Hansjörg Schneider - Literatur-Kolumne

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Brecht in der Schweiz

Es war in den frühen sechziger Jahren, als ich als Flab-Kanonier in einem militärischen Wiederholungskurs einen üblen Film über Bertolt Brecht vorgeführt bekam. Ein Machwerk einer militärischen Propaganda-Abteilung, das uns anhand der "Dreigroschenoper" weismachen sollte, dass Brecht ein drittrangiger Schreiberling war, der uns brave Schweizer Knaben mit nacktem Hurenfleisch und Gossenmusik zum teuflischen Kommunismus verführen wollte. So unglaublich dumm war dieser Film, dass er mich in meinem Entschluss bestärkte, mittels eines psychiatrischen Gutachtens aus der Schweizer Armee auszutreten.

Dieses Jahr wird auf der ganzen Welt des fünfzigsten Todestages von Bertolt Brecht gedacht. Niemand bestreitet mehr, dass er einer der grössten Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts war. Die "Dreigroschenoper" wird sogar von dörflichen Amateurgruppen gespielt.

Brecht war Ende 1947, kurz bevor er von McCarthy-Agenten verhaftet worden wäre, von New York nach Zürich geflohen und bis Anfang 1949 in der Schweiz geblieben. Da die amerikanischen Geheimdienste vor dem staatenlosen, umstrittenen Autor und "feindlichen Ausländer" eindringlich gewarnt hatten, ordnete die Bundesanwaltschaft an, dass er von der Zürcher Fremdenpolizei observiert werden sollte. "Wir bitten Sie höflich um Anordnung von dringenden diskreten Erhebungen."

Zum Glück hatte Brecht gute Freunde. Emil Oprecht und Kurt Hirschfeld vom Zürcher Schauspielhaus, Lazar Wechsler von der Praesens-Film AG und den Basler Theaterverleger Kurt Reiss, der damals seine Stücke betreute. Der Kurt-Reiss-Verlag hat später auch Dürrenmatt verlegt (und übrigens auch mich). Ein kleiner, schöner Theaterverlag war dies, sekundiert vom späteren Gründer der Basler Komödie Egon Karter. Die Tantiemen, die sich bei Reiss angesammelt hatten, haben Brecht eine Zeitlang finanziell über Wasser gehalten.

Der ausgebürgerte, papierlose Brecht hat sich in Zürich, zusammen mit Ehefrau Helene Weigel und Freundin Ruth Berlau, sogleich an die Arbeit gemacht. Er wohnte zuerst in einem Atelier des aus Basel stammenden Dramaturgen Uz Oettinger an der Gartenstrasse. Uz Oettinger ist später übrigens Redaktor an den "Basler Nachrichten" geworden.

Es kam zu zwei Uraufführungen damals in der Schweiz. Am 15. Februar 1948 in Chur die "Antigone des Sophokles", mit Helene Weigel und Hans Gaugler, der später mit Filmen wie Kurt Frühs "Dällebach" bekannt wurde. Und am 5. Juni 1948 "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Zürcher Schauspielhaus mit Leonard Steckel, Gustav Knuth und Therese Giehse. Über letztere Premiere war in den "Neuen Zürcher Nachrichten" zu lesen: "Der Kommunist Bertold Brecht, verhätscheltes Schosskind aller Leiter und Dramaturgen schweizerischer Theater, die sich mit seinen Werken jenen Grad fortschrittlicher Schauspielkunst zu erspielen hoffen, die in den Zwanzigerjahren Bühnen in Parteibühnen vor einem versnobten Publikum verwandelten, soll dem unsicher taumelnden Spielplan dieses Zürcher Theaterwinters die Sehnsucht nach dem neuen Dichter verleihen."

Es war halt Kalter Krieg. Wie ein Freund von Brecht berichtet, hat er seinen Schweizer Stumpen trotzdem nicht ausgehen lassen.

Im Frühling 1949 ist Brecht nach Ostberlin weitergereist, um mit dem Berliner Ensemble Theatergeschichte zu schreiben.

Das alles hat der Theaterwissenschafter Werner Wüthrich, geboren 1947 in Bern, recherchiert und aufgeschrieben, ausgehend von Textfunden, die er bei Brechts Zürcher Freunden gemacht hat. Der Band heisst "Brechts Zürcher Schicksalsjahr". Er berichtet nicht nur von Brechts Zeit in Zürich, sondern über die geistige Situation jener Zeit. Damals hat man Kommunisten am liebsten ganz und gar mit Stumpf und Stiel aufgefressen. Wir indessen, die wir damals zehn Jahre alt waren, haben uns nicht abhalten lassen, unserer eigenen Neugier zu folgen. 15 Jahre später, als ich in Basel Germanistik studierte, habe ich das Textbuch von Brechts "Antigone"-Bearbeitung in die Hände bekommen. Ich habe den Text verschlungen, er hat mir die Augen geöffnet. Und ich verfüge, dass der damalige Churer Theaterdirektor, er hiess Hans Curjel, das goldene Edelweiss bekommt für besondere Verdienste um die Verteidigung der Schweizer Gedankenfreiheit. Den Autoren aber des schamlos blöden Brecht-Films, den ich als Flab-Kanonier damals anschauen musste, schlage man, frei nach der "Dreigroschenoper", die Betonschädel mit schweren Eisenhämmern ein.

