© Foto by Museum Tingely
"Es blüht, brodelt und wächst": Ernst-Werk "Vater Rhein"

Max chez Jean

Ausstellung Museum Tinguely in Basel: Das Untergründige im Werk von Max Ernst


Von Aurel Schmidt


Die ausgestellten Werke in der Ausstellung im Museum Tinguely in Basel lassen die Besucher auf den ersten Blick, um die Wirkung vorwegzunehmen, an den Blick in ein Gehirn denken und an die Operationen des Geistes, die darin ablaufen. Was man sieht, wuchert, bohrt und gräbt tiefe Schächte und unterirdische Kammern, macht gewaltige Sprünge und unterwandert, unterläuft, überrumpelt die schöne helle Ordnung. Man weiss nicht, wo der Anfang ist und das Ende stattfindet. Alles, was ist, ist etwas, das einfach immer weiter geht, sich einen Weg durchs Dickicht bahnt und dabei die erstaunlichsten Entdeckungen macht: Eine Assoziationskette, ein Fluss. Es erfindet sich seinen eigenen Kosmos. Der Geist ist erfinderisch. Er lässt sich nicht disziplinieren. Er schlägt über alle Stränge.

Was ist los? Zu sehen sind Werke von Max Ernst, ungefähr 150 an der Zahl – eine Ausstellung, wie es sie von diesem Künstler in der Schweiz schon lange nicht mehr gegeben hat. Guido Magnaguagno, Direktor des Museums Tinguely, konnte denn auch seine Zufriedenheit über die Ausstellung nur schwer verbergen. Aber er hatte dazu auch allen Grund.

Max Ernst (1891-1976) macht die geheimen Obsessionen und verschlungenen Wünsche im Unbewussten sichtbar. Das geschieht auf eine spielerische Art, denn der Geist ist ein bricoleur, wie man weiss, ein Bastler, der ruhelos suchend unterwegs ist.

"Biomorphe Figurationen erobern die Welt
und decken sie zu."




Max Ernst war ein grosser Künstler, also ein Spieler, ähnlich wie Picasso. Doch im Unterschied zu diesem hatte er es nicht auf die Form abgesehen, sondern mehr auf die Technik. Auf alle Techniken. Besonders mit der Collage, die sein geniales Spielfeld war, konnte Max Ernst nicht nur den Täuschungseffekt des Bildes vorführen, sondern auch, was etwas anderes ist, das Diverse und Unmögliche zusammenbringen und auf diese Weise das Leichte und das Schwere, das Verlockende und Verführerische, das Heimliche und Unheimliche aufdecken. Vorausgesetzt, dass man bereit ist, sich der latenten Beunruhigung auszusetzen, die von diesem Werk ausgeht.

Werner Spies, der einen massgeblichen Teil zur Realisierung dieser Ausstellung beigetragen hat, der beste Kenner des Künstlers, hat auf eine Besonderheit von Max Ernst hingewiesen: Auf die kleinen Formate, auf die Formen, die sich wie im Reagenzglas oder im Laboratorium, also so modellhaft und experimentell wie möglich, entwickeln.

Es blüht, brodelt und wächst im Werk von Max Ernst, überbordet, verschlingt sich gegenseitig. Die vegetabilen, biomorphen Figurationen, die pflanzlichen, tierischen und Fabelwesen erobern die Welt und decken sie zu. Auf einem Werk wie "La nymphe Echo" (1936) setzen Blätter und Blüten, setzt die dschungelhafte Natur dem blinden Rationalismus und der falschen Vernunft ein Ende. Es gibt keine Entkommen. Ein Bild "ohne Titel" aus dem Jahr 1921 (auf Seite 82 im Katalog) lässt sich beliebig lesen. Formen, die schwer zu durchschauen sind – oder im Gegenteil sehr leicht. Stachelige Kakteen und der Querschnitt durch ein menschliches Becken lassen keinen Zweifel an den Triebkräften der Natur. Das ist Max Ernst. Das Erotische ist stets präsent, nur allein schon durch den kreativen Akt. Hinter der verspielten Fassade pulsiert es gewaltig. Machen wir uns nichts vor.   

Am Ausgangspunkt für die Ausstellung stand der Wunsch des Museums Tinguely, ein Wandbild mit dem Titel "Dans le jardin de la nymphe Ancolie", das Max Ernst 1934 für das Dancing "Mascotte" im Corso-Theater in Zürich geschaffen hat, öffentlich zu restaurieren. Die Ausmasse betragen 4.15 auf 5.31 Meter. Das sind 22 Quadratmeter. Ein grosser Teil des Gemäldes wurde in der Vergangenheit respektlos übermalt. Später wurde das Wandbild abgenommen und im Kunsthaus Zürich ausgestellt.

Jetzt ist es im Museum Tinguely aufgetaucht. Das Publikum kann den Vorgang in einem eigens eingerichteten Atelier beobachten und den Fortgang der Arbeiten im Internet unter www.kunsthaus.ch laufend verfolgen.

"150 Werke geben einen einzigartigen
Überblick über das Werk von Max Ernst."



Mit diesem Projekt allein konnte es aber noch nicht seine Bewandtnis haben. Also fingen die Verantwortlichen des Museums unter der Leitung von Annja Müller-Alsbach damit an, für eine begleitende Ausstellung nach Werken von Max Ernst Ausschau zu halten. Und offenbar war es auf Grund des Entgegenkommens vieler Leihgeber möglich, eine Auswahl zu treffen, von der man mit Sicherheit sagen kann, dass sie in sich geschlossen ist und einen einzigartigen Überblick über die zahlreichen Facetten des Werks von Max Ernst gibt. Seit dem Jahr 2004 wurde an dieser Ausstellung gearbeitet. Jetzt ist sie für das Publikum zugänglich. Es wird lange dauern, bis wieder eine vergleichsweise Zahl von Werken an einem Ort zusammenkommt.
 
Max chez Jean in dessen Museum in Basel also. Jean Tinguely war von einem immensen Respekt für den Max Ernst vor allem der Dada-Zeit erfüllt. Die künstlerische Verwandtschaft und Freundschaft von Tinguely und Ernst wird dokumentiert durch eine Ausstellung, die unter dem Titel "Spielerische Mechanik bei Jeannot und Dadamax" beiden Künstlern im Max Ernst Museum in Brühl (Deutschland) bis Februar 2008 gewidmet ist.

Die Ausstellung im Museum Tinguely Basel dauert bis zum 27. Januar 2008. Dazu erschienen ist ein Katalog, der weniger interpretiert und mehr dokumentiert.

11. September 2007


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