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"Heute zählt vor allem Schnelligkeit": Arzt Christian Comtesse

Er gibt Sicherheit und hegt in stillen Stunden Zweifel

Porträt des Basler Notfallarztes Christian Comtesse: Ein Mediziner nicht wie jeder andere


Von Elsbeth Tobler


Ärzte im Notfalldienst sind oft die einzige Rettung für Kranke und Verzweifelte - in Basel wie überall in der Schweiz. Einer, der sich aufmacht, wenn Gesundheit und Leben bedroht sind, ist der Notfallarzt Dr. med. Christian Comtesse. Er ist ein Mensch mit hohen ethischen Ansprüchen und einer kritischen Einstellung gegenüber der Tendenz des schnellen medizinischen Geschäfts.


Die junge Frau krümmt sich vor Schmerzen. Ihre Haut brennt. Sie schlägt die Hände vors Gesicht und weint. Christian Comtesse versucht, die Verzweifelte zu beruhigen. Er verabreicht ihr eine krampflösende Spritze und ein Mittel gegen die Reizung der Haut. Der Notfallarzt ist nicht zum ersten Mal da. Die Patientin leidet an einer chronischen Erkrankung. Comtesse redet der Frau behutsam ins Gewissen. Schliesslich lässt sie sich überzeugen, wieder in die Klinik zurückzukehren, aus der sie in Panik weggerannt ist. Eine Stunde später ist Christian Comtesse auf dem Weg zu einem neuen Fall.

Der 45jährige Mediziner gehört zur Gruppe der SOS-Ärzte, einer privaten Organisation mit Hauptsitz in Zürich, die Tag und Nacht Notfalleinsätze fährt. Im ehemaligen Polizeiposten am Kleinhüninger Dorfplatz hat er seine Einsatzzentrale eingerichtet, die zugleich sein Domizil ist. In den einstigen Zellen lagern Notfallkoffer und Medikamente. Auch ein Untersuchungszimmer ist vorhanden. Der Kaschmirteppich im Wohnzimmer ist eine Erinnerung an seine Zeit beim Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK), wie Christian Comtesse nicht ohne Stolz erzählt. Zweieinhalb Jahre war er als Teamarzt in Bosnien, in Georgien, im Kongo und in Kaschmir im Einsatz. Als Koordinator der medizinischen Hilfsprogramme, unter anderem in verschiedenen Distrikt- und Staatsgefängnissen. Für Comtesse waren das keine Alibiübungen, sondern Arbeit aus ethischer Überzeugung.

Berufliche Passion und Abenteurerlust

Trotzdem plagen ihn Zweifel. "Es kann schon frustrierend sein, weil man nie direkt miterlebt, dass die Arbeit vor Ort wenigstens zu einem Teilerfolg führt", fasste er 1996 seine Erfahrungen während des Indien-Aufenthaltes zusammen. Zwei Jahre später quittiert er den Dienst und kehrt in die Schweiz zurück. Mit der Gewissheit, dass sich seine berufliche Passion und seine Abenteuerlust genauso wie seine kritische Grundeinstellung gegenüber dem Arztberuf noch nicht mit einer geregelten Praxistätigkeit vereinbaren lassen.

Auf seinem Wohnzimmertischchen stapeln sich Magazine, CDs, Bücher. Fachliteratur neben Nietzsche, Camus, Dostojewski oder auch mal Science-fiction. Comtesse hat keine bürgerlichen Karrierewünsche. Sein Luxus ist die Nachdenklichkeit. "Was ist Leben - eine Vision? Eine Chance? Ein Auftrag?" Dass seine Empfindsamkeit für humanistische Belange und Lebenswerte im Elternhaus in Winterthur - Mutter medizinische Laborantin und Hausfrau, Vater Jurist - gefördert wurde,wird im Gespräch spürbar. Schon als Bub hat sich der Zweitjüngste von fünf Geschwistern lieber in Geschichtsbücher vergraben, statt mit Freunden auszugehen. Und oft wurde bei Tisch philosophiert. "Eigentlich hätte ich auch ganz gerne Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert", erzählt er. Doch Christian Comtesse entscheidet sich für die Medizin und zieht nach Lausanne, um dort die ersten drei Jahre seines Studiums zu absolvieren. Nach Studienabschluss in Zürich folgt ein Abstecher in die Rechtsmedizin Bern. Anschliessend Assistenzen in Gynäkologie, Geburtshilfe, Orthopädie, Traumatologie, Chirurgie sowie in einer interdisziplinären Intensivstation. Alles schien auf eine Arztkarriere hinzudeuten. Aber Christian Comtesse schlägt eine andere Richtung ein. Er macht die Devise des Prince of Wales, die dessen Wappen ziert, zu seiner eigenen: "Ich diene."

So geht er im Herbst 1998 zu den mobilen Notfallärzten der SOS-Gruppe Zürich. Als die Organisation in Basel eine Zweigstelle eröffnen will, wird ihm deren Aufbau übertragen. Er will sich hier mit solider medizinischer Notfallversorgung etablieren. Doch die Servicebereitschaft des neuen Kollegen stösst nicht überall auf Begeisterung. SOS-Ärzte, heisst es von offizieller Seite, seien in Basel nicht erforderlich. Die Sicherstellung des Notfalldienstes gehöre seit bald 40 Jahren zu den Aufgaben der medizinischen Notrufzentrale (MNZ), die diese im Rahmen der Gesundheitsvorsorge wahrnimmt. Comtesse gibt aber so schnell nicht auf. "Ich bin ein sturer Bock", sagt er.

