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Privater Stationshalter in Tecknau BL: Ueli Pfister, seit 1991 Vertragspartner der SBB

Jeder zweite SBB-Bahnhof verliert seine Beamten

Private Dienstleister und privatisierte SBB-Angestellte können in die Lücke springen


Von Peter Knechtli


Traditionsbruch am Schienennetz: Jeder zweite Bahnhof wird schon in wenigen Jahren nicht mehr mit SBB-Personal besetzt sein. Dafür öffnet sich für private Mischanbieter eine Chance. Das Stationshaltermodell war nur der Anfang.


Das vertraute Bild des iyllischen Bahnhofs, des mit der Kelle winkenden Abfertigungsbeamten und der uniformierten Osterglocken-Verteilerin wankt: Laut Paul Blumenthal, dem Leiter der Division Personenverkehr, werden schon in wenigen Jahren nur noch zwischen 200 und 300 der heute knapp 450 besetzten Bahnhöfe von SBB-Personal bedient.

Betroffen sind vor allem kleine Bahnhöfe mit ungenügendem Aufwand/Ertragsverhältnis oder gar defizitärer Betriebsrechnung. Kommt dazu, dass mit der Divisionalisierung der SBB seit Anfang Jahr auch ein technischer Rationalisierungsschub der Division Infrastruktur ins Haus steht: Wie derzeit auf der Strecke Solothurn-Biel werden künftig immer mehr Bahnhöfe ferngesteuert, so dass kein Personal mehr benötigt wird.

SBB: Bahnhöfe als "Ort der Begegnung"

Dass die betroffenen Stationen auch für das Publikum Geister-Gebäude bleiben, ist dennoch nicht zwangsläufig. Denn die Bahnhöfe sollen nach dem Worten Blumenthals wo möglich "als Ort der Begegnung weiter gestärkt"werden. Laut Sprecher Christian Kräuchi soll der Verlust an exklusiver SBB-Besetzung durch massgeschneiderte private Angebote teilweise wettgemacht werden.

Ende April sollen zunächst in den bernischen Bahnhöfen von Schüpfen und Brügg, später auch in Mettmenstetten, die Pilotprojekte "avec." starten: In einem Joint Venture von SBB, Migros und Valora ("Kiosk AG") sollen an Bahnhöfen kleine Detailhandels- und Dienstleistungszentren entstehen, deren Personal auch Bahn-Tickets verkauft. Bis 40 "avec."-Betriebe mit Kiosk und Kaffeebar, Billetschalter und Migrosladen sollen in den nächsten fünf Jahren an unbesetzten Bahnhöfen entstehen. Die Privat-Verkäufer werden geschult durch erfahrene SBB-Schalterbeamte.

"Wir haben geschäftstüchtige Leute"

Obschon durch diese Umstellung Hunderte Bahnbeamte ihren Job verlieren, geht Chef Blumenthal nicht davon aus, dass sich sein Personal selbst in die Arbeitslosigkeit manövriert: Vielmehr setzt er "Hoffnung" auf die Belegschaft. "Wir haben geschäftstüchtige Leute, die mit einem 'avec.'-Laden den Schritt ins selbstständige Unternehmertum wagen könnten."

Vor knapp zehn Jahren, als erstmals die Schliessung von Bahnhöfen ruchbar wurde, war es der Verkehrsclub der Schweiz (VCS), der zusammen mit SBB-Generaldirektor Benedikt Weibel das "Stationshaltermodell" entwarf: Private Bahnhofleiter anstelle von SBB-Beamten besorgen seither das Stationsgeschäft im Provisionsverhältnis und auf eigenes Risiko - meist mit Nebengeschäft, vom Reisebüro über den Kopierladen bis zur Druckerei.

