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"Grosse normative Kraft": Karten-Verantwortliche Laville, Straumann

23 Regenwald-Karten, die viel politischen Zündstoff enthalten

Nach 15-jähriger Arbeit dokumentiert der Bruno Manser Fonds den bedrohten Lebensraum des Indigenen-Volks der Penan auf Borneo


Von Peter Knechtli


Der in Basel domizilierte Bruno Manser Fonds (BMF) hat soeben sein bisher bedeutendstes Einzel-Projekt beendet: In 15-jähriger Arbeit schuf er detaillierte Landkarten des Lebensraums, den das bedrohte Regenwald-Volk der Penan im malaysischen Gliedstaat Sarawak seit Jahrhunderten besiedelt. Die Dokumente haben politische Brisanz – als wissenschaftliche und politische Grundlage gegen die weitere Abholzung des Tropenwaldes auf Borneo.


BMF-Geschäftsführer Lukas Straumann stemmt in seinem Büro an der Basler Socinstrasse einen gediegen bedruckten schwarzen Schober (Bild links) in die Höhe und freut sich: "Dies hier ist mehr als eine Million Franken Wert." Der Wert des Kartenwerks ist weit höher als der Personal- und Sachaufwand in siebenstelliger Höhe. Die Box enthält 23 Landkarten zumeist im Massstab 1:35'000, die den etwa 10'000 Quadratkilometer grossen zentralen Lebensraum des rund 12'000 Menschen starken Nomadenvolks der Penan abbilden.

Die Regierungs-Familie kassierte

Seinem Schutz hatte sich der um die Jahrtausendwende verschollene Fonds-Gründer Bruno Manser seit den späten achtziger Jahren vor allem mit seinen international Aufsehen erregenden Medien-Aktionen verschrieben. Seine Nachfolger setzten aber verstärkt auf publizistisch-investigative Enthüllungen der korrupten Milliardengeschäfte des damaligen Sarawak-Regierungs-Chefs Taib Mahmud und seiner Familie, die von der rücksichtslosen Abholzung von Tropenwäldern im Gebiet der Penan am stärksten profitierte.

Was den malaysischen Behörden diese Heimat der Nomaden unter den riesigen Tropenbäumen Wert war, verraten ihre offiziellen Landkarten: Sie zeigen ein jungfräulich leeres und unbesiedeltes Regenwaldgebiet, das sich wie ein Juwel zur grossindustriellen kommerziellen Nutzung und zur privaten Bereicherung von malaysischen Regierungs-Mitgliedern anbietet. Heute ist die Heimat der Penan durchfressen von Holzfällerstrassen, die laut Straumann eine Länge des zweifachen Erdumfangs haben.

Volk ohne schriftliche Legitimation

Es muss dem offiziellen Malaysia als Blamage erscheinen, dass es nun einer mit acht Mitarbeitenden kleinen, aber äusserst clever agierenden Schweizer Nichtregierungs-Organisation mit ihrem Kartenwerk gelungen ist, ein bedrohtes, teilweise immer noch nomadisierendes Volk zu dokumentieren, das in diesem von der Holzindustrie begehrten riesigen Tropenwald lebt.

Die Penan, die einzige indigene Gemeinschaft auf Borneo, die noch mit dem Blasrohr jagen kann, pflegen eine Kultur ohne Verschriftlichung, dafür verfügen sie über ein immenses räumliches Vorstellungsvermögen. Ihr Wissen, ihr Geist und ihre mythologischen Geschichten sind aber ausschliesslich eine Assemblage mündlicher Überlieferung.

Landrechtsklagen bisher meist erfolglos

Dies erwies sich mit dem Einfall der Holzfäller-Equippen mit ihren schweren Lastern und Kettensägen als entscheidender Nachteil: Dass das Land seit Jahrhunderten ihnen gehört, liess sich nie verbindlich belegen. Mit ihren Landkarten werden sie nun die Kultur der Penan dokumentieren und die noch unversehrten Regenwälder absichern können. In Landrechtsklagen, die bisher meist erfolglos verliefen, bilden die Dokumente ein schlagkräftiges Beweismittel. Denn allein juristisch könne das Land der Indigenen nicht eingefordert werden, ist Straumann überzeugt, "es braucht den politischen Ansatz". Und den liefern jetzt die Karten.

