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"Bürgerkrieg der Bewegung": Passanten im Basler Bahnhof

"Wir leben in einer Zeit der allgemeinen Mobilmachung"

Der französische Urbanist Paul Virilio beschreibt, wie sich die Welt unter dem Eindruck der zunehmenden Beschleunigung verändert


Von Aurel Schmidt


Zwei Themen stehen für den französischen Urbanisten, Dromologen und Denker Paul Virilio im Mittelpunkt: die allgemeine Beschleunigung und die Migration. Er verwendet den Begriff Dromologie, der soviel wie Lehre von der Geschwindigkeit (erhalten im Ausdruck Velodrom) bedeutet. Genau genommen, sind auch die Migrationsbewegungen einer zunehmenden Beschleunigung unterworfen, wie alles übrige. Dazu gleich mehr.

Für den Blitzdenker Virilio ergeben sich aus dieser Situation zwei Schlussfolgerungen, die er im Buch "Der Futurismus des Augenblicks" ausführt und die manchmal in blankes Entsetzen münden. Die Beschleunigung der Wirklichkeit erweist sich heute als so gross, dass die Welt zu klein für den Fortschritt geworden sei, sagt Virilio. Die Geschwindigkeit reduziert den Raum, er wird knapp. Als "rasenden Stillstand" hat Virilio die Situation schon früher beschrieben. (Ein Beispiel zur Erklärung: Die Fläche der Schweiz im Verhältnis zu den verkürzten Fahrzeiten der Bahn hat sich zwischen 1950 und 2000 um die Hälfte verringert.)
 
Die Städte sind keine feststehenden Entitäten mehr, sondern durch Verkehr und Medien (Laptop, iPhone) ortlos (utopisch) und zu Durchgangskorridoren gemacht worden, zu "Transitstädten" und "Ultrastädten". Einerseits verschwindet der Raum, andererseits die Zeit. Beides hängt miteinander zusammen. Die Menschen tragen an Stelle von Uhren neuerdings ein GPS-Gerät, das nicht die Zeit angibt, sondern den Ort, der allerdings ständig wechselt. Bahnhöfe, wo Menschen und Züge abfahren und ankommen, entwickeln sich zu Rail Cities, zu ausgebauten Städten und Standorten, während die Stationen (die stationären Orte, zum Beispiel Bahnhöfe) sich in Verkehrsorte verwandeln, wo die Hochgeschwindigkeitszüge (TGV, ICE) verkehren und nichts zum Verweilen eingerichtet ist.

"Nicht mehr der Raum wird bewohnt,
sondern der Verkehr."




Das ist, wie meistens bei Virilio, assoziativ und oft zum Paradoxon zugespitzt, aber manchmal geht einem beim Lesen auch ein Licht auf, zum Beispiel, wenn Virilio die Feststellung macht, dass der Verkehr "bewohnbar" wird und es nicht mehr der Raum ist, der bewohnt wird. Wenn von der Stadt die Rede ist, sollten die Stadtplaner draussen bleiben. Der Dromologe hat zum Thema des Verschwindens der Städte mehr zu sagen.

Die Folge davon ist für Virilio, dass der Bewohner zum Passanten, Pendler und Passagier wird, was mit dem hintergründigen Satz des zu Unrecht kaum bekannten französischen Schriftstellers Saint-Pol-Roux übereinstimmt: "Le voyageur sera voyagé" (der Reisende wird gereist oder: er wird selbst zu Reise). Das mobile und dynamische Gefährt triumphiert über das dynamische. Was bedeutet: Der Raum wird selbst zum Fahrzeug. Die Welt ist nomadisch, zugleich ist sie auch am Null-Punkt der Expansion angekommen. Wo wir hingehen, sind wir schon angekommen. Auch dies ist rasender Stillstand aus Virilios Denkfabrik.
 
Aus alledem ergibt sich für Virilio das Thema Migration. Ende 2008 hat er zusammen mit Raymond Depardon in der Fondation Cartier in Paris die Ausstellung "Terre natale. Aillers commence ici" zum Thema organisiert. In der ortlos gewordenen Welt, in der einige Menschen zu Passagieren geworden sind, haben andere den Status von Migranten erhalten. Die einen verhalten sich spiegelbildlich zu den anderen.

Virilio gibt ein paar Zahlen dazu an. 20 Millionen Menschen drängen jedes Jahr in den Schengen-Raum, in Rotterdam und Amsterdam wurden im Jahr 2007 40‘000 Ankommende gezählt. In Afrika wurden nach Angaben des UNO- Flüchtlingshilfswerks 50 Millionen Menschen als Opfer von Vertreibung engestuft, in China sind durch den Jangtse-Staudam 1,5 Millionen Menschen umgesiedelt worden, von den Wanderarbeitern nicht zu reden. Und während China seine Menschen in Afrika ansiedelt, hat Daewoo in Madagaskar 1,3 Millionen Hektar Land gepachtet, weil Südkorea als Land für seine Bewohner zu klein geworden ist. Was Dubai betrifft, erfolgt die Expansion des Territoriums in die Höhe.
 
Was hat das alles zu bedeuten? Wir leben in einem Zeitalter der "allgemeinen Mobilmachung". Für Virilio haben wir es mit einem "Bürgerkrieg der Bewegung" zu tun. Der Globalismus ist ein Totalitarismus. Also spricht Virilio von einem "Globalitarismus", unter dem sich Deportation, Exodus, Migration, Genozid ausbreiten.

Wiederum pointiert, drückt es Virilio so aus: Am Ende der Rohstoffe steht nicht die informatische Revolution beziehungsweise nicht sie allein, sondern wird der Mensch selbst zur natürlichen und erneuerbaren Ressource – im schlechtesten denkbaren Sinn: als Produktions-, nicht als Kreativfaktor. Er wird gebraucht, wenn es sein muss, und entsorgt, wenn es nicht anders geht.
 
Virilios Kritik ist konservativ beziehungsweise nicht optimistisch im Blick auf die Möglichkeiten der Entwicklung. Die wissenschaftlichen und informationstechnologischen Aussichten bieten keine Lösungen an. Dafür ist der französoische Urbanist ein zu tiefst besorgter Mahner, der die Unhaltbarkeit der Zustände grell auf den Bildschirm des Bewusstseins projiziert: So sieht die Welt aus. Seine Argumente legt er in einer additiven Kadenz vor, die manchmal schwindlig macht und einem Akt auf dem hohen Seil gleichkommt, aber auch von einer Originalität ist und von einer Eindringlichkeit, die wenig Vergleichbares kennt. Die Überstürzung sieht nach Methode aus, und man muss schnell mitdenken, wenn man nicht auf der Strecke bleiben will.

Paul Virilio: Der Futurismus des Augenblicks. Aus dem Französischen von Paul Maercker. Passagen Verlag. 18.90 Franken.

13. September 2010


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