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"Schönheit kein Ziel": Baselitz-Werk "Der Brückechor", 1983

Der Maler, der anecken wollte – Georg Baselitz

Mit 80 Jahren ist der Künstler kein bisschen weise. Die Fondation Beyeler zeigt in einer retrospektiven "Riesenausstellung" sein Werk


Von Aurel Schmidt


Georg Baselitz gehört zu den markanten Erscheinungen in der gegenwärtigen Kunstwelt. Wenn er heute auf sein Lebenswerk überschaut, wundert er sich manchmal und fragt sich überrascht, ob er es war, der das alles hervorgebracht hat. Die frühere Radikalität ist gewichen. Baselitz ist milder geworden.


Wer die Ausstellung "Georg Baselitz" in der Fondation Beyeler besucht, muss sich wie ein Zwerg unter lauter Riesen vorkommen. Die Riesen sind in diesem Fall Baselitz' Werke in ihren oft monumentalen Formaten und alle Dimensionen sprengenden Motiven. Guten Morgen, Herr Baselitz, möchte man dazu sagen. Obwohl die Ausstellung als Retrospektive konzipiert ist, kommt sie wie ein Aufbruch daher. Nichts ist neu, aber alles hat seine alte Kraft bewahrt. Der Aufstand ist permanent geworden.

Es ist eine Malerei des Aufbegehrens, die sich im Rückblick zu erkennen gibt, seit 80 Jahren. Was am Anfang geschah, hat sich ein Leben lang fortgesetzt.

Während Baselitz' Ausbildung offenbarte sich seine Eigenwilligkeit, mit dem Ergebnis, dass der Künstler wegen "gesellschaftlicher Unreife" von der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ostberlin relegiert wurde. Da kann man nur "Hut ab" dazu sagen und dem Kerl freudig um den Hals fallen. So einer lässt sich nicht unterkriegen und geht seinen Weg unbeirrt bis ans Ende.

Er sei nie mit der Welt zufrieden gewesen, sagte Baselitz einmal. Also musste er stets von Neuem beginnen. Geschadet hat das seiner Karriere keinen Moment lang, wie man heute feststellen kann.

Sein Werk ist ungestüm, finster, radikal, extrem expressiv, auch aggressiv, wie der Künstler gar nicht leugnen will. Es nimmt auf den französischen Schriftsteller Antonin Artaud ebenso Bezug wie auf den Künstler Jean Dubuffet und die Art brut, überhaupt auf die Kunstgeschichte, auf den Expressionismus und die Künstlergruppe "Die Brücke" (die Abbildung "Der Brückechor" oben ist als Hommage zu verstehen), auf Ernst Ludwig Kirchner, mit dem ihn eine Geistesverwandtschaft verbindet. Durch eine Amalgamierung setzt er alle diese Einflüsse in eine eigene heftige malerische Sprache um. Kunst kommt von Kunst, behauptet Baselitz, was für ihn vor allem heisst: von Edvard Munch.

Kritik durch Figürlichkeit

Vieles ist hässlich, was er machte, aber das war von Anfang an so gewollt. In dieser Tendenz und noch mehr in der Figürlichkeit seiner Malerei drückt sich eine Kritik und eine entschiedene Ablehnung der Gesellschaft aus. Stil ist nicht selten eine Ablehnung vom gerade herrschenden Stil durch die Nachfolgenden. Als alle Welt abstrakte Kunst machte und die kühle Minimal-Art sich ankündigte, setzte Baselitz konsequent auf figurative Kunst. Das war seine Art der Verweigerung. Nie ist Schönheit sein Ziel gewesen.

Noch heute wendet er ein, dass er nicht sehen könne, "wie man mit abstrakter Kunst weiterkommt". Figürlichkeit war für ihn eine Möglichkeit, gegen eine abscheuliche, missratene Welt Stellung zu beziehen und nicht davor auszuweichen. Abstrakte Kunst beisst niemanden.

Einige von Baselitz' ersten Werken waren zum Teil absichtlich mit schmutzigen Farben gemalt und dazu mit einer provokativen, obszönen Thematik wie etwa auf dem Gemälde "Die grosse Nacht im Eimer" (1963-63), auf dem ein masturbierender Mann zu sehen ist. Als faktischer Hintergrund wird überliefert, dass der irische Schriftsteller Brendan Bean während einer Lesung seinen Hosenschlitz weit öffnete und auf diese Weise angeblich die Überlegenheit der bildlichen Darstellung über das Wort ausdrücken wollte. Für Baselitz war klar, dass kein Weg am Bild vorbeiführt und Kunst durch sich selbst wirkt, durch ihre Sichtbarkeit und nicht durch eine Aussage. Bekanntlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte, wogegen alle Schreibenden natürlich sofort protestieren müssen.

