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Treibt den Mythos ins Metall: Instrumenten-Hersteller Tommy Inderbinen

In Buchs AG suchen Weltstars ihre Seele

Der Aargauer Jazz-Saxophonist Tommy Inderbinen baut Trompeten für die Weltspitze - Porträt eines ungewöhnlichen Handwerkers


Von Peter Knechtli


Der 35jährige Aargauer Saxophonist Tommy Inderbinen geht mit dem Posaunisten Glenn Ferris und dem Flügelhornisten Franco Ambrosetti auf Schweizer Tournee. Im Hauptberuf baut Inderbinen Trompeten für Weltstars aus Jazz und Klassik.


Draussen an der Aarauerstrasse fährt der Regionalbus nach Küttigen zur Haltestelle. Und drinnen, hinter der Schaufensterscheibe des Ateliers von Thomas Inderbinen, spielt live Roy Hargroves Quintett. Der amerikanische Top-Star unter den jungen Jazztrompetern, der sonst durch die grossen Konzertsäle der Welt tourt, fetzt fast zwei Stunden lang für 50 geladene Zuhörer - viele unter ihnen Amateurtrompeter aus der Schweiz. Der Eintritt ist frei.

Die bizarre Szene kommt nicht von ungefähr: Für ihr Instrument, alter ego und kostbarstes Kapital, gehen die führende Musiker meilenweit. Wenn's sein muss, bis nach Buchs bei Aarau. Der Mann, der dort sein Atelier betreibt, hat sich in den vergangenen sieben Jahren unter den Spitzenbläsern der Welt einen Namen gemacht. Bei ihm kaufen sie nicht nur ein, bei ihm geben sie ihre Hörner auch zur Reparatur.

Er begann mit Frisieren

Was er heute als exklusiven Nischenbetrieb leitet, begann er nach seiner Lehre als Instrumentenreparateur bei Robert Bossard in Hausen/Brugg als Ein-Mann-Werkstatt: Musiklehrern und Profimusikern aus der Region Aarau flickte er Blasinstrumente. "Bald schon fing ich an, gute Standard-Markeninstrumente zu frisieren." Thomas Inderbinen montierte neue Schallbecher in die Trompeten, schliff an Ventilen und Maschinen, pröbelte an den Mundrohren.

Das Experimentieren führte in die Sackgasse. "Am Schluss war nicht nur die Einheit des Instruments, sondern auch seine Seele auseinandergerissen", erinnert sich Thomas Inderbinen an die Zeit vor 1989. Da kam der Gedanke auf, ein Instrument von A bis Z selbst zu bauen. "Ich schaute auf Betriebsbesichtigungen, wie es die internationalen Hersteller in Paris und London machen. Und dann habe ich es einfach probiert."

Jährlich 30 Trompeten und Flügelhörner

Handwerklich kam er sehr schnell sehr weit. Heute baut das sechsköpfige Team, darunter drei Instrumentenbauer und -reparateure sowie ein Lehrling, in Handarbeit jährlich etwa 30 Trompeten und Flügelhörner. "Inderbinen Swiss Made", das auf dem Stimmzug diskret eingeprägte Label, gilt unter Top-Bläsern mittlerweile als Qualitätssiegel: Auch Grössen wie der Amerikaner Randy Brecker, der Brasilianer Claudio Roditi, der Schweizer Franco Ambrosetti oder der holländische Klassik-Solist Christer Nilsson spielen Inderbinen-Instrumente. Andere Mega-Stars wie Wynton Marsalis, Arturo Sandoval oder Jon Faddis halfen dem Buchser Feinhandwerker die Prototypen zu testen.

Bei der Akquisition der grossen Namen kam Inderbinen zugute, dass ihm als früherem Profi-Saxophonisten die Hintereingänge der Konzerthallen und Jazzlokale im In- und Ausland vertraut waren. "Ich ging mit meinem Prototypen einfach hinter die Bühne zum Sound-Check und sagte den Musikern, sie sollen meine Instrumente probehalber einmal spielen." Roy Hargrove beispielsweise war vom Test-Horn auf Anhieb so begeistert, dass er es gleich zum Konzertauftritt in Zürich nutzte.

Der Erfolg bleibt Geheimnis

Wird Thomas Inderbinen nach dem Geheimnis seines Erfolgs gefragt, spricht er andeutungsweise von einer "totalen Verdichtung des Materials an ganz bestimmten Orten". Während die grossen Massenproduzenten die Messingstruktur "auseinanderreissen", so schildert der Kreateur, "machen wir genau das Gegenteil". Das Wo und das Wie, ist der Konstrukteur aber überzeugt, "findet niemand heraus".

