur eine grosse Kundgebung für freie und faire Wahlen organisiert hat. Auch hier in der Schweiz fanden Kundgebungen in Zürich und Genf statt. Die Veränderung muss aus dem Land selbst kommen. Wir können nur unterstützend wirken.

OnlineReports: Bruno Manser hat spektakuläre Medien-Ereignisse inszeniert. Welche Rolle spielen die Medien in Ihrer Arbeit?

Straumann: Das Internet hat uns ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Fast jede unserer Medienmitteilungen wird von den wichtigsten malaysischen Online-Medien aufgegriffen. Wir haben dadurch viel Aufmerksamkeit auf unsere Themen lenken können. Steter Tropfen höhlt den Stein. Die Printmedien, Radio und Fernsehen unterliegen einer strikten staatlichen Zensur. Dies hat dazu geführt, dass die Online-Medien, Blogger und Facebook zu wichtigen Meinungsbildnern geworden sind.

OnlineReports: Der Fonds lebt zu einem beträchtlichen Teil von Spenden und Mitgliederbeiträgen. Wie hat sich der Spendenfluss in den letzten Jahren entwickelt?

Straumann: Wir stehen heute finanziell viel besser da als vor acht Jahren, dank der wertvollen Unterstützung zahlreicher Mitglieder und Spender.

OnlineReports: Welches Budget steht Ihnen zur Verfügung?

Straumann: Für das Jahr 2012 haben wir ein Budget von 1,4 Millionen Franken. Damit lässt sich etwas bewirken.

OnlineReports: Wie stark ist der Fonds in Basel verankert – abgesehen davon, dass er hier seinen Sitz hat?

Straumann: Wir werden von der Bevölkerung in der Region Basel sehr stark getragen. Das wissen wir zu schätzen.

OnlineReports: 20 Jahre Bruno Manser Fonds – wohin geht die Reise?

Straumann: Wir hoffen, dass bei den nächsten malaysischen Wahlen ein Regierungswechsel stattfinden wird, der es uns möglich machen wird, direkte Verhandlungen mit der malaysischen Regierung aufzunehmen und unsere Projekte wie beispielsweise den Penan Peace Park im Herzen von Borneo zu offizialisieren.

OnlineReports: Welche Ziele wollen Sie mit dem BMF in Sarawak und anderswo noch erreichen?

Straumann: Wir möchten den Ureinwohnern – nicht nur den Penan – zum Recht auf ihr Land verhelfen und ihnen ermöglichen, sich nachhaltig zu entwickeln, ohne weiteren Wald zu zerstören. Dies ist nur möglich, wenn der Regierungschef von Sarawak abgesetzt und hinter Schloss und Riegel gebracht wird. Malaysia muss Taib Mahmud fallen lassen und strafrechtlich verfolgen. Dazu braucht es massiven internationalen Druck. Daran arbeiten wir, auch wenn es eine sehr schwierige Aufgabe ist.

"Westliche Konzerne haben bei der Abholzung
von Borneo kräftig mitverdient."




OnlineReports: Wie empfinden Sie Ihre Aufgabe als Geschäftsleiter – kämpfen Sie nicht gegen Windmühlen an?

Straumann: Nein, es geht hier um ganz reale Personen und Unternehmen, die sich durch die Zerstörung der Umwelt auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. Es reicht nicht, mit dem Finger auf Malaysia zu zeigen, auch wenn dort die Hauptverantwortung liegt. Westliche Konzerne haben bei der Abholzung von Borneo mitverdient, Bulldozer von Caterpillar, Motorsägen von Stihl und Holztransporter von Mercedes stehen täglich im Einsatz. Credit Suisse hat dem Holzkonzern Samling zu neuem Kapital verholfen, und Schmiergelder aus der Abholzung von Borneo wurden über Konti der UBS in Hong Kong gewaschen.

OnlineReports: Kommen nicht manchmal auch Selbstzweifel auf - gerade jetzt, da in Brasilien neue Initiativen zur Rodung riesiger Regenwaldgebiete im Amazonas bekannt werden?

Straumann: Wir können nicht den Lauf der Welt ändern, aber wir können an einem ganz konkreten Ort Verbesserungen für die lokale Bevölkerung und den Schutz des Waldes erzielen. Dies ist meine Motivation, mit unserer Arbeit weiter zu fahren.

OnlineReports: Wie lange wollen Sie diese Arbeit noch weiterführen?

Straumann: Das wird sich zeigen. Im Moment ist in Malaysia sehr viel im Umbruch. Diese Situation ist äusserst spannend und könnte uns noch ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Derzeit arbeiten Clare Rewcastle und ich an einem Buch mit dem Arbeitstitel "Raubzug auf den Regenwald", das nächstes Jahr erscheinen soll.

4. Mai 2012

Weiterführende Links:


Der Gesprächspartner


Lukas Straumann
(42) ist seit acht Jahren Geschäftsführer des in Basel domizilierten Bruno Manser Fonds (BMF). Der promovierte Historiker, in Liestal aufgewachsen, ist Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Familie in Bern.


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