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"Umbauen, umschichten, variieren": Kusama-Werk "The obliteration room"

Statik aufhebbar, Form veränderbar – jederzeit

Das Museum Tinguely in Basel zeigt eine Ausstellung, die Kunst und Spiel zusammenführt


Von Aurel Schmidt


Es ist nicht ausgeschlossen, es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass die neue Ausstellung "Spielobjekte. Die Kunst der Möglichkeiten" nur wenige Minuten später nicht mehr die gleiche sein wie bei Antritt des Besuchs. Warum? Weil alles, was zu sehen ist, sich bewegt und verändert und alles manipuliert, moduliert, permutiert, transformiert werden kann. Das ist die Absicht, das ist das Ziel der Übung.


Ein Beispiel soll den Sachverhalt erklären. Eines der gezeigten Werke ist "The obliteration room" der japanischen Künstlerin Yayoi Obama. Man betritt einen Wohn- und Essraum, mit Billigmöbel ausgestattet, der am Abend der Vernissage noch einheitlich mit weisser Farbe bemalt und in grelles Licht getaucht war, aber bis in den Mai hinein, der bekanntlich alles neu macht, nicht in der ursprünglichen Form bleiben wird. Jeder Besucher erhält beim Eintritt einen Set mit farbigen Punkten zum Aufkleben, die beliebig im Raum angebracht werden können, am Boden, an der Decke, an den Wänden, den Stühlen, den leerstehenden Regalen, dem Tisch, am Sofa.

Die Abbildung oben zeigt, wie der verwischte, ausgelöschte Raum (was der Übersetzung von "obliteration" entspricht) dereinst aussehen könnte, wenn die Besucher ihre Spuren hinterlassen haben.

Normalerweise bewegt sich die Kunst nicht, sondern steht still. Und meistens ist sie flach. Ihre Statik und Eindimensionalität sind ihre Krux. Seit jeher haben die Künstler deshalb immer neue Versuche unternommen, diese Begrenzung zu überwinden, aufzuheben, zum Beispiel durch das Ausgreifen des Kunstwerks in den Raum (Skulptur, Relief, Mobile) oder durch manuell oder maschinell verursachte Bewegung. Jean Tinguely, der Hausgeist des Museums, hat dafür eine Reihe einfallsreicher Beispiele geliefert.

Auch der Film, als eigenständige Kunstgattung betrachtet, gehört genau genommen dazu (man spricht nicht umsonst von "bewegten Bildern"). Die Installation, ebenfalls als Genre, bezieht den Raum, in dem das Kunstwerk ausgestellt wird, mit ein und gestaltet ihn selbst zum Kunstwerk um. Und im Happening oder Tanz wird die Kunst durch die körperliche Präsenz des Künstlers aktuell. 

Partizipation, Popularisierung
 
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die künstlerischen Eingriffe in die Kunst zu einem Phänomen und Partizipation zum Gebot der Stunde. Der Betrachter sollte das Kunstwerk, das er antraf, ergänzen, umgestalten, fortsetzen, fortführen. "Warum sollte man in ein Museum gehen, wenn man da nicht selber was machen kann?", erkundigt der Künstler Sultan (Peter Lindberg). Etwas tun, machen, realisieren, das wurde zur Generallinie.

Partizipation heisst implizit auch Popularisierung. Die Absicht war klar: Es sollte eine Befreiung von der passiven Rolle des Betrachters erreicht und die alte Trennung von Kunst und Leben beendet werden. Eine Interaktion zwischen Künstler und Betrachter auf gleichberechtiger Grundlage wurde in Aussicht genommen, in der Sprache von heute: eine Schnittstelle zwischen Subjekt und Objekt. Für Roland Wetzel, den Direktor des Museums Tinguely, ist der Künstler damit zu etwas wie einem Programmierer aufgestiegen. Wunderbar! Dann ist der Betrachter ja ein User – ein Kunst-User. Befreit die Kunst! Befreit die Museen! Tut etwas! Werdet aktiv! Spielt mit! So lautet der Kanon.

Spielen, transformieren
 
Dass diese Absichten mit der Blütezeit der konkret-konstruktivistischen Kunstperiode zusammenfielen, war vielleicht nur ein Zufall. Und ob sich die Spielidee heute noch aufrechterhalten lässt, ist eine offene Frage, aber unter der damals gegebenen Annahme konnte eine Kunst entstehen, die offen war für Beteiligungsformen aller Art und für Eingriffe durch das Publikum – Kunstwerke, die sich bewegen, verändern, umbauen, umschichten, variieren, verwandeln, modulieren, manipulieren, transformieren, permutieren lassen, auf spielerische Weise, und auf diese Weise im Idealfall eine Kunst des Spiels und des Spielens bereitstellten, wobei durch die aufgehobene oder umgangene Fixierung immer neue pikturale Konstellationen entstehen können beziehungsweise sollen.

