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"Einigermassen gepflegt": Guerilla-Garten im Basler St. Johanns-Quartier

Die Guerilla-Gärtner haben ganze Arbeit geleistet: Es grünt - teilweise

Im St. Johanns-Quartier verlief die "BSetzling"-Aktion erfolgreich – in der Claramatte nicht


Von Monika Jäggi


In einer Nacht-und-Nebelaktion haben Basler Guerilla-Gärtner diesen Frühling öffentliche Grasflächen sowie Blumentröge mit Gemüse bepflanzt. Was geschah seither? Ein Augenschein in den Guerilla-Gärten in der St. Johanns-Vorstadt und auf der Claramatte ergab eine unterschiedliche Erfolgs-Bilanz.


Etwas unordentlich wirkt der Pflanzplätz – so der erste Eindruck und anders als eine gepflegte Blumenrabatte. Der Rundweg ist überwachsen, da und dort liegt verstreut Plastikabfall. Die im Frühjahr eingesteckten Beschriftungen sind verschwunden, die wuchernden Tomatenstauden nur teilweise aufgebunden, einige sind geknickt. Immerhin, die Giesskanne steht noch dort.

Im Mai kamen nachts die Guerilla-Gärtner

Zur Erinnerung: Ziel der anonymen Pflanzaktion "BSetzlinge" vergangenen Mai war es, mit einem "Garten für alle" die Bevölkerung für den Nahrungsmittelanbau in der Stadt zu sensibilisieren, eine grüne Oase und einen Treffpunkt zu schaffen. Das gemeinsame Giessen sollte soziale Kontakte unter Anwohnern fördern und zum Nachahmen in anderen Quartieren anregen. So lautete die Vision der Projektverantwortlichen.

Die Stadtgärtnerei, zuständig für den Unterhalt der öffentlichen Grünflächen, teilte diese Vision allerdings nicht. Zwar wurden die Guerillas nach ihrer Aktion weder verhört noch verhaftet, sondern zu einem  Gespräch in die Stadtgärtnerei zwecks Klärung der Logistik und Besprechung des weiteren Vorgehens eingeladen. Die handstreichartige Aneignung von öffentlichem Grünraum sei weder korrekt noch rechtsstaatlich, ärgerte sich damals Emanuel Trueb, Leiter der Stadtgärtnerei Basel, auf Anfrage von OnlineReports.

Guerilla-Gärtner können überall in der Stadt auftauchen, um mit Schaufeln und Spaten vernachlässigte Ecken und Plätzchen mit Grünzeug zu bepflanzen. Das Besondere dabei: Sind die Setzlinge einmal gepflanzt, ist niemand mehr verantwortlich für die Aktion. Anonymität trägt zum Pflanz-Kitzel bei.

Unbekannte kümmern sich

Offensichtlich kümmert sich jedoch einer oder mehrere Unbekannte um den Pflanzplätz, wie Anwohnerin Katharina Strösslin (Bild) OnlineReports berichtet. Sie zeigt auf eine hochgebundene Tomatenstaude. "Hier kommt regelmässig ein Mann vorbei und bindet die Tomaten hoch – einfach so." Sie hat die Mitternachts-Aktion im Frühjahr vom Fenster aus beobachtet: "Wir wussten ja nicht, was das geben würde und wollten die Sache dokumentieren, für alle Fälle", sagt sie rückblickend etwas verlegen. Denn heute findet sie die konspirative Begrünung ein tolles Experiment. "Ich hoffe, dass es wieder einen Garten gibt im Frühling."

Sie ist nicht alleine mit diesem Anliegen: "Mein Nachbar hat am Morgen nach der Pflanzaktion auf die Stadtgärtnerei angerufen und seine Unterstützung für den Garten angemeldet." Später habe sie eine Mutter mit ihrem Kind beim Pflanzen von Bohnen gesehen", erzählt sie enthusiastisch. Schade findet sie, das Sponti-Pflanzer zwar Lust am Gärtnern haben, aber oft nicht viel Wissen mitbringen: "Die Leute schneiden das Gemüse nicht korrekt und sie wissen nicht, wann es erntebereit ist", sagt sie. "Der Mangold wurde falsch geschnitten, dafür sollte der Federkohl dringend geerntet werden." Vor allem aber ärgert sich sich über Hundebesitzer, die nach wie vor ihre Hunde in den Garten lassen. "Einfach gedankenlos."

