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"Massiver Druck": Indioführer in Paraguay, von Fremden abgeholzter Urwald

Der Triumph der Umweltverachter über den Umweltjournalismus

Umwelt-Rechercheure geraten immer häufiger ins Fadenkreuz von Staat und Privaten


Von Ruedi Suter


Umweltverachter profitieren von der Medienkrise: Über ihre Methoden, aber auch über die Komplexität, das Wachsen und die Folgen ökologischer Probleme wird immer weniger berichtet. Den Medienschaffenden fehlen für ihre Recherchen Finanzen und Publikationsmöglichkeiten. Folge: Die Umweltprobleme mit ihren Verheerungen in vorab armen Ländern bleiben abstrakt – und ungelöst.


Sie ist stets schwierig, fast immer gefährlich, und manchmal auch tödlich: Die Berichterstattung über Umweltzerstörungen durch Staaten, Konzerne, Verbrechersyndikate, Grossgrundbesitzer, Siedler und bewaffnete Gruppen. Journalisten und Journalistinnen, die in den Machtzentren der Städte oder an Ort und Stelle in oft weit abgelegenen Gegenden Recherchen riskieren, werden vielfach behindert, eingeschüchtert, verfolgt und in den schlimmsten Fällen verletzt, zum Verschwinden gebracht oder getötet. Denn hinter den grossen und häufig nicht wieder gut zu machenden Umweltzerstörungen stehen stets handfeste wirtschaftliche Interessen.

Kriege mit ihren Verheerungen und Flüchtlingsströmen, die Klima schädigenden Emissionen, das Hochziehen grosser Staudämme und die Verschmutzung der Gewässer, das Fällen der Wälder und Urwälder, der oft folgenschwere Abbau von Erzen, die ebenso folgenschwere Förderung und der Transport von Erdöl, das Versenken oder Vergraben von Müll und Sondermüll, die Vernichtung der Artenvielfalt, das Jagen geschützter Tiere, das Leerfischen der Meere, das inszenierte Abbrennen ganzer Landschaften, der Bau umweltschädlicher Touristenanlagen, das Pflanzen riesiger Monokulturen und der fahrlässige Umgang mit Pestiziden sind nur einige Beispiele, die auf Big Business zurückgeführt werden können.

Besonders fatal: Das rücksichtslose Geschäftemachen unter dem regelmässig gebrauchten Vorwand der "Notwendigkeit", "Arbeitsplatzsicherung" und "Wachstumsförderung" führt in vielen Fällen zu zerstörten Lebensgrundlagen mit kranken und sterbenden Menschen.

Verdrängt statt thematisiert

Die Thematisierung dieser verzahnten und unaufhörlich wachsenden Problemkomplexe vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern ist notwendiger denn je. Sie ist nicht einfach nur die Aufgabe von Forschenden, UNO, nationalen Amtsstellen, Hilfs-, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen. Die komplexen Vorgänge müssten vor Ort auch laufend von unabhängigen Medienleuten beobachtet, fotografiert, gefilmt und beschrieben werden. Wenigstens die Spitzen der Eisberge müssten dokumentiert werden können.

Doch das Gegenteil ist der Fall: Die letzten Endes für das Überleben der ganzen Menschheit relevanten Themen, immer schon selektiv wahrgenommen, werden von den meisten der klassischen Medien nur noch bruchstückhaft, selten oder gar nicht mehr transportiert. Jene Medienleute aber, die für ihre Umweltrecherchen auch schon Mal Hals und Kopf riskieren, finden keine Abnehmer und damit auch kein Publikum mehr. Damit wird einer breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit genommen, sich auf reale Gefahren aus dem ökologischen Umfeld vorzubereiten und sich mental dagegen zu wappnen.

Fallbeispiel Giftmüll

Können Medienschaffende dennoch ihre heiklen Umweltberichte veröffentlichen, sind sie heute verwundbarer, weil potente Gegner sie mit gerichtlichen Klagen behindern können. In diese Richtung weist auch der aktuelle Fall des Giftmüllskandals bei Abidjan in der Elfenbeinküste, der laut verschiedenen Berichten rund ein Dutzend Menschen tötete, gegen 70 teils schwer erkranken liess und 108'000 Menschen zur ärztliche Behandlung zwang. Die für die Entsorgung des europäischen Giftmülls verantwortliche Trafigura bestreitete jede Schuld – und ging in die Gegenoffensive: Sie verklagte die recherchierenden Medienleute wegen Verleumdung.