Werner Wüthrich: "1948, Brechts Zürcher Schicksalsjahr". Chronos-Verlag, Zürich 2006. 192 Seiten, 29.80 Franken.

25. November 2006
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Hansjörg Schneider, 1938 geboren, zählt zu den bekanntesten und erfolgreichsten Schriftstellern der Schweiz. Schneider wuchs in Zofingen AG auf, promovierte bei Walter Muschg und lebt seit vielen Jahren in Basel. Er schieb Theaterstücke (u.a. "Sennetuntschi") und Romane. Seine letzten Bücher: "Tod einer Ärztin", ein Hunkeler-Krimi (Zürich 2001), "Im Café und auf der Strasse", Geschichten (Zürich 2002), "Das Wasserzeichen", Roman, Neuausgabe (Zürich 2003). Im Sommer 2003 wurden in Escholzmatt sein Stück "Bauernkrieg 1653" und in Muri AG "Der heilige Burkard und die bösen Weiber von Muri" aufgeführt. Schneider ist Träger des Basler Literaturpreises.

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"Bäisel"

SBB-Zugsdurchsage
in englischer Sprache
im Interregio Luzern-Basel
vom 22. März 2017
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Bleibt doch einfach beim schlichten "Basel".

"Und übrigens ..."

Gegen Eliten und Sunniten
RückSpiegel


Die Basler Zeitung und die Basellandschaftliche Zeitung berichteten unter Bezugnahme auf OnlineReports über die Trennung der BVB von zwei Kaderleuten.

Das OnlineReports-Interview mit dem designierten FCB-Besitzer Bernhard Burgener nahmen die Fussball-Plattform 4-4-2.com, die Basellandschaftliche Zeitung und die Schweiz am Wochenende auf.

Telebasel berief sich in seinem Bericht über die Interpellation von "Basta"-Grossrat Beat Leuthardt über den designierten FCB-Präsidenten Bernhard Burgener auf OnlineReports.

Die Basler Zeitung berief sich in ihrer Meldung über Betriebs-Wegweiser-Posse auf OnlineReports.

Die Schweiz am Wochenende nahm eine OnlineReports-Story über den Gang der BVB ans Bundesgericht wegen einer Auflösung des Arbeitsverhältnisses auf.

In ihrem Bericht über den Streit um die schmale Treppe im neuen Gelterkinder Hallenbad bezogen sich die Basler Zeitung und die Volksstimme auf OnlineReports.

Die Basler Zeitung griff die OnlineReports-Recherche über markante bauliche Veränderungen im Nord-Teil des Basler "Dreispitz"-Areals auf.

Das Medienportal persoenlich.com zog die OnlineReports-Meldung über die Kündigung des BaZ-Abos durch den ehemaligen BaZ-Verleger Matthias Hagemann nach.

Die Nachricht über den Abbruch der Gelterkinder Rahmtäfeli-Fabrik wurde von der Volksstimme aufgenommen.

Die Sissacher Volksstimme, die Basler Zeitung und 20 Minuten nahmen die OnlineReports-News über den Bolzenschuss im Gelterkinder Ortskern auf.

Die Basellandschaftliche Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht über den erneuten Parteiwechsel von Grossrat Michel Rusterholtz auf.

Die Basellandschaftliche Zeitung griff die OnlineReports-News über den Sammelerfolg des Referendums gegen Alkohol in Jugendzentren auf.

Die OnlineReports-Story über Andrea Strahm und die Präsidiums-Suche der Basler CVP nahmen das SRF-Regionaljournal, die TagesWoche, die Basler Zeitung und die BZ Basel auf.

Das SRF-Regionaljournal, die Basler Zeitung und die BZ online nahmen die OnlineReports-News über den Austritt Daniel Goepferts aus dem Basler Grossen Rat auf.

In ihrem Kommentar über "Die Arroganz der Basler Regierung" (Schlagzeile) nahm die Basler Zeitung Bezug auf eine Schilderung in OnlineReports.

SRF online bezog sich in ihrem Bericht über den ASE-Prozess auf OnlineReports.

Für ihre Sendungen "10vor10" und "Schweiz aktuell" holte das Schweizer Fernsehen Statements bei OnlineReports ein.

Die BZ Basel und 20 Minuten online bezogen sich in ihren Artikel über die Basler CVP-Präsidentin Adrea Strahm auf ihre Kolumnen in OnlineReports.

Die Basellandschaftliche Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht über Platzprobleme des neuen BVB-"Flexity"-Trams am Basler Aeschenplatz auf.

