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Repräsentative, zur Schau getragene Machtfülle": Holbein-Werk*

Holbein in Basel

Eine Ausstellung im Basler Kunstmuseum mit Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken des grossen Renaissance-Malers


Von Aurel Schmidt


Von Hans Holbein dem Jüngeren, einem der bedeutendsten Renaissance-Maler, besitzen das Kunstmuseum und das Kupferstichkabinett Basel eine grosse Sammlung. Holbein (Augsburg 1497/98-1543 London) kam im Jahr 1515 nach Basel und wirkte bis 1532 hier. Nach seinem Tod kam ein wesentlicher Teil seines Werk über das Amerbach-Kabinett in den Besitz der Stadt Basel.

Von der Ausstellung, die sich mit dem Werk des Künstlers befasst, das in der Basler Zeit entstanden ist, hat das Kunstmuseum "schon lange geträumt" (so Direktor Bernhard Mendes Bürgi).

Die eigenen Bestände und viele Leihgaben geben jetzt einen Überblick über Holbeins Schaffen. Basel war zu Holbeins Zeit mit seinen Verlagen und Druckereien ein Brennpunkt des Humanismus. Erasmus von Rotterdam, der von Holbein mehrmals porträtiert wurde, hat hier gewirkt. Trotz dieser Verbundenheit scheint der reformatorische Bildersturm in Basel (eine wahre, mit Bilderverbrennung verbundene Kulturrevolution) den Maler 1523 nach England vertrieben zu haben.

Die Ankündigung der 152 Werknummern umfassenden Ausstellung könnte das Publikum leicht vor Ehrfurcht erzittern lassen, aber es ist nicht nötig, vor dem Besuch zwei Holbein-Bücher gelesen zu haben, um sich in ihr zurecht zu finden. Alles wird unternommen, um die Auseinandersetzung zu erleichtern: Die Hängung, die thematische Gliederung, die Möglichkeiten zum Vergleichen. Schliesslich behandelt der Katalog verschiedene Aspekte von Holbeins Schaffen und seine Beziehung zu Basel. Ausserdem werden zahlreiche Begleitveranstaltungen sich in den kommenden Wochen mit Holbein befassen.

"Eramsmus' rechter Daumen war
offenbar nicht leicht zu meistern."




Zu sehen sind Gemälde, Zeichnungen, die aus der Epoche fast vollzählig versammelt sind, sowie Druckgrafik, deren intimer erzählerischer Charakter zum Anregendsten gehört, was die Ausstellung zu bieten hat. Nachdem deren Anordnung chronologisch vorgenommen worden ist, geraten abgeschlossene Werke und Zeichnungen dadurch direkt nebeneinander, was zwar lichttechnisch offenbar einige Probleme aufgegeben hat, aber auch erlaubt, sich über Holbeins künstlerische Arbeitsvorgehen Aufschluss zu verschaffen.

So hängt zum Beispiel neben dem Gemälde des schreibenden Erasmus eine Studie von dessen linker und schreibender rechter Hand. Der rechte Daumen war offenbar nicht leicht zu meistern gewesen.

Holbeins Werk wird in zwei Gruppen geteilt, in Porträts auf der einen und religiöse Darstellungen auf der anderen Seite. Die Porträts sind objektiv, sie zeigen die Menschen selbstsicher in ihrer repräsentativen, zur Schau getragenen Machtfülle, in klarer gestischer Position. Jede Psychologisierung fehlt (sie hätte damals auch gar nicht erwartet werden können). Nur auf dem Bildnis des Basler Buchdruckers Johann Froben scheint das Leben Spuren hinterlassen zu haben. Bei den religiösen Darstellungen ist die Komposition auffallend.

Diese Unterscheidung ist jedoch ein Kunstgriff. Auf der sogenannten Darmstädter Madonna hat sich der Basler Bürgermeister Jakob Meyer, der das Altarbildnis in Auftrag gab, mit seiner Familie gleich selber ein Denkmal gesetzt und sich darauf abbilden lassen, zwar demütig vor der Madonna, jedoch keineswegs vor der Welt, die den Altar bestaunt. Von Jakob Meyer und seiner Frau Dorothea Kannengiesser gibt es auch ein Doppelporträt, das zusammen mit der Darmstädter Madonna und Zeichnungen dazu eine kleine Werkgruppe bildet, die zeigt, wie Holbein mit Themen und Motiven umgegangen ist.

"Viele Bilder kann man nicht
mehr vergessen,
wenn man sie einmal gesehen hat."




Und worin liegt nun nach allen diesen Hinweisen die Bedeutung Holbeins? Nach den Worten von Kurator Christian Müller zeigt jedes Werk als Besonderheit, wie sehr sich Holbein bemüht hat, die an sich selbst gestellten Ansprüche zu erfüllen, dabei aber auch diejenigen seiner Auftraggeber zu befriedigen. Dieser doppelten Erwartung zu genügen, darin liegt Holbeins Meisterschaft.

Überhaupt ist es auffallend, an wieviele Werke Holbeins man sich bei einem Rundgang durch die Ausstellung wieder erinnert. Sie müssen sich irgendwo im privaten Unterbewusstsein tief eingeprägt haben und lange im kollektiven Unterbewusstsein gespeichert gewesen sein. Holbeins Porträts haben längst die Bedeutung von Ikonen bekommen. Vor allem das längsrechteckige (30,5 x 200 cm), ausdrucksstarke Gemälde "Der Leichnam Christi im Grabe" kann man nie mehr vergessen, wenn man es einmal gesehen hat.

* Bildnis der Anne Lovell (Dame mit Eichhörnchen), 1527, National Gallery, London




Die Basler Ausstellung dauert bis zum 2. Juli. Vom 28. September bis 7. Januar 2007 wird dann die Tate Britain mit einer eigenen Schau an diejenige in Basel anschliessen und die Werke aus Holbeins Zeit in England zeigen.

31. März 2006


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