© Foto by OnlineReports.ch
"Angeblich schweizerisch": Mythos-Beschwörerin Calmy-Rey

Die Illusions-Entlarvung aus der Brusttasche

"Auch richtig ist falsch": Aurel Schmidt neustes Buch öffnet die Augen – und mehr


Von Peter Knechtli


Wenn sich der Basler Journalist und Buchautor Aurel Schmidt ein neues Hemd kauft, wird er darauf achten, dass es über eine Brusttasche verfügt. Dort verstaut er seine zwei- oder dreimal gefalzten A4-Blätter, auf denen er bei nahezu jeder sich bietenden Gelegenheit Feststellungen, Erkenntnisse, Fragestellungen, Themen und Zitate oder auch nur einzelne Wörter notiert. Diese Stichworte gehören zu den Baustoffen der Texte, die er später in seinen Büchern, Publikationen oder auch in seiner OnlineReports-Kolumne "Seitenwechsel" verarbeitet.

Es ist die klassische Arbeitsweise des beobachtenden Journalisten. Doch was aus Schmidts unscheinbaren Textfragmenten wird, wenn sie einmal publikationsreif sind, ist erstaunlich. Das lässt sich auch von seinem neusten Werk sagen: "Auch richtig ist falsch – ein Wörterbuch des Zeitgeistes", heisst seine Sammlung von 41 Essays, die soeben im Handel erschienen ist.

Der Spezialist ausführlicher philosophischer Texte dokumentiert hier, dass auch in kurzen Analysen das Wesentliche gesagt werden kann. Gewählt hat Schmidt eine alphabetische Kapitelfolge von A wie "Alinghi" bis Z wie "Zivilgesellschaft".

"Wer diesen Band gelesen hat,
sieht die Welt hinterher mit andern Augen."



Wie der Autor in seinem Vorwort festhält, hat er sich ganz bewusst für die Form der kurzen Texte entschieden, die er wie ein Festtagsmenü präsentiert, mit dem Unterschied allerdings, dass die einzelnen Gänge (Kapitel) ganz nach Lust und Laune genossen werden können. Sie stehen zwar jeweils immer für sich, hängen aber immer auch wieder zusammen.

Aurel Schmidt erzählt uns hier seine Sicht der Welt, die man ganz oder teilweise teilen kann, aber keineswegs teilen muss. Nur eins ist sicher: Wer diesen Band gelesen hat, sieht die Welt hinterher mit anderen Augen. Und vielleicht auch sich selbst. Der Autor geht mit beträchtlichem Sendungsbewusstsein zu Werk, er spitzt immer wieder zu, um Zusammenhänge zu verdeutlichen und er spricht Klartext – aber nie in einem eifernden Sinn, sondern letztlich eher vergnüglich. So radikal Schmidt Stellung etwa gegen Fundamentalismus oder die Reichen und Satten bezieht, so wenig erhebt er den Anspruch, damit Recht zu haben. Er bietet eine Auswahl an – immer wieder erstaunlichen – Positionen und Perspektiven in der Absicht, dadurch Denkprozesse in Gang zu bringen. Keine Meinung behält auf Dauer ihre unveränderte Gültigkeit, das gilt für die eigene wie für die andere. Der Weg muss im Chaos und manchmal auch auf dem Um-Weg gefunden werden. In diesem Kontext ist der anfänglich irrtierende Buchtitel "Auch richtig ist falsch" zu verstehen.

Der Reiz dieser Essay-Sammlung liegt darin, dass uns ein immens belesener, weit gereister und unentwegt kritischer Denker ganz im Sinne seines Lieblings-Philosophen Michel de Montaigne Einblick in seine Lebenserfahrung, in das Ergebnis einer Jahrzehnte andauernden, immer wieder angepassten Analyse des praktischen Lebens, seiner Mechanik und seiner Illusionen bietet. Schmidt versteigt sich nicht in intellektuell-philosophische Höhenflüge, er packt ganz konkrete Themen an und legt dar, was davon gehalten werden kann. Er hält uns einen Spiegel vor und lässt uns erkennen, wie gern wir uns von Inszenierungen verführen lassen.

