© Foto Museum Oskar Reinhart, Winterthur
"Von historischem Interesse": Wolf-Werk Unterer Grindelwaldgletscher

Der erstaunte Blick bei der ersten Aussicht auf die Schweizer Alpenwelt

Begegnung mit dem Schweizer Maler Caspar Wolf im Kunstmuseum Basel


Von Aurel Schmidt


In einer seiner letzten grossen Ausstellungen vor dem bevorstehenden Umbau präsentiert das Kunstmuseum Basel den Schweizer Alpenmaler Caspar Wolf (1735-1783). Der Besuch der Ausstellung wird zum Erlebnis, wie es auch der Künstler gehabt haben dürfte, als er zum ersten Mal zum Malen in die Bergwelt kam.


Die Zeit, als Caspar Wolf sich in die Alpen begab, um zu malen, stellt nur einen Ausschnitt aus seinem Leben dar, aber den interessantesten. Nicht nur haben wir, an künstlerischen Massstäben gemessen, in Wolf einen der grössten Alpenmaler der Schweiz zu sehen (mit Calame und Hodler), sondern ebenso einen hervorragenden Dokumentaristen, der ein Bild der Schweizer Bergwelt zu einer bestimmten Zeit festgehalten hat. So sind, kann man sagen, die Alpen um 1775 wahrgenommen worden.

Wolf wurde 1735 im aargauischen Muri geboren; völlig verarmt und vergessen starb er 1783 in Heidelberg. Auf den Reisen in den Alpen, die er von 1774 bis 1779 unternahm, begleitete ihn der Berner Verleger Abraham Wagner. 1776 im Lauterbrunnental war der Berner Pfarrer und Naturforscher Jacob Samuel Wyttenbach mit von der Partie, der einen Bericht über die Reise verfasste, in dem er unter anderem beschrieb, wie die Reisegesellschaft unter Anteilnahme der örtlichen Bevölkerung die Höhe des Staubbachfalls vermass.

Die Alpen als Ort des Schreckens

Wagner hatte, angetan von den landschaftlichen Schönheiten, Wolf den Auftrag erteilt, eine grössere Anzahl Werke zu malen. Lange Zeit waren die Alpen ein abscheulicher Ort des Grauens und Schreckens gewesen, gewissermassen ein No-Go-Gebiet, das niemand grundlos aufsuchte. Seit der grossen Alpenreise des angehenden Berner Universalgelehrten Albrecht Haller im Jahr 1731 und der Veröffentlichung 1732 seines Lehrgedichts "Die Alpen", in dem er den Versuch unternahm, dem breiteren Publikum die Schönheit der Bergwelt nahezubringen, hatte diese Einstellungen angefangen, sich zu wandeln.

Es war etwas Besonderes, dass Wolf mit seinen Mal-Utensilien vor Ort zog und versuchte, ein naturgetreues Bild des Gesehenen wiederzugeben. Erst hundert Jahre später sollten die Pleinairisten, die Freilichtmaler, hinaus ins Freie ziehen und die Natur malen, was wegen der neuen, schnell trocknenden Farben möglich geworden war. Wolf dagegen musste noch unterwegs Ölskizzen der Naturszenen anfertigen, auf die gestützt er dann im Winter im Atelier die definitiven Werke ausführte. Um 200 Gemälde sind auf diese Weise entstanden.

Wagner stellte sie in Bern in seinem "Gemäldecabinett", das bis zum Sommer 1779 bestand, aus. Zugleich liess er von den Originalen Stiche anfertigen, die er in Mappen verkaufen wollte, vor allem als Erinnerungsstücke an Reisende, die zu dieser Zeit gerade begannen, die Schweiz als Reiseland zu entdecken.

Klettereien in unerschlossene Gegenden

Für die erste Folge (1776 datiert, aber 1777 erschienen) schrieb Wyttenbach die Begleitbroschüre "Merkwürdige Prospekte aus den Schweizer-Gebürgen und derselben Beschreibung". Haller, inzwischen zu einer europäischen Persönlichkeit aufgestiegen, steuerte ein wohlwollendes Vorwort bei. Mit dem ehrgeizigen Verlagsprojekt wollte Wagner sein Kunstunternehmen finanzieren.
Wolf liebte ausgefallene Naturformen wie Schluchten, Höhlen, kühne Felsenformationen und spektakuläre Bergansichten. Trotzdem war er stets um grösste Authentizität bemüht. Dafür nahm er, wie seine Werke bezeugen, oft anstrengende Klettereien in bis dahin unerschlossene Gegenden auf sich.

Gelegentlich scheinen seine Ansichten ihm etwas surrealistisch geraten zu sein, etwa die Eisnadeln auf dem Gemälde "Unterer Grindelwaldgletscher, Lütschine und Mettenberg" (1775, siehe Aufmacherbild). Aber nur eine überspitzte Erfindung des Malers waren sie auch nicht, sondern so oder so ähnlich werden sie damals zur Kenntnis genommen worden sein. Es muss sich dabei um "Colossalischen Schreckenssäulen" gehandelt haben, die Haller in seinem Beitrag erwähnt hat. Da sie längst weggeschmolzen und verschwunden sind, kann Wolfs Werk wie viele andere von ihm heute mit historischem Interesse betrachtet werden.