Wenn Thomas Inderbinen pro Instrument allein während 2,5 Arbeitstagen das Schallstück hämmert, dann hat das seinen Preis: Zwischen 4'700 und 7'400 Franken kosten seine handwerklichen Meisterstücke.
Ebenso wichtig wie die materiellen Finessen sei jedoch die Erkenntnis, "wie man zum Endziel kommt", sagt Inderbinen, was an seiner Arbeit nicht in Worte zu fassen ist. Gemeint ist die volle Unterstützung der Voll-Profis in der Materialschlacht um höhere, lautere und wärmere Töne, aber auch um technische Finessen und Schikanen, die den Ausdruck des Interpreten optimal übertragen helfen. Für Franco Ambrosettis Ansprüche ans Spielgefühl feilte Inderbinen mehr als eineinhalb Jahre am Flügelhorn. Als Randy Brecker den Prototypen einer Trompete mit aufgeschmolzenem Silber blies, war er "total Flamme". Drei Exemplare dieses Typs wurden soeben fertiggestellt: eines für Hargrove, eines für einen Schweizer Trompeter und eine für einen japanischen Grossisten und Musiker.

"Ich habe etwas in mir, was andere nicht haben"

In der Fähigkeit, die Solisten auf ihrer "Suche nach der Seele im Instrument" (Inderbinen) zu begleiten und ihre Wünsche nach optimalstem Ausdruck und höchstem Komfort am Messing umzusetzen, liegt wohl der tiefere Grund für den Erfolg des Kleinbetriebs. "Ich merke, dass in mir etwas steckt, das andere nicht so spüren. Ich fühle mich insofern schon ein bisschen als Star", verrät Inderbinen mit seiner hellen Stimme ganz ohne Anflug von Überheblichkeit. "Es besteht dabei aber auch die Gefahr, dass man richtiggehend aufgezehrt wird."

Diese Gefahr ist nicht gebannt. Weil die grossen Bläser arglos über ihre Bezugsquelle reden, ist Boom angesagt: "In den nächsten drei bis fünf Jahren werden wir sehr ausgelastet sein oder gar überrumpelt werden mit Bestellungen aus der ganzen Welt", glaubt Inderbinen, der schon das Angebot ausschlug, seine Fertigkeit in den Fernen Osten zu verkaufen. Er sei "viel zu sehr Handwerker", als dass er seine Mass-Arbeit zur Massenarbeit verkommen liesse. Eine Verdoppelung der heutigen Produktion auf 40 bis 50 Instrumente pro Jahr sei "noch machbar". Lieferfristen zwischen drei und sechs Monaten sind schon heute üblich.

Saxophon-Eigenbau geplant

Reich, beteuert Thomas Inderbinen, sei er mit seiner Arbeit nicht geworden, "aber es geht mir gut". Auch Starallüren sind ihm fremd. Zwar führen er und seine Frau das Geschäft und der Bau der Prototypen ist Chef-Sache. "Aber wir sind wie eine gute Sportsmannschaft. Alle sind gleichgestellt, Unstimmigkeiten kennen wir nicht."

Die solide Basis seines Kleinbetriebs, die den Eigenbau erst ermöglicht, sind noch immer der Verkauf von Blasmusikinstrumenten aller Art für Schulanfänger wie Berufsmusiker und ganze Musikvereine, aber auch der professionelle Reparturservice, von der Blockflöte bis zur Posaune.

Doch der Hafer sticht. Nächstes Jahr will Thomas Inderbinen ein handgemachtes Tenorsaxophon anbieten, an dem er schon seit drei Jahren pröbelt. Hier kann er seine Erfahrung als früherer Berufssaxophonist besonders zur Geltung bringen. Soviel weiss Inderbinen schon heute: "Bezüglich Material, Verarbeitung und Sound wollen wir eine Weltneuheit kreieren." Ein Teil des Instruments wird in der internationalen Szene schon gebraucht: Der sogenannte S-Bogen, beschreibt er den kraftvollen Effekt der ersten Biegung nach dem Mundstück, "geht wahnsinnig ab".

Mit eigenem Quartett auf Tournee


Seine weltweiten Beziehungen zu Top-Musikern nutzt der Aargauer Messing-Zauberer auch für sein Hobby: In der zweiten Januar-Hälfte geht er mit Franco Ambrosetti, dem amerikanischen Star-Trombonisten Glenn Ferris (Frank Zappa, Michel Petrucciani, World Trombone Quartet) und seinem eigenen Quartett auf Schweizer Tournee.

Mittlerweile ist Roy Hargroves Privatkonzert für 50 potentielle Kunden beendet. Pepe Lienhard, auf Schweizer Tournee, holt noch schnell sein Saxophon aus der Reparatur und draussen verlässt ein weiterer Regionalbus nach Küttigen die Haltestelle.

8. Januar 1997

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