© Fotos by Archäologie Baselland


Römischer Gutsbetrieb "Kästeli": Thriller für Archäologen

Pratteln, 15. September 2016

Das Landwirtschaftsgelände im Gebiet "Kästeli" in Pratteln – zwischen Wohnüberbauungen und Produktionsanlagen der Chemie – erscheint nicht als besonders attraktive Gegend. Doch den Archäologen schlägt das Herz hoch, wenn sie sich dort aufhalten (Bild oben).

Die staatliche Archäologie Baselland untersucht dort derzeit rund 12'000 Quadratmeter Landwirtschaftsbereich eines grossen römischen Gutshofes. Sie erhofft sich von den Ausgrabungen "grundlegende Erkenntnisse zur Funktionsweise der römischen Agrarwirtschaft in unserer Region". Dieser Gutshof gehört aufgrund seiner Ausstattung und Grösse zu den bedeutendsten Anlagen dieser Art im Umland von Augusta Raurica.

Prunkstück goldener Fingerring

Sein Standort ist seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt; erste Ausgrabungen fanden bereits in den 1840er Jahren statt. Im Laufe der Zeit stiessen Forscher auf Reste von Mosaiken, beheizten Gemächern und säulengeschmückten Hallen. Ein 1971 entdecktes, mit Sandsteinplatten ausgekleidetes Zierbecken diente vielleicht der Fischhaltung. 2009 brachten umfangreiche Notgrabungen weitere Teile dieses luxuriösen Herrenhauses und des vorgelagerten Gartens sowie Ökonomiegebäude ans Licht.

Die bestens organisierten, auf Überschussproduktion ausgerichteten römischen Gutshöfe waren tragende Säulen des römischen Reiches. Einheimische Erfahrung, gepaart mit römischer Wissenschaft, führten im 1./2. Jahrhundert nach Christus zu einer zuvor noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Blüte in der Region, wie es in einer Medienmitteilung heisst. Davon profitierte vor allem das nahe Augusta Raurica, wo ausgewählte Produkte – zum Beispiel Fleisch zu Schinken und Würsten – weiter verarbeitet und in andere Teile des Reichs exportiert wurden.

Die aktuelle Notgrabung verspricht grundlegende neue Erkenntnisse etwa über die Organisation eines solchen Grossbetriebes oder den Stand von Ackerbau und Viehzucht. So wurde eine grosse, mit Lehm abgedichtete Grube mithilfe der Archäogeologie als Einrichtung zur Dungreifung identifiziert, wie dies vom römischen Agrarwissenschaftler Columella in seinem Werk über die Landwirtschaft ("De re rustica") empfohlen wird. Rätsel gibt noch ein etwa 50 Meter langes Steingebäude auf, dessen Ausgrabung noch ansteht.

Zu den Spitzenfunden der aktuellen Grabung gehört ein goldener Prunkfingerring (kleines Bild) des dritten Jahrhunderts. Er dürfte in den bürgerkriegsartigen Wirren in der Zeit des Gallischen Sonderreichs (260–274) im Boden versteckt und später nie mehr hervorgeholt worden sein. Eine Kostbarkeit dieser Güte verrate "einiges über den Reichtum der Gutshofbesitzer, die zweifellos auch im nahen Augusta Raurica einen Wohnsitz und ein gewichtiges Wort mitzureden hatten".


Besichtigungen

Die Bevölkerung ist am 24. September anlässlich eines Tages der offenen Ausgrabung herzlich eingeladen, die Fundstelle zu besuchen. Geführte Rundgänge finden um 10.00, 10.30, 11.00, 11.30, 12.00, 12.30, 13.00 und 13.30 Uhr statt



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