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"Wie auf dem Seziertisch der Surrealisten": Dalí-Werk "Le Grand Masturbateur"

Das Unsichtbare zu zeigen ist unmöglich

Fondation Beyeler, Riehen: "Eros in der Kunst der Moderne"


Von Aurel Schmidt


Nach der ersten Ausstellung "Eros" mit den beiden Schwergewichten Auguste Rodin und Pablo Picasso vermittelt die zweite einen breiten Überblick über das Thema in der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Der Eindruck drängt sich auf, dass es die vielseitigste und weitgehendste, auch die überraschendste Ausstellung bei Beyeler seit langem ist.

Trotzdem fängt die Auseinandersetzung mit ihr mit einem Vorbehalt an. Wie soll man über den Eros oder das Erotische in der Kunst (was wahrscheinlich nicht das Gleiche ist) schreiben, wenn nicht genau definiert ist, was das Eine und was das Andere bedeutet? Wenn man davon ausgeht, dass Kunst das ist, dem man in Kunstmuseen und Institutionen wie der Fondation Beyeler begegnet (das würde manche Definitionsstreitfrage elegant umgehen), bleibt immer noch die Frage unbeantwortet, was Eros und allenfalls erotische Kunst eigentlich ist.

Die Ausstellung beginnt mit Akten von Bonnard, Degas, Manet und anderen Künstlern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, prachtvollen Beispielen, die sich hier wie auf dem Seziertisch der Surrealisten begegnen, aber der Akt, das heisst die Wiedergabe des nackten menschlichen Körpers, fällt nicht unbedingt unter den Begriff des Themas. Doch was dann?

"Im Erotikspiel ist der Körper
nicht anwesend."




Erotik ist körperlos. Das ist die Überlegung, von der ich ausgehe. Eher hat sie mit Stimmung und Spannung zu tun, aber ein Backsteinziegel kann das erotische Beben kaum auslösen. Der Körper ist und bleibt das zentrale Ereignis im verführerischen Spiel von Wirklichkeit und Reproduktion, von Bild, Abbild und Einbildung. Aber im Erotikspiel ist der Körper nie anwesend, er bezieht seine Faszination, seine Unruhe, seine Spannung im Gegenteil gerade aus seiner Abwesenheit. Im Zeitalter des Virtuellen und der Cyberrealität kann uns das nicht mehr ganz fremd sein.

Erotik hat, wenn überhaupt, mit einer ewigen Unzufriedenheit zu tun, mit einer Neugier, die verpufft (oder zum Verpuffen verurteilt ist, weil ihr nichts anderes übrig bleibt; weil sie keinen Halt findet; weil sie ins Leere greift beziehungsweise greifen muss, um ihre Virulenz zu entfalten), also mit einer nicht erfüllten und erfüllbaren Erwartung schlechthin.

Der Eros ist eine platonische Idee, die von der Andeutung, der Anspielung, der Flüchtigkeit, dem Zeichen lebt. Er appelliert mehr an die Psychologie und das Imaginäre als an die Biochemie. Das Verschleiern ist wichtiger als das Entschleiern oder, heideggerisch gesprochen, das Verbergen entscheidender als das Entbergen. Die Abwesenheit, die leere Stelle, der unerreichbare fremde Ort gibt den Ausschlag, nicht die Realpräsenz.

"Was sehe ich?
Um diese Frage dreht sich alles."




Man kann das an einem Beispiel in der Riehemer Ausstellung deutlich machen. In einem Saal hängen Fotografien von Robert Mapplethorpe, die in ihrer Deutlichkeit beziehungsweise Eindeutigkeit geradezu destruktiv, auf jeden Fall desillusionierend sind. Im gleichen Raum sind Aufnahmen des japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki zu sehen, bei denen man nicht weiss, was man überhaupt sieht. Die Phantasie wird aufgeschreckt und fängt an zu pumpen und pulsieren. Die Aufnahmen lösen eine Irritation aus, eine Erregung, eine Unruhe. Die Spannung steigt. Im Kopf, nicht im Unterleib. Das ist es, was Erotik und den Eros ausmacht. Was sehe ich? Um diese Frage dreht sich alles.

Das Sichtbare ist nicht erotisch. Sondern das Unsichtbare ist es, das, was hinter der Fassade der sichtbaren Welt anzutreffen wäre, wenn man dorthin sehen könnte. Kann man aber nicht. Daher die vielen Anläufe, die unerlässlich sind und unternommen werden müssen, um dahinter zu kommen, das heisst um zu verstehen, was Sache ist.

"Jedes Werk vermittelt
seine eigene Geschichte."




Hier liegt der Widerspruch, das Paradoxon des Themas. Kunst macht nach einem Diktum von Paul Klee sichtbar, aber im Bereich des Eros kommt es gerade auf das Unsichtbare an, auf das Vorgestellte, Eingebildete.

Offenbar haben die Kuratoren der Ausstellung Philippe Büttner und Ulf Küster dieses Problem erkannt. Eine (abschliessende) Antwort auf die Fragen, die die erotische Kunst aufwirft, gebe es nicht, meint Küster. Im besten Fall gibt jedes einzelne ausgestellte Werk in der Ausstellung eine eigene, auf den Einzelfall bezogene Antwort. Oder jedes Werk hat seine eigenen Voraussetzungen und vermittelt seine eigene Geschichte.

Philippe Büttner ist der Auffassung, es sei bei der Erarbeitung der Ausstellung darauf angekommen, Kunst "mit narrativem Gestus" zu zeigen, also Kunstgeschichte zu erzählen.

Alles zutreffend. Und wunderbar ausgeführt. Im Abschreiten der Ausstellung kommt man von Bonnard über Klimt weiter zu Cindy Sherman, Salvador Dalí, Pipilotti Rist und Rebecca Horn (Auswahl unvollständig) und kann den Wandel in den Auffassungen vom Körper und seinen Metamorphosen (heute eher seinen gemorphten Veränderungen) nachvollziehen. Aber Körper ist nicht Eros. Es geht um etwas anderes. Aber was genau?

Die Unmöglichkeit, eine Antwort zu geben, ist selbst schon ein Teil des gestellten Themas. Es gibt nur Fragen, und von diesen erst noch eine ganze Menge.

Fondation Beyeler, Riehen. Vom 8. Oktober bis 18. Februar 2007. Die Ausstellung "Rodin, Picasso" ist bis zum 15. Oktober verlängert. Sonderprogramm "Eros tanzt" in der Fondation Beyeler. Im Stadtkino Basel findet im November eine Filmreihe zum Thema Eros statt.

Weitere Auskünfte unter www.beyeler.com und www.stadtkinobasel.ch

5. Oktober 2006


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BZ Basel
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