© Foto by Ruedi Suter
"Landet anstelle von Rindern in den Kochtöpfen": Exotik-Tier Strauss

Wahnsinn: Das Rind war nur der Anfang

Die BSE-Krise könnte die Menschheit in eine gigantische Existenzkrise stürzen


Von Ruedi Suter


Die Kühe wurden wahnsinnig gemacht. Also wird jetzt Alternativfleisch gegessen: Geflügel, Schwein, Pferd, Strauss, Krokodil, Känguruh. Dass auch diese Arten Träger von BSE-Erregern sein können, wird verdrängt. Desgleichen die Möglichkeit, dass die Menschen dank des verantwortungslosen Umgangs mit dem Tier alle schon infiziert sein könnten. Die Diskussion um die Wahnsinns-Erreger scheint zu eng geführt zu werden.


Das liebe Rindvieh bringt's nicht mehr. Seitdem es von den Fleischindustriellen als Tiermehl an sich selbst verfüttert und in den Wahnsinn getrieben wurde, schwenken Tiere essende Konsumentinnen und Konsumenten nach den neuen Schreckensmeldungen im Oktober immer mehr auf Ersatzfleisch um - in der Hoffnung, sie könnten damit BSE und der neuen Creutzfeld-Jakob-Krankheit (vCJD) ein Schnippchen schlagen. So wird das einst begehrte Rindfleisch schnöde liegen gelassen, dafür langt man anderswo lustvoll zu - beim Federvieh, beim Kaninchen, Lamm, Schwein, Pferd und beim Wild, das jetzt auch das ganze Jahr herhalten muss.

Das bestätigen Metzgereien im ganzen Land. Kurt Wick, Direktor der Grossmetzgerei Grauwiler in Basel, beobachtete beim Geflügel eine Verkaufszunahme von 20 Prozent. Hühner, Truten, Gänse, Enten und vor allem Straussenfleisch aus dem südlichen Afrika stillen den Fleischhunger. Auch in den Restaurants, wo das Rindsteak auf den Menükarten diskret durch Fleischhappen anderer Herkunft oder durch Fisch ersetzt wurde. "Kein Wirt will Reklamationen haben oder schuldig werden", weiss Kurt Wick. gegenüber OnlineReports.

Gefährliches Sicherheitsgefühl

Die hemmungslose Lust nach Fleisch kostet immer mehr exotischen Tieren das Leben. Am meisten müssen Strausse dran glauben, aber auch Krokodile und Känguruhs. Dass viele dieser Tiere im fernen Ausland in scheusslichen Verhältnissen aufgezogen und brutal ums Leben gebracht werden, kümmert die Tier-Essenden nicht. Hauptsache, in der tierischen Mahlzeit lauern keine entarteten Eiweisse (Prionen), die einem später in Form von CJD und vCJD das Nervensystem und Gehirn zerstören.

Doch damit könnten sich die Liebhaber von Filets, Schnitzeln, Keulen, Ragouts und was auch immer in falscher Sicherheit wiegen. Denn immer klarer wird, dass nichts wirklich klar ist in Sachen BSE und verwandter Erkrankungen. Weshalb sich harmlose Proteine in gefährliche Prionen verwandeln, ist nach wie vor ein Rätsel. "Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis wir wissen, was BSE beim Menschen macht", meinte im Juni der britische Spezialist Robert Wil am Weltkongress für biologische Psychiatrie in Berlin. In Grossbritannien werden aufgrund von Hochrechnungen 70 bis 136'000 vCJD-Fälle erwartet. 102 sind bereits diagnostiziert. Laut Herbert Budka, Professor an der Universität Wien, zeigten CJD-Erkrankte zuerst Symptome wie Depressionen, Unruhe und Rückzug.

Immer mehr Arten verdächtigt

Die riesige Spanne der Schätzungen zukünftiger Erkrankungen sind auch ein Zeichen der Unsicherheit. Je genauer die Wissenschafter hinschauen, desto mehr werden sie fündig und desto weniger scheinen klare Antworten möglich. Das zeigen auch die Meldungen über immer neue Tierarten, die möglicherweise an einer Art BSE erkrankt sein könnten. Ortete man diese Art von Wahnsinn zunächst nur bei den Menschen (Kuru, CJD, vCJD), Rindern (BSE), Schafen (Scarpie) Nerzen (Enzephalopathie) und - wie erst kürzlich der erste Fall in der Schweiz - bei Katzen (FSE), spricht man jetzt auch schon von Hirscharten, Pferden, Schweinen, Fischen, Straussen und Hühnern, die von BSE-Erregern befallen sein könnten.

