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"Ein Lebenswerk, das mir Befriedigung gibt": Museum-Fotograf Peter Horner

Peter Horner, der Bilderfänger

Wenn ein Foto besser wird als der fotografierte Gegenstand – Intimitäten eines Museums-Fotografen


Von Ruedi Suter


"Einmal im Atelier, gehören die Gegenstände mir und werden lebendig", bekennt Peter Horner, der Starfotograf des Museums der Kulturen Basel. Seine Bilder sind in zahllosen Publikationen verewigt. Denn die Aufnahmen der Schätze des Museums sind auch ein "Fenster nach aussen". Das Geheimnis des Bilderfängers Horner: Auch die Seele eines Objekts wird mitfotografiert. Ein Porträt.


Überschwere Fotokameras. An Metallgestellen montiert, zielen sie auf eine wundervolle Holzflöte aus Ozeanien. In dem riesigen Raum sassen einst die Direktoren des Völkerkundemuseums. Heute ist er mit seinen Apparaten, Gestellen, Scheinwerfern, Leinwänden und Schränken das Reich des Peter Horner. Hier lässt der Museums-Fotograf neue Wirklichkeiten entstehen, hier werden die Schätze des (unterdessen umgetauften) Museums der Kulturen Basel sorgfältig zurechtgelegt, ausgeleuchtet und fotografiert. Und hier entstehen intime Beziehungen - zwischen dem Fotografen und "seinen" Objekten.

"Oft ist das Foto besser als der Gegenstand"

Einmal im Atelier, "gehören die Gegenstände mir", sagt Peter Horner: "Dann mache ich mit ihnen, was ich will - betrachten, anfassen, erspüren, beleuchten, verstellen und fotografieren. Manchmal gibt es Tage, wo nichts geht. Dann gibt es Tage, wo ich die erste Lampe anzünde - und schon stimmt alles."

"Oft ist es so, dass ein Foto besser ist als der Gegenstand selbst. Ich glaube sogar, ich bekomme zu den Objekten eine intimere Beziehung als so mancher Konservator." Das sind erstaunliche Worte. Es sind die Feststellungen eines Mannes, der bei seiner nun 30jährigen Fotoarbeit am Museum stets sämtliche Sinne mobilisiert.

"Gegenstände sind wie Lebewesen"

Denn Gegenstände sind wie Lebewesen, die als solche behandelt werden wollen. Lebendig macht sie das Licht. Bei Peter Horner ist es Kunstlicht, aber nie Blitzlicht, das zwar immer schön weich ist, aber kaum verändert werden kann. Das Kunstlicht hingegen kann beeinflusst, manipuliert und dem Gegenstand angepasst werden.

"Unsere Objekte", verrät Horner, "leben von der Oberfläche". Je nachdem wie das Kunstlicht auftrifft, verändert das Objekt seinen Charakter und kommen seine Details zum Vorschein. Wie der Film aber die Farben umsetzt, die das Licht auf der Oberfläche hervorzaubert, könne nicht vorausgesagt werden. Deshalb brauche es Kreativität und die "Lust am Risiko", sagt Fotograf Horner über das Gelingen guter Aufnahmen.

Ohne Sonnenschein kein Fotoschuss

Zur Ethnologie hatte er schon als Bub eine Beziehung. Zu seinem Job im Museum kam er, nachdem er als Filmer die Expedition von Urs Ramseyer nach Bali begleitete. 1974 übernahm Peter Horner das Atelier im einstigen Direktorenzimmer von seinem Vorgänger. Dieser war ein gelernter Optiker, der nur bei Tageslicht fotografierte. Es musste also schönes Wetter sein, bei Wolken, Regen und Nebel lief nichts.

Zunächst lichtete Horner alle Gegenstände für das Museumsarchiv ab, die für einen Anlass hervorgeholt wurden. Längst schon fotografiert er überdies für Ausstellungen, Bücher und Fremdaufträge. Im Jahr entstehen so zirka 1'500 Aufnahmen von Gegenständen aus Holz, Geflechten, Stoff, Keramik und Metall. Nicht dabei sind jedoch Porzellan und Glas, "die ich nicht fotografieren will, weil mir die Erfahrung fehlt."

