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"Schlaf raubendes Gerassel": Erfinder Arthur Wyss, Schnarchspange

Der Dompteur des Schnarchens im Einsatz gegen "Nachtruhestörer"

Der Berner Tüftler Arthur Wyss hat einen wirksamen Spezialdraht gegen die Schlafapnoe entwickelt


Von Matthias Brunner


Wer im Schlaf zu laut und zu lange schnarcht, riskiert nicht nur Bettpartner und Gesundheit, sondern womöglich auch sein Leben. Der Berner Arthur Wyss, selbst Opfer seines nächtlichen Getöses, sagte der Schnarcherei mit geballtem Erfindergeist den Kampf an – mit einem simplen Drahtgebilde, das zu flatterfreudige Gaumensegel bändigt.


Alle kennen das Schlaf raubende Gerassel, alle fürchten sich davor. Frauen wie Männer. Und jene, die schon einmal Militärdienst leisten mussten, erlebten es gar als vielstimmigen Krach machenden "Ernstfall": Kaum ist das Licht gelöscht, um langsam in die Traumwelt zu entschlummern, wird man aus dieser durch das mit brachialer Lautstärke einsetzende Schnarchkonzert des Bettnachbarn abrupt herausgerissen.

Die "Melodie" aus dem Rachen widerspricht jeder Gesetzmässigkeit von Harmonie und kann Spitzenwerte von maximal 100 Dezibel erreichen. Das ist fast so laut wie eine Motorkettensäge, wie sie häufig in der Forstwirtschaft eingesetzt wird – und so tönt es oft auch.

Bis zu Mordgelüsten

Selbst ansonsten äussert liebevolle Ehefrauen können sich da schon in purer Verzweiflung und vom Schlafmangel geplagt bei Mordgelüsten ertappen. Richtig gefährlich wird es für die nächtlichen Baumsäger aber erst, wenn Atemaussetzer dazukommen: Plötzlich wird es während mehrerer Sekunden still, bis die Atmung wieder einsetzt und die Schnarcherei erneut losgeht.

In der Medizin wird diese Plage als funktionale Körperstörung und Schlafapnoe bezeichnet. Noch ein harmloseres Symptom für die Betroffenen ist es, morgens unausgeschlafen zu erwachen. Entsprechend fühlen sie sich tagsüber: Gerädert, müde, erschöpft. Oft plagen sie auch Kopfschmerzen. Im schlimmsten Fall kommt es zum Herzstillstand – als Folge des Sauerstoffunterbruchs.

Atemmaske schützt vor dem Erstickungstod

Wenn derart gravierende Konsequenzen durch das Schnarchen drohen, bekommt der Patient vom Arzt in der Regel ein sogenanntes CPAP-Gerät zur Therapie verschrieben. Dabei muss der Patient eine Atemmaske tragen. Nun wird er beim Schlafen durch einem leichten Überdruck regelmässig mit Sauerstoff versorgt.

Von ungewolltem Schnarchen heimgesucht wurde auch Arthur Wyss. Schon sein Vater litt an einer schweren Schlafapnoe. Wyss erinnert sich: "Als jüngstes Kind einer zehnköpfigen Familie aus dem Emmental schlief ich im Elternzimmer. Nie vergesse ich die langen Atempausen meines sehr laut schnarchenden Vaters."

Manchmal habe er bis auf 110 zählen können, bis sein Vater wieder zu atmen begann. Heute ist Wyss überzeugt, dass er von ihm die Schlafapnoe geerbt hat. Auf jeden Fall litt auch er mit 38 Jahren an diesem bedrohlichen Symptom, wie nach Messungen im Schlaflabor rasch diagnostiziert werden konnte. Als er das CPAP-Gerät bekam, hörten die Beschwerden rasch auf: Er konnte wieder ruhig schlafen und atmen.

Trotzdem war der eigenwillige "Bärner Gring" nicht zufrieden. Denn Wyss ist in seinem ganzen Wesen ein äusserst unabhängiger Mensch und stets neugierig darauf, die ganze Welt zu entdecken und neue Erfahrungen zu machen. Dabei bereist er auch Länder, in denen eine Steckdose in jeden Zimmer wie bei uns längst keine Selbstverständlichkeit ist. Doch damit das CPAP-Gerät funktionieren kann, ist ein Stromanschluss unabdingbar.

Alte Yoga-Technik und Selbstversuche

Eine nächtliche Zugreise in Indien sollte ihm Jahre später die zündende Idee bringen. Während der langen Fahrt in dem ratternden Zug auf den ausgeleierten Schienen Richtung Delhi war an Schlaf kaum zu denken. Um die endlos langen Nachtstunden zu überbrücken, unterhielt der Zugführer die Passagiere mit verschiedenen Übungen aus dem Hata-Yoga.

