Von der Liebe, die Leben einhaucht

Hansjörg Schneiders Urtexte "Leköb und Distra" erscheinen nach vierzig Jahren neu


Von Anna Wegelin


Vierzig Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung erscheinen die beiden Urtexte "Leköb und Distra" des bekannten Schriftstellers und Dramatikers Hansjörg Schneider neu. Es sind ungestüme Bekenntnisse eines Lebensmüden und eine Liebeserklärung an die Frau.


"Man nennt mich Leköb. Ich bin 29 Jahre auf der Welt. Meine Freunde halten mich für ein lustiges, eigenartiges, gescheites Haus, dem das Leben nichts anhaben kann. Ich glaubte das lange selber. Als ich aber kürzlich meine Hände ansah, die nervigen, schön gegliederten, nicht zu plumpen und nicht zu feinen Knochenhände meines Vaters, graute mir."

So beginnt Hansjörg Schneiders Doppel-Text "Leköb und Distra", neu herausgegeben in Ammans Kleiner Bibliothek. Im Nachwort verrät der Schriftsteller aus Basel, dessen Dramen und Hunkeler-Krimis sich grosser Beliebtheit erfreuen, die Entstehung der beiden ursprünglich separaten Erzählungen, die er als "meine beiden Urtexte" bezeichnet.

Erdrutschartige Urtexte

"Leköb" und "Distra", laut dem Autor seine ersten beiden längeren Geschichten, entstanden in den sechziger Jahren. Seine damalige Freundin und spätere Frau Astrid vervielfältigte sie je fünfzig Mal, versah sie mit einem gedruckten Deckblatt und gab sie heraus, "Leköb" 1967 und "Distra" 1968. Schneider war damals dreissig Jahre alt und hatte 1966 in Basel zu Jakob van Hoddis doktoriert, ein Dichter des literarischen Expressionismus in Deutschland, der 1942 von den Nazis ermordet wurde.

Leköb, erklärt Schneider, ist die Umkehrung seines Übernamens ("Bökel"), den er, frei nach Wilhelm Busch, schon früh in seinem Heimatort Zofingen verpasst bekommen habe. Distra ist Astrid. "Bei beiden Texte sind wie kurze, heftige Erdrutsche über mich gekommen", so der Autor. "Erdrutschartig" habe er drauflosgeschrieben.

Jetzt ist Hansjörg Schneider 71 Jahre alt, Vater zweier erwachsener Kinder und seit 1997 verwitwet - in seinem "Nachtbuch für Astrid" von 2000 verarbeitet er den Krebstod seiner Frau. Seine beiden "Urtexte" "Leköb", "eine Lebensgeschichte", wie es im Untertitel heisst, und "Distra", "eine Liebesgeschichte", gefallen ihm auch heute, schreibt er. Doch staune er über seine damalige "Emphase".

Vaters Knochenhände

Leköb ist auf der Flucht: vor sich selbst und vor seinem Vater, dessen "Knochenhände" er geerbt hat. Leköb will sterben - und sehnt sich doch nach dem Leben. Er gibt sich auf, dennoch rebelliert es in ihm. Wir erfahren: "Als ich achtzehn war, starb meine traurige Mutter." Leköb geht damals in die Kantonsschule. "Ich vergoss keine Träne. Aber ich war vom Tod gezeichnet. (...) Er war das unweigerliche Ende, das bald bevorstand." Leköb schottet sich ab, hegt Suizidgedanken. Sein Vater, Gevatter Tod holt ihn ein: "Mit bitterer Erwartung besah ich mein Gesicht im Spiegel, suchte und fand Spuren seiner Züge. Bei jeder Berührung mit ihm durchlief mich Todesschauer."

Leköb, der vermeintlich "räudige Kerl", beginnt zu saufen, weint sich im Schoss seiner Mädchen aus, flieht nach Paris: "Diese schöne Stadt fing den Stoss, der mich erschüttert hatte, auf." Auf einer Bank unter Platanen bricht er plötzlich schluchzend zusammen. Er lässt sich gehen, vernachlässigt seinen Körper. Doch ein "Kern" in ihm drin rettet ihn vor dem "Verderben", hält sein Feuer am Brennen, lässt ihn das Leben spüren und seine Herkunft vorübergehend vergessen.

Merkwürdige Sanftheit

Da trifft er, "kurz vor dem Absterben", Distra. "Sie kam vor sieben Jahren die Bahnhoftreppe herauf". Eine "merkwürdige Sanftheit, eine Geborgenheit" durchströmt ihn, dessen Einsamkeit begann, als er von der Brust seiner Mutter entwöhnt wurde (an anderer Stelle schreibt er, "ich hungerte seit meinem ersten Lebenstag"): "Wir gaben uns die Hände. Meine Finger umtasteten eine kleine, allerliebste Hand, die sogleich von mir Besitz ergriff, indem sie sich völlig in meine Gewalt begab. So machte es die Distra, und ich denke, das ist Frauenart."

Zwar bleibt sein "alter Schmerz", und die Vergangenheit "stösst" zuweilen auf. Doch Distras Liebe gibt Leköb seine "Einzigartigkeit" zurück. Er ist auferstanden, wieder unter den Lebendigen.

Hansjörg Schneider: "Leköb und Distra". Eine Lebens- und eine Liebesgeschichte. Mit einem Nachwort des Autors. Ammans Kleine Bibliothek, Zürich. 71 Seiten, 21.90 Franken

2. Oktober 2009


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