© Foto by Andri Pol
"Wo das Durcheinander am grössten ist": Ninja in Konolfingen, Ausstellungs-Objekt

Keine Aussicht auf Heimat

Eine Ausstellung über ein schwieriges Thema im Museum der Kulturen in Basel


Von Aurel Schmidt


Die Ausstellung "Alphorn, Chai & Plastikbuddha" im Museum der Kulturen über die Frage "Was ist Heimat?", über die sich schon viele gescheite Menschen den Kopf zerbrochen haben, ist wahrscheinlich gehörig missglückt. Etwas anderes war gar nicht zu erwarten gewesen.

"Heimat" ist in der multikulturellen beziehungsweise globalen Welt ein diffuser Begriff, mit dem sich kein Staat mehr machen lässt. Ausserdem ist der Begriff nur territorial begrenzt anwendbar. "Patrie" als französische Übersetzung von Heimat trifft völlig neben der Sache vorbei. Das englische "home" meint wieder etwas Anderes. Vor ein paar Jahren schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Heimat ist da, wo man Erfolg hat." Heimat ist vielleicht mein Taschentuch, vielleicht auch der Ort, wo ich einen Netzanschluss habe.

Insofern ist das Versagen der Ausstellung und die Unmöglichkeit, mit dem Thema umzugehen, die einzige mögliche und zutreffende Antwort auf die Frage, die sie aufwirft. Heimat, wo bist Du? Sie ist da, wo das Durcheinander am grössten ist.

Gaby Fierz hat sich als Kuratorin ebenso wacker geschlagen wie die Gestalterin Ursula Gillmann. Im ersten Raum, der wie eine orientalische Karawanserei eingerichtet ist, liegen Kissen am Boden und das Publikum kann über Kopfhörer die verbalen Zeugnisse von 100 Menschen aus 19 Ländern über ihre Heimatvorstellungen hören.

An den Wänden hängen Fotografien von Andri Pol, der versucht hat, sich ein Bild davon zu machen, was Heimat für ihn heissen könnte. Das Eigene ist das Fremde und umgekehrt. Nix Folklore, nix Heimatmuseum Blüemlisalp. Gibt es in der Schweiz Jodler, heute noch? Hätte Pol sie fotografiert, es wären Pappkameraden gewesen, Avatare. Zombies. Zu sehen sind dafür Garageneinfahrten, Partybuffets, Geranienkübel, eine Seilbahn, die einen Öhi und eine Kuh auf eine Alp befördert. Der Fussball kommt nicht vor, der lokale Club oder die Nationalmannschaft vermittelt also offenbar keine Bindungsgefühle, dafür erscheint der Rasenmäher gleich zweimal. Wenn das keine Aussage über die Schweiz ist.

"Heimat ist nur in einer
thermo-dynamischen Form denkbar."



Was man feststellen kann, ist die Einsicht, dass das Durcheinander, das Disperse, das Uneigentliche den stärksten Impuls vermittelt, um der Heimat auf die Spur zu kommen. Das passt perfekt zur unmöglichen Begriffsdefinition. Heimat ist, so könnte man denken, ein Zwischenraum.

Im zweiten Raum hängen Objekte, die Einheimische und Zugewanderte dem Museum zur Verfügung gestellt haben, in Plastik verschweisst und gehörig etikettiert, wie es sich für ein Museum als Sammel- und Aufbewahrungsort gehört: ein "offenes Heimatmuseum" (Fierz).

Es sind unterschiedliche Gegenstände, wie sie nicht verschiedener sein könnten. Und auch hier ist das Gemischte, Fremde, Unbedeutende, Nebensächliche das, was den Ausschlag gibt: Alltägliche, kitschige, exotische Gegenstände, Plüschtiere, Kopfkissen, Kleidungsstücke aus fremden Kulturen, darunter ein brasilianisches Fussball-Trikot (also doch noch Fussball).

Entsetzlich: Anstatt Identität oder Identifikation - nur Sentimentalitäten. Aber Achtung: Identität ist heute, wie Heimat, kein brauchbarer Begriff. Identität ist nur in einer multiplen oder transversalen Form denkbar und Heimat nur in einer gemischten, gewissermassen thermodynamischen Fassung. Die Grenzen verwischen sich, die Besonderheiten lösen sich auf, verdunsten, verschwinden. Und die neuen Erscheinungsformen sind nicht zu fassen: Plastikwelten, Nullsummen, Zwischenbereiche, Zufallsstationen.

Eine irritierende Ausstellung. Diese Irritation ist genau die passende Antwort.

Die Ausstellung dauert bis 8. Juli und verweist auf die zweite Durchfühung der multikulturellen Strassenparade "Cortège Globâle" am 10. Juni in Basel.

3. Mai 2007


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