Eine Disziplin nennt sich "neti Sutra". Der indische Zugbegleiter nahm eine Baumwollkordel und führte sich diese vorsichtig durch ein Nasenloch ein. Dann atmete er kräftig ein, bis er das andere Ende in die Mundhöhle hineinblasen konnte. Nun zog er an beiden Enden der Kordel hin und her, um so die Naseninnenwand zu reinigen. Gleichzeitig werden dadurch die Schleimhäute im Rachen und in der Nase stimuliert. Dies soll die Durchblutung fördern und die Funktion des Riechorgans verbessern helfen.

Wyss war fasziniert von dieser Vorführung – doch erst 27 Jahre später sollte sie ihn auf die zündende Idee für seine eigene Erfindung bringen.

Experimente im Schlaflabor

Wieder in der Schweiz, beschäftigte ihn zunehmend eine Frage: Warum schnarche ich eigentlich? Denn typische Indikationen wie Rauchen, Alkoholkonsum, Medikamente oder übermässiger Stress trafen auf ihn nicht zu. Durch Beziehungen aufgrund seiner Tätigkeit als Elektroniker erhielt er die Möglichkeit, im Schlaflabor des Berner Inselspitals seine Experimente durchzuführen, die er mit Videoaufnahmen dokumentierte.

So gelangte er zum Schluss, dass sein gefährliches Schnarchen am Gaumensegel liegen musste. An dem also, was die Mediziner "Velum" nennen. Ist dieser kleine Gewebeteil instabil, beginnt er zu vibrieren – und die Atemwege schliessen sich. Eine Rolle dabei spielt auch die nach hinten fallende Zunge. Die Folge: Schnarchgeräusche jeder Art und Lautstärke. Der Tüftler Wyss fand schliesslich heraus, dass sich mit einer Sonde, die er durch die Nase einführte, das Gaumensegel stabilisieren liess: Kein Schnarchen mehr und im Schlafzimmer, himmlische Stille.

Die Drahtspange als Krach-Killer

Allerdings ist es nicht jedermanns Sache, sich eine Kanüle durch die Nase zu ziehen. So pröbelte Wyss weiter herum, bis er ein ebenso simples wie effektives Gerät entwickelte: Eine kunststoffummantelte Drahtspange, die in die Mundhöhle gelegt wird und das Gaumensegel festhält. Unter der Bezeichnung "Velumount" liess er seine Erfindung patentieren und von der Swissmedic überprüfen.

Etwas knifflig gestaltet sich zu Beginn die individuelle Anpassung und Handhabung der Spange. Oft muss zuerst ein Brechreiz beim Einsetzen überwunden werden, der sich aber nach einer Angewöhnungszeit legt. Deshalb können Schnarchgeplagte die Schnarchspange auch nicht einfach so bestellen. Sie müssen zuerst einen Kurs zum Preis von 460 Franken absolvieren. Dabei lernen sie in einer kleinen Gruppe, wie die Gaumenspange eingesetzt werden muss. Zum Schluss erhalten sie drei individuell angepasste Exemplare für sich. Nicht selten braucht es eine spätere Nachkontrolle, bei der die Spange je nachdem feinjustiert werden muss. Die erste Nachbetreuung ist im Kursgeld inbegriffen.

"Es Schpängeli i d’ Schnurre due"

Arthur Wyss ist ein richtiges Original: Kommt man zu ihm in den Kurs oder zur Nachbetreuung, duzt er gleich alle. "Hat dich deine Frau da hingeprügelt?", fragt er einen kräftig gebauten Mann in den Fünfzigern. Dann ermahnt er ihn in seinem sympathischen Berner Dialekt: "I cha dir schoh es Schpängeli i d’ Schnurre due, aber ds Roukche isch haoult eifach ouh es Probläm."

Ein anderer Klient betritt das Zimmer in Kantonsspital Liestal, wo Wyss (Bild) neben anderen Standorten in der Schweiz seine Dienste anbietet. Der etwa 25-jährige Mann, gut gekleidet, ist dem Aussehen nach vielleicht ein Banker oder Treuhänder. Er klagt darüber, dass er wegen seines nächtlichen Schnarchens tagsüber beim Autofahren oft plötzlich müde werde. Die Abklärung im Schlaflabor habe eindeutig ergeben, dass er an Schlafapnoe leide. Doch ein CPAP-Gerät wolle er nicht. Darauf habe ihm ein Arzt am Universitätsspital Basel das "Velumount" empfohlen.