Bereits gelten in den USA Hirn und Rückenmark von Hirschen, Elchen und Rehen als gefährlich, weil das Wild an der BSE-ähnlichen Chronic Wasting Desease (CWD) leiden könnte. Ob diese Krankheit den Menschen befällt, ist noch unklar. BSE-verseuchtes Futter hat selbst in Zoos schon Opfer gefordert: Geparden, Pumas, Ozelots, Tiger, vor allem aber Pflanzenfresser wie Elan- und Säbelantilopen, Oryx und Grosser Kudu. In Deutschland sollen Zoostrausse mit Tiermehl-Kost bereits in den 80-er Jahren an einer BSE-ähnlichen Krankheit eingegangen sein. Deutsche Zuchtstraussen wurden bis Ende letztes Jahr mit dem gefährlichen Tierpulver gemästet. Viele der Riesenvögel sind längst schon verdaut - auch von BSE-verängstigten Konsumenten. Diese haben sich aus lauter Vorsicht statt Rinder lieber Hühner, Poulets und Straussenfleisch einverleibt. Doch jetzt können auch sie sich nicht mehr sicher wähnen.

Die ganze Welt ist betroffen

Anfang Juni schreckte die "SonntagsZeitung" mit den Warnungen des Zürcher Biophysikers und ETH-Professors Kurt Wüthrich: Auch die Hühner dürften BSE-gefährdet sein, zumal sie - wie die Schweine - bis Ende letztes Jahr Tiermehl zu futtern bekamen. Das ist jetzt endlich verboten in der Schweiz, nicht so aber in China, aus dem Millionen elend gross gezüchteter Hühnchen importiert werden. Wissenschafter Wüthrich sagte übrigens nur das, was andere auch vor ihm schon sagten: Das körpereigene Prion steckt in jedem Tier. Erst wenn es sich verdreht, wird es zum gefährlichen Wahnsinn-Erreger.

Diese haben sich - glaubt man der nicht unbestrittenen Prionen-Hypothese - via das Tiermehl-Business weltweit verbreitetet. 100 Staaten sind bereits betroffen, schätzt die Ernährungs- und Landwirtschafts-Organisation der Vereinigten Nationen (FAO). Nicht genug: BSE-Prionen können auch auf Wiesen liegen, wo sie von den pflanzenfressenden Nutz- und Wildtieren Tieren aufgenommen werden. So warnt das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) vor dem Abwasser der Schlachthöfe, die BSE-Prionen in die Kläranlagen spülten. Wenn später die Nicht-Bio-Bauern mit dem Klärschlamm ihre Felder düngen, verteilen sie - nebst den Schwermetallen - grosszügig auch gleich die BSE-Prionen.

"BSE ist überall"

Und so scheinen BSE oder die menschlichen Varianten Kuru oder CJD/vCJD plötzlich überall zu lauern. Was mit einer aberwitzigen Idee profitorientierter Leute begann (Pflanzenessern Körperteile zu verfüttern) und in einem unkontrollierten Experiment ausartete, scheint nun als schleichende Epidemie auf die Menschheit zurückzufallen. Pikant ist, dass davor schon 1996 gewarnt wurde. Und zwar von keinem geringeren als dem anerkannten Kuru/CJD-Forscher Carleton Gajdusek. Der Nobelpreisträger erklärte damals dem Pulitzer-Preisträger Richard Rhodes, Verfasser des Buches "Tödliche Mahlzeit" (Spiegel-Verlag):

"Es ist Kuru und nichts als Kuru, und jede Spezies kann es in sich tragen - Milchkühe, Fleischrinder, Schweine, Hühner. (...) Vermutlich sind sämtliche Schweine in England infiziert. Und das wirkt sich nicht nur auf Schweinefleisch als Lebensmittel aus. Das betrifft auch deine schweinslederne Brieftasche. Das betrifft chirurgisches Nähmaterial, denn das wird ebenfalls aus Schweinen hergestellt, Alle Hühner fressen Tiermehl und sind vermutlich ebenfalls infiziert. Man steckt das Zeug in ein Huhn, und dann läuft es auf dem kürzesten Weg hindurch. Ein Vegetarier kann es von der Scheisse bekommen, die die Hühner auf das Gemüse fallen lassen. Es kann im Talg sein, in der Butter. (...) Diese Menschen, bei denen CJD noch nicht ausgebrochen ist, haben Blut gespendet. Es findet sich zweifellos in den Blutvorräten. (...) Übrigens, in der Milch kann es auch sein. Auch das ist nicht ausgeschlossen."