Vergleich mit aktuellen Fotografien

Aktuelle Fotografien der Örtlichkeiten, die Wolf aufgesucht hat, können in der Ausstellung im Kunstmuseum mit deren Wiedergabe in Wolfs Werken verglichen werden. Auch die unterwegs angefertigten Skizzen, die neben Zeichnungen und Grafiken in einer Parallel-Ausstellung des Kupferstichkabinetts gezeigt werden, vermitteln Einblicke in Wolfs Schaffen. Manchmal werden die Landschafen komprimiert, manchmal vereinfacht, ferne Berge rücken bedrohlich nah, aber andere als solche formale Freiheiten hat sich der Künstler kaum erlaubt.

Den Grindelwaldgletscher und die Quelle der Lütschine hat Wolf 1777 ein zweites Mal als Motiv aufgegriffen: nicht anders als 1775. Eine annähernde Genauigkeit wird er eingehalten haben müssen, da Wagner mit den grafischen Blättern Handel treiben wollte und sie einen gewissen Erinnerungswert für die Kunden aufweisen sollten. Es ist bekannt, dass Wolf im Jahr nach der Fertigstellung mit seinen Gemälden die Mal-Orte noch einmal aufsuchte, um die Abbildtreue zu prüfen. Auf einem der Werke kann man einen Bilderträger gut erkennen.

Das Spektakel der Alpenwelt

Aber in der Genauigkeit kann Wolfs Bedeutung nicht liegen. Die vielen Wasserfälle mit zerstäubenden Sprühregen und Gletscher, als sie sich noch ausdehnten, die in seinem Werk vorkommen, gehörten zum Inventar der Landschaft und zur neuen Aufmerksamkeit für sie. Der neue Blick vereinigte ästhetisches und allgemeines naturwissenschaftliches Interesse. Beides wird in Wolfs Werk befriedigt. Seine sachliche Malweise, die sich vom pompösen Stil der Zeit, etwa des französischen Künstlers Philippe-Jacques Loutherbourg, bei dem Wolf verkehrte, unterscheidet, schloss seine Begeisterung keineswegs aus.

Winzige Figuren in der Landschaft decken weniger Grössenverhältnisse zwischen Mensch und Natur auf, als dass sie die Landschaft als Bühne einsetzen, vor der die Menschen wie Zuschauer, auch mit aufgespanntem Regenschirm, wie in einem Theater sitzend wirken: Das Spektakel der Alpenwelt, für das viele Menschen einen langen Weg zurückgelegt hatten, kann beginnen. Und ein europäisches Ereignis waren die Alpen zwischen 1750 und 1800.

In verschiedenen Werken hat Wolf den Blickpunkt so angesetzt, dass im gleichen Moment der Blick in Schwindel erregende Abgründe gleitet und sich die Berggipfel in fast unerreichbare Höhen erheben. Es ist klar, dass der Betrachter, den Wolf ins Bild setzt, mit dem Betrachter übereinstimmt, der vor dem Bild Position bezogen hat.

Wie der böse Wolf im Märchen

Wolf folgt in seinem Schaffen damit dem ästhetischen Kanon der Zeit: der Erhabenheit. Der Begriff geht auf den englischen Philosophen Edmund Burke zurück (bei ihm "the sublime") und ist von Immanuel Kant und Friedrich Schiller weitergedacht worden.

Mit Erhabenheit ist ein Affekt der Furcht und Beklemmung gemeint, in den sich überraschend der Eindruck wohliger Lustgefühle einschleicht. Ja, die Berge überwältigen dich, aber nein, an diesem Eindruck ist nichts Negatives. Die freiwillige Unterwerfung unter das Schreckliche löst einen vibrierenden Reiz, einen heimlichen Kitzel aus, ungefähr wie der böse Wolf im Märchen. Möglich ist das, weil die sich widerstrebenden Gefühle von Anziehung und Abstossung nicht aufgelöst werden und einen Zustand inneren hin und her Gerissenseins zu Folge haben. Bei vielen von Wolfs Werken kann diese Beobachtung gemacht werden. Es ist etwas, das über das blosse Landschaftsthema hinausgeht.

Ausstellungsbesuch als Zeitreise

120 Werke umfasst die Ausstellung, die Bodo Brinkmann und Katharina Georgi eingerichtet haben. Sie ordnet sich in einen Kontext ein, der durch Ästhetik und Naturbeobachtung definiert wird. Auffallend sind die Bilddimensionen, die sich "im Rahmen halten", und der sich daraus ergebende fast intime Charakter des Themas, trotz des rahmensprengenden Motivs.

Die Ausstellung besuchen kommt einer Zeitreise gleich zurück in die Jahre um 1770, als die Menschen wie erstaunt etwas Neues entdeckten, die Landschaft, eine neue Welt, die sie ganz vorsichtig betraten.

Der heutige Besucher entdeckt notabene einen Künstler, der bis 1945, als ihn Willi Räber ins Bewusstsein der Öffentlichkeit holte, nahezu unbekannt war. Heute nicht mehr. Was für eine Bereicherung.

Kunstmuseum Basel: Caspar Wolf und die ästhetische Eroberung der Natur. Vernissage am 18. Oktober. Geöffnet vom 19. Oktober 2014 bis 1. Februar 2015. Katalog Fr. 45.--,
Gleichzeitig zeigt das Kupferstichkabinett eine kleine Auswahl Zeichnungen, Entwürfe und Grafik von Caspar Wolf.

17. Oktober 2014


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