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"Ich bin ein aufrichtiger Mensch": Angeklagter Mustafa Dilenc

Auf Liebesentzug folgten verletzte Ehre und Todesschüsse

Vor Strafgericht: Der dreifache Todesschütze von Pratteln kann sich nur noch an eine "weisse Wand" erinnern


Von Peter Knechtli


Drei Menschen erschoss er vor drei Jahren in Pratteln in einem wilden Blutrausch, seine Freundin verletzte er schwer: Seit heute Mittwochmorgen steht der heute 49-jährige Türke Mustafa Dilenc vor dem Baselbieter Strafgericht. Der Staatsanwalt klagt auf mehrfachen, teilweise versuchten Mord und mehrfacher schwerer Körperverletzung. Das Urteil wird auf Freitag erwartet.


Dem Gefangenen-Transporter entspringt ein mittelgrosser, kräftiger Mann im blütenweissen Rollkragen-Pullover, seine Hände in Handschellen gelegt. Eskortiert von zwei Polizisten wird er in den Liestaler Gerichtssaal geführt. Rigide sucht die Polizei Medienschaffende, Experten und Prozessbesucher nach verdächtigen Gegenständen ab. Das Gerichtspersonal staunt über das ungewöhnliche Interesse. Jetzt, da alle ihren Platz zugewiesen erhalten haben, betritt Dilenc den Gerichtssaal. Er wirkt als gepflegte Erscheinung - sein etwas schütteres, sorgfältig nach hinten gekämmtes Haar, seine Hände, mit denen er seine eher knappen und eher unbeholfenen Ausführungen immer wieder entschlossen unterstreicht.

Erschiessung aus nächster Nähe

Diese Hände richteten am Abend des 4. Juli 2003 in der Wohnung des Geliebten seiner Ex-Freundin in Pratteln Fürchterliches an: Er dringt in eine Wohnung ein und erschiesst aus nächster Nähe eine damals 76-jährige Frau, ein 16-jähriges Mädchen und einen 51-jähriger Mann. Bei der Frau handelt es sich um die Mutter, beim Mädchen um die Tochter und beim Mann um den neuen Freund seiner ehemaligen Freundin, die der schwersten Bluttat im Baselbiet sein Jahrzehnten nur mit massiven Verletzungen entkommt. Noch immer plagen sie Depressionen und Suizidgedanken und Panikgefühle. Eine weitere Frau, die sich unter einen Tisch flüchten konnte, kam mit einem bis heute nachwirkenden Schock davon.

Nach der Schreckenstat flüchtet Dilenc, Vater von drei Kindern. Am 25. August kann er in Ungarn verhaftet und in Auslieferungshaft genommen werden. Am 21. November wird er nach Liestal überstellt. 2004 misslingt ein Suizidversuch mit Tabletten in der Zelle. Es kommt zu psychiatrischer Betreuung. Und nun kommt die Stunde der Wahrheit.

Von Ehre und Blutrache geprägt

Beharrlich bemüht sich Gerichtspräsident Adrian Jent mit seinen Fragen, ein Kultur- und Milieubild des Angeklagten zu skizzieren. Es mag nicht so recht gelingen. Der Angeklagte, der sich nicht auf Deutsch verständigen kann und der schlecht integriert und patriarchalisch rechthaberisch scheint, spricht tatsächlich und auch übertragen eine andere Sprache. Wir erfahren, dass er als Erstgeborener von sieben Kindern in einer ländlich-traditionellen Umgebung in einem türkischen Dorf aufgewachsen ist. Es ist ein Milieu, in dem der Vater bestimmt und die Mutter schützt, und in dem sich die Leute "grob und verständnislos" begegnen. Es ist das harte Leben, in dem die Familie die "Versicherung" des Überlebens ist. In seinem Dorf hätten zwei verfehdete Familien gelebt, ein Mann sei zu Unrecht in Gefängnis gekommen - Grund weshalb er Anwalt habe werden wollen, was der Vater aber abgelehnt habe.

Vor 15 Jahren kommt er Asylsuchender in die Schweiz, wo seine Asylgesuche allerdings abgelehnt wurden. Nur dank der Heirat mit einer Schweizerin konnte der inzwischen geschiedene Täter im Land bleiben. Er bleibt aber fremd: "Ich habe viel Deutsch vergessen", sagt er auf der Anklagebank.

Von einer Dolmetscherin begleitet, antwortet der Gewalttäter in türkischer Sprache, seine Stimme ist ruhig, aber entschlossen, manchmal flehend, manchmal scheint sie zu zittern. Er entschuldigt sich für seine Tat und "bereut alles", was er in Pratteln "gemacht" hat. Er sei aber ein aufrichtiger und korrekter Mensch. Noch nie habe er mit der Polizei zu tun gehabt, noch nie - ausser in seinem Militärdienst - habe er eine Pistole in der Hand gehabt. Der Vorsitzende insistiert: Was Emotionen seien, was Liebe sei, was Ehre sei. "Berge" trennten die türkische mit der zentraleuropäischen Kultur, meint der Todesschütze, der immer wieder "Ich weiss es nicht" zur Antwort gibt - etwa wenn ihn der Richter fragt: "Warum haben Sie die knapp 16-jährige Yasmin mit einem Schuss in den Kopf getötet und zwei Nachschüsse abgefeuert?" Er weiss es nicht mehr, es habe jenen verhängnisvollen Abend nur noch als "weisse Wand" in Erinnerung. Er "versteht bis heute nicht, weshalb ich tötete". Im Saal wischt sich ein überlebendes Opfer die Tränen aus dem Gesicht.

Der zugezogene Psychiatrie-Experte bestreitet die These der "weissen Wand" klar und hält den Angeklagten für voll zurechnungsfähig.

"Die Frau, die ich liebte ..."

Noch ganz deutlich erinnert sich der Angeklagte aber daran, weshalb es zur Bluttat gekommen war. Im Jahre 2001 lernte er eine Frau kennen, der er auch 30'000 Franken gab, um gemeinsam ein Geschäft zu eröffnen. Im Verlauf der Beziehung schlägt er seine Geliebte, die dann ein neues Verhältnis eingeht, ohne ihm dies zu eröffnen. Diese "Lüge" sei es gewesen, die ihn in seiner Ehre verletzt habe und die ihn nach reichlichem Alkoholkonsum habe ausrasten lassen. "Lügen und betrügen, das hasse ich am meisten", verteidigt sich der Angeklagte, der an sich selbst keine Schwächen erkennen mag. Emotionale Selbstreflexion scheint hingegen nicht seine Stärke zu sein: "Die Frau, die ich geliebt habe, hat mich in diese Situation gebracht."

Eine Vorahnung über die Beurteilung des Falles liess Richter Jent erkennen, als er den Angeklagten anherrschte: "Hören sie auf, mir von einer weissen Wand zu reden." Morgen Donnerstag finden die Plädoyers statt, Fred Wagner, der Pflichtverteidiger des Angeklagten, will nur auf - strafmildernde - vorsätzliche Tötung plädieren. Staatsanwalt Boris Sokoloff plädiert auf Mord. Das Urteil wird am Freitag erwartet. Der Angeklagte ist geständig.

16. August 2006



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