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"Riesige Neugierde und Vorfreude": Neuer Basler Schauspieldirektor Elias Perrig

"Ich bin zuversichtlich, dass wir viele Menschen erreichen werden"

Vor Saisonbeginn: Zehn Fragen per E-Mail an den neuen Basler Schauspieldirektor Elias Perrig


Jetzt wirds ernst für die neue Basler Schauspieltruppe unter Schauspielchef Elias Perrig (41). Am Samstag, 16. September, ist die erste Premiere: "69 Arten den Blues zu spielen" von Jürg Laederach. Was macht Perrig mit dem Druck, der auf ihm lastet? Was erwartet uns Zuschauende? Und welche Führungskultur offenbart Perrig auf zehn Fragen per E-Mail? OnlineReports stellte sie.


Von CLAUDE BÜHLER

OnlineReports:
Welcher Erwartungsdruck nervt Sie mehr: Der von den Schindhelm-Fans oder derjenigen, die jetzt auf traditionelleres Schauspiel hoffen?

Elias Perrig: Ich hoffe und gehe davon aus, dass von allen Seiten hohe Erwartungen an das Theater Basel gestellt werden. Ich sehe das als die grosse Herausforderung meiner Arbeit.

OnlineReports: Wer von Beiden wird am Ende mehr Freude haben an Ihrem Schauspiel?

Perrig: Ich bin zuversichtlich, dass wir mit unserer Art Theater zu machen, viele Menschen erreichen werden. Unser Theater definiert sich nicht so sehr über moderne oder altmodische Formen, sondern über die Auseinandersetzung mit Stoffen und der Suche nach den dafür passenden Formen. Wir sind deshalb nicht auf einen Stil festzulegen. Die Handschriften sind so unterschiedlich wie die Stücke, die wir im Spielplan haben, und die Regisseure, die wir gewinnen konnten. Eine Linie wird sich aber durch alle Arbeiten ziehen: Kräftige, fantasievolle, tolle Schauspieler, die in diesen anstrengenden Wochen gerade zu einem Ensemble zusammenwachsen.

"Wir verfügen über ein Ensemble an kräftigen, fantasievollen und tollen Schauspielern."




OnlineReports: Dem Theater Basel wurde in den letzten Jahren öfters der Vorwurf gemacht, an Basel vorbeizuspielen. Was machen Sie, damit Ihnen das nicht passiert?

Perrig: Ich kann nicht beurteilen, ob dieser Vorwurf berechtigt ist. Ich versuche, die Augen und Ohren offen zu halten für das was in dieser Stadt passiert und was die Menschen hier beschäftigt. Und im Moment spüre ich einfach eine riesige Neugierde und auch Vorfreude.

OnlineReports: Welches war die wichtigste Anweisung, die Ihnen Theaterdirektor Georges Delnon in Bezug auf die Schauspielaufführungen gegeben hat?

Perrig: Georges Delnon und ich arbeiten sehr eng zusammen, es herrscht ein grosses gegenseitiges Vertrauen. Da geht es nicht um Anweisungen, sondern um die gemeinsame Umsetzung unserer Visionen.

OnlineReports: Wie oft haben Sie bisher als Schauspiel-Chef in Probe-Arbeiten interveniert und warum?

Perrig: Es gibt keinen Grund, in Probenarbeiten zu intervenieren. Ich bin einfach der erste Zuschauer der fünf Inszenierungen, die wir in den nächsten 20 Tagen herausbringen. Zu sehen, welch spannende Persönlichkeiten und herausragende Künstler wir hier in Basel zusammenbringen konnten - das macht mich einfach nur glücklich. Von diesem Glück sollte sich natürlich soviel wie möglich auf unser Publikum übertragen.

OnlineReports: Sie selber zeigen sich dem Basler Publikum als Regisseur mit dem "Besuch" von Jon Fosse. Wäre ein populärer Klassiker nicht der prägnantere Einstand gewesen?

Perrig: Fosse ist einer der bedeutendsten heutigen Autoren, der auf unglaublich präzise Weise heutige Kommunikations-Defizite beschreibt. Es freut mich ganz besonders, dass wir sein Stück "Besuch" als deutschsprachige Erstaufführung präsentieren können und ich stelle mich als Regisseur gerne in Basel mit einem Stück meines Lieblingsautors vor.

"Wenn ich Angst vor dem Risiko hätte,
wäre ich falsch am Platz."




OnlineReports: Welche Produktion der kommenden Spielzeit macht Ihnen am meisten Angst?

Perrig: Theater lebt vom Risiko. Wenn ich Angst vor diesem Risiko hätte, wäre ich wohl falsch am Platz. Die Erfahrung lehrt, dass es keine "sicheren Nummern" gibt.

OnlineReports: Sie führen Cyrano de Bergerac unter der Regie von Christina Paulhofer auf. Wie wollen Sie gegen den übermächtigen Weltstar Gérard Depardieu, der im Film-Hit den Titelhelden verkörperte, anspielen lassen?

Perrig: Von Christina Paulhofer ist kein "Mantel- und Degenstück" zu erwarten. Sie klopft Rostands romantische Komödie darauf ab, wieviel Sehnsucht nach Romantik immer noch in uns steckt. Zusammen mit der Kultautorin Simone Meier wird das ein Theaterspektakel, das ganz im Hier und Jetzt angesiedelt ist und trotzdem den Geist Rostands transportiert. Und auch hier gilt: Unser Cyrano Florian Müller-Morungen spielt live auf dem Hochseil seiner Schauspielkunst. Dagegen hat es jeder Leinwandheld schwer.

OnlineReports: Was ist Ihr wichtigstes Argument für das Theater und gegen das Fernsehen?

Perrig: Als Theaterzuschauer ist man selber ein Teil des Gesamterlebnisses, man bestimmt die Atmosphäre des Abends mit, man ist gefordert, sich persönlich einzubringen, man befindet sich in einer Gemeinschaft. All das kann das Fernsehen niemals leisten.

OnlineReports: Welches ist Ihr wichtigstes Anliegen in Ihrer Theaterarbeit?

Perrig: Die Zuschauer emotional zu erreichen und damit in eine thematische Auseinandersetzung einzubeziehen. Theater kann gerade in der heutigen Zeit ein Gegengewicht schaffen zu der grassierenden Ökonomisierung des Denkens, in der der Mensch primär nach ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet wird. Das Theater kann in tiefere Schichten des Mensch-Seins vordringen und dadurch immer wieder beweisen, dass ein Mensch weitaus mehr ist als die Summe der Umstände, unter denen er lebt.

9. September 2006


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