Übrigens schritt die Polizei in der Galerie in Berlin, wo das Werk ausgestellt war, ein und beschlagnahmte es zusammen mit einem anderen. Der Skandal war perfekt. Es war die Zeit, als Baselitz' Karriere ihren Anfang nahm.

Erste Museumsausstellung in Basel

Zu seinen Markenzeichen ist vor allem geworden, dass er Ende der sechziger Jahre erstmals ein Bild auf den Kopf stellte, damit es, wie die Fama will, nicht als figürliche Wiedergabe zur Kenntnis genommen wird, sondern als peinture pure. Körperpartien und Konturen verblassen, es bleiben Farben und Formen. Auch Bäume und Landschaften stehen auf dem Kopf und blinzeln die Betrachter an.

Seine erste Museumsausstellung hatte Baselitz 1970 in Basel, wo Dieter Koepplin, von 1966 bis 1999 Leiter des Kupferstichkabinetts, Zeichnungen und grafische Blätter des Künstlers präsentierte. Damals gelangten 28 Werke in den Besitz des Kupferstichkabinetts, weitere folgten nach einer zweiten Ausstellung 1984. Baselitz gab einige Blätter dazu. Es war der Beginn einer freundlichen Beziehung zwischen dem Künstler und dem Museum.

Als Martin Schwander, der die neue Ausstellung zu Baselitz bei Beyeler kuratiert hat, im Kunstmuseum von seinen Plänen sprach, war man dort sofort zu einer Parallel-Präsentation bereit. So kommt es, dass jetzt gleichzeitig mit der Schau in Riehen auch eine in Basel im Kunstmuseum stattfindet. Gezeigt wird eine von Anita Haldemann besorgte Auswahl von 88 Zeichnungen und grafischen Blättern aus dem Gesamtbestand von 149 Zeichnungen und 28 Druckgrafiken, die das Kupferstichkabinett aufbewahrt, ergänzt um 15 Leihgaben aus der jüngsten Schaffensphase des Künstlers.

Der "grösste Dreck und Mist"

Für Baselitz kommt die Retrospektive bei Beyeler einer Wiederbegegnung mit zahlreichen seiner älteren Werke gleich, bei denen er sich sagen musste, dass der "grösste Dreck und Mist", den er nach seinen eigenen Worten vor vielen Jahren gemalt hat, jetzt als unwidersprochene Kunst in der Ausstellung zu sehen ist. Die "bösartigen" Bilder von damals finden heute sein Gefallen und die Anerkennung der Kunstwelt.

Ein leises erstauntes Lachen kann sich Baselitz nicht verkneifen, wenn er das sagt. Mit seiner Renitenz, seinem Widerspruchsgeist, seiner Provokationsabsicht hat er, wie es den Anschein macht, ganz gut gelebt und Erfolg gehabt. Er ist milder geworden, wie sich an seinen allerneuesten Werken zeigt, die mit ihren leichten Farben und dünnen Strichen nicht mehr die gleiche Puste, die gleiche Power haben wie die ersten, mit denen er vor 60 Jahren zum ersten Mal an die Öffentlichkeit getreten ist.

Damit ist der Baselitz-Parcours fast beendet. Es ist nur noch ein letzter Hinweis unbedingt fällig. Neben Beyeler und Kunstmuseum beteiligt sich auch die Galerie Henze & Ketterer & Triebold in Riehen am Baselitzorama mit einer Auswahl an Zeichnungen, Aquarellen und Grafiken sowie zwei Gemälden. Es sind einige starke, eindrückliche Werke darunter, die sich niemand entgehen lassen sollte, der schon auf dem Weg zu Beyeler ist. Die Galerie liegt nur ein paar Schritte entfernt.


Info
Fondation Beyeler: Georg Baselitz. Vom 21. Januar bis 29. April. Im Katalog ist ein Gespräch von Martin Schwander mit dem Künstler wiedergegeben, in dem er einige launige, phantasievolle und widerspruchsverliebte Aussagen macht.

www.fondationbeyeler.ch
Kunstmuseum Basel: Georg Baselitz. Werke auf Papier. Vom 21. Januar bis 29. April.
www.kunstmuseumbasel.ch
Galerie Henze & Ketterer & Triebold, Riehen. Bis 26. April. www.henze-ketterer-triebold.ch

20. Januar 2018


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BZ Basel
Kolumne
vom 23. Mai 2018
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