Eine andere Anwohnerin, Raki Moeller, schreibt Onlinereports, sie sei so begeistert von der "Garten für Alle"-Idee, dass sie für ihre Freunde aus anderen Quartieren Führungen durch den Pflanzplätz organisiert habe, um über die Idee zu informieren. Die reichliche Ernte dieses Sommers habe im übrigen eine unbekannte Person den Anwohnern regelmässig in die Briefkästen verteilt, schreibt die Frau.

Stadtgärtnerei lenkt mit Vereinbarungen ein

Ab sofort ist es jedoch mit Unbekannt und Anonymität in der St. Johanns-Vorstadt vorbei. Die Initiantin der Aktion, die Jurastudentin Cora Dubach, wird eine Informationstafel in den Garten stellen, worauf Sinn und Zweck der Aktion erklärt werden, mitsamt Kontaktinformation. Die Guerilla wird vorläufige Ansprechpartnerin zwischen Stadtgärtnerei und Bewohnern oder auch Interessierten aus dem Quartier. "Wir werden mit Anwohnern, die sich bereit erklären, für den Garten zu sorgen, eine zwei- bis dreijährige Vereinbarung treffen," bestätigt Yvonne Aellen, Leiterin Grünflächenunterhalt bei der Stadtgärtnerei, den zukünftigen Prozess des begleiteten Gärtnerns, "ähnlich, wie wir das bei den Baumpatenschaften bereits erfolgreich handhaben".

In einem nächsten Schritt wird Dubach deshalb eine schriftliche Umfrage unter den Anwohnern starten, um herauszufinden, ob sich Freiwillige für das längerfristige Betreuen des Gartens finden lassen. Zusammen mit diesen wird sie auf Verlangen der Stadtgärtnerei einen Forderungskatalog erstellen, um auszuloten, welche Infrastruktur für den Gartenbetrieb benötigt wird, eine Kompostanlage etwa, ein Wasserfass, eine Werkzeugkiste oder eine Sitzbank zur Kontaktpflege. "Wir wollen eine Vereinbarung und eine längerfristige Perspektive, damit sich der Infrastruktur-Aufbau auch lohnt", begründet Aellen das Vorgehen.

Somit könnte mit Unterstützung der Stadtgärtnerei der Garten auch nächstes Jahr so weitergeführt werden – allerdings nur dann, wenn Anwohner sich dafür engagieren. "Wir können uns auch ein einjähriges Engagement vorstellen", zeigt sich Aellen entgegenkommend. Melde sich niemand, sei die Zukunft des Gartens jedoch in Frage gestellt.

Fehlendes Know-How kein Hindernis

Was hat zum Entscheid geführt, die urbanen Gärtner gewähren zu lassen? "Der Standort ist gut gewählt, und konkurrenziert keine andere Nutzung. Wir sehen, dass sich jemand um den Garten kümmert", begründet Aellen das Vorgehen der Stadtgärtnerei. Da es sich um Allmend handle, könne man sich allerdings nicht einfach bedienen. "Wir sind offen für das urbane Gärtnern, aber wir wünschen, dass Interessierte zukünftig zuerst mit uns Kontakt aufnehmen und wir dann gemeinsam eine geeignete Fläche aussuchen", macht sie die Position der Stadtgärtnerei klar.