In einem Beispiel entlarvt er die Hysterie um das angeblich schweizerische Segel-Syndikat "Alinghi" als Lächerlichkeit auf höchster Ebene. So beschwor die Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey im Jahr 2003 den Sieg des "Anlinghi"-Teams über Neuseeland im America's Cup den Mythos einer Nation, die den Weg auch "auf dem weiten Meer" gefunden habe. Tatsache ist: Einziger Schweizer an Bord war der als Navigator fungierende Financier und Multimilliardär Ernesto Bertarelli. Ausser dem investierten Kapital und dem Sponsring durch die UBS hatte die Seglerleistung mit der Schweiz so gut wie nichts zu tun. Schmidt: "Sport ist Kapital, Business und eine einzigartige Werbefläche mit hohem Aufmersamkeitswert – etwas anderes zu sagen wäre Augenwischerei."

"Schmidt lässt uns erkennen, wie gern wir uns
von Inszenierungen verführen lassen."



Am Muster des Handelns von Staatsführern wie "Berlusconi, Sarkozy & Co" erkennt Schmidt die Tendenz, dass sich die Demokratie als politische Praxis "dem Ende entgegenneigt". Gemeint ist beispielsweise die immer schamlosere, bis zur Unkenntlichkeit gediehene Verflechtung von privaten Wirtschaftsinteressen und staatlicher (gemeinwohlorientierter) Regierungstätigkeit – ohne dass das Volk und seine parlamentarischen Vertreter sich in seiner Mehrheit dagegen auflehnten. Dass es so weit gekommen sei, sei auch die Mitschuld der Medien, die ihre Rolle und Kontrollfuntion als "Bannwald der Demokratie" längst eingebüsst hätten und zu einem "Mittel" (Schmidt) degrediert seien, "um die Menschen bei Laune zu halten und zu verhindern, dass sie merken, was in diesem Theater gespielt wird". Vielmehr habe die "massenmediale Öffentlichkeit" über Televoting, Einschaltquoten und TED-Umfragen begonnen, "den Staat zu ersetzen" und in die "virtuelle Demokratie" einzutreten.

In diesem Text breitet Aurel Schmidt Gedanken in einem enzyklopädieartigen Muster über Themenbereiche wie Fuzzy Logic ("das Denken zur Detonation zu bringen"), die Gefahr jeder religiösen Fundamentalismus, über die Kontrollgesellschaft ("die grösste Bedrohung des Menschen liegt heute in seiner totalen Überwachung"), die wachsene Bedeutung der Party-Girls ("Attrappen"), die Verbots-Gesellschaft oder die Notwendigkeit von Widerspruch und Widerstand aus. Er fasst in Worte, was sich schleichend verändert – und nach Meinung des Autors nicht vorwiegend zum Guten, aber zum Unvermeidlichen.

So sehr Schmidt in seinen Erkenntnissen aus der Brusttasche auch die von den Verhältnissen "profitierende Klasse" ins Visier nimmt ("eine neue Weltordnung mit lukrativen Märkten ist im Entstehen begriffen") und festhält, dass "auch die Menschen eines Tages als Leibeigene in Konzern-Eigentum übergehen", so wenig wird es gelingen, ihn als linken Mäckerer abzutun. Am Beispiel "Katastrophenlust" nimmt er die alarmisierenden "Schwarzseher, Pessimisten und Untergangspropheten" genauso ins Gebet wie die "Abwiegler". Am ehesten wird man Schmidt als einen scharfsinnigen Warner bezechnen können: Es soll später niemand behaupten können, es nicht gewusst zu haben.

Auf den 200 leicht lesbaren, aber dicht geschriebenen Seiten begegnen wir nicht nur den grossen Zeit- und Sinnfragen, die der Autor teilweise für obsolet hält, sondern auch dem scheinbar Banalen: "Wenn das Brotschneiden oder die richtige Bewegung der Beine beim Treppensteigen zu einer perfekten Leistung geführt hat, kann die Sinnfrage entsorgt werden", schreibt Schmidt.

Wer ihm beim Treppensteigen schon einmal gefolgt ist, weiss, welche Technik er anwendet: Der über Siebzigjährige nimmt zwei Stufen auf einen Tritt.

Aurel Schmidt: "Auch richtig ist falsch – ein Wörterbuch des Zeitgeistes", Verlag Huber, Frauenfeld, 2008. 200 Seiten, 34.90 Fanken.

Hinweis:
Am 19. Mai stellt Aurel Schmidt sein Buch im Gespräch mit Ludwig Hasler im Literaturhaus Basel vor.

14. April 2009


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
fileadmin/templates/pics/echo.gif

"Wahre Worte!"

