© Foto by Jon Kessler
"Beklemmendes Anschauungsbeispiel": Jon Kessler-Werk

Wird der Tag kommen, an dem Roboter zur Revolution aufrufen?

Neue Ausstellung im Museum Tinguely setzt sich mit dem faszinierenden Thema "Robotik" auseinander – und lässt viele Fragen offen


Von Aurel Schmidt


Was Roboter sind, ist eine Definitionsfrage, mit der alle Schwierigkeiten beginnen. Der Verband der Deutschen Industrie verwendet einen anderen Begriff als der in Japan gebräuchliche. Am besten ist es, Roboter als Maschinen zu verstehen, die durch Input (Befehl, Kommando) einen Output (eine Leistung) erbringen. Aber das Anfangsstadium der einfachen Operationen, zum Beispiel das Stapeln von Platten, ist längst überwunden. Wie der Computer sich von der einfachen Rechen- und Büromaschine zur allgegenwärtigen Kommunikationsmaschine entwickelt hat, so hat auch der Roboter mittels einer externalisierten Genetik eine Evolution erlebt und ist zu einem hochentwickelten Produkt geworden, das ein gewisses Eigenleben führt.

Roboter vereinfachen das Leben. Das allerneueste Beispiel sind Taucher-Roboter, mit denen im Golf von Mexico versucht wird, das Bohrloch zu reparieren, aus dem nun schon seit Wochen Erdöl austritt. In der Industrie sind Roboter seit langem im Einsatz, als private Dienstleistungsautomaten und -agenten werden sie das Leben noch tiefgreifend verändern. Roboter eignen sich vor allem für kriegerische Aufgaben, zum Beispiel als Mienensuchgeräte, die so eingesetzt werden können, dass keine Menschenleben gefährdet werden. Die US-Air Force kommandiert von der Creech Air Force Base in Nevada die unbemannten Flugzeuge, die über Afghanistan ihre perverse Ladung abwerfen. Auch der Telekrieg ist ein Aspekt der Roboterisierung der Welt, sonst verstehen wir nichts mehr.

Roboter sind intelligente Maschinen, auch wenn es nicht ihre eigene Intelligenz ist. Aber das ist nicht ausgemacht, darauf kommen wir noch. Zentral ist die Verbindung von Maschine und Intelligenz, unter Umständen von Maschine und Computer, der Befehle entgegennimmt und zur Ausführung an die Maschine weiterleitet. Ohne Künstliche Intelligenz (KI) läuft nichts. Der Computer ist das Gehirn der neuen Roboter-Generation.

"Die Maschinisierung und Medialisierung
der Welt wird erlebbar gemacht."




Eine neue Ausstellung im Basler Museum Tinguely greift das Thema Roboter auf. Zu sehen sind verschiedene Projekte, bei denen das Maschinelle und KI zusammenkommen. Die Werke stammen nicht von Roboter-Fachleuten, sondern von Künstlern und Künstlerinnen, die sich auf ihre bestimmte Art mit der Robotik auseinandergesetzt haben. Das merkt man daran, dass in der Ausstellung der Eindruck entsteht, sich in einem Spielzeugmuseum zu befinden. Alles klappert, dreht sich, blinkt, klickt und erzeugt virtuelle Töne. Die Bewegungen wiederholen sich in langen Schlaufen, ein wenig wie die unbedarfte Fröhlichkeit von Jean Tinguelys Maschinen.

Zwei Beispiele aus der Ausstellung. Unter einem Zelt hat Jon Kessler eine Art Militär-Camp eingerichtet, in dem GI-Spielzeugfiguren kämpfen und foltern. Sie sind Täter und Opfer zugleich: eine schicksalshafte Fügung. Die Mini-Szenen werden gefilmt und auf Monitore übertragen. Es findet ein interaktives Zusammenspiel von Handlung und multimedialer Übertragung statt, an dem der Aussstellungsbesucher durch seine Präsenz mitbeteiligt ist: ein unheimliches Werk, das die Maschinisierung und Medialisierung der Welt erlebbar macht, in der wir heute leben.

Bei Laurent Mignonneau und Christa Sommerer werden durch Tippen auf die Tasten einer Schreibmaschine auf einer Folie Buchstaben sichtbar, aus denen ameisenartige Wesen schlüpfen. Einige reproduzieren sich, die Stärksten unter ihnen fressen die Buchstaben, aus denen sie hervorgegangen sind, auf und überleben so, während die anderen krepieren. Ein wunderbar erfinderisches und fast poetisches Beispiel, um anschaulich zu machen, was Populationsgenetik sein kann. Aber Robotik? Eher Computer-Kunst.

"Die Roboter-Entwicklung hat
zu neuen Fragestellungen geführt."




Auch den anderen Werken gelingt es kaum, über einen spielerischen Bezug hinauszukommen. Ausserdem wird deren mögliche implizite Bedeutung durch die dem Roboter eigentümliche Faszination am unwirklich erscheinenden Wirklichen mehr verdeckt als offengelegt.

Das Problem der Ausstellung liegt wahrscheinlich zur Hauptsache darin, dass die Roboter-Entwicklung längst um Generationen weitergegangen ist. Auch sonst gelingt es den ausgestellten Werke nicht, den Stand der Fragestellungen von heute zu erreichen.

