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"Wie ein weiteres Epitaph": Eichin-Werk im Basler Münster-Kreuzgang

Münster-Kreuzgang soll endgültige Heimat der Eichin-Tische werden

Ein Gönnerverein will Bettina Eichin die bronzenen "Markttische" abkaufen und das Standort-Provisorium beenden


Von Peter Knechtli


Die in heftigen politischen Verwerfungen nach dem Schweizerhalle-Brand von 1986 entstandenen "Markttische" der Basler Bildhauerin Bettina Eichin sollen im Kreuzgang des Basler Münsters eine endgültige Bleibe finden. Jetzt hat sich ein Gönnerverein konstituiert, um das Werk der Künstlerin abzukaufen und der reformierten Kirche zu schenken.


In den letzten Jahren ist es um Bettina Eichins "Markttische", der Würde des Standorts angemessen, still geworden: Im kleinen Kreuzgang des Basler Münsters steht das bronzene Kunstwerk, das nach der Brand-Katastrophe von Schweizerhalle am 1. November 1986 in einen heftigen kulturpolitischen Strudel geriet und anschliessend seinen eigenen, nicht vorhergesehenen Weg ging. Hier an diesem sakralen Ort standen seit 16 Jahren die Objekte, ihrem Status entsprechend, unverbindlich und nicht fest verankert, im Exil.

Jetzt macht sich in Basel eine Gruppe daran, den soeben renovierten Bronze-Skulturen am bisherigen provisorischen Standort eine feste Heimat im Schutz des Münsters zu geben.

Am Anfang stand ein Auftrag von Sandoz

Zur Vorgeschichte: Im Unglücks-Jahr 1986 feierte der damalige Pharmakonzern Sandoz - eine der Novartis-Vorgängerfirmen - sein 100-jähriges Bestehen. Als Zeichen der Dankbarkeit schenkte er dem Kanton Basel-Stadt einen Brunnen auf dem Marktplatz. Vorgesehen war ein schlichter Kalksteintrog, flankiert von zwei Bronze-Tischen ("Titel: Herbst 1986"). Der eine ("Markttisch") ist üppige beladen mit Blumen, Gemüse und Früchten der Schöpfung. Der zweite ("politischer Tisch") mit eingerolltem Transparent, einer Trommel, Akten und Gesetzesbüchern soll die politische Bedeutung des Marktplatzes, Standort des Rathauses, symbolisieren. Als Künstlerin von Sandoz beauftragt wurde die Basler Bildhauerin Bettina Eichin, die schon die nachdenklich sitzende "Helvetia auf der Reise" am Kleinbasler Brückenkopf der Mittleren Brücke geschaffen hatte.

Die Künstlerin war mitten in der Umsetzung des Konzern-Geschenks, das die Basler Regierung bereits freudig angenommen und verdankt hatte, als am frühen Morgen des 1. November 1986 die Chemiekatastrophe von Schweizerhalle über die Region hereinbrach und die Bevölkerung in Schrecken und Todesangst versetzte.

Rückzug des Geschenks an den Kanton

Der Brand der mit giftigen Chemikalien gefüllten Lagerhalle stürzte auch die künstlerische Chronistin in eine Krise: Bettina Eichin, vom Auftrag gebenden Unternehmen ausdrücklich mit der "absoluten künstlerischen Freiheit" ausgestattet, sah sich ausserstande, ihre Tische mit den vorgesehenen Motiven zum Ende zu bringen, als wäre nichts geschehen. Sie passte ihren Entwurf den aktuellen Ereignissen an, leerte den "politischen Tisch", machte sozusagen tabula rasa mit der Risiko-Politik und sah vor, auf der Oberfläche das Datum "1. November 1986" diskret einzugravieren, dass es nur bei bestimmtem Lichteinfall sichtbar würde.

Doch da war es um die "künstlerische Freiheit" geschehen: Sandoz, nicht bereit, als "sinnesentfremdetes" Jubel-Geschenk ein Mahnmal der eigenen Chemierisiken zu finanzieren, sistierte den Auftrag an Eichin und zog das Geschenk an den Kanton wieder zurück.

Private Initiative ermöglichte Guss

Das Werk kam aber dennoch zustande. Der heute noch bestehende Verein "Oekostadt Basel" - eine basisdemokratische Gruppierung um dem mitterweile verstorbenen Medizinprofessor Gunter Wolff und den Psychiater Danilo Clamer - lancierte die Aktion "Frühling 89", mit der die Gusskosten von 85'000 Franken bezahlt werden konnten: Hundert von Eichin geschaffene Bronze-Malven wurden in wenigen Stunden zu 1'200 Franken verkauft.