In aufwändigster und oft auch mühsamer Kleinarbeit recherchierten die Basler Regenwaldschützer in enger Kooperation mit der einheimischen Bevölkerung und in Zustimmung mit den Häuptlingen von 64 Penan-Gemeinden über 7'000 Flussläufe, 1'800 Berggipfel und Bergzüge, aber auch 809 lebenswichtige Pfeilgiftbäume, Sagopalmen als wichtigste Stärkequelle, Nomaden- und Holzfäller-Camps, Wasserfälle, Namen von bestimmten Bäumen, Gemeindegrenzen, Holzfällerstrasse, Fusswege, Salzstellen, Kult- und Grabstätten sowie Schulen. Jede der 23 Karten trägt zum Beweis ihrer Richtigkeit die Fingerabdrücke der zuständigen Häuptlinge.

"Wir wissen mehr als die Regierung"

"Es gibt aber auch geheime Informationen, die auf den Karten bewusst nicht erkennbar sind", sagt Straumann, so beispielsweise Höhlen, welche die von den Chinesen als luxuriöse Delikatessen gefragten Schwalbennester enthalten, oder genaue Standorte von Adlerholz, das mit seinen ätherischen Ölen einen Grundstoff für die Parfümindustrie liefert.

Die erstmals in diesem Gebiet erhobenen, sehr umfangreichen Daten, aber auch die umfangreichen Archive führten dazu, "dass wir in Basel mehr über das Volk und die Geschichte der Penan wissen als die Gliedstaat-Regierung in Kuching", veranschaulicht Lukas Straumann die Bedeutung des Kartierungs-Projekts.

Die Wichtigkeit von Kartenmaterial hatte Anfang der neunziger Jahre schon der im kanadischen Exil lebende Penan-Widerstandskämpfer Mutang Urud erkannt. Erste Skizzen von Hand verfeinerte der frühere BMF-Geschäftsführer John Künzli, unterstützt durch die Stiftung "Kunst für den Tropenwald" des Basler Kunstsammlers Ernst Beyeler. Als der promovierte Historiker Lukas Straumann 2004 die Geschäftsführung des Fonds übernahm, intensivierte er das Kartierungs-Projekt, das sich zur zentralen Forschungsarbeit der NGO entwickelte.

Hightech im Regenwald

Eine praktizierende Kartografin stand am Anfang der professionellen Umsetzung. 2009 stiess der jurassische Geograf Baptiste Laville (38), der eine Masterarbeit über Fern-Erkundung schrieb, dazu. Inzwischen ist er langjähriger Leiter des "Mapping-Projekts", wie es intern heisst. Insgesamt schon zwei Jahre hat er seither im Regenwald der Penan verbracht, um die indigenen Helfer-Teams theoretisch und praktisch auszubilden.

"Das Wichtigste war am Anfang, Vertrauen aufzubauen und die Zustimmung der lokalen Gemeinschaften zu erlangen", sagte Laville, bevor es schrittweise an das Training und die immer verfeinerte Feldarbeit von einheimischen Zweierteams und schliesslich die Validierung der Daten ging.

Zum Einsatz kamen dabei modernste Mittel wie GPS-Geräte, die präzise Standorte und Grenzen lieferten, aber auch Satellitenbilder und eine 1,5 Kilogramm schwere Drohne, die ergänzende hochauflösende Luftaufnahmen beisteuerten. Die Grundlage lieferten solide 50-jährige topografische Schwarz/Weiss-Reliefdaten der damaligen britischen "Royal Air Force". Der kanadische Anthropologe und Linguist Ian Mackenzie, der die Sprache der Penan perfekt beherrscht und ein Wörterbuch mit 13'000 Begriffen geschrieben hat, prüfte Rechtschreibung, redigierte die Karten und bot wissenschaftliche Begleitung.

Modellierung bewirkte Staudamm-Verzicht

Das Projekt wird zwar vom Sitz Basel aus geleitet, "aber wir machen keinen Schritt ohne das Einverständnis der Penan", sagt Laville. So haben die Karten-Gestalter das Copyright ihrer Werk ausdrücklich an das Volk der Penan übertragen.

Während Laville für den fachlich-wissenschaftlichen Part zuständig ist, ist es Straumann für den strategischen: "Diese Karten sind ein unglaubliches Kampagnen- und Mobilisierungs-Instrument." Dank den gewonnenen Daten  ist es beispielsweise möglich, die Überschwemmungsflächen der zwölf in ganz Sarawak geplanten Staudämme zu modellieren und somit die dort lebenden uninformierten Waldbewohner für die drohenden Pläne zu sensibilisieren. Eine direkte Folge dieser Informationen war laut Straumann, dass die Regierung auf den Bau des riesigen Baram-Staudamms im Penan-Gebiet verzichtete.