Die neuen Roboter-Typen sind nicht mehr die simplen Automaten von einst mit ungelenken Bewegungen, die sich ruckartig bewegen, sondern höchst komplexe Gebilde, die ein immer intelligenteres Verhalten an den Tag legen. Das heisst: Es wird ihnen ein solches Verhalten als Programm eingebaut, durch das der Eindruck entstehen kann, Roboter hätten ein eigenes Innen- und Gefühlsleben entwickelt und würden selbständig handeln. Aber haben Roboter Gefühle, können sie denken, verfügen sie über einen eigenen Willen? Oder simulieren sie nur humanoide Eigenschaften? Und wie individuell und selbstbestimmt sind diese menschlichen Verhaltensweisen eigentlich? Das ist die Diskussion, die heute geführt wird.

W
as ist Denken anderes als eine binäre Operation oder ein Algorithmus? Nicht einmal mehr die Zufallsentscheidung, die den Menschen bisher von der Maschine unterschieden hat, benachteiligt die Maschine heute noch. Sie kann als Programm eingearbeitet werden und für allerlei Überraschungen sorgen. Alles ist Programm. Gero von Randow, der Roboter-Kenner, meinte, die meisten menschlichen Entscheidungen würden nach dem Grundsatz "Wenn-Dann" erfolgen, also nach einem einfachen Schema. Soweit ist es mit der Denkherrlichkeit des Menschen nicht her.

"Wird der Roboter eines Tages
den Menschen beherrschen?"




Es ist also ein Leichtes, den Maschinen ein Programm einzusetzen, das Eigenschaften suggeriert, die denen des Menschen ähnlich sind. Dafür gibt es Beispiele von den Tamagochis bis zum Auto, das für viele Menschen eine erotische Qualität besitzt (auch das Auto ist sinngemäss als Roboter zu verstehen, der bestimmte Aufgaben ausführt; ein Druck auf das Gaspedal heisst zum Beispiel "Fahren!"). 

Die Menschen bedienen sich dieser Maschinen zur Vereinfachung ihres Lebens. Jedoch am Ende kehrt sich die Situation überraschend um, und nicht die Maschine bedient den Menschen, sondern dieser wird an jene angeschlossen. Das ist die groteske Entwicklung, mit der wir heute konfrontiert sind. Roboter sind heute so potent, dass sie unentbehrlich für den Menschen geworden sind. Hegels Verhältnis von Herr und Knecht findet hier ein beklemmendes Anschauungsbeispiel. Es ist keine Frage, ob Auto, Handy, Computer Roboter sind. Es geht um etwas anderes. Ein Tag ohne Auto, ohne Handy, ohne Computer – das wäre entsetzlich. Oder nicht entsetzlich, sondern nur einfach unvorstellbar. 

Die Frage, ob die Maschinen den Menschen einmal beherrschen werden, ist also bereits überholt. Als der Dow Jones am 6. Mai dieses Jahres innerhalb von Sekunden um zehn Punkte fiel, breitete sich Panikstimmung an der Wall Street aus und die Trader blickten wie erstarrt auf die Bildschirme. Was war geschehen? Die Computer waren den Algorithmen gefolgt, die ihnen von den Menschen als Programme eingesetzt worden waren. Sie hatten auf diese Weise eine solche Macht erhalten, dass die Menschen im Traderoomn nur zuschauen konnten. 

Haben Roboter (Maschinen, Computer) ein Eigenleben? Erst, wenn die Roboter im Museum Tinguely das Publikum aus dem Haus weisen und auf die Idee kommen sollten, eine Revolution zu machen, werden wir es wissen. Dieser Tag könnte noch kommen. Die Roboter werden jeden Tag schlauer, während die Menschen der Meinung sind, sie würden es selber. Aber das ist nicht sicher. Roboter, Computer, intelligente Maschinen werden den Menschen immer ebenbürtiger.

Eines Tages würden sich die Menschen selbst in Maschinen verwandeln, behauptet der KI-Forscher Rodney Brooks. Der Mensch sei eine Maschine, die ihre Triebfeder selber aufzieht, schrieb schon Julien Offray de La Mettrie, der Verfasser des Essays "L'homme machine", der 1747 einen Skandal auslöste. Und nach Auffassung von Gero von Randow sind die Roboter sowieso die "nächsten Verwandten" des Menschen. Die Reise in das postbiologische Zeitalter ist in voller Fahrt, die Singularität nahe, also der Zustand, in dem die KI den Menschen übertrifft. Gleich tönt es bei Hans Moravec, bei Ray Kurzweil, Vernor Vinge. Never say never.

Unterdessen können wir zurücklehnen und es uns wohl sein lassen. Der Hedonismus ist selbst ein Aspekt der Materialismus, in dessen Geist die Entwicklung des Roboters möglich geworden ist.

Es gibt also noch einiges mehr zu sagen über das Thema als ein paar Kuriositäten. Einiges, was die Ausstellung verpasst, holt immerhin der Katalog nach, in dem die Fragen gestellt werden, die dazu gehören.

Museum Tinguely: Roboterträume. Bis 12. September.
Begleitprogramm siehe www.tinguely.ch

8. Juni 2010


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