SBB glauben nicht an Stationshaltermodell

Doch Begeisterung das runde Dutzend Privatbähnler bei Chef Blumenthal nicht ausgelöst: "In der gegenwärtigen Form wird sich dieses Modell kaum durchsetzen", liess er in der "SBB-Zeitung" verlauten. Totsagen will er es aber auch nicht. Denn er hat immerhin festgestellt, dass sich die privaten Stations-Manager "konsequenter umihre Kunden bemühen, da sie die Nichtverlängerung eines Generalabonnements direkt im eigenen Portemonnaie spüren".

"Die privaten Stationshalter bemühen sich konsequenter um ihre Kunden."

Gemäss heutiger Entwicklung dürfte die Zahl der Stationshalter denn auch eher stationär bleiben. Mit neuen Verträgen per Anfang dieses Jahres sind ihnen die SBB "etwas entgegengekommen" (so Kräuchi). Ebenso wurden einige privatisierte Stationen mietweise mit dem elektronischen Schaltergerät ausgerüstet, das den Privatbähnlern einen Online-Zugriff auf den SBB-Rechner und damit auch die Ausstellung des ganzen Billet-Sortiments ermöglicht. Folge: Mehr Umsatz und mehr Ertrag.

Höchstens zehn Prozent Provision

Eine goldene Nase freilich hat sich noch kein Stationshalter verdient. Ueli Pfister hat seit 1991 in Tecknau BL zwar den Umsatz von 250'000 auf 620'000 Franken erhöht. Doch bei einer Provision von höchstens zehn Prozent und einer happigen Schaltergerät-Miete von jährlich über 8'000 Franken bleibt sein Job ein hartes Brot. Sein Nebengeschäft mit Velozubehör "kommt viel zu kurz".

"Für mich ist das ein Neubeginn, aber es gibt auch noch unbeantwortete Fragen", bilanziert Pfister. Ungeklärt ist die Finanzierung der unerlässlichen Nebenbeschäftigungen - von der Kundenunterstützung bei Störungen über "tausend kleine Dinge um den Bahnhof herum" bis zur Alarmierung der Polizei oder Feuerwehr. Grotesk im Bahnhof am Nordportal des Hauensteintunnels: Die WC-Anlage, hoheitliches Niemandsland, ist geschlossen, weil weder SBB noch Gemeinde den Betrieb für ihre Sache halten.

Neuer Vertrag mit "leichter Verbesserung"

Felix Faccini, Stationshalter in Maienfeld mit 1,1 Millionen Franken Umsatz, wertet den neuen Vertrag als eine "leichte Verbesserung, weil ich jetzt etwas weniger Miete für das Schaltergerät zahlen muss". In seiner kleinenDruckerei, die er nebenbei im Bahnhof betreibt, läuft allerdings "nicht so viel".

“Zusatzverdienst ermöglicht Martin Frischknecht das gut florierende Reisebüro.“

Für Martin Frischknecht, Reisemeister in St. Gallen-Bruggen und nach eigenem Bekunden erster privater "Bahnhofvorstand" der Schweiz, steht der neue Vertrag zwar noch aus. "Weder noch", beantwortete er die Frage, ob er mehr Vor- oder Nachteile erwarte. Günstiger werde die Gerätmiete, dafür werde die Pauschalentschädigung kleiner. Sein Billetumsatz liegt bei 500'000 Franken, Zusatzverdienst erwirtschaftet er aber mit seinem gut florierenden Reisebüro "Intercity".

Happige Gerätemiete

Noch keinen neuen Vertrag hat Marie-Theres Murer, Stationshalterin in Nottwil LU. Sie zahlt happige 10'500 Franken Gerätemiete, "in den letzten sechs Jahren wurde nie etwas angepasst". Für die Betreuung von Billetautomat und montags chronisch verstopftem Entwerter erhält sie monatlich gerade mal 100 Franken.

Scheinen die Bahn-Oberen mit ihrem Konzept "avec." klare Vorstellungen zu haben, wird durch die neuen Verträge mit den Stationshaltern gemäss einem Betroffenen "nicht recht erkennbar, was die SBB überhaupt wollen".

13. April 1999


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