Der weiter entwickelte, sozusagen aktualisierte "politische Tisch" zeigte nun auf seiner Platte in 25 Zeilen und rund fünftausend Buchstaben ein bekanntes Gedicht von Johann Peter Hebel, entstanden um 1800, das am Beispiel von Basel und Umgebung "die Vergänglichkeit" (Titel) beschreibt und vor dem Weltenbrand durch Menschenhand warnt. Dem Text ist der Zusatz "z.B. 1. November 1986, 0.19h" - Zeitpunkt des Brandausbruchs - angefügt.

Kirchen-Asyl für "Markttische"

Nachdem als künftige Bleibe für die von Sandoz verschmähten und stark politisch-emotional besetzten Tische verschiedene Standorte ins Gespräche gebracht wurden - unter anderem auch wieder der Marktplatz -, bot ihnen die evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt Ende November 1991 Asyl im von Epotaphien gesäumten kleinen Kreuzgang des Münsters.

In einem mehrere Seiten umfassenden Communiqué begründeten die Kirche ihr auf "höchstens fünf Jahre" befristetes Angebot: "So, wie die Tische sich jetzt darstellen, können sie ... nicht Anlass geben für ein Sündenbockdenken oder eine pauschale Industriefeindlichkeit." Dem Entscheid der reformierten Kirchenbehörde waren eingehende theologische, denkmalschützerische und auch politische Erwägungen vorausgegangen. Kirchenratspräsident Theophil Schubert, Müsterbaumeister Peter Burckhardt und der damalige Denkmalpfleger Alred Wyss begrüssten die "Vergänglichkeits"-Skulpturen im kleinen Kreuzgang, die "wie ein weiteres Epitaph in Erscheinung treten" sollten, ausdrücklich. Burckhardt: "Am liebsten würde man so etwas im Keller verschwinden lassen. Umso mehr bin ich überzeugt, dass es kaum einen besseren Ort gibt als die Kirche, um über 'die Vergänglichkeit' offen miteinander reden zu dürfen."

Definitive Standort-Regelung

Seither hat der Kirchenrat die Standortbewilligung noch zweimal "auf unbestimmte Zeit" verlängert. Doch nun sollen Nägel mit Köpfen gemacht werden. Auf Initiative von Ursula Steiner formierte sich kürzlich ein kleiner Gönnerverein "Markttische im Kreuzgang". Mit dabei sind auch Münsterbaumeister Peter Burckhardt, der frühere Vizestaatsschreiber Felix Drechsler und Liselotte Reber, die ehemalige Präsidentin der Hebel-Stiftung. Ihr Ziel des Vereins: Den Standort vom Provisorium in ein geregeltes Defintivum überzuführen und den Unterhalt der Eichin-Tische langfristig zu sichern.

Denn die beiden Skulpturen sind immer noch eine Leihgabe der Künstlerin, ebenso blieb ihr Arbeitsaufwand bis auf den heutigen Tag unbezahlt. Auf Anfrage von OnlineReports wollte und konnte Ursula Steiner den anvisierten Sammelbetrag nicht beziffern. Doch erklärte sie, die eben abgeschlossene Renovation der Plastiken könne bereits aus ersten Spenden bezahlt werden. Formal sei vorgesehen, dass der Verein die Markttische der Künstlerin abkauft und sie anschliessend der reformierten Kirche schenkt. Dabei müsse auch ein Unterhalts-Fonds geschaffen werden.

Kirche will keine Kosten übernehmen

Innerhalb der Kirchenbehörde scheint sich am Goodwill gegenüber den asylsuchenden Kunstwerken im Kreuzgang nichts geändert zu haben. Kirchenratspräsident Lukas Kundert zu OnlineReports: "Es steht keine Kündigung des von Bettina Eichin unterschriebenen Depositumvertrags an. Aus meiner subjektiven Sicht spricht nichts gegen den Standort. Diese Tische passen in den Kreuzgang." Deutlich wurde im Gespräch mit Kundert und Kirchenratssekretär Peter Breisinger aber, dass "uns keine Kosten entstehen sollen". Auch bezüglich der beabsichtigten Kunstwerk-Schenkung lassen sich die Kirchen-Repräsentaten nicht aus der Reserve locken: "Wir entscheiden, wenn der Verein das Geld beisammen hat", meinte Lukas Kundert. Und er fügte an: "Ich wünsche dem Gönnerverein alles Gute beim Sammeln der Mittel."