Unterdessen ist aber das schweizerisch-niederländische Unternehmen zunehmend unter Druck geraten. Eine UNO-Untersuchung sieht einen Zusammenhang der Vergiftungen mit dem Giftmülltransport, Trafigura zahlte 2008 der Elfenbeinküste 150 Millionen Euro an die Lösung des Problems und rund 300 000 Klagenden wurde von der Firma eine Entschädigung zugestanden. Kürzlich fand Greenpeace schliesslich heraus, dass selbst der Chef des auch in Luzern beheimateten Rohstoffhandelkonzerns von der Gefährlichkeit der Ladung gewusst haben musste. Trafigura beharrt bis heute auf ihrer Unschuld. Der Fall zeigt exemplarisch, was für Dimensionen Umweltberichterstattungen erreichen können.

Die Wirklichkeit sieht anders aus

Eine weitere, für dem Umweltjournalismus bislang weniger hohe Hürde: Die spezialisierten Medienschaffenden können sich die in der Regel sehr aufwendigen Recherchen gar nicht mehr leisten. Das ist gravierend für alle, die an die Aufklärung und die Möglichkeit einer beherzten Änderung der Zustände glauben. Fatal auch für die Politik und die Allgemeinheit hierzulande – sie bekommen nicht mehr richtig mit, was ausserhalb ihres direkten Wahrnehmungsbereichs geschieht und was an Zukunftsbedrohungen auch auf sie zukommt. Praktisch ist dieser Zustand hingegen für Umweltsünder oder Umweltverbrecher. Und wunderbar für die Verschleierungstechniker in den PR-Agenturen, die so noch besser das eingeengte, nur von Eigeninteressen geprägte Weltbild ihrer mächtigen Auftraggeber verbreiten können.

Verantwortungsvollen Medienschaffenden bleibt jedenfalls die Pflicht, kontinuierlich auf solche Missstände aufmerksam zu machen. Im Zeitalter vieler vor allem auf Rendite fixierter Verleger und der wankenden Verlagshäuser muss die Öffentlichkeit wissen, dass ihr die Mehrzahl der Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen im Chor mit vielen profitorientierten Umwelt- und Tierschutzkonzernen nur noch ein läppisches, höchst löcheriges  und schöngefärbtes Abbild der ökologischen Wirklichkeit vermitteln. Weil sie es aus Profitgründen so wollen und müssen oder mangels Wille und Geld nicht mehr anders können. Wird trotzdem einmal ein Umweltskandal wie eben jetzt das Versenken von Atom- und anderem Sondermüll durch italienische Umweltverseucher im Mittelmeer bekannt, halten Entsetzen, Betroffenheit und Aufregung nicht lange an.

Taub gegenüber tickende Umweltbomben

Die Aufmerksamkeit wird rasch wieder von vergleichsweise Belanglosem wie dem Auf- oder Abstieg eines Spitzenfussballclubs absorbiert. Dass die Meere für die global agierende Schrott-Mafia seit langem schon als billige Sondermülldeponien für Konsumgesellschaften, Konzerne und Streitkräfte herhalten müssen, die versenkten Behälter rosten und die austretenden Giftstoffe für Fauna, Flora und Touristenstrände eine tödliche Gefahr bedeuten, scheint ebenso nebensächlich wie viele andere tickende Umweltbomben.

Sie zu orten, auf sie aufmerksam zu machen und vor ihnen zu warnen, ist mit die Aufgabe der Medienschaffenden. Aber sie riskieren, so sie überhaupt noch arbeiten können, mehr denn je Kopf und Kragen, wie ein neuer Bericht der Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) nachweist. Dieser basiert auf den Erfahrungen von 13 Journalisten und Journalistinnen aus den verschiedensten Ländern und Weltregionen. Alle waren bei ihren Recherchen über die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und über Umweltverbrechen Repressionen und Zensur ausgesetzt.

Angefeindeter Umweltjournalismus

Der Report spricht von gewalttätigen Übergriffen, Verhaftungen und Drohungen gegenüber Journalisten oder Bloggerinnen, die umweltzerstörende Wirtschaftspraktiken und ökologische Skandale aufdeckten. Reporter ohne Grenzen: "Viele Unternehmen, kriminelle Gruppen und sogar Regierungen sehen ihre Interessen durch solche Berichte gefährdet. Journalisten werden als unerwünschte Zeugen oder gar als Feinde betrachtet, die zum Verstummen gebracht werden sollen." In einigen Fällen hätten kriminelle Unternehmer oder korrupte Politiker Schläger engagiert, um gegen unliebsame Berichterstatter vorzugehen.

In vielen Fällen erhalten die Rechercheure auch keine Unterstützung durch die lokale Bevölkerung in den von Umweltzerstörung betroffenen Gebieten. Denn häufig böten die ressourcenausbeutenden Unternehmen auch Arbeitsplätze an. Dies könne "mit massivem Druck" einhergehen, der von den Firmen auf die Ortsansässigen ausgeübt wird. So geschehen im Bergbauzentrums La Oroya in den peruanischen Anden: "Die Luft und das Abwasser der 35'000-Einwohner-Stadt sind mit Schwermetallen und Schwefel stark belastet. Wer mit Journalisten über dieses Problem spricht, riskiert den Verlust der Arbeit und sozialer Leistungen", heisst es im Bericht.

Verschwundene und Tote

Alarmierend sei ausserdem, dass "die meisten" der recherchierenden Medienschaffenden - oftmals Freie Journalisten und Journalistinnen - "völlig auf sich gestellt" sind. "Viele Behörden unternehmen nichts, um verfolgten Medienmitarbeitern zu helfen. Polizeischutz wird oft nicht gewährt, Täter werden juristisch nicht wirksam verfolgt", machen die ROG klar.

Ein "besonders brisantes Thema" sei die illegale Abholzung tropischer Wälder, die nun vor bald zehn Jahren auch dem Basler Autor und Regenwaldverteidiger Bruno Manser das Leben gekostet hat. Die Journalistenorganisation zitiert einen Fall aus Brasilien, wo 1988 der um Publizität bemühte Kautschukzapfer und Umweltaktivist Chico Mendes erschossen wurde. So sei Lúcio Flávio Pinto, der Herausgeber der Zeitschrift "Jornal Pessoal", nach der Veröffentlichung einer Serie über die Entwaldung des Amazonas 33 Mal verklagt worden.

Auf der indonesischen Insel Sumatra ist gemäss den ROG Cyril Payen, der Südostasien-Korrespondent verschiedener französischer Medien, zusammen mit seinem Kamerateam bei Recherchen zum illegalen Holzabbau durch das Unternehmen "PT Lontar Papirup Pulp und Papers" festgenommen worden. Sicherheitskräfte beschlagnahmten das Videomaterial des Journalisten und übergaben die Journalisten der Polizei. Erst nach Protesten lokaler Medien seien die Medienschaffenden frei gelassen worden. Kein Lebenszeichen mehr gibt es hingegen von Joey Estriber, dem philippinischen Radiojournalisten und Kritiker der Abholzung in der Provinz Aurora auf der Hauptinsel Luzón. Er wurde im März 2006 entführt – und blieb verschwunden.

Verhaftungen, Anklagen, Ausschaffungen


Auch der Schweizer Fotograf und Artenschützer Karl Ammann, spezialisiert auf das besonders schwer zugängliche und oftmals durch staatliche Sicherheitskräfte oder von Söldnern der Minen- und Holzkonzerne abgeschottete Kongobecken, wurde schon verschiedentlich verhaftet oder in seiner Berufsausübung behindert. Bei einem Treffen mit OnlineReports in Kamerun wurde er 2004 einen Tag lang bei seiner Einreise festgehalten. Ohne Angabe von Gründen und trotz gültiger Einreisepapiere. Nur dank guten Beziehungen wurde er schliesslich doch ins Land gelassen.

Wenig später wurde auch der Mitarbeiter von OnlineReports bei seinen Recherchen in einer europäischen Holzkonzession über dubiose Abholzungen auf Kosten der ortsansässigen Pygmäen von Sicherheitskräften aus dem benachbarten Kongo-Brazzaville nach Kamerun ausgeschafft. Ohne Angaben von Gründen. Ähnliche Erfahrungen schildern auch Reporter ohne Grenzen in ihrem Bericht: "Häufig werden Umweltreporter unter fadenscheinigen Gründen juristisch verfolgt: So dürfte die Verurteilung des usbekischen Journalisten Salidschon Abdurachmanow zu zehn Jahren Gefängnis im Juni 2008 auch mit seinen kritischen Berichten über das Verschwinden des Aral-Sees zusammenhängen." Der offizielle Schuldvorwurf: "illegaler Drogenbesitz".

Gefährliche Recherchen in China


Extrem schwierig sind für Umweltjournalisten auch Recherchen in China (Bild, unten), dem laut Einschätzung von Wissenschaftlern und trotz Gegenmassnahmen ein Ökokollaps droht. Ein heikles Thema, wie der Fall des Internet-Journalisten Sun Xiaodi in der zentralchinesischen Provinz Gansu zeigt. Weil er über die radioaktive Verseuchung durch eine Uranmine geschrieben hatte, wurde er laut den Reportern ohne Grenzen im Juli 2009 wegen angeblicher "Verbreitung von Staatsgeheimnissen im Ausland" sowie "Verbreitung von Gerüchten" zu zwei Jahren "Umerziehung durch Arbeit" verurteilt.

Fälle von Repressionen wegen Umweltberichterstattung sind aber auch immer wieder in Europa zu verzeichnen. Der Bericht nennt als Beispiel die bulgarische Reporterin Maria Nikolaeva, die sich für das grösste Naturschutzgebiet des Landes einsetzte. Ihr wurde angedroht, mit Säure angegriffen zu werden, sollte sie weiterhin über die illegalen Grundstückserschliessungen im Strandzha-National-Park berichten.

"Medien müssen Fehlentwicklungen aufzeigen"


Die Zwillingsschwester der wirtschaftlichen Globalisierung ist die Globalisierung der ökologischen Probleme. Wer diese in ihrer ganzen Tragweite erfassen will, muss – vorläufig noch – in Entwicklungs- und Schwellenländer reisen, wo als eine direkte Folge Verwüstungen, Verelendung, Hunger und die Flucht der Menschen vor solcher Not dramatisch zunehmen. Sie wahrzunehmen und darüber zu berichten, um beispielsweise auch die Verhältnismässigkeit zu allen Pseudoproblemen zurückzugewinnen, ist die Aufgabe der auf Ausland- und Umweltthemen spezialisierten Journalisten und Journalistinnen. Es wäre auch die Pflicht der Verleger und Verlegerinnen.

Denn wie sagte Konrad Hummler, Präsident der "Vereinigung Schweizer Privatbankiers", Mitte September am Jahreskongress der Schweizer Presse im Kongresszentrum des Hotels "Victoria-Jungfrau" in Interlaken zu den Verlegern? Ihre Medien, kritisierte Hummler, hätten es verpasst, die Öffentlichkeit frühzeitig auf die Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen. Sie hätten ganz einfach ihre wichtige Aufgabe des Überwachens nicht wahrgenommen. Konrad Hummler bezog sich auf die Ökonomie – auf die Fehlentwicklung in der Finanzbranche.

Was dort zutrifft, trifft um so mehr auf die vom Menschen losgetretenen Fehlentwicklungen in der noch ungleich komplexeren Welt der Ökologie zu. Geraten dort die für unser Dasein lebenswichtigen Faktoren ganz aus dem Tritt, wird uns die aktuelle Wirtschaftskrise dagegen wohl geradezu harmlos erscheinen.

6. Oktober 2009

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"Das ist aufdeckender Journalismus"

Das ist aufdeckender Journalismus. Eindrücklich, wichtig. Ich gratuliere.


Ueli Mäder, Professor Institut für Soziologie, Basel



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"Denn dort müssen zumindest die Normalgebrechlichen auf ihre eigene Füsse umsteigen."

Basellandschaftliche Zeitung
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Irgendeinen Defekt hat jeder, aber die Normalgebrechlichen meinen, sie seien gesund.

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