© Foto by 2016, Louis-Philippe Demers, Foto: Courtesy of the artist
"Ein intelligenter Essay": Demers-Werk "The Blind Robot"

Kunst nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Anfassen

Das Museum Tinguely in Basel befasst sich in einer neuen Ausstellung mit dem haptischen Umgang mit Kunst


Von Aurel Schmidt


Um die Welt zu begreifen (zu verstehen, uns in ihr zu orientieren), müssen wir sie im Idealfall begreifen (im Sinn von berühren, anfassen, kontaktieren). Das ist eine alte Erfahrung, auch in unserer technischen Zivilisation – und das Thema einer Ausstellung, die zur Auseinandersetzung herausfordert.


Als der frühere iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad einen Moment lang die Mutter von Hugo Chavez umarmte, um sie zu trösten, erhob sich im Iran ein Sturm der Entrüstung. Im Iran gibt es ein Umarmungsverbot. Umarmen ist unislamisch.

Berührungsängste sind in allen Kulturen bekannt. Intimität ist mit einem Tabu belegt. Da Religionen oft auf einen hygienischen Ursprung zurückgehen, kann man sich vorstellen, dass sie den Sinn haben, Infektionen zu verhüten. Ebenso gut können Berührungsverbote eine Grenze anzeigen, die nicht überschritten werden darf, und daher in einem Zusammenhang mit Sterben und Tod stehen. Am vergangenen Silvester in Köln wurde Nähe durch Grapschen nicht toleriert und einer strengen Sanktionierung unterstellt.

Die Nähe ist problematisch, aber im erotischen Bereich gewollt. Emotionale und körperliche Nähe beziehungsweise Berührung können in der Psychotherapie eine Heilwirkung haben und sind dort ausdrücklich zugelassen, nicht selten erstrebt.

Wie wir die Welt "begreifen"

Vieles, was wir tun, ist ein Versuch, die Welt zu begreifen (zu verstehen). Der beste Weg dahin besteht im Begreifen (im Sinn von anfassen) der materiellen Realität, die den Zugang zur geistigen eröffnet. Dem Verstehen geht also eine taktile Begegnung voraus wie zum Beispiel dem Versmass eine Gehbewegung. Für Blinde gilt das in einem besonderen Sinn, wenn sie die Braille-Schrift lesen, genauer gesagt das Punktschriftsystem mit den Fingerkuppen ertasten und die Botschaft lesen.

Sehen und hören allein erschliesst die Welt noch lange nicht. Akustische Information, Gerüche, Temperatureinwirkungen gehören weiter dazu. Und dies erst recht, wenn wir heute den Augen immer mehr misstrauen. "Wir stellen das Auge unter die Kontrolle des Tastsinns", schrieb der russische Künstler Vladimir Tatlin. Jedes Mittel ist recht, um sich in der Welt zu orientieren.

Wie die Oberflächen sich anfassen

In Museen ist das Berühren der ausgestellten Werke meistens ausdrücklich verboten, was manchmal bedauerlich ist, erst recht, seit neue Materialien in den verschiedenen Kunstgattungen zur Anwendung gelangen und die Besuchenden gern einen Eindruck bekommen möchten, wie sich die Oberflächen anfasst. Eisen, Latex, Erde, Rinde, Stacheldraht und Nägel (zum Beispiel bei Rolf Iseli), der Marmor oder Gips einer Skulptur, wie fühlt sich das an, besonders, wenn man es mit einem Kunstwerk zu tun hat? Die Beschaffenheit der Pelztasse von Meret Oppenheim ("Petit déjeuner en fourrure") ist gerade mit einem Berührungswunsch verbunden. Aber nein, nichts da, beim strengen Blick des Aufsichtspersonal wären wir schnell genötigt, den Wunsch zu unterdrücken.

Der Tastsinn sei unser allererster Sinn, proklamiert Roland Wetzel, Direktor des Museums Tinguely, wenn er seine neue Ausstellung präsentiert, die sich unter dem Titel "Prière de toucher" gerade mit dem Thema des Haptischen befasst. Bis zum 16. Mai ist das Berühren der Kunstwerke ausdrücklich erlaubt.

