© Foto by Arario Gallery
"So unwirklich wie nur etwas": Lee-Skelett von Comic-Figur

Unterhaltsames über den Knochenbau bekannter Comic-Figuren

Naturhistorisches Musem Basel: Eine Ausstellung im Bereich zwischen Kunst, Wissenschaft, Spekulation und Unterhaltung


Von Aurel Schmidt


Der französische Naturforscher Georges Cuvier (1769-1832) war in der Lage, aus einem Knochenfund ein ganzes Skelett zu rekonstruieren. Damit wurde er zum Begründer der vergleichenden Anatomie. Durch die so gewonnenen Erkenntnisse ist es zum Beispiel möglich, die Gestalt von längst ausgestorbenen Tieren zu bestimmen, denn woher sonst könnten wir uns ein Bild machen, wie sie ausgesehen haben?

Die Ausstellung "Animatus" im Naturhistorischen Museum Basel legt den umgekehrten Weg zurück: Nicht vom Teil zum Ganzen, wie es bei Cuvier der Fall war, sondern vom Ganzen zum Teil beziehungsweise von der gegebenen Gestalt zum Skelett, das ihr zugrunde liegt. Und dies erst noch am Beispiel von bekannten Comic-Figuren wie Donald Duck, Wile E. Coyote und Roadrunner, Bugs Bunny und so weiter.

In dieser Bezugnahme eines wissenschaftlichen Museums auf die Populärkultur liegt eine Irritation und der Spass, den die Ausstellung vermittelt.

Im Mittelpunkt steht das künstlerische Werk des 1969 geborenen Südkoreaners Hyungkoo Lee. Lee hat in Yale Kunst studiert und 2007 sein Werk im koreanischen Pavillon an der Biennale in Venedig präsentiert. Er ging von der Beobachtung und Wiedergabe des menschlichen Körpers aus und experimentierte mit körperlichen Deformationen. Von da war es offenbar nur ein kleiner Schritt zur Auseinandersetzung mit dem Knochenbau von fiktionalen Figuren wie jenen, die die Comics bevölkern. Diese Gestalten sind zwar so unwirklich wie nur etwas, mit überdimensionierten Gliedmassen und verzerrten Körperformen. Trotzdem verfügen sie über einen Bewegungsapparat. Aber wie können sie sich damit bewegen?

"Der Oberkiefer von Wile E. Coyote
ist im Verhältnis zum Unterkiefer viel zu lang."




Lee hat seine Vorbilder genau studiert, zum Beispiel deren Grösse durch Vergleiche mit anderen Bildelementen, und ihre Skelette zuerst gezeichnet und später Mastermodelle in Ton und Silikon davon hergestellt. Als ihn noch niemand kannte, musste Plastilin ausreichen. Heute, wo er ein international anerkannter Künstler ist, kann er von jeder Figur, die er in einer Viererserie herstellt, drei Exemplare zu 250'000 Dollar das Stück verkaufen. An einem Modell arbeitet er bis zu zwei Jahren. Sein Atelier wird in Basel übrigens mitausgestellt. Es ist so einfach eingerichtet, dass die ganze Arbeit auf ein Gedankenexperiment hinauszulaufen scheint.

Und was schaut nun bei der von Basil Thüring eingerichteten Ausstellung heraus? Wenn die wissenschaftliche Kriterien der vergleichenden und funktionellen Anatomie auf Lees künstlerisches Werk übertragen werden, ergeben sich einige überraschende Einsichten. Lees Skelettmodelle zeigen nämlich, dass die bekannten Comic-Figuren eigentlich reine Missgeburten sind. Sie könnten mit ihrem Skelettgerüst weder richtig laufen noch sich zweckmässig bewegen und die Augen würden nicht in die Augenhöhlen passen. Sie könnten wahrscheinlich auch keine Kaubewegungen ausführen, weil es keinen Ort gibt, wo die Kaumuskeln am Knochen angebracht sind. Wovon ernähren sie sich also eigentlich? Ein schönes Beispiel ist Wile E. Coyote, der im Verhältnis zum Oberkiefer einen viel zu kurzen Unterkiefer hat. Die beiden Kieferteile passen nicht aufeinander.

Für Christian A. Meyer, den Direktor des Naturhistorischen Museums, sollen mit dieser Ausstellung, der wie ein Blick von aussen auf die Museumspraxis fällt, neue Wege der Animation und Vermittlung komplexer Fragen beschritten werden. Lee überträgt einerseits die Methoden des Naturwissenschafters auf die Kunst und erweckt damit den Anschein von wissenschaftlichem Anspruch, obwohl der Spekulation und dem spielerischen Umgang mit dem Thema ein weites Feld gelassen wird. Zugleich zeigt sich aber auch, dass die Anatomen nichts anders vorgehen als der Künstler mit den Produkten aus der Phantasiewelt. Die Fragen bleiben die gleichen. Zwischen echt und falsch hebt Hyungkoo Lee den Unterschied auf, aber darauf muss man erst kommen. Also aufgepasst. Aber ein Augenzwinkern ist ja nicht verboten.

Ausstellung bis 31. August. Das Begleitprogramm sieht unter anderem Workshops sowie eine Übernachtung für Kinder mit Bugs Bunny und Tom & Jerry und anschliessendem Frühstück vor.

31. Mai 2008


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