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"Seltsame Verbundenheit": Fotograf Scheidegger packt erstmals eine Digitalkamera

Das Auge, das Alberto Giacometti ins Bild rückte

Der Künstler Alberto Giacometti war dem Fotografen Ernst Scheidegger ein liebes Modell, wie jetzt auch Ausstellungen in Zürich zeigen


Von Ruedi Suter


Mit Bildern von besonderer Eindringlichkeit hat der Schweizer Fotograf Ernst Scheidegger den Weltkünstler Alberto Giacometti und sein Werk verewigt. Es sind Dokumente einer Freundschaft, in der selbst die grosse Künstlerfamilie aus dem Bergell ihren Platz findet. Augenblicke einer Männerfreundschaft, deren Spuren auf jeder 100 Franken-Note zu sehen sind.


Die meisten sehen ihn, ohne ihn wahrzunehmen. Und viele berühren ihn, ohne es zu merken: Seine Figur, sein ebenmässiges Antlitz, dessen Augen und Furchen sein feinfühliges Wesen verraten. Nur wenn sie ihn aus der Hand geben, spüren sie etwas – den Verlust eines Wertes. Tschient Francs, wie es in seiner Bündner Heimat heisst.

Das Gesicht auf der blauen Hunderternote der Schweizerischen Nationalbank gehört einem der bedeutendsten und eindrücklichsten Künstler der Moderne: Alberto Giacometti (1901-1966), im Bergell geboren, im Bergell begraben.

Jene, die den Maler und Plastiker persönlich kannten und noch leben, sie sind selten geworden. Bruno, der berühmte Architekt und jüngste Bruder, kann mit seinen 104 Jahren niemand mehr empfangen. Schade, denn Alberto Giacomettis Sein und Schaffen ist ohne die Impulse seiner Familie nicht zu deuten. Aus der nahen Verwandtschaft lebt sonst keine Person mehr. Zum Glück aber gibt es noch jemand, der den Künstler als engen Freund begleitete: Ernst Scheidegger (88), längst pensioniert, aber noch voll im Berufsleben.

Robert Capa sprang ein und starb

Er und seine Boxerhündin Jentel empfangen Gäste in der von Licht durchfluteten Wohnung im Zentrum Zürichs in der Nähe des Kunstmuseums, wo eben eine Giacometti-Ausstellung zu sehen ist. An einer Wand der Wohnung das Gemälde eines aufmerksam blickenden Mannes, signiert mit "Alberto Giacometti, 1959". Es zeigt Ernst Scheidegger, im Alter von 36 Jahren. Ein halbes Jahrhundert später wirken seine Augen schalkhafter, milder, aber nicht minder wach.

Der Blick fürs Besondere hat Scheidegger zu einem der bekanntesten Fotojournalisten der Schweiz gemacht. Er arbeitete mit Fotografen wie Werner Bischof – "das war mein engster Freund" – und Robert Capa für die Fotoagentur Magnum. Und er war lange Jahre Bildredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung, war aber auch Galerist, Verleger, Filmer. Ein Vielbegabter also, dieser Mann aus Lützelflüh, "von dort, wo auch Gotthelf herkommt", wie er präzisiert.

Der Emmentaler, der einst die Kunstgewerbeschule besuchte, reiste als Magnum-Fotograf auf der ganzen Welt herum. 1954 hätte er für "Life" im ersten Indochina-Krieg Bilder schiessen sollen, doch er war bereits beim sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow für einen Fototermin angemeldet. Robert Capa sprang für ihn ein – trat auf eine Mine und starb. "Ich hatte darauf immer ein schlechtes Gewissen, weil Robert nie mehr in einen Krieg wollte. Doch 'Life' war für Magnum ein wichtiges Magazin", sagte Scheidegger zu OnlineReports.

Ein Treffen zweier Gleichgesinnter

Sein ganzes Leben habe aus Zufällen bestanden, und so habe er auch viele Künstler fotografiert. Es sind klingende Namen: Juan Miro, Fernand Léger, Hans Arp, Max Bill, Le Corbusier, Salvador Dali, Pablo Picasso ("Der war zu brutal mit seinem Boxer, darum mochte ich ihn nicht"), Varlin, Hans Erni oder der Bildhauer Robert Müller. Und natürlich Alberto Giacometti.

Die Geschichte dieser Freundschaft begann 1943, als der junge Soldat Scheidegger in Maloja stationiert war. In der Freizeit zeichnete er seine Umgebung. Eine seltsame Sache, befand ein Ortskundiger mit dem schnippischen Hinweis, in der Nachbarschaft lebe "auch so ein Spinner, der malt". Der Soldat, kunstinteressiert wie er stets war, besuchte darauf diesen Maler – es war Alberto Giacometti im nahen Sommeratelier der Familie. Die beiden verstanden sich schnell, und sie sprachen über Kunst. Doch nicht nur. Scheidegger: "Wir haben bald politisiert und merkten rasch, dass wir beide Linke waren." Es war der Beginn einer Freundschaft, die 23 Jahre später mit der Totenwache Ernsts an Albertos Sarg in dessen Atelier im Bergell ihr physisches Ende fand.