In seinem Bericht über den Anlage-Skandal der ASE Investment ging die Sendung "10vor10" des Schweizer Fernsehens auf die Rolle von OnlineReports bei der Enthüllung des Schwndels ein.

In seinem Bericht über das von Handwerker-Autos besetzte Trottoir in der Basler Centralbahnstrasse nahm das SRF-Regionaljournal auf einen früheren OnlineReports-Artikel Bezug.

Die Basler Zeitung, die BZ Basel, das SRF-Regionaljournal, 20 Minuten online und die SDA nahmen den OnlineReports-Bericht über die Verurteilung des Rappers Ensy auf.

Die Volksstimme beschrieb, wie Peter Knechtli vor 30 Jahren die Brand-Katastrophe von Schweizerhalle erlebte.

Die NZZ zitierte aus dem OnlineReports-Kommentar zu den Basler Regierungsrats-Wahlen.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Der Basler Gewerbeverband hat die beiden Initiativen "Zämme fahre mir besser" mit 3'811 Unterschriften und "Parkieren für alle Verkehrsteilnehmer" mit 3'917 Unterschriften im Rathaus eingereicht.

Riehen muss den Kunstrasen auf der Grendelmatte ersetzen, wofür dem Einwohnerrat ein Kredit von 520’000 Franken beantragt wird.

• Die frühere Baselbieter Juso-Copräsidentin Samira Marti (Ziefen) wird Vizepräsidentin der SP-Kantonalpartei, wobei sie den ehemaligen Juso-Präsidenten Florian Schreier (Birsfelden) ersetzt.

• Die Kantonstierärzte der beiden Basel haben die regionalen Verfügungen über die Schutzmassnahmen gegen die Vogelgrippe als abgeschlossen erklärt.

Thomas Mächler wird Anfang April neuer Bereichsleiter Jugend, Familie und Sport (JFS) im Basler Erziehungsdepartement als Nachfolger von Hansjörg Lüking, der das Departement im Januar verlassen hat.

• Weil für sie keine Ersatzteile mehr verfügbar sind, treten demnächst 111 Betten aus dem Rehab Basel, die 2002 beschafft wurden, ihre Reise in die Slowakei an.

Stephan Wetterwald wird neuer Vorsitzender der Geschäftsleitung der Baselbieter Pensionskasse und damit Nachfolger von Hans Peter Simeon, der Ende November in den Ruhestand tritt.

• Die Stadt Basel hat den Zuschlag für die Durchführung des Eidgenössischen Jodlerfestes im Jahr 2020 erhalten, wodurch sich vom 26. bis 28. Juni jenes Jahres rund 12'000 aktive Jodler, Alphornbläser und Fahnenschwinger treffen werden.

• Der FC Basel hat mit seinem 32-jährigen Mittelfeldspieler Davide Callà den ursprünglich bis zum 30. Juni 2017 laufenden Vertrag vorzeitig um ein weiteres Jahr verlängert.

• Die Baselbieter Jungsozialisten (Juso) haben Ronja Jansen (21) und Nils Jocher (20), beide aus Frenkendorf, einstimmig als ihr Co-Präsidium gewählt.

• Der Leiter der Basler Stadtreinigung, Peter Schär (47), hat seine Stelle beim Tiefbauamt auf 1. März gekündigt, um eine neue berufliche Herausforderung anzunehmen.

• Weil im Gelterkinder Kindergarten "Staffelen" die defekte Ölheizung nicht durch eine "einigermassen kostenattraktive und baulich auch realisierbare Alternative zu Öl ersetzt werden kann", beschloss der Gemeinderat "den Ersatz der alten Anlage durch einen neuen Öl-Brennwertkessel".

• Der 44-jährige Chemiker Alexander Schocker wird neuer Leiter Forensik bei der Polizei Basel-Landschaft als Nachfolge von Markus Looser, der letzten Herbst zur Kriminalpolizei Basel-Stadt wechselte.

• Die Oberwiler Bevölkerung hat in einer Referendums-Abstimmung den Beschluss über den Kredit für die Planung Eisweiherplus mit 1'072 Ja zu 2'820 Nein aufgehoben und damit die Planung beendet.

• Der Baselbieter Landrat hat einen Kredit von 14 Millionen Franken zum Bau der Tramlinie Margarethenstich bewilligt.

• Das Referendum gegen die unbegrenzte Alkohol-Abgabemöglichkeit in baselstädtischen Jugendzentren wurde mit 4’600 Unterschriften eingereicht.

• Der 53-jährige Patrick Dill wird ab 1. April neuer Leiter der Gemeindeverwaltung Allschwil.

• Der Kanton Baselland beteiligt sich an der "Berufsschau 2017" in Pratteln mit einem finanziellen Beitrag aus den Mitteln des Wirtschaftsförderungs-Fonds in der Höhe von 900'000 Franken (bisher 950'000 Franken).