Wie die Besucher aktiv werden sollen

Nicht bei allen Werken, dieser Vorbehalt muss gleich gemacht werden. Aber bei einigen ist es möglich. Die Besucher und die Besucherinnen müssen selbst einschreiten und aktiv werden. In einem Saal bekommen sie eine Augenbinde und Handschuhe zum Anziehen, dann dürfen sie unter Anleitung des Personals Gipsabgüsse von griechischen Statuen betasten, mit den Händen über die Oberfläche gleiten und auf diese Weise Körperformen und Gliedmassen erfassen. Vier Minuten Zeit hat jeder Besucher dafür zur Verfügung.

Hier kann experimentell und nicht nur virtuell die Erfahrung gemacht werden, wie eine plastische Figur haptisch erlebt wird und wie sich der Zugang zur und die Auseinandersetzung mit der materiellen Realität vollzieht.

Neben der vorsätzlichen Berührung ist auch daran gedacht, berührt zu werden, sich einer Berührung auszusetzen und sie passiv zu erleben, zum Beispiel im Setting mit einem Roboter wie "The Blind Robot" von Louis-Philippe Demers (siehe Bild). Der Proband setzt sich der Maschine gegenüber, und die beiden Roboterarme fangen an, mit vorsichtigen Suchbewegungen den Kopf des Probanden zu lokalisieren und, wenn das geschehen ist, ihn zu berühren.

Wie die Maschinen sensuell interagieren

Das Beispiel ist deshalb in einem grösseren Kontext interessant, weil alle Berührungen bisher auf den Menschen bezogen waren, der versucht, sich mit seinen Sinnen im Leben und in seiner Umgebung zu orientieren. In der maschinellen Welt, in die wir täglich ein Stückweit mehr hineingeraten oder gezogen werden, wer weiss, wird es in Zukunft roboterisierte Kontakte geben, die mit Algorithmen, Schaltkreisen und Sensoren vorgehen und ein ganz neues, auf Automation beruhendes Verständnis der korporalen Begegnung hervorbringen. Auch Maschinen sind Körper in einem weiten Sinn und können und werden in Zukunft sensuell interagieren. Das ist etwas Neues.

Vorläufig jedoch genügt es, davon auszugehen, dass Fassen, Ergreifen, Betasten, Berühren analoge, reale, materielle, natürlich auch körperliche Kontakte und Vorgänge sind. Hier ist der Grund zu suchen für einen Widerspruch, der in der Ausstellung angelegt ist und von dem sie sich nicht befreien kann. Viele Formen der Berührung werden in bildlicher Form dargestellt, in Stichen, an der Wand hängenden Werken, Objekten, die zur Schau ausgelegt sind, die aber mehrheitlich nicht unbedingt zum Anfassen da sind.

Wie wir vor den Werken stehen

Trotz der vielen überraschenden und tiefsinnigen Einsichten, die die Ausstellung zum Thema vermittelt, steht der Besucher in den allermeisten Fällen den Exponaten in Distanz gegenüber und wird nur eher selten als Teilnehmer in den den Vorgang, um den es geht, einbezogen. Es ist im besten Sinn ein intelligenter Essay, zu dem wir eingeladen werden und der eine den Verstand ansprechende Auseinandersetzung erfordert, keine unmittelbare, praktische, bis auf einige Beispiele.

Berührung ist ein Thema, das viele überraschende Seiten eröffnet, und sei es, dass das eigentliche Menschliche darin besteht, dass wir immer noch auf unsere einfachen fünf Sinne angewiesen sind, um in der Welt zurechtzukommen, die uns immer mehr abhanden zu kommen scheint. Denn für die Auseinandersetzung mit der Maschine hilft unser Sensorium uns in Zukunft nur sehr bedingt weiter.