Das Gesicht auf dem Geldschein

Wie kein anderer begleitete Scheidegger den Künstler. Er fotografierte ihn in seinen Werkstätten in Stampa, in Paris und hielt dessen Arbeiten mit Tausenden von Fotos, internationalen Ausstellungen, in zehn Büchern und mit Filmen fest. Selbst das Gesicht auf dem Hundertfrankenschein, 1952 fotografiert, ist sein Werk. Ernst hat früh schon Freund Alberto mit seinen Fotos und Texten zu einer Art Unvergänglichkeit verholfen. Doch davon will Scheidegger nichts hören. Auch die Bescheidenheit verband den Künstler und seinen Fotografen.

So hat der zu Ruhm und Ehren gelangte Alberto nie den – oft ausgeblendeten – Einfluss seiner Familie verleugnet. Er war dem Schicksal dankbar, in eine Sippe hineingeboren worden zu sein, die sich in Europa mit grossartigen Konditoren und Künstlern längst schon einen Namen gemacht hatte. Gerade auch die Künstlerfamilie Giacometti aus dem winzigen, an der Maloja-Passstrasse zwischen steilen Bergen ruhenden Stampa bildete eine einzigartige Gemeinschaft aus bodenständig-weltgewandten und kreativen Menschen. Ihrem ausgeprägten Gemeinsinn, erfuhr Fotograf Scheidegger, blieb das berühmteste Mitglied zeitlebens treu.

Familie mit Künstler-Gen

Dies wohl auch deshalb, weil der kleine Alberto eine glückliche Kindheit verbrachte und in seinem Vater Giovanni sehr früh einen hoch talentierten, wunderbar kollegialen Förderer fand. Denn Giovanni Giacometti (1868– 1933) war selbst ein berühmter Maler, den seine weltoffenen Eltern förderten und zur Ausbildung nach München fahren liessen, wo er sich mit dem Solothurner Maler Cuno Amiet, dem späteren Paten Albertos, befreundete.

Sein zunächst wichtigster Lehrmeister war der Bündner Giovanni Segantini, den er 1894 in Maloja kennen lernte. Giacometti arbeitete auch in Paris und heiratete die in sich ruhende Annetta (1871-1964). Sie gebar Alberto, Diego (1902-1985), Ottilia (1904-1937) und Bruno (1907). Zuerst arm und erfolglos, gelang es Giovanni Giacometti schliesslich, zusammen mit Amiet und Ferdinand Hodler zum erfolgreichen Wegbereiter eines neuen Malstils mit viel Licht und starken Farben zu werden.

Zwar hat Fotograf Ernst Scheidegger Vater Giovanni Giacometti nicht mehr kennen gelernt, dessen nachwirkender Einfluss auf Alberto aber sehr wohl: "Giovanni hatte ihn enorm unterstützt." Im elterlichen Haus und der zum Atelier umgebauten Scheune in Stampa atmeten Alberto und seine Geschwister dank Papa und seinen Künstlerfreunden die Luft der modernen Kunst. Stilrichtungen wie Symbolismus, Jugendstil und Kubismus, das Schaffen von Cézanne, van Gogh, Gauguin und Rodin beschäftigte die Berglerfamilie ebenso wie die Werke grosser Schweizer Künstler - worunter auch Giovannis Cousin Augusto Giacometti (1877-1947), der als visionärer Maler und herausragender Kolorist auffiel.

Frauen, Freiheit und Ehrlichkeit

Zum Erfolg Alberto Giacomettis trugen nicht zuletzt auch die Frauen bei. Mutter Annetta und später Gattin Annette waren ihm als geduldige Modelle und treue Helferinnen im Hintergrund eine unersetzbare Stütze. Ebenso Bruder Diego, ohne dessen enge Mitarbeit und fachliche Assistenz es nach Einschätzung Scheideggers "drei viertel der Arbeiten gar nicht mehr gäbe". Diego, auch er ein begnadeter Künstler, entwarf zahlreiche Skulpturen, Objekte und Möbel, und er sass – so erinnert sich Ernst Scheidegger – seinem Bruder immer wieder Modell.

Was aber genau hat Scheidegger, der Kunstfreund und Bildjäger, mit Alberto so verbunden? "Das ist schwer zu sagen", gibt der Fotograf zur Antwort. "Mich überzeugte sein Freiheitswille, seine Bescheidenheit und Ehrlichkeit. Ich war begeistert von seiner Arbeit, wir hatten beide sozialistische Ansichten und kamen uns auch über vielen Gesprächen näher. Alberto war mir ein Freund. Der gegenseitige Respekt wich mit der Zeit einem tiefen Verständnis füreinander."

