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"Von Endstation zu Endstation": Projektionsfläche Basler Trampassagiere

Andocken an ein anderes Leben

Der Basler Dramatiker Lukas Holliger hat einen satirischen Stadtroman über den schwachen Mann geschrieben – eine grenzwertige Angelegenheit


Von Anna Wegelin


Lukas Holliger ist produktiv, gescheit und gnadenlos neugierig. Nun hat der 1971 in Basel geborene Dramatiker, Autor eines Stücks und Hörspiels zum 30. Jahrestag der Chemie-Katastrophe Schweizerhalle, einen filmreifen satirischen Roman geschrieben. Er spielt auch in Basel und lotet die Grenzen des Erträglichen aus. Das von Erzähllust strotzende 300-seitige Werk handelt von den Irrungen und Wirrungen eines arbeitslosen und eines geschäftsuntüchtigen Mannes, der endlich einmal die Fäden ziehen will.


"Das kürzere Leben des Klaus Halm" ist Holligers erster Roman, lektoriert hat ihn der Basler Publizist Martin Zingg und es zu lesen ist von A bis Z eine intensive Angelegenheit. Im Epizentrum der vielschichtigen Handlung, in der die Hierarchie zwischen dem Schöpfer (Holliger) und seinen Geschöpfen oder Figuren gehörig durcheinandergewirbelt wird, ist der mittelmässige Mann, der sich zu den zu kurz Gekommenen zählt. Brutal klischiert und mit einer geballten Ladung lustvoll-böser narrativer Energie kommt dies daher. Aber fake ist es dann doch auch wieder nicht, sondern einfach urmenschlich.

Heimelig und unheimlich

Schauplatz des Geschehens ist die Stadt Basel und darüber hinaus, jenes Basel, das wir alle kennen oder zumindest verorten können: Die Gasstrasse beim Voltaplatz, die steinige Uferpromenade in Huningue, die Endstation des 3er-Trams in Birsfelden. Das ist dann alles ziemlich heimelig und oft auch unheimlich, spielt jedoch primär im übertragenen Sinn eine Rolle als das nach aussen gekehrte, gefühlte und gedachte Koordinatennetz der zentralen Figuren im Roman – zwei Männer, zwei Frauen und zwei Kleinkinder.

An der kürzlichen Buchvernissage im Literaturhaus Basel, die Holliger souverän und mit viel Power managte, wurde dennoch deutlich, dass der Autor hoffnungslos in die widersprüchliche, wie er meinte in Quartiere "zerschnittene", ja, sogar "amputierte" Grenzstadt Basel verliebt ist, in der das Ordentliche und Unordentliche so nahe beieinander seien und das Unberechenbare, das den Horizont erweitert, in der Luft liegt.

Endlosfahrten im Tram

Worum geht's in dem Roman? Holliger heftet uns an die Fersen eines namenlosen Ich-Erzählers, 32 Jahre alt, single, arbeitslos und zuletzt Filmvorführer. Er schämt sich, dass er zum RAV muss und wenn er sich nicht mit DVD-Kassetten in seine "Höhle" verkriecht, unternimmt er Endlosfahrten mit dem "algengrünen" Tram und projiziert dabei alles Mögliche, am liebsten jedoch Gemeinheiten auf die menschlichen Subjekte um ihn herum: "Von Endstation zu Endstation reisend, fühle ich mich beschäftigt und übe mich wieder darin, die freie Macht zu sein." Gleichzeitig plagen ihn suizidale Gedanken: "Die Todesfurcht ist mein letzter Trumpf."

Dieser Erzähler, der von sich sagt, er sei ein "Untoter", gehört zu der für Deutschschweizer Verhältnisse nicht atypischen Spezies, die sich nach einem Leben "jenseits des realen Trockenlebens" sehnen. Er verleiht den Tramfahrgästen imaginierte Namen (wie Carlo, Wanda oder Laurel und Hardy), verwickelt sie in virtuelle Gespräche miteinander und schreibt ihnen Gefühle und Gedanken auf den Leib zum Beispiel "denkt wohl über die Nebenwirkungen von Paracetamol nach", "wird später in San Fransisco einen Mann ohne Beine heiraten"). Manchmal beobachtet er auch, was real um ihm herum passiert, zum Beispiel der Mann, der seine Frau nach einem verbalen Disput schlägt.

Es ist schon interessant: Mit der Zeit entwickeln wir für den Erzähler, ein widerwärtiger Typ, mütterliche Gefühle. Denn im Grunde ist er extrem menschenscheu und wenn ihm die Anderen grauenhaft auf den Senkel gehen, weil sie zu laut sind, es lustig miteinander haben oder ihm zu nahe treten (Achtung Kinderwagen!) – dann ist das ja ein Zeichen für seine grosse Einsamkeit. Bis zum bitteren Ende können wir uns nicht entscheiden, ob wir ihn auf den Mars schiessen oder in die Arme schliessen sollen.