Sterben Abertausende von Menschen?

Der damals 74-jährige Virusforscher meinte, dass die Prionen auch schon munter in der Landschaft verteilt wurden - via den mit Knochenmehl "angereicherten" Rosendünger. Sind wir also alle bereits infiziert, dank unseres unverantwortlichen Umgangs mit dem Mitwesen Tier? Andere CJD-Experten wie Richard Lacey malten gegenüber Autor Richard Rhodes die möglichen Folgen aus. "Wenn es stimmt, dass CJD bei Menschen eine durchschnittliche Inkubinationszeit von 25 oder vielleicht auch 30 Jahren hat, wird die Epidemie bei den Menschen ihren Höhepunkt ungefähr im Jahr 2015 erreichen." Dann müssten Hunderttausende sterben - diesmal Menschen, und nicht Tiere. Dies könnte die Zukunft sein, wenn die Prion-Hypothese stimmt. Was aber, wenn der BSE-Erreger nicht nur aus Eiweiss besteht und ein unkonventionelles Virus den Wahnsinn auslöst, wie eine Minderheit von Wissenschaftern vermutet? Beruhigender wäre dies nicht. Und die Tatsache bliebe, dass Menschen vegetarische Tiere mit pulverisierten Leichen fütterten. Ein Wahnsinn, der auf uns zurückzufallen scheint.

24. Juli 2001


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)

www.onlinereports.ch - Das unabhängige News-Portal der Nordwestschweiz

© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigene Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

Auf dieser Website gibt es Links zu Websites Dritter. Sobald Sie diese anklicken, verlassen Sie unseren Einflussbereich. Für fremde Websites, zu welchen von dieser Website aus ein Link besteht, übernimmt OnlineReports keine inhaltliche oder rechtliche Verantwortung. Dasselbe gilt für Websites Dritter, die auf OnlineReports verlinken.

fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"Totalausfall der Infomatik"

OnlineReports.ch
vom 27. September 2019
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Der Redaktor fand die Taste nicht mehr.

RückSpiegel


nau.ch schrieb die OnlineReports-Recherche über den FDP-Wahlversand an Basler Neu- und Jungwähler zu einem eigenen Artikel um und verwertete auch die OnlineReports-Illustration dazu.

In der Besprechung des Films "Bruno Manser – Stimme des Regenwalds" nahm die BZ auf eine OnlineReports-Recherche Bezug.

Die BZ nahm den OnlineReports-Primeur über eine Rückzahlung der wegen Veruntreuung angeklagten ex-Kassierin der katholischen Krichgemeinde Grellingen auf.

Die Basler Zeitung greift in ihrem Bericht über die E-Trottinett-Anarchie auf ein OnlineReports-Interview zurück.

In ihrem Bericht über die Hühnerhaltung auf einem Basler Mehrfamiienhaus nimmt die BZ Bezug auf eine frühere Recherche von OnlineReports.

Die BZ bezog sich in ihrer Recherche über die Abgänge von Kaderärzten am Kantonsspital Baselland auf einen Bericht in OnlineReports.

Die BZ berief sich in einem Bericht über die Massenkündigungen am Schorenweg auf eine OnlineReports-News.

Die Schweiz am Wochenende und die Basler Zeitung haben die OnlineReports-News über den Bombenalarm am EuroAirport aufgenommen.

Das SRF-Regionaljournal, Telebasel, die Schweiz am Wochenende und Prime News haben den OnlineReports-Primeur über die Schliessung des Basler Kinos "Rex" nachgezogen.

In ihrem Bericht über den Gelterkinder Antennenposter-Streit bezog sich die Basler Zeitung auf OnlineReports.

Die BZ nahm die OnlineReports-News über den Rücktritt der Basler Unispital-Verwaltungsrätin Irmtraut Gürkan aus dem Vorstand des Universitäts-Klinikums Heidelberg auf.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


Die Universität Basel richtet am 1. Februar 2020 mit dem Biologen Carsten Gründemann eine Stiftungsprofessur für translationale Komplementärmedizin ein.