26. Oktober 2007


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"Skulpturengruppe hat auch schwache Seiten"

Es ist eine gute Idee, für das bronzene Werk der Markttische der Bildhauerin Bettina Eichin, die im Basler Münster-Kreuzgangt stehen, eine definitivere Aufstellung zu suchen, und es ist natürlich höchste Zeit, die Künstlerin korrekt zu bezahlen. Die Auseinandersetzungen zwischen der damaligen Sandoz AG und der Künstlerin sind heute, nach 20 Jahren, kaum mehr von einem öffentlichen Interesse. Sehr wohl von öffentlichem Interesse sind hingegen sowohl das Gedenken an den 1. November 1986 wie die Rolle des zur Frage stehenden bronzenen Monuments.

 

Der doppelten Bedeutung des Basler Marktplatzes - sowohl politisches Zentrum des Stadtstaats wie auch Ort der Versorgung mit Lebensmitteln - ist die Zweiheit der bronzenen Tische gewidmet. Die politische Rolle ist allegorisch eingefangen, die wirtschaftliche Rolle ergibt sich aus der bildnerischen Darstellung der täglich auf dem Markt angebotenen Ware. Das heisst, Trommel, Transparent und Bücher sind eine übersetzte Darstellung des Staatswesens, die bronzenen Pflaumen hingegen stellen ganz unübersetzt Pflaumen dar - was seit Beginn die schwache Seite der Skulpturengruppe ist. Unter dem Eindruck des Grossbrandes vom 1. November 1986 hat die Künstlerin an ihrem Konzept Korrekturen vorgenommen, und das hat die übersetzte Darstellung des politischen Raumes vielleicht sogar noch bereichert. Die Pflaumen hingegen sind eins zu eins Pflaumen geblieben.

 

Am 1. November 1986 hat die Region Basel, wie man hinterher erfahren hat, viel Glück gehabt. Es ist zwar viel biologischer Schaden vor allem im Rhein bis hinab nach Rotterdam entstanden, aber Menschen kamen dabei an Leib und Leben nicht zu Schaden, auch nicht am Brandort selbst, an dem unter anderem mörderisches Phosgen gelagert war. Die nach dem Brand eingeleiteten Massnahmen haben viel mehr Sicherheit im Umgang mit industriellen Risiken ermöglicht, und sie haben die Gesundung des Rheins wunderbar beschleunigt.

 

Sollen also die üppigen Pflaumen, der bronzene Blumenkohl etc. die nach dem Grossbrand eingetretene Erholung der Natur darstellen? Nein, das ist nicht ihre Intention. Sondern das in Bronze nachgebildete Gemüse hat sich die Bildhauerin schon vor dem Brand ausgedacht, und es sollte auf dem Marktplatz Aufstellung finden, als Paraphrase zu denselben Früchten, die da täglich verkauft werden. Aber was sollen sie im Münsterkreuzgang? Wollen sie uns am sakralen Ort mahnen, dass gesunde Lebensmittel eine Gabe des Himmels sind? Oder will der bronzene Kartoffelsack gar an die Kartoffeln erinnern, die während des zweiten Weltkriegs im Münsterkreuzgang angepflanzt wurden? Natürlich nicht.

 

Mit Vorteil könnte man diese geschwätzige Darstellung von Früchten und Gemüse einschmelzen. Das bronzene Monument würde damit etwas kleiner und überzeugender. Dann könnte man es zum Beispiel in Schweizerhalle aufstellen, oder auf dem Voltaplatz als symbolischem Zentrum der chemischen Industrie, oder allenfalls sogar im Kreuzgang.


Urs Weber, Freier Journalist, Miège



"Diese Skulptur gehört auf den Marktplatz"

Ach ja, lasst uns heile Welt spielen, vergessen und alles "Aufmüpfige" verstecken. So wird diesem Mahnfinger, der nicht nur für den Brand in Schweizerhalle steht, sondern an Aktualität nie verliert, die Sehne durchgeschnitten. Er hängt herunter.

 

Diese Skulptur gehört auf den Marktplatz oder in den Hof des Rathauses!! Nicht ins "geduldete" Kirchenasyl, wo manche Touristen meinen, da sei das Grab einer berühmten Marktfrau. (Vielleicht wird in weiteren 50 bis 100 Jahren eine Geschichte dazu erfunden).


Anne-Sibylle Frey, Vergolderin, Basel


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