Dass es so weit gekommen sei, sei auch die Mitschuld der Medien, die ihre Rolle und Kontrollfunktion als "Bannwald der Demokratie" längst eingebüsst hätten und zu einem "Mittel" (Schmidt) degradiert seien, "um die Menschen bei Laune zu halten und zu verhindern, dass sie merken, was in diesem Theater gespielt wird". Wahre Worte! Deren Vertiefung anlässlich der Buchpräsentation am 19. Mai zum Besuch anregt.


Patric C. Friedlin, Basel


www.onlinereports.ch - Das unabhängige News-Portal der Nordwestschweiz

© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigene Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

Auf dieser Website gibt es Links zu Websites Dritter. Sobald Sie diese anklicken, verlassen Sie unseren Einflussbereich. Für fremde Websites, zu welchen von dieser Website aus ein Link besteht, übernimmt OnlineReports keine inhaltliche oder rechtliche Verantwortung. Dasselbe gilt für Websites Dritter, die auf OnlineReports verlinken.

Theater Basel

"Medea" im Theater Basel
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"Abfallkübel statt Herz"

BaZ und BZ Basel
Titel über gleich lautendem
Artikel zum Juventus-Aus
vom 13. April 2018
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

BaZ-Autorenzeile: SDA. BZ-Autorenzeile: Stefan Wyss. Wer suggeriert mehr Eigenleistung?

Alles mit scharf

Wachsen und Widerstand

"Und übrigens ..."

Zeit für Stau und Lottogewinn
RückSpiegel


Die BZ Basel zog die OnlineReports-News über den Einbürgerungs-Streit der drei baselstädtischen Bürgergemeinden mit dem Kanton Basel-Stadt und den Gang ans Bundesgericht nach.

Die Schweiz am Sonntag schrieb eine OnlineReports-Nachricht über die rechtlichen Schritte der Wirtschaftskammer Baselland gegen die "Basler Zeitung" ab.

In ihrem Artikel über Markus Ritters Abgang aus dem Basler Präsidialdepartement bezog sich die Basler Zeitung auf OnlineReports.

20 Minuten, die BZ Basel, theworldnews.net, die Basler Zeitung, die Tageswoche, die Bauernzeitung und Telebasel nahmen die OnlineReports-Story über das gescheiterte Projekt von "Urban Farmers" in Basel auf.

Die BZ Basel, die Basler Zeitung und das Regionaljournal zogen die OnlineReports-Meldung über die Schliessung der Basler Buchhandlung "Narrenschiff" nach.

Die Basler Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht vom Tode des früheren BLKB-Bankrats-Präsidenten Werner Degen auf.

In ihrem Bericht über die "FDP Baselland auf seltsamen Wegen" (Schlagzeile) nimmt die Basler Zeitung zentral auf einen OnlineReports-Primeur über den neu auftauchenden Namen Daniel Recher Bezug.

Die Kommentar-Plattform Infosperber geht auf die Berichterstattung von OnlineReports zum Mord an Martin Wagner ein.

In ihrem Kommentar zu "Lukas Engelberger, der Pressezensor" nimmt die Basler Zeitung eine Metapher ("medienrechtliche Namesburka") von OnlineReports auf.

InsideParadeplatz.ch empfahl den Lesern die Lektüre des OnlineReports Porträts des getöteten Medienanwalts Martin Wagner.

Die OnlineReports-Erstnachricht über den gewaltsamen Tod des Basler Wirtschaftsanwalts Martin Wagner in Rünenberg haben unter anderen der Tages-Anzeiger, BZ Basel, Le Temps, Tageswoche, 20 Minuten, Watson, Telebasel, die Volksstimme, der Blick und nau.ch aufgenommen.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• An der 1. Mai-Feier in Liestal wird etwas Ständerats-Vorwahlkampf spürbar, indem die grüne Nationalrätin Maya Graf und SP-Nationalrat Eric Nussbaumer mit als Hauptredner auftreten.

• Die Grünen Baselland nominieren im Hinblick auf die Delegiertenversammlung vom 5. Mai in Olten Landrätin Florence Brenzikofer als Vizepräsidentin der Grünen Schweiz.

• Der Gemeinderat von Birsfelden hat auf einen Vorstoss von Désirée Jaun (SP)beschlossen, als erste Gemeinde in der Nordwestschweiz die Auszeichnung als "Fair Trade Town" anzustreben.