Museum Tinguely, Basel: Prière de toucher. Der Tastsinn der Kunst. Bis 16. Mai. Für verschiedene Veranstaltungen siehe die Webseite des Museums www.tinguely.ch

11. Februar 2016


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)

www.onlinereports.ch - Das unabhängige News-Portal der Nordwestschweiz

© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigene Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

Auf dieser Website gibt es Links zu Websites Dritter. Sobald Sie diese anklicken, verlassen Sie unseren Einflussbereich. Für fremde Websites, zu welchen von dieser Website aus ein Link besteht, übernimmt OnlineReports keine inhaltliche oder rechtliche Verantwortung. Dasselbe gilt für Websites Dritter, die auf OnlineReports verlinken.

fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"Baselbieter SVP saugt an der Turnier-Subvention"

BZ Basel
vom 4. Februar 2017
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Exklusiv: Die einzige Partei, die Geld essen kann.

RückSpiegel


Die Basler Zeitung griff die OnlineReports-Recherche über markante bauliche Veränderungen im Nord-Teil des Basler "Dreispitz"-Areals auf.

Das Medienportal persoenlich.com zog die OnlineReports-Meldung über die Kündigung des BaZ-Abos durch den ehemaligen BaZ-Verleger Matthias Hagemann nach.

Die Nachricht über den Abbruch der Gelterkinder Rahmtäfeli-Fabrik wurde von der Volksstimme aufgenommen.

Die Sissacher Volksstimme, die Basler Zeitung und 20 Minuten nahmen die OnlineReports-News über den Bolzenschuss im Gelterkinder Ortskern auf.

Die Basellandschaftliche Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht über den erneuten Parteiwechsel von Grossrat Michel Rusterholtz auf.

Die Basellandschaftliche Zeitung griff die OnlineReports-News über den Sammelerfolg des Referendums gegen Alkohol in Jugendzentren auf.

Die OnlineReports-Story über Andrea Strahm und die Präsidiums-Suche der Basler CVP nahmen das SRF-Regionaljournal, die TagesWoche, die Basler Zeitung und die BZ Basel auf.

Das SRF-Regionaljournal, die Basler Zeitung und die BZ online nahmen die OnlineReports-News über den Austritt Daniel Goepferts aus dem Basler Grossen Rat auf.

In ihrem Kommentar über "Die Arroganz der Basler Regierung" (Schlagzeile) nahm die Basler Zeitung Bezug auf eine Schilderung in OnlineReports.

SRF online bezog sich in ihrem Bericht über den ASE-Prozess auf OnlineReports.

Für ihre Sendungen "10vor10" und "Schweiz aktuell" holte das Schweizer Fernsehen Statements bei OnlineReports ein.

Die BZ Basel und 20 Minuten online bezogen sich in ihren Artikel über die Basler CVP-Präsidentin Adrea Strahm auf ihre Kolumnen in OnlineReports.

Die Basellandschaftliche Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht über Platzprobleme des neuen BVB-"Flexity"-Trams am Basler Aeschenplatz auf.

In seinem Bericht über den Anlage-Skandal der ASE Investment ging die Sendung "10vor10" des Schweizer Fernsehens auf die Rolle von OnlineReports bei der Enthüllung des Schwndels ein.

In seinem Bericht über das von Handwerker-Autos besetzte Trottoir in der Basler Centralbahnstrasse nahm das SRF-Regionaljournal auf einen früheren OnlineReports-Artikel Bezug.

Die Basler Zeitung, die BZ Basel, das SRF-Regionaljournal, 20 Minuten online und die SDA nahmen den OnlineReports-Bericht über die Verurteilung des Rappers Ensy auf.

Die Volksstimme beschrieb, wie Peter Knechtli vor 30 Jahren die Brand-Katastrophe von Schweizerhalle erlebte.

Die NZZ zitierte aus dem OnlineReports-Kommentar zu den Basler Regierungsrats-Wahlen.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Weil im Gelterkinder Kindergarten "Staffelen" die defekte Ölheizung nicht durch eine "einigermassen kostenattraktive und baulich auch realisierbare Alternative zu Öl ersetzt werden kann", beschloss der Gemeinderat "den Ersatz der alten Anlage durch einen neuen Öl-Brennwertkessel".

• Der 44-jährige Chemiker Alexander Schocker wird neuer Leiter Forensik bei der Polizei Basel-Landschaft als Nachfolge von Markus Looser, der letzten Herbst zur Kriminalpolizei Basel-Stadt wechselte.