Wechsel in der Geschäftsführung der Suchthilfe Region Basel: Barbara Held übernimmt die Leitung per Januar 2020, nachdem Walter Meury – ein Pionier in der Suchtarbeit – Ende Jahr in den Ruhestand geht.

Der Basler Regierungsrat Hans-Peter Wessels, Riehens Gemeindepräsident Hansjörg Wilde und Gemeinderat Daniel Hettich haben die erneuerte Lörracherstrasse in Riehen feierlich eingeweiht.

Veronica Schaller
, frühere Basler Sanitätsdirektorin und zuletzt Kulturbeauftragte der Stadt Bern, wurde zur neuen Präsidentin von "Curaviva Basel-Stadt", dem Verband der Basler Alterspflegeheime, gewählt.

Designierte Verwaltungsratspräsidentin der Schweizerischen Rheinhäfen ist Martina Gmür, Petra Mösching wird Mitglied des Verwaltungsrats.

Der Verein Region Oberbaselbiet wählte den aus dem Fricktal stammenden Gerry Thönen, der die Oberbaselbieter Gemeinden bis zur Gründung des Regionalvereins betreute, zum Geschäftsführer.

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 70-Jahr Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel organisiert die Schweizer Botschaft in Israel im September diverse Anlässe mit Bezug zu Basel.

Die Parteileitung des CVP-Wahlkreises Liestal hat einstimmig beschlossen, Elisabeth Augstburger für die Ständeratswahlen vom 20. Oktober zu unterstützen.

Schweizerische Rheinhäfen: Benedikt Weibel hat seinen Rücktritt als Verwaltungsrats-Präsident per 31. Dezember 2019 bekannt gegeben; Martin Dätwyler, Direktor der Handelskammer beider Basel, trat per 30. Juni zurück.

Beat Tschudin (48), seit rund zwölf Jahren den Fachbereich Fahrzeugbewirtschaftung der Baselbieter Polizei, übernimmt ab Dezember die Leitung des Fahrzeugwesens der Bau- und Umweltschutzdirektion als Nachfolger von Christian Oberhausser, der Ende August in vorzeitige Pension geht.

• Das Basler Gesundheits-Departement hat den Umzug von der St. Alban-Vorstadt an seinen neuen Hauptstandort an der Malzgasse 30 in Basel abgeschlossen.

Tom Ryhiner und Balz Stückelberger wurden an einer ausserordentlichen Generalversammlung in den Verwaltungsrat der St. Clara AG und damit gleichzeitig in den Verwaltungsrat des Claraspitals gewählt.

• Am 21. Juni fand der Spatenstich für den Neubau des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts) im BaseLink-Areal in Allschwil statt.

• Die Generalversammlung der "SVP Frauen Basel-Stadt" wählte Gianna Hablützel-Bürki einstimmig zur neuen Präsidentin.

• Nach elfjähriger Tätigkeit als Bürgerrätin der Basler Bürgergemeinde tritt die Juristin Gabriella Matefi auf Ende Jahr zurück.

• Die Nationalratsliste der Jungen LDP: Benjamin Grob, Emélie Dunn, Benjamin von Falkenstein, Adrienne Strahm und Michael Hug.

• Der frühere BVB-Kommunikations-Chef Stephan Appenzeller tritt die Nachfolge von Stephan Maurer als Präsident der IGöV Nordwestschweiz an.

• Die Nationalrats-Kandidierenden der EVP Baselland: Elisabeth Augstburger, Liestal; Sara Fritz, Birsfelden; Martin Geiser, Gelterkinden; Andrea Heger, Hölstein; Werner Hotz, Allschwil; Lukas Keller, Bottmingen

• Die Stadt Weil am Rhein und der Kanton Basel-Stadt veranstalten gemeinsam einen städtebaulichen Studienauftrag für das Areal Otterbach Süd in Weil am Rhein, das sich im Eigentum der Einwohnergemeinde der Stadt Basel befindet.

• Der SP-Vizepräsident Mustafa Atici tritt Ende Mai aus dem Grossen Rat zurück und nach damit seiner Nachfolgerin Michela Seggiani Platz.

• Die Wintersingerin Nicole Roth wird neue Präsidentin der Jungen SVP Baselland (JSVP BL).