Das ist es, was die neue, von Annja Müller-Alsbach und Frederik Schikowski kuratierte Ausstellung im Museum Tinguely sich vorgenommen hat. Über hundert Werke von 50 Künstlerinnen und Künstlern werden gezeigt, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie es dem Publikum überlassen, was es damit anfangen, anstellen, unternehmen, erreichen will. Ausgewählt wurden vor allem solche Werke, die durch manuelle Eingriffe veränderbar sind (und nicht motorisch oder durch organische Prozesse).

Die einfachste Möglichkeit besteht natürlich darin, Bildteile puzzleartig in immer neuer Form zu arrangieren. Bei vier Komponenten oder Modulen ergeben sich immerhin 256 variable Formationen. Wer heute mit der ersten Variation anfinge, könnte bis Mitte Oktober jeden Tag ein neu aussehendes Bild bei sich zu Hause an der Wand haben, danach müsste mit einem neuen Zyklus begonnen werden. 

Einfach, poetisch

Bei Mary Bauermeister und Sultan werden solche Bildteile auf einer Trägerplatte zu immer neuen Kompositionen permutiert. Bei François Morellet spiegelt sich eine an der Decke befestigte Neonlichtquelle in einem darunter liegenden Bassin. Wird der Wasserbehälter bewegt und entstehen Wellen, nimmt die Lichtquelle die Wellenbewegung auf und trübt das Spiegelbild. Fast poetisch, und so einfach.

Bei Dieter Roth werden Gummibänder auf einem Nagelbrett in fast unendlicher Zahl zu Drei- und Mehrecken formiert. So einfach, aber man musste zuerst darauf kommen. Paul Thalmann hat 1968 in einem Werk "K 196" 169 schwarz-weisse Kugeln in einem Rahmen, der auf der einen Seite schwarz und der anderen weiss bemalt ist, angeordnet. Eine leichte Bewegung mit der Hand über die Kugeln, und das Bild verändert sich, in undenklich vielen und immer neuen Variationen und kaum wie irgendeine andere je davor.

Auch mit Elementen wie Briefkastenklappen oder Fenstergriffen (bei Rolf Glasmeier) lassen sich serielle und mobile Bilder anfertigen und verändern. Es braucht nicht viel. Wir sind hier an die Grenze des Multiples, des seriell multiplizierten Objekts, angelangt – und beim Kunstwerk, das seine Aura (Walter Benjamin) aufgegeben hat. Zu Gunsten wovon? Ich würde sagen: des Spielobjekts eben.

Spielen, Mensch sein

Damit sind wir zum Thema Kunst und Spiel zurückgekehrt, zum Versuch, durch das Spiel die Grenzen der Kunst zu überschreiten, vielleicht aufzuheben. Wobei bis auf weiteres ungeklärt bleibt, was Spiel ist und was Spielerei. Friedrich Schiller schrieb in den "Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen", der Mensch sei "nur da ganz Mensch, wo er spielt". Er meinte es im Hinblick auf Ursache, Entstehung und Potenzial des Schönen, das nur dort gedeihen und sich ausbreiten kann, wo kein utilitaristischer Zwang herrscht.

Für Jean Tinguely, dessen Werk "Rotozaza No. 1" (1967), eine Ballspielmaschine, die Ausstellung gebührend eröffnet, war es ausgemacht, dass Kunst und Spiel identisch sind. Der Basler Künstler und Gestalter Karl Gerstner wiederum, der in der Ausstellung mit ein paar prominenten Werkbeispielen vertreten ist, bemerkte zum Thema: "Unsere Kunst hängt von Ihrer aktiven Teilnahme ab."

Also nichts wie los, könnte man da sagen. Treten Sie ein! Machen Sie mit! Aber ach! Schon folgt die enttäuschende Nachricht auf den Fuss: Wo mit den Exponaten gespielt werden sollte, sie also zu diesem Zweck in die Hand genommen und bedient werden müssten, damit sie zu ihrer vollen Geltung kommen können, wird das Publikum davon abgehalten, entgegen der eigentlichen Absicht. "Bitte nicht berühren." Das Wärterpersonal ist aufmerksam. Man muss das leider verstehen, die Folgen des Herumfingerns an den Kunstwerken würden sich katastrophal auswirken.

Doch keine Bange: Mehrmals am Tag finden Führungen durch die Ausstellung statt und die Objekte werden von berufenen Begleitern erklärt und vorgeführt. Es gibt also schon deshalb keinen Grund, nicht zu Tinguely zu gehen.

Museum Tinguely Basel: Spielobjekte. Die Kunst der Möglichkeiten. Bis 11. Mai. Weitere Angaben, vor allem über die Führungen, unter www.tinguely.ch.

19. Februar 2014

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