• Die Oberwiler Bevölkerung hat in einer Referendums-Abstimmung den Beschluss über den Kredit für die Planung Eisweiherplus mit 1'072 Ja zu 2'820 Nein aufgehoben und damit die Planung beendet.

• Der Baselbieter Landrat hat einen Kredit von 14 Millionen Franken zum Bau der Tramlinie Margarethenstich bewilligt.

• Das Referendum gegen die unbegrenzte Alkohol-Abgabemöglichkeit in baselstädtischen Jugendzentren wurde mit 4’600 Unterschriften eingereicht.

• Der 53-jährige Patrick Dill wird ab 1. April neuer Leiter der Gemeindeverwaltung Allschwil.

• Der Kanton Baselland beteiligt sich an der "Berufsschau 2017" in Pratteln mit einem finanziellen Beitrag aus den Mitteln des Wirtschaftsförderungs-Fonds in der Höhe von 900'000 Franken (bisher 950'000 Franken).

• Der Basler "Mittelstand" hat seit Anfang dieses Jahres mit Remo Ley, der Paul Rüst ablöst, einen neuen Präsidenten.

• Mit 7,3 Millionen Passagieren verzeichnete der EuroAirport im Jahr 2016 mit einer Zunahme von knapp vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr einen neuen Rekord.

• Nach dem Rücktritt von Elisabeth Ackermann als Co-Präsidentin der Basler Grünen als Folge ihrer Wahl in die Kantonsregierung führen interimistisch Harald Friedl und Barbara Wegmann die Partei.

Tobias Brenk ist als Nachfolger der abtretenden "Kaserne"-Chefin Carena Schlewitt neuer künstlerischer Leiter des Theaterfestival Basel.

Gerhard Schafroth, Gründungsmitglied und Gründungspräsident der Baselbieter Grünliberalen, tritt nach fast zehn Jahren aus dem Parteivorstand zurück und überlässt seinen Posten dem 26-jährigen Frenkendörfer Wirtschaftsstudenten Patrick Wolfgang.

• Die Augenkliniken des Kantonsspitals Baselland und des Universitätsspitals Basel arbeiten künftig so eng zusammen, dass sie ihre Angebote miteinander abstimmen und medizinisches Personal austauschen.

• In Liestal werden die Gasstrasse (Abschnitt Rheinstrasse bis Weierweg), der Weierweg und die Rosenstrasse vom Gemeinde- ins Kantonsstrassennetz integriert und umgebaut werden.

Beat Lüthy (54), dreifacher Vater aus Sissach, wird neuer Leiter des Baselbieter Amts für Volksschulen.

• Der ACS beider Basel will gegen die Einführung von "Tempo 30" auf Basler Hauptverkehrsachsen weiter zu kämpfen und den Fall am Beispiel der Sevogelstrasse vor Bundesgericht bringen.

• Mit dem Ziel, dass Basler Jugendzentren alkoholfrei bleiben, hat ein Komitee aus gesundheits- und jugendschutzorientierten Kreisen das Referendum gegen das revidierte Gastgewerbegesetz ergriffen.

• Im Rahmen ihrer Aktion "Noël" hat die Basler Kantonspolizei 36 Langfinger verhaftet.

• Zur Unternehmenssteuer-Reform III haben die Basler SP-Delegierten mit 84 zu 47 Stimmen bei 3 Enthaltungen die Nein-Parole beschlossen.

• In zwei von 27 Enkelbetrugs-Fällen konnten Gangster im Baselbiet gesamthaft 16'000 Franken ergaunern.

• Entgegen der ursprünglichen Absicht bleibt der Polizeiposten Waldenburg aus "regionalpolitischen Gründen" bis auf Weiteres bestehen, wie die Baselbieter Regierung schreibt.

• Die beiden Basler Parteien CVP und EVP führen ihre seit vier Jahren bestehende Fraktionsgemeinschaft im Grossen Rat weiter.

Leila Straumann, die Leiterin der baselstädtischen Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern, übernimmt ab 1. Dezember 2017 das Präsidium der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG).

• Die Stimmberechtigten von Sissach haben sich mit 1‘583 Ja- gegen 985 Nein-Stimmen für den Ausbau der Kunsteisbahn zur geschlossenen Eishalle ausgesprochen.