© 2008, ProLitteris, Zürich
"Fast ekstatische Augenblicke": Aktionskünstler Jackson Pollock im Jahr 1950

Der Augenblick, in dem die Kunst zur spontanen Tat wird

"Action Painting": Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen


Von Aurel Schmidt


Action Painting gebe es nicht ohne "Action Viewing", schreibt Ulf Küster im Katalog, der zur Ausstellung "Action Painting" in der Fondation Beyeler erschienen ist. Konsequenterweise werden die Filme, die Hans Namuth von Jackson Pollock, dem wahrscheinlich wichtigsten amerikanischen Action Painter, aufgenommen hat, auf den Fussboden projiziert. Dadurch entsteht auf eine überraschende Weise der nachvollziehbare Eindruck davon, wie Pollock mit seiner Dripping-Malmethode die Farbe auf die am Boden liegende Leinwand gebracht hat.
 
Verstehen, was geschieht: Mit der Filminstallation in der Ausstellung wird es möglich. Malerei ist im Action Painting der Malvorgang selbst, der Akt oder Prozess des Malens. Wenn man Pollock zuschaut, wie er aus der Körperhaltung heraus malt, ist das schon ein Ereignis – aber malen ist eigentlich ein unzureichender Ausdruck, weil hier nichts bewusst geschieht. Das Bewusste ist im Gegenteil sogar eher hinderlich. Beim Betrachten der Filme kann man verfolgen, wie in einem Augenblick von komprimierter Energie der Künstler tätig wird.

Ein Vergleich mit dem Zen-Künstler drängt sich geradezu auf, weil auch er sich zuerst in einen Zustand der inneren Konzentration versetzt und dann in einem spontanen Akt in einer einzigen Spannungsentladung gleichsam dem Pinsel freie Hand lässt.
 
So kommt die Geste im Action Painting zu Ehren. Die Geste ist alles, das heisst die Ausführung selbst, die schnell erfolgt, nicht mit nachdenklicher Rücksicht. Nicht das Werk. Das Werk ist nur die zurückbleibende Spur des Augenblicks.

Ulf Küster bemerkt dazu allerdings, dass bei Pollock zwischen den fast ekstatischen Augenblicken des Malens immer wieder lange Phasen der Reflexion eingetreten sind, die man im Film nicht sieht. Pollocks Malerei war also nicht dem Willen entzogen. Das muss man natürlich berücksichtigen und es ist unerlässlich zum Verständnis, aber Wille muss in diesem Zusammenhang ja nicht unbedingt Vorsatz heissen. Es kann auch einen innerlich angestauten Hochspannungs-Zustand bedeuten, also jener Befindlichkeits-Augenblick des Künstlers, in dem der kreative Vorgang zum Tathergang wird.



"Ein Vergleich von Action Painting
und Zen-Malerei drängt sich geradezu auf."



Action Painting wird von der Fondation Beyeler als "Mythos der Moderne" und als "internationales und globales Phänomen" angekündigt. Am Ende des Zweiten Weltkrieg, nach den Schrecken der zurückliegenden Jahre, trat in den USA und in Europa eine neue Künstlergeneration an, die entschlossen war, einen Neubeginn in der Kunst zu wagen. Was in den Vereinigten Staaten als Action Painting oder Abstrakter Expressionismus bezeichnet wird, kursiert in Europa unter dem Label Informel. Beide Richtungen führten nicht nur den Surrealismus und Expressionismus sowie die abstrakte Kunst im Geist von Piet Mondrian mit eigenen Mitteln und Vorstellungen fort, sondern unterzogen den konventionellen Bildbegriff in der Kunst und damit den Traditionsbegriff überhaupt einer Revision. Der innere Zustand des Künstlers und seine Körperlichkeit wurde zur Quelle des Werks.

So erlaubt die Ausstellung "zu beobachten, wie man einen neuen Anfang setzen kann" (Gottfried Boehm an der Vorpräsentation der Ausstellung).

Bleibt nur die Frage, wie der Begriff Action Painting definiert wird. Amerikanischer abstrakter Expressionismus plus europäisches Informel plus Kobra  ist allerdings ein austellungskonzeptionelles Wagnis. Auf jeden Fall ist die Konfrontation ungewöhnlich. Sam Francis neben Ernst Wilhelm Nay oder Franz Kline neben Pierre Soulages – das ist schon fast verdächtig reizvoll und für Überraschungen aller Art gut. Pollock neben Arman fällt dagegen doch etwas reichlich gewagt aus.

Am Ende rechtfertigt nur das Ergebnis das Unternehmen. Vierzehn Pollock in einem Saal sind wahrhaftig eine grosse Nummer. In Riehen sind einige Ikonen der Moderne zusammengekommen und vergleichbar nebeneinander zu sehen. Man darf sich über den schon fast sakralen Charakter der Ausstellung also nicht wundern. Aber eigentlich gibt es auch gar keinen Anlass dazu.

Fondation Beyeler, Riehen: Action Painting. Vom 27. Januar bis 12. Mai. Katalog 68 Franken.

25. Januar 2008


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