"Du hast einen schmalen Kanal und bist halt ein feiner Typ. In den letzten zehn Jahren hast du acht bis zehn Kilo zugenommen", analysiert Wyss rasch. Da erzählt ihm der junge Mann mit leiser Stimme, dass er eine Nierentransplantation hinter sich habe. Doch es gab Komplikationen nach der Operation. Noch heute muss er Cortison einnehmen, das für die Gewichtszunahme verantwortlich ist.

Wyss hört ihm aufmerksam zu. Dann meint er mit sanfter Stimme: "Das kriegen wir schon hin. Ich mache Dir die Spange so, dass das Gaumensegel nicht die Atemwege verschliesst oder die Zunge nach hinten fällt." Immer wieder fordert Wyss seinen Klienten auf, Wasser zu trinken, um so die Passform des "Velumount" kontrollieren zu können. Wyss nimmt sich für die Anpassung viel Zeit und schafft es mit seiner einfühlsamen, beruhigenden Art, das Vertrauen seiner Klienten zu gewinnen, ihnen die Scham wegen des störenden Schnarchens zu nehmen und die Angst vor dem unbekannten Gerät überwinden zu helfen.

Arthurs "beruhigende" Mission

So müssen bei Wyss nicht selten längere Wartezeiten in Kauf genommen werden. Denn der knallharte Geschäftsmann ist er überhaupt nicht: Ihn treibt eher der Erfindergeist an – und seine Mission, den Menschen wirklich helfen zu wollen. Doch der Erfolg scheint ihm recht zu geben: Bisher hat er schon 13'000 Menschen eine Antischnarch-Spange verpasst. Nach seinen eigenen Angaben konnten dadurch rund 90 Prozent der Klienten ihre Beschwerden loswerden.

Schon vor einigen Jahren hat er seinen Job als Elektroniker bei der Universität Bern an den Nagel gehängt. Seither widmet er sich ausschliesslich dem "Velumount". Inzwischen hat er die Spange laufend weiterentwickelt und verfeinert, so dass verschiedene Varianten zur Verfügung stehen. Die Pläne des überzeugten Globetrotters gehen noch weiter: Er will seine Erfindung in Länder bringen, wo sich die Menschen keine teuren Apparate wie das CPAP leisten können. So schulte er bereits Ärzte in China, Indien und auf Kuba in der Spangen-Anwendung.

Misstrauische Ärzteschaft

Hierzulande reagieren allerdings die meisten Ärzte bisher skeptisch auf die Erfindung von Wyss. Dabei hat seine Spange immerhin die Prüfung durch die Kontrollbehörde Swissmedic bestanden und gilt seither als medizinisches Produkt. Trotzdem übernehmen bisher nur einzelne Krankenkassen in seltenen Fällen die Kosten für die preiswerte Antischnarch-Hilfe. Vor allem Lungenärzte zweifeln an der Wirksamkeit des "Velumount", weil dafür keine wissenschaftlichen Beweise vorlägen.

Ob das Misstrauen daran liegt, dass Wyss keine medizinische Ausbildung genossen hat? Der Autodidakt vermutet, dass hinter der Ablehnung seiner Spange in erster Linie finanzielle Gründe steckten. Denn eine CPAP-Therapie koste rund 1'500 Franken pro Jahr, während seine Spange im gleichen Zeitraum auf etwa 70 Franken zu stehen komme. Wyss vermutet, dass die Lungenliga, die die CPAP-Geräte vermietet, dafür jährlich rund 30 Millionen Franken einnimmt.

Sprechestunde im Kantonspital Liestal

Am Kantonsspital Liestal hat Professor Kurt Tschopp, Chefarzt der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten (HNO), 2008 in einer Studie die Wirksamkeit der Antischnarch-Spange getestet. Bei Rund 65 Prozent der Probanden war die Methode gegen das Schnarchen erfolgreich. Und bei 55 Prozent konnte die Schlafapnoe gestoppt werden.

Seit kurzem bietet das Kantonsspital Liestal eine interdisziplinäre "Schnarch-Sprechstunde" an, die gemeinsam von Kurt Tschopp und seinem Team und Arthur Wyss durchgeführt wird. Weitere wissenschaftliche Studien zum "Velumount" sind in Interlaken sowie im Berner Lindenhofspital im Gange. Schafft die Antischnarch-Spange den grossen Durchbruch, dürften die Nächte in den Schlafzimmern wesentlich stiller und die schnarchbedingten Dispute hörbar verringert werden.

Autor Matthias Brunner weiss, wovon er schreibt. Er trägt die Schnarch-Spange seit 2005 – mit Erfolg, wie er sagt. "Seither ist Ruhe im Stall."

15. August 2011

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