Seitensprung mit Yvonne

Beim Tramfahren passieren zwei Dinge, die den weiteren Verlauf der nicht-linearen Story auf den Kopf stellen. Verantwortlich dafür ist einerseits die "Karottenfrau" namens Yvonne – "aufdringlich heiterer" Typ aus Huningue, rote Haare, isst Rüebli aus dem Tupperware – und andererseits Klaus Halm, auch so ein unauffälliger, sich selbst bemitleidender Mann des Mittelmasses, der es einfach nicht schafft, ein erfülltes Leben zu führen, jedoch wenigstens eine entscheidungsstarke Frau der (scheinbaren) Prinzipien hat, mit der er schläft und mit der ein Kind hat, das er abgöttisch liebt.

Halm ist ein armer Tropf, dünnhäutig und gänzlich ohne Begabungen. Die Papeterie, die er von seinem kreativ-künstlerisch veranlagten Vater selig geerbt hat, schreibt rote Zahlen. Gleich wie der Ich-Erzähler, ist Klaus aber auch irritierend selbstbezogen und leidet an "krankhafter Eitelkeit", so Holliger. Fertig mit unserer Nachsicht ist es, als Halm sich vor lauter Unzufriedenheit an die "Karottenfrau" heranmacht, um auch mal den Macker spielen zu können und alle(s) unter Kontrolle zu haben. Doch bevor er die Elsässerin ganz für sich vereinnahmt und die Affäre daheim auffliegt, übernimmt der Ich-Erzähler kurzerhand Halms Part ...

Der Störenfried ist der Autor selbst, der sich unverblümt ins Geschehen einbringt – "Lukas" ist ein Anagramm von "Klaus" (d.h. Buchstabenreihenfolge verändert, Red.). Wie ein "Schüttelbecher" gehe das her und zu, so Urs Heinz Aerni, der die Lesung mit Holliger moderierte. Der Autor wiederum meinte, natürlich finde sich viel Autobiografisches im Roman, man könne ja nur aus den eigenen Erfahrungen schöpfen. Für Halm schliesslich stellt sich die Sache so dar: "Es war, als ob in seine Schachtel verschiedene Puzzles gemischt worden waren, alle unvollständig. Und die wichtigsten Vorsätze seines Lebens waren während dieser Puzzlearbeit vergessen gegangen, womöglich, ohne dass er es bemerkt hatte."

Der Sog nach unten

Auch wenn wir Aernis Votum, wonach Holligers Buch ein "Untergangsroman" sei, nicht ganz teilen: Es gibt in dem schwerelosen Werk einen ständigen leichten Sog nach unten. Der Aufbruch in die persönliche Freiheit entpuppt sich letztlich als das parasitäre "Andocken an ein anderes Leben", so Holliger. Und spätestens bei dieser Erkenntnis ist die Lebenslust endgültig verpufft und das Ende unausweichlich.

Das Bemerkenswerte an dem Buch ist: Zwar verfolgt der Autor das Leitmotiv der Einsamkeit beziehungsweise der Sehnsucht nach dem "wirklichen" Leben trotz happigster Umstände und Diagnosen (Achtung, das detailreich beschriebene Schicksal des einen Säuglings ist nichts für Eltern, deren Kind eine langwierige Krankheitsgeschichte hat!) konsequent bis ins Letzte. Dennoch kommt die Erzählung leicht wie der Frühlingswind daher: "Das kürzere Leben des Klaus Halm" ist umwerfend pfeffrig geschrieben und immer wieder urkomisch. Letztlich obsiegt die Heiterkeit, die allerdings nicht ganz frei von Häme ist.

Holliger zieht zwar seine Männer nackt bis auf die Haut aus, aber frieren müssen sie nicht (Empathie!). Das macht das Ende einigermassen erträglich, auch wenn der Roman dadurch ein wenig von seiner verstörenden Kraft verliert. Für "Das kürzere Leben des Klaus Halm" hat er anscheinend sein Äusserstes gegeben und ist beim schöpferischen Prozess dieser göttlichen Unordnung an seine eigenen Grenzen als Schriftsteller gestossen. Gefragt danach, ob wir eine Fortsetzung erwarten können, antwortete Lukas Holliger an der Buchvernissage in Basel: "Nein, mit Klaus Halm habe ich definitiv abgeschlossen."


Info

Lukas Holliger: "Das kürzere Leben des Klaus Halm". Roman, ca. 300 Seiten, Zytglogge Verlag, ISBN 978-3-7296-0949-5, ca. 32 Franken

Am 21. April, 20 Uhr, wird auf Radio SRF 1 Lukas Holligers Hörspiel-Krimi "Verfluchtes Licht" erstausgestrahlt, gemäss Vorankündigung ein "akustischer Film noir im Basler Dreiländereck".

18. April 2017


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"Nun nimmt Sie Stellung"

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Ingress zum Interview
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vom16. Juni 2017
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Wenn sich Frau Gschwind schon einmal öffentlich äussert, ist die Höflichkeitsform gebieterisch angebracht.

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