"Der Fotograf ist das Fenster nach aussen"

In fast jeder Publikation des Museums sind seine Bilder verewigt. "Ein Lebenswerk, das mir Befriedigung gibt. Ich bin zu einem Teil der Museumsvermittlung geworden", freut sich der 61jährige mit dem offenen Blick. Er steht auf und holt eines seiner Lieblingswerke hervor: Das Fotobuch "Kulturen, Handwerk, Kunst". In ihm sind die schönsten Kostbarkeiten aller acht Museumsabteilungen abgebildet. 1980 wurde das Werk mit dem Silbernen Adler ausgezeichnet.

Die wertvollen Schätze des Museums würden vor allem dank den Fotografien bekannt, ist der Basler überzeugt. "Der Fotograf ist das Fenster nach aussen. Ich kenne Leute, die waren noch nie im Museum, kennen aber unsere Objekte aus den Büchern." Das Museum als Dienstleistungsbetrieb und Unternehmen sei ja verpflichtet, seine Schätze bekannt zu machen und sein Wissen zu vermitteln.

"Für die Qualität muss ich in die Tiefe"

Peter Horner, dem das Museum nicht zuletzt auch dank der guten Arbeitsathmosphäre ans Herz gewachsen ist, denkt und handelt gerne in grösseren Zusammenhängen. "Lege ich einen Gegenstand unter die Kamera, will ich automatisch mehr wissen über die Gesellschaft, die diesen Gegenstand hergestellt hat." Also macht er sich kundig, kauft oder leiht sich Bücher aus und liest. Nicht ohne sichtbare Resultate: "Je mehr ich das Objekt kennen lerne, desto besser werden die Fotos. Für Qualität muss man in die Tiefe der Dinge dringen können."

Die letzte Aufnahme gelinge ihm immer am besten, sinniert der Museums-Fotograf weiter. Das war auch so bei dieser extrem schwierigen Herausforderung mit der Aufnahme der riesigflächigen Maya-Tafel. Sie musste im Streiflicht aufgenommen werden. Da das Licht im Quadrat abnimmt und die hintere Region dunkler wurde, half erst ein entfernt aufgestellter 4000er Spot. Nur so war es möglich, auf der ganzen Fläche die gleiche Lichtmenge zu erhalten. Dann, nach zeitraubendem Herumprobieren, konnte endlich die definitive Aufnahme geschossen werden.

Auch Bilder werden älter und sterben

Früher waren zwei Drittel aller Aufnahmen Schwarzweiss-Aufnahmen. Heute ist das Verhältnis genau umgekehrt. Die Schwarzweiss-Fotografie werde aber nie ganz verschwinden, sagt Peter Horner. Sie sei besser gegen den Zahn der Zeit gewappnet als die Farb-Fotografie.

Damit spricht der Museums-Dokumentalist eines der zentralen Probleme an - die Endlichkeit aller Bilder: "Wir Fotografen arbeiten nicht für die Ewigkeit, wie oft fälschlicherweise angenommen wird. Die Dias verbleichen nach 10 bis 15 Jahren und bekommen Farbstiche. Die Qualität eines Fotoarchivs nimmt also mit den Jahren ab." Das war auch der Grund, weshalb Peter Horner ab Mitte der achtziger Jahre mit der Restaurierung von Fotos begann.

Im Kampf gegen die Vergänglichkeit - ein Hauptanliegen der Museen - hilft selbst die neue Digitaltechnik nicht grundsätzlich weiter. Denn auch Digital-Aufnahmen müssen alle 8 bis 10 Jahre neu überspielt werden - ohne Qualitätsverlust allerdings. Die Digitaltechnik hat auch bereits in Peter Horners Arbeitswelt Einzug gehalten.

Neue Techniken sind lediglich Ergänzungen

Zurzeit wird ein neues Archivsystem auf EDV-Basis eingerichtet. Ist dies der Anfang vom Ende der traditionellen Fotografie auf Film? "Nein", meint Horner gelassen, "nur eine Ergänzung. Es wird immer beide Systeme geben - Digital und Film. Bei der traditionellen Fotografie kann man allerdings besser mit dem Licht experimentieren".

Ein kreatives Element, das sich Peter Horner keinesfalls nehmen lassen will. Auch wenn das Hantieren mit den schweren Kameras viel schwieriger ist. Dafür kann er den Charakter eines Objekts perfekt einfangen. Und dies wird, einmal mehr, auch auf dem Foto der Holzflöte aus Ozeanien sichtbar werden.

15. Juli 2000

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BaZ online
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