"Weltweit bestes Indigenen-Kartenwerk"

"Die normative Kraft der Karten ist so gross, dass Kultur und politische Ansprüche der Penan einen ganz neuen Stellenwert erhalten." Früher oder später, ist Straumann überzeugt, würden sie "auch politische und rechtliche Folgen auslösen".

Seiner Meinung nach handelt es sich bei den 23 bei Birkhäuser in Reinach auf wasser- und reissfestes Papier in einer Auflage von 500 Exemplaren gedruckten Bögen um "eines der weltweit besten Indigenen-Kartenwerke". Entstanden ist es in einer Symbiose von Schweizer Kartografie-Knowhow und den Gelände-, Kultur- und Geschichtskenntnissen der Urbewohner mit ihrer Selbsthilfe-Organisation "Keruan".

Vom Gegner zum Partner

Die Fertigstellung der geografisch-kulturellen Dokumente markiert nicht nur einen neuen Höhepunkt in der Geschichte des Bruno Manser Fonds, sondern auch eine grundlegend neue strategische Ausrichtung: von der Konfrontation mit den malaysischen Behörden zur Kooperation, vom erbitterten Gegner zum Partner.

Hatte der langjährige Erzgegner der Regenwaldschützer – Taib Mahmud, der korrupte damalige Regierungs-Chef von Sarawak – eine Kartierung des Penan-Gebiets durch Private 2001 per Gesetz verbieten lassen (Straumann: "Deshalb ist unser Projekt eigentlich illegal"), kommt es am 17. November in der Provinzhauptstadt Kuching zu einem historischen Treffen: Abang Johari, einer von Taibs Nachfolgern, ist bereit, ein druckfrisches Karten-Set aus der Hand der Häuptlinge entgegen zu nehmen – ein vor Jahren noch undenkbarer Vorgang. Auch die Kontakte zum Forest Department des Gliedstaates zeigen nach Straumanns Wahrnehmung deutliche Züge einer Entspannung.

Eine Woche später, am 24. und 25. November, erhält jeder der 64 Häuptlinge von Herausgeber Lukas Straumann im Rahmen eines grossen Festes in Long Lamai einen vollständigen Kartensatz. "Jetzt sind wir mit unserem Land verheiratet", sollen sich die Häuptlinge freuen.

Fernziel Unesco-Welterbe

Die Wirkung durch die Veröffentlichung der Karten ist für die Akteure des Bruno Manser Fonds indes nicht in allen Punkten abschätzbar. Abgesehen rein von der formalen Kraft der Dokumente erhoffen sie sich als Nebeneffekt eine bisher nicht vorhandene Nutzungsplanung, die eine bessere ökologische und ökonomische Ausbeute ihrer Wälder und Felder – beispielsweise im Reisanbau – ermöglicht. Gleichzeitig soll mit dem Auslaufen von Holznutzungs-Konzessionen eine Erneuerung von Rodungsbewilligungen verhindert werden.

Fernziel des Bruno Manser Fonds ist es, das Gebiet der Penan-Waldbewohner als Unesco-Welterbe anerkennen zu lassen. Ebenso halten es die Basler Regenwaldschützer für denkbar, ihr in den vergangen 15 Jahren erworbenes professionelles Kartierungs-Knowhow auch in Lebensräumen anderer indigener Völker zu deren Schutz einzusetzen.

Ausschliesslich gemeinnützige Ziele

Allerdings liegt ihnen der Gedanke fern, ihre Aktivitäten durch die Gründung eines Kartierungs-Spinoff zu diversifizieren und sich damit kommerziellen Zielen zuzuwenden. Die 12'000 Spender, die den Fonds seit seiner Gründung am Leben halten, würden dies nicht goutieren. Eine Mahnung ist allerdings nicht erforderlich: Ganz im Sinne Bruno Mansers verfolgen die Karten-Macher mit ihrem Engagement aus persönlicher Überzeugung ausschliesslich gemeinnützige Ziele.

13. November 2017

Weiterführende Links:


Info


Das Projekt "Karten für den Regenwald" dokumentiert in 23 Karten 64 Gemeinden im zentralen Siedlungsraum des Regenwald-Volkes der Penan (rund 12'000 Menschen) im malaysischen Gliedstaat Sarawak (2,3 Millionen Einwohner) auf der Insel Borneo.

Die Karten dokumentieren unter anderem zahlreiche Flüsse, Berggipfel und Bergzüge sowie 1'500 Einzelbäume und weitere wichtige Örtlichkeiten. Der Preis pro Box beträgt 460 Franken. Für jeden verkauften Schober wird ein Exemplar kostenlos an die Penan abgegeben.

Bestellung: www.bmf.ch/shop


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BZ Basel
vom 17. April 2019
über Regula Rytz
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