Das Privileg, den Meister zu fotografieren

Und wie liess sich Alberto, der Bergler, von ihm, dem Emmentaler, fotografieren? Ernst Scheidegger: "Er war mir gegenüber völlig offen. Ich hatte jederzeit Zutritt zu seinem Atelier in Paris oder Stampa. Da konnte ich ihn aufnehmen, selbst wenn er mit Modellen arbeitete. Beim Fotografieren konnte ich immer mit ihm reden, ausser wenn er Porträts machte." Ihn während der Arbeit zu beobachten, habe er nur ganz wenigen befreundeten Fotografen erlaubt – Henri Cartier-Bresson zum Beispiel.

"Als ich ihm selbst einmal Modell sass, befragten mich seine Augen intensiv. Sie forderten von mir die gleiche Intensität - so, als ob ich aktiv an der Arbeit Teil hätte. Dabei entstand eine seltsame Verbundenheit."

Auf Albertos Anregung hin habe er, Scheidegger, auch dessen Plastiken fotografiert. "In Paris arbeitete er oft in der Nacht. Erschien ich morgens zu früh, brannte das Licht, und er lag noch im Wohnzimmer im Bett. Dieses einfache Zimmer, in dem er bis zu seinem Tode wohnte, hatte weder Bad noch Toilette", erinnert sich der Fotograf schmunzelnd.

Das Scheitern als Grundlage des Erfolgs

Letzte Frage: Wie arbeitete Alberto? Scheidegger antwortet auf eine Art, die nur dem genauen Beobachter eigen ist: "Alberto sass jeweils da, inmitten seiner Figuren, an der Staffelei mit seinen Pinseln. Die Palette mit den Ölfarben und Zigaretten lagen auf einem einfachen Stuhl neben ihm. Ähnlich ging er bei den Plastiken vor. Er rauchte pausenlos und hatte feingliederige, schöne Hände, denen man stundenlang folgen konnte, wie sie an einer Figur auf und abglitten. Oder wie sie einen Kopf formten, wieder zerkneteten, um ihn wieder neu zu formen. Ich erlebte, wie das Zerstören des Erreichten die Vorbedingung für ein Weiterkommen sein kann. Alberto sagte mir: 'Je mehr man scheitert, desto mehr erreicht man.'"

Der Künstler galt aber immer auch als sehr soziale Persönlichkeit.
"Alberto Giacometti begriff sich immer als Zentrum eines familiären und künstlerischen Beziehungsgeflechts von Personen, die ihn umgeben haben und auf die er sehr angewiesen war", bestätigt Ulf Küster die Beobachtungen Ernst Scheideggers. Der Kurator an der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel organisierte für 2009 die Ausstellung "Giacometti". Sie thematisierte erstmals explizit den familiären Kosmos, der für dem Individualisten und Familienmenschen Alberto Antrieb und Rückhalt zugleich war.

"Alles geschieht gleichzeitig"

Zuvor kontaktierte Küster auch Ernst Scheidegger und sicherte sich die Zustimmung von Nachlassverwalter Bruno Giacometti. Nicht ohne den unterdessen verstorbenen Kunstsammler und Museumsgründer Ernst Beyeler, dem die Ausstellung in der Fondation eine Herzenssache war. Hatte der Basler nicht schon früh das ausserordentliche Talent Albertos erkannt und in den sechziger Jahren mit erheblichem Risiko eine vom Auseinanderreissen bedrohte Werkgruppe des Künstlers für die Schweiz sichergestellt? Mit dieser Ausstellung schloss sich in Basel ein Kreis, der wohl auch Alberto Giacometti gefreut hätte.

Denn für ihn, den Bergeller Visionär, waren Raum und Zeit das Selbe. Eine Einheit. "Alle Ereignisse um ihn herum geschahen gleichzeitig", erinnert Ulf Küster und verweist auf eine millionenfach abgedruckte Grafik des Künstlers – zu sehen auf der Rückseite der Note mit dem berühmten Porträt. Ein Geldschein, den Ernst Scheidegger stets behutsam anfasst. Nicht des Wertes, aber der Freundschaft und der Erinnerungen wegen.

Ausstellung Phototypien von Ernst Scheidegger: Galerie Am Hirschengraben (3), Zürich. Bis 6. April 2011


Ausstellung Kunsthaus Zürich: Alberto Giacometti - Sehen im Werk, bis 22. Mai 2011

16. März 2011

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BZ Basel
Kolumne
vom 23. Mai 2018
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Oh, das tut weh. Augenarzt und Mediator daher! Schreibgerangel.

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