© Foto by Museum der Kulturen, Basel
"Mut, Tapferkeit und Erfolg": Männer der Sangtam-Naga, Rückfahrt von Tanzveranstaltung

Das Museum der Kulturen vor einem grossen Schritt

Neue Ausstellung "Naga. Eine vergessene Bergregion neu entdeckt" und Beginn des Umbaus im Oktober


Von Aurel Schmidt


Die Naga sind ein aus 36 verschiedenen Ethnien bestehendes Volk von ungefähr zwei Millionen Menschen, das in der Bergregion im Nordosten Indiens an der Grenze zu Burma lebt. Sie waren in der Vergangenheit als Kopfjäger gefürchtet. Von ihrer reichhaltigen und farbigen materiellen Kultur gibt es in Berlin und München, aber auch in Basel bedeutende Sammlungen. Das Museum der Kulturen in Basel hat jetzt seine Beständige um ausgewählte Exemplare aus Berlin und München ergänzt und zeigt sie in einer neuen Ausstellung.

Eine "vergessene Bergregion" wird neu entdeckt, verspricht der Titel. Damit wird auf die Tatsache angespielt, dass das Land der Naga fast ein halbes Jahrhundert für Reisende verschlossen war. Zwar erinnerten die Sammlungen an das Volk, das jedoch während fast eines halben Jahrhunderts von der Aussenwelt abgeschnitten war. Nach der Unabhängigkeitserklärung Indiens im Jahr 1947 entstand unter den Naga eine eigene Befreiungsbewegung, was dazu führte, dass die indische Regierung das Gebiet zur militärischen Sperrzone erklärte. 1963 wurde der indische Bundesstaat Nagaland gegründet, aber erst seit 2000, als ein Friedensabkommen mit ihnen geschlossen wurde, fanden die Naga wieder Anschluss an die Welt und war das Land wieder zugänglich.

Die Kopfjägerei wurde von der britischen Kolonialmacht früh verboten. Abgesehen davon, leben die Naga noch heute  in traditioneller Weise. Man kann in den Städten jedoch "Top-Models" und elektrische Gitarren antreffen. Das moderne Leben wird neben historischen Filmaufnahmen von Hans Eberhard Kauffmann aus dem Jahr 1937 in Videos gezeigt.

"In den verdunkelten Räumen treten
die Objekte in ihrer Singularität hervor."




Die Ausstellung selbst ist auf die Objekte fokussiert: Textilien, Waffen, Geräte für den Feldbau. In den stark verdunkelten Räumen werden sie in Schaukästen hell angestrahlt und treten in ihrer Singularität hervor. Seit dem Grafen Buffon und Goethe steht das Objekt im Mittelpunkt und geht alle Erkenntnis von ihm aus. Das gilt auch hier. Jedes einzelne Objekt erzählt eine Geschichte. Es ist auch erstaunlich, wie es den Naga gelungen zu sein scheint, die Liebe zu schönen Gegenständen von früher in die Gegenwart zu retten. Auch moderne Objekte mit neuzeitlichen Materialien lassen ästhetische Schönheit und vollendete Form erkennen. Im Museums-Shop werden Textilien, Behälter und Schmuck verkauft.

Die Ausstellungsobjekte beziehen sich auf die thematischen Bereiche Landwirtschaft und Krieg. Feldbau ist die Grundlage der Naga-Gesellschaft; Krieg war in der Vergangenheit ein anderes kulturelles Fundament. Mut, Tapferkeit und Erfolg im Krieg waren männliche Tugenden und das Feiern von Verdienstfesten gehörte zum rituellen Leben: Eine Tradition, die sich bis in unsere Zeit erhalten hat, wenn sie in der Form auch mehr der Identitätsfindung der Naga dient. Heute sind die Naga ein friedliches Volk, aber eine Ausstellung, die auf die Quellen der Naga-Kultur zurückgehen und einen Beitrag an die historische Aufarbeitung leisten will, durfte das Kriegsthema nicht übergehen. Sogar eine Schädeltrophäe wird gezeigt. Der Kurtor Richard Kunz hat erst nach langem Zögern und auf Drängen von Naga-Vertretern, mit denen er die Ausstellung zusammen konzipiert und realisiert hat, seine Einwilligung gegeben.

Eine zweite Naga-Ausstellung ist gegenwärtig im Völkerkundemuseum der Universität Zürich zu sehen. Dort liegt der Akzent auf der eigenen ethnologischen Forschung, während in Basel der museologische Blick dominiert.

"Das Museum nimmt Abschied vom Hauptgebäude, im Oktober beginnt der Umbau."



Integriert in die Naga-Schau sind Werke der Zürcher Künstlerin Cristina Fessler, der es gelungen ist, schon 1992 nach Nagaland zu reisen. Sie versucht, Objekte und Muster der Naga-Kultur aufzunehmen und in eine westliche Kunstsprache mit polymorphen Formen zu übersetzen – zu "klonen", wie sie sagt.

Zum Schluss noch ein Wort über das Museum der Kulturen selbst. Die neue Ausstellung wird nicht, wie zuletzt, über den Münsterplatz 20 (neben dem Rollerhof) betreten, sondern durch das Nebengebäude (oder sogenannte Europahaus) an der Augustinergasse 8, wo ein provisorischer Eingang eingerichtet ist. Am 30. und 31. August ist Open House im Museum. Die Ausstellung "Rot" schliesst an diesem Wochenende und wird zusammen mit der permanenten Textilausstellung im Haupt- oder sogenannten Vischergebäude abgebaut, im Oktober beginnt der Umbau dieses Komplexes des Museums. Die archäologische Bodenforschung ist schon seit Mai an der Arbeit, schliesslich gehört der Münsterhügel zu Basels ältestem Siedlungsgebiet.

In einem Inforaum können während einiger Zeit die anstehenden Bauaufgaben und der Fortschritt der Arbeiten verfolgt werden. 2009 ist im weiterhin bespielten Nebengebäude eine Ausstellung über westafrikanische Textilien vorgesehen, und in der zweiten Hälfte des Jahres 2010 soll dann das Hauptgebäude mit dem schrägen Dachaufbau von Herzog & de Meuron neu eröffnet werden.

Ausstellung bis 17. Mai 2009. Katalog (Christoph Merian Verlag) 44 Franken.

21. August 2008


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