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"Touch of policy": Titelheldinnen Nakano (Tanz), Gäng (Gesang)

Die über den Feldherrn triumphierende Witwe

Das Theater Basel zeigt einen spartenübergreifenden Abend zur Barockmusik von Antonio Vivaldis Oratorium "Juditha Triumphans"


Von Jürg Erni


Nach dem Frauentag dominieren auch am Opernhimmel des Theaters Basel die Frauen. Die männlichen Protagonisten wie der Chor sind mit Frauenstimmen besetzt. Verkörpert wird die Musik des venezianischen "Prete rosso" durch Tänzerinnen und Tänzer des Ballett Basel in der Choreographie von Richard Wherlock und mit Andrea Marcon am Pult des Barock-Orchesters La Cetra.


In seiner letzten Saison zündet Theaterdirektor George Delnon nochmals ein Feuerwerk. Mit dem in lateinischer Originalsprache gesungenen und erstmals vertanzten Oratorium "Juditha Triumphans" nimmt der scheidende Intendant die erklärte Absicht seines Nachfolgers Andreas Beck vorweg, spartenübergreifende Produktionen zu intensivieren.

Primadonnen ohne Heldentenöre

Nach "Hoffmanns Erzählungen", "Don Pasquale" und "Otello" dominieren im Opernspielplan die starken Frauen, die die Komponisten zu leidenschaftlicher Musik beflügelt haben: nach Médée und Daphné die junge Witwe Judith, die den Feldherrn Holofernes kurzerhand mit dem Schwert enthauptet, in der Tanz-Version erdrosselt. Damit befreit sie das jüdische Volk und ihre Heimatstadt Bethulia von den Übergriffen des assyrischen Königs Nebukadnezar. Auf den meuchlerischen Mord feiern Juditha, ihre Magd Abra und der Hohepriester Ozias in der Arie "Gaude, felix Bethulia" die glückliche Stadt. Und zum guten Ende, dem barocken "lieto fine", grüsst der "chorus virginum" die unbesiegbare Heldin mit dem "Salve, invicta Juditha formosa!"

Das einzige Oratorium "Sacrum Militare" des "Quattro Stagioni"-Komponisten ist eine private Abrechnung und ein politischer Triumph zugleich. Das Oratorium feierte bei seiner Uraufführung von 1716 den Sieg der Venezianer über die Türken auf der Insel Korfu. Vivaldi, der "prete rosso" am Ospedale della Pieta für verwaiste Mädchen, hat das Drama mit fünf Frauen und Choristinnen besetzt.

In der Barockoper werden die Rollen sonst bis hinauf zu den Sopranisten von Männerstimmen gesungen. In der "Juditha" übernehmen zwei Altistinnen die Partien des assyrischen Feldherrn Holofernes und des Hohepriesters Ozias und eine hohe Sopranistin diejenige des Eunuchen Vagaus. Damit fehlen die Fundamente von Heldentenören und Bassi profondi, die durch die Fundament-Instrumente der mehrfach besetzten Viole da gamba, der langhalsigen Theorben, von Orgel und Kontrabass kompensiert werden.

Zwischen Demut und Raserei

Zwischen Demut und Raserei schwanken die erotisch verführerischen bis kreischend ekstatischen Stimmen der Dominas. In den Arien begleiten sie solistisch seltene Instrumente wie Chalumeau (Schalmei), Mandoline oder  Viola d’amore. Auch die Chöre sind weiblicher Zunge: der "chorus militum" mit den assyrischen Soldatinnen wie der "chorus virginum" der bethulischen Jungfrauen. Eine kühne Mischung aus Kampfesstimmung und trotziger Tapferkeit.

Für die erste tänzerische Umsetzung des barocken Oratoriums wählt der Choreograph Richard Wherlock die gemischte Besetzung mit Holofernes als Partner der Juditha und Ozias als Hohepriester. Konsequent ist das nicht; aber Wherlock setzt auf Glaubwürdigkeit der Beziehungen zwischen einer Heldin (Ayako Nakano), die den Krieger berechnend an sich bindet, um ihn kaltblütig zu erdrosseln. Auch das Dreieck zwischen Juditha und ihrer Magd Abra gewinnt mit dem Tänzer-Feldherrn im Fadenkreuz an Eindringlichkeit. Wherlock will damit einen "touch of policy" bezwecken, der im Stück der kriegsführenden Parteien aktuell geblieben ist. Die Männer sind im Krieg; die Frauen rechnen zuhause mit dem ahnungslosen Feldherrn ab. Auch Vagaus und Abra bilden ein Paar, obwohl sie politisch verfeindet sind.

Barocktanz löst sich auf

Stilistisch lehnt sich Wherlock an Haltungen des Barocktanzes an mit weichen Bewegungen der Arme und stolzem Gang. Im zweiten Teil übersetzen die Tanzenden die bedrückenden und befreienden Emotionen der Protagonistinnen zusehends freier. Als Gegensatz dazu repräsentieren die Sängerinnen im höfischen Kostüm mit Perücken und Puderweiss den Stand ihrer Entstehungszeit.    

Bühnenbildner Bruce French hat ein Konzept entworfen, das sich an die Mauern und ihre Überwindung in der Geschichte anlehnt. Wie an einem Affenfelsen klettert das Corps de ballet auf den Stufen und Kuben herum und lauert auf die Einsätze, während die Gesangssolistinnen hoch oben auf ihrer Kanzel thronen, was akustisch nicht nur günstige Beziehungen zum Orchester im Graben schafft.      

Breiterer Besucherkreis anvisiert

Das "Oratorium Militare" hat der Trevisaner Andrea Marcon vor vier Jahren schon in seinem Kurs "Maestro al Cembalo" an der Schola Cantorum Basiliensis mit Silke Gäng in der Titelpartie einstudiert.  

Mit 17 Aufführungen dürfte die "Juditha Triumphans" einen breiteren Besucherkreis ansprechen. Das letzte Wort zum Saisonende auf der Opernbühne hat Skandalregisseur Calixto Bieito. Nach Verdis "Otello" wird er in Mozarts Liebeskomödie "Cosi fan tutte" nochmals seine szenische Fantasie ausleben.


Antonio Vivaldi: "Juditha Triumphans" mit dem Ballett Basel und "La Cetra". Premiere: 13.3. Weitere Vorstellungen: 15.,17., 20., 21., 25., 31.3. am Theater Basel, Grosse Bühne.

7. März 2015


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