• In der Amtsperiode 2018-2022 bilden die Grünliberalen (GLP) im Einwohnerrat Riehen gemeinsam mit dem parteilosen David Moor eine Fraktion.

• Die Basler Badesaison beginnt im beheizten Sportbad St. Jakob (28. April), in den unbeheizten Becken des Gartenbads St. Jakob (12. Mai), im Gartenbad Eglisee (19. Mai) und im Gartenbad Bachgraben infolge Sanierungsarbeiten (2. Juni 2018).

• Die SP Muttenz hat an ihrer Generalversammlung Kathrin Schweizer einstimmig als Regierungsrats-Kandidatin der SP Baselland nominiert.

• Nach fast zwanzig Jahren Tätigkeit verlässt Moderatorin Tamara Wernli Telebasel, weil sie sich künftig aufs Schreiben konzentrieren will.

• Die Gemeinde Riehen ist laut der Einschätzung des Gemeinderates "weiterhin kein Hotspot für kriminelle Aktivitäten".

Heidi Mück und Tonja Zürcher bleiben laut Wahl durch die Mitglieder für weitere zwei Jahre Co-Präsidentinnen von "Basta".

• Der frühere Basler Grossrat und FDP-Nationalrat Urs Schweizer tritt per 15. Mai 2018 nach 15 Jahren als Präsident des ACS beider Basel zurück.

• Nach den Kontrollen an der vergangenen Basler Fasnacht bleiben Pferde von Chaisen und Vorreitern weiterhin erlaubt.

• Die 43-jährige Elisabeth Heer Dietrich wurde mit 82 von 84 Stimmen glanzvoll zur neuen Baselbieter Landschreiberin gewählt.

• Die Revitalisierung der unteren Wiese hat sich aufgrund der vielen Hochwasser um den Jahreswechsel so stark verzögert, dass das Basler Tiefbaumt sie nicht rechtzeitig vor der Fischschonzeit abschliessen konnte und bis Ende Mai pausieren muss.

• Die Rechnung 2017 des Kantons Basel-Stadt schliesst mit einem Überschuss von 251 Millionen Franken ab und liegt damit 108 Millionen Franken über dem Budget.

Matthias Hubeli, Leiter des Polizeistützpunkts Liestal und stellvertretender Leiter der Sicherheitsabteilung Ost, wird Geschäftsführer des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests 2022 in Pratteln.

• Der von der Wirtschaftskammer Baselland eingereichten Gesetzesinitiative "Für eine faire steuerliche Behandlung der Wohnkosten" (Wohnkosten-Initiative) stellt die Regierung einen Gegenvorschlag gegenüber.

Naomi Reichlin und Florian Sennhauser gehören neu dem Vorstand der FDP-Sektion Liestal an.

Melchior Buchs (FDP) ist neuer Gemeindepräsident von Reinach, indem er mit 2'544 Stimmen die CVP-Kandidatin Béatrix von Sury (CVP) mit 2'452 Stimmen knapp schlug.

• Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2022 findet laut Beschluss des Eidgenössischen Schwingerverbands definitiv in Pratteln statt.

• Die Universität Basel erhält fünf von 39 neuen Förderungsprofessuren, die der Schweizerische Nationalfonds (SNF) dieses Jahr vergeben hat.

• Der Frauenanteil in den Aufsichtsgremien von staatsnahen baselstädtischen Betrieben liegt per 1. Januar 2018 bei 40,9 Prozent und übertrifft somit die geforderten 33,3 Prozent deutlich.

• Da SP-Landrat Hannes Schweizer per 31. März als Präsident der Bau- und Planungskommission zurückritt, schlägt die SP-Fraktion als seinen Nachfolger den Frenkendörfer Urs Kaufmann vor.

• Die SP Pratteln-Augst-Giebenach lanciert eine Petition zur Erhaltung des Schalters der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB) in Pratteln.

BaselArea.swiss wird ab März im Mandat die Geschäftsführung des Switzerland Innovation Park Basel Area AG übernehmen.

Thomas Kessler, der frühere Basler Stadt- und Kantonsentwickler, wird Leiter eines von den AZ Medien für die "BZ Basel" ins Leben gerufenen Publizistischen Beirats.

• Nach Vandalenakten und einer Einbruchserie fordert die Riehener CVP von den Behörden "endlich die wirksame Umsetzung längst bekannter Forderungen" zur Erhöhung der Sicherheit.