Fotos © A. Hugentobler/Nord Stream AG
"Lebenserwartung 15 Jahre reduziert": Nenzen-Familie

Gas-Pipeline Nord Stream entwurzelt die nomadischen Nenzen

Im Gas-Deal zwischen Russland und Europa sind die Rentierhirten keine Rücksichtsnahme wert


Von Ruedi Suter


Stille Tragödie in Russland: Den Nenzen, einem der letzten Nomadenvölker der Erde, werden durch die heute eröffnete Ostsee-Gaspipeline Nord Stream die Lebensgrundlagen entzogen. Die Rentierhirten müssen weichen, da die Nord Stream AG mit Sitz im schweizerischen Zug der europäischen Gas-Konsumenten wegen das so will.


Mit der funkelnagelneuen Ostsee-Pipeline Nord Stream wird das Schicksal eines der letzten "echten" Nomadenvölker dieser Erde besiegelt. Die Nenzen und ihre Rentierherden müssen wegen der massiven Bauerei auf ihrem Gebiet ihre traditionelle Lebens- und Wirtschaftsweise endgültig aufgeben. Darauf aufmerksam macht heute die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Dies anlässlich der offiziellen Inbetriebnahme der Gaspipeline von Russland durch die Ostsee nach Deutschland in Lubmin bei Greifswald durch Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Energiekommissar Günther Oettinger, Frankreichs Premierminister François Fillon, Hollands Premierminister Mark Rutte und Russlands Präsidenten Dmitri Medwedew (Bild).

Aus dem Gebiet der Nenzen stamme der Grossteil des nach Deutschland strömenden Gases, erklärt die GfbV-Referentin für die GUS-Staaten, Sarah Reinke. "Dort wurden bereits 2'500 Quadratkilometer ursprünglicher Natur zerstört. Mindestens 3'000 Quadratkilometer werden noch hinzukommen." Als Kompensation dafür hätten die Nenzen zwar Geld und neue Infrastruktur erhalten, doch seien die Nomaden nie gefragt worden, ob sie ihr Leben und das ihrer Kinder komplett umstellen wollten. "Jetzt bleibt ihnen nichts anderes mehr übrig als zu versuchen, bei Gazprom Arbeitsplätze zu ergattern," umschreibt Reinke ein existenzielles Problem.

Wandern zwischen Tundren und Wäldern

Auf der Halbinsel Jamal, wo 61 Prozent der russischen Gas- und 15 Prozent der Ölreserven lagern, lebten nach GfbV-Angaben noch etwa 4'700 Nenzen als Nomaden. Hier gab es für die Rentiere intakte Weiden mit hoher Artenvielfalt. Im Winter trieben die Nenzen ihre Herden in Richtung Süden, um in den Wäldern Schutz vor den kalten Winden der Tundra zu suchen. Im Frühling zogen sie zurück in die Mitte der Halbinsel, wo die Rentierkälber geboren werden. Im Sommer hielten sich die Herden an der Küste auf, da hier der Wind die Mückenschwärme vertrieb. Die Rentiere gaben den Jamal-Nenzen Nahrung und Kleidung. Sie waren ihre Existenzgrundlage.

Die meisten der rund 41'300 Nenzen leben im Autonomen Kreis der Nenzen, im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen und im Autonomen Kreis Taimyr. "Viele dieser Nomaden, die auf der Suche nach Arbeit in die Stadt zogen, leiden unter Alkoholismus und dem Verlust der Beziehung zum Land", schildert Reinke die auf alle entwurzelten Nomadenvölker zutreffenden Folgen. Die Lebenserwartung der Ureinwohner liege 15 Jahre unter dem russischen Durchschnitt, der bei Männern ohnehin nur bei 60 Jahren sei.

Nord Stream hat Sitz in Zug, Schweiz

Gazprom trage sowohl für die Gasförderung als auch für den Betrieb der Nord Stream-Pipeline (Bild) die Hauptverantwortung. Der Grosskonzern hält 51 Prozent der Anteile an Nord Stream. Die deutschen Energieunternehmen Wintershall Holding GmbH und E.ON Ruhrgas AG sind mit jeweils 15,5 Prozent beteiligt, die niederländische N.V. Nederlandse Gasunie und der französische Energieversorger GDF SUEZ mit jeweils neun Prozent.

Die GfbV habe auch die deutschen Unternehmen wiederholt zum Dialog mit den betroffenen Indigenen aufgefordert, wird gemeldet. 2010 machte Gazprom 23,7 Milliarden Euro Gewinn. Der Konzern hat 25 Prozent Anteil am europäischen Gasgeschäft. Die Gasexporte finanzieren fast die Hälfte des russischen Staatshaushalts. In der Schweiz fungiert die Gazprom Schweiz AG als Vermarktungsgesellschaft der deutschen Ganzprom Germania GmbH. Und auch die Nord Stream AG, welche nun auf Kosten der nomadischen Nenzen das Erdgas via die Nord Stream-Pipeline von Russland durch die Ostsee nach Deutschland bringt, ist mit der Schweiz verbandelt. Ihr Sitz ist in Zug.

Und der Vorsitzende ihres Aktionärsausschusses heisst Gerhard Schröder, einst für die Menschenrechte eintretender deutscher Sozialdemokrat und ehemaliger Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Für den Schutz der Umwelt hat Nord Stream gemäss ihrer Website (www.nord-stream.com) umfassende Schutzmassnahmen getroffen. Über die betroffenen Nenzen-Nomaden aber steht nicht ein einziges Wort. Damit erleiden auch sie das Schicksal der weitaus meisten Nomadenvölker: Regierungen und Konzerne entscheiden über ihre Köpfe hinweg, ohne ihre Lebensgrundlagen, ihre Kultur und Zukunft ernsthaft abzusichern.

8. November 2011

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