"Der Arztberuf hat sich sehr verändert"

Der frühere Gebirgsgrenadier, heute Stabsmitarbeiter im Rang eines Oberstleutnants, ist ein Abweichler von der Norm. Seinen Kurzhaarschnitt hat er sich selbst verpasst. In seinen "knitterfrei gestreckten", nicht etwa gebügelten Hosen und dem gestreiften Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln macht er auf den ersten Blick einen robusten Eindruck. Doch er sei müde und ausgelaugt, betont er immer wieder. Manchmal wacht er in der Nacht auf, weil er glaubt, das Telefon habe geläutet. "Oder es könnte ja im nächsten Moment schrillen." Letzte Nacht blieben ihm nur zwei Stunden Schlaf. Mehrere Male musste er ausrücken - zu einem akuten Schmerzpatienten und zu psychisch kranken Menschen.

"Der Arztberuf hat sich sehr verändert", stellt Comtesse fest. "Heute zählt vor allem Schnelligkeit." Die vorgegebene Patientenkontaktzeit sei häufig so knapp bemessen, dass es nur für eine kurze Begrüssung, Untersuchung und kaum für Informationen reiche. "Dabei ist die Zuwendung im Gespräch - neben der medizinischen Soforthilfe - am wichtigsten, um dem Patienten ein Gefühl von Sicherheit zu geben", so Comtesse. 30 Minuten dauert im Schnitt ein dringender Hausbesuch des SOS-Arztes.

Grossen Stellenwert hat der vorherige telefonische Kontakt. Dadurch könne man unnötige Patientenbesuche vermeiden. Christian Comtesse leistet 24-Stunden-Bereitschaftsdienst, ohne dass sich dies bis jetzt für ihn finanziell ausgezahlt hätte. Um weiterhin zu spüren, welches die Bedürfnisse der Hausarztpatienten sind und um seine berufliche Situation zu verbessern, macht er ab und zu eine Praxisvertretung. Seit kurzem gehört er zum Medical-Team eines Gesundheitsportals.

"Ich nehme alles sehr ernst und persönlich"

Notfallärzte sind Einzelkämpfer. "Ich arbeite zwangsläufig praktisch immer allein. In schwierigen Situationen und bei Entscheidungen bin ich ganz auf mich selbst gestellt." Wie viele seiner Kollegen fürchtet er sich davor, "eine falsche Diagnose zu stellen, es nicht zu bemerken und den Patienten zu verlieren." Während unseres Gesprächs geht von der SOS-Zentrale Zürich ein Notruf ein. Ein Junkie fleht um eine Dosis eines bestimmten Beruhigungsmittels. Doch Christian Comtesse bleibt hart und lehnt ab. Er kennt den Mann bereits und weiss, dass dieser an einem Drogenentzugsprogramm teilnimmt. In solchen Fällen stellt sich für Comtesse die Frage nach der Legitimität seiner medizinischen Hilfe. "Ich nehme die Krankengeschichten sehr ernst und vielleicht zu persönlich." Vor allem die Akutbehandlung von Drogenopfern hält er für Augenwischerei. Zwar erwachten selbst tief komatöse Heroinkonsumenten nach der Injektion des rettenden Gegenmittels schlagartig und könnten den Ort ihres Zusammenbruchs in Kürze verlassen. Doch wohin? Zum nächsten Dealer, zum nächsten Schuss? "Wir doktern allzu oft nur an den Symptomen herum", sagt er mit unüberhörbarer Resignation.

16. März 2001


Privates zur Person

Christian Comtesse (45) ist eher ein ernster, in sich gekehrter Typ. Bei seinem Arbeitsrhythmus sei es auch nicht leicht, Freundschaften zu pflegen. Auf seinem Bürotisch häufen sich private Briefe und warten auf Beantwortung. "Mein unregelmässiger Beruf lässt auch keine enge Partnerbeziehung zu", sagt Comtesse. Ist dies Bindungsangst oder frisst der Beruf das Privatleben tatsächlich auf? "Ich werde mein wenig geselliges Verhalten nicht mehr los. Es ist Teil meines Selbst geworden", notierte er während seines IKRK-Aufenthaltes in Neu-Delhi vor vier Jahren.

Sicher lebt Christian Comtesse kein normales Leben, obwohl dies auf den ersten Blick so scheinen mag und die unübersehbare Ordnung in Wohnung und Büro dies suggerieren. Dennoch hat er Träume und Sehnsüchte. Nach mehr Urlaub und Entspannung. Nach mehr Kreativität. Ab und zu, wenn seine Vertretung für ihn einspringt, habe er zwar einen freien Tag oder ein freies Wochenende. Das ist jedoch meist zu kurz, um zu seinem Haus "la folie" im Burgund zu fahren, das er vor ein paar Jahren erworben hat. In der Garage stehen zwei starke Motorräder. Im Moment unbenutzt. Zudem besitzt er eine private Fluglizenz, kommt aber selten zum Abheben. Höchstens vielleicht daheim, bei literarischen Wortspielereien. Denn da ist noch eine verborgene Energiequelle, die in ihm schlummert. Die anschaulichen Texte von Christian Comtesse scheinen geradezu nach einer Aufzeichnung zu rufen. "Doch dazu fehlen mir im Moment Zeit, Musse und wohl auch die Kraft", meint er.


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"Kapo übt Terror"

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6/2019
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Das wäre dann das Gegenteil von Terrorbekämpfung.

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