Auf das fehlende Know-How zukünftiger Gärtner angesprochen, meint die Leiterin Grünflächenunterhalt, dass die Leute Ausprobieren und aus Fehlern lernen dürften. Wer wirklich etwas lernen wolle, könne einen Kurs besuchen oder vom grossen Netzwerk der urbanen Gärtner profitieren, schlägt sie vor. "Der Garten muss einigermassen gepflegt aussehen, sonst tolerieren wir die Aktion nicht." Bedenken bezüglich der Bodenqualität hat Aellen keine. "Wir gehen nicht davon aus, dass die Leute die Erde essen, sondern das Gemüse, und das sollte kein Problem sein." Da der Standort ohne Absprache gewählt wurde, sei "die Situation diesbezüglich etwas suboptimal".

Claramatt-Park: Dynamik verpufft

Ganz anders die Situation bei den nach Guerilla-Art bepflanzten Betontrögen im hintersten Winkel des Claramatt-Parks. Mit der Betreuung der Pflanzen scheint es dort weniger gut geklappt zu haben: Sie sind grösstenteils verdorrt.

Dafür ist diese Parkecke belebt, die Bänke sind besetzt, ebenso der Holztisch, der neben den Blumentrögen steht. "Kurz nach der Pflanzaktion ging es sehr dynamisch zu und her", schildert ein Anwohner und Schrebergartenbesitzer seine Beobachtungen gegenüber OnlineReports. "Regelmässig kam jemand vorbei, um zu Giessen. Und viele Kinder mit ihren Müttern habe ich gesehen, die die Setzlinge bestaunten." Aber nach zwei Monaten sei die Dynamik verpufft, bedauert der Parkbesucher. Leider sei die langfristige Verantwortung von den Initiantinnen der Pflanzaktion nicht wahrgenommen worden.

Er beobachtete das Treiben um die zwei Pflanzungen praktisch jeden Tag und ist trotz der missglückten Aktion begeistert von der Idee des Stadtgärtnerns im Claramatt-Park, sagt der Anrainrer. Auf Vandalismus bei den Pflanztrögen angesprochen, erinnert er sich, dass Maispflanzen ausgerissen worden waren. "Ich nenne das nicht Vandalismus, sondern Dummheit." Da er selber einen grossen Schrebergarten betreue, könne er sich nicht auch noch hier engagieren. Er bezweifelt, dass im Claramatt Park so etwas aufgebaut werden könne, wie im Gemeinschaftsgarten Landhof. "Dort sind die Anwohner emotional näher am Garten als im öffentlichen Park."

Thai-Frauen wollen Zitronengras

Betreuungsarbeit übernehmen wollen hingegen die Frauen, die mittlerweile am Holztisch ihr Abendessen ausgepackt haben. Sie stammen aus Thailand und sind direkte Anwohnerinnen. "Wenn dies legal wäre und wir Zitronengras und anderes Thaisgemüse anpflanzen dürften, wir würden uns um die Pflanzen kümmmern", sagt eine von ihnen nach Rücksprache mit der Gruppe. Allerdings bieten die mit Kies gefüllten Tröge für einen eventuellen Thaigemüse-Anbau nicht die beste Voraussetzung.

Vorerst hat Guerilla-Gärtnerin Dubach der Stadtgärtnerei angeboten, die Tröge wieder so herzurichten, wie sie die Guerillas angetroffen haben. Dies dürfte einfach sein, waren doch die zwei ausgewählten Tröge nicht mit Zierpflanzen, sondern mit Unkraut überwachsen.

Tröge im Park - Garten im Wohnquartier

Zwei völlig unterschiedliche Standorte, unterschiedliche Resultate. Für Cora Dubach ist mit dem Guerilla-Garten im St. Johann die Aktion "positiv" verlaufen. "Ja, wir haben Anwohner und Verwaltung vor vollendete Tatsachen gestellt, aber so ist ein Dialog entstanden." Auch das ursprüngliche Ziel der Sensibilisierung für den städtischen Nahrungsmittelanbau sei erreicht. "Der Garten ist ein Begegnungsort der anderen Art geworden", stellt Dubach fest und hofft, dass die Aktion Nachahmer findet. "Im Claramatt-Park haben wir einen Anstoss geliefert, vielleicht ergreift die Stadt dort die